Bundesliga: RB Leipzig vs. Hertha BSC 2:3

17. Spieltag der Bundesliga. Zum Abschluss des Jahres 2017 empfing RB Leipzig Hertha BSC. Es sollte noch einmal ein positiver Abschluss eines aufregenden Jahres werden. Daraus wurde allerdings nichts, weil RB trotz mehr als 80minütiger Überzahl mit 2:3 verlor.

Ralph Hasenüttl vertraute gegen Hertha fast der identischen Elf wie zuletzt beim 1:1 in Wolfsburg. Den gesperrte Dayot Upamecano ersetzte Willi Orban in der Innenverteidigung. Damit spielte erneut Ilsanker an der Seite von Naby Keita und nicht Diego Demme. Bruma und Kampl bildeten die Doppelzehn. Organisiert das Ganze wie fast immer im 4-2-2-2.

Pal Dardai, der unter der Woche zur Aufrechterhaltung der Konzentration im Team noch mal scharf trainieren hatte lassen, musste derweil zweimal wechseln. Die verletzten Rekik und Weiser waren nicht dabei. Dafür spielten Torunarigha und Esswein. Organisiert war man im 4-4-2 oder 4-4-1-1.

Größeres Abtasten fiel an diesem Tag trotz der vielen englischen Wochen für beide Teams aus. Bruma hatte früh in der Partie mit Volley und typischem Ziehen nach innen und Schuss Richtung lange Ecke die ersten Abschlüsse. Doch das Tor fiel kurz darauf auf der anderen Seite. Esswein darf rechts relativ ungestört in die Mitte passen. Dort murmelt der Ball durch drei RB-Spieler hindurch und dahinter freut sich ausgerechnet Davie Selke, dass er einen Ball passgenau auf den rechten Fuß kriegt und schießt ihn humorlos rechts oben ein.

Eine Minute später dann die Szene, die eigentlich dazu angetan war, dem Spiel die entscheidende Wende zu geben. Werner war im Sprintduell mit Torunarigha der schnellere und clevere Spieler und positioniert sich so zwischen Ball und Gegenspieler, dass ihn der Verteidiger nur noch zu Fall bringen kann. Schiedsrichter Willenborg sieht darin die Verhinderung einer klaren Torchance, weil Werner sich hätte auf direkten Weg Richtung Gäste-Keeper Jarstein begeben können und zeigt Torunarigha folgerichtig die rote Karte.

Der folgende Freistoß von Halstenberg ging knapp über den Kasten, dazu traf Klostermann aus guter Position kurz darauf den Ball nicht richtig. Aber das war es für lange Zeit in der ersten Halbzeit schon mit RB-Offensivaktionen. Hertha hatte erstaunlich wenig Mühe, die Angriffsbemühungen von RB unter Kontrolle zu halten. Lustenberger war einfach eine Position nach hinten in die Innenverteidigung gerutscht. Selke und Kalou spielten zentral auch etwas defensiver mit. Und so spielte man hinten weiter quasi mit zwei Viererketten, gegen die RB wenig Ideen entwickelte.

Aus dieser Formation heraus suchte Hertha immer mal wieder per Konter den Weg nach vorn. Was nach einer halben Stunde zu einer Freistoß-Situation auf der rechten Seite führte. Lazaro bringt die Kugel herein, Kalou bringt sie relativ unbedrängt im Tor unter. Mal wieder ein Standardgegentor für RB Leipzig. Auch das eines der Themen der letzten Wochen.

Nach dem 0:2 kam dann Demme für Konaté. Noch mal ein bisschen mehr Ballsicherheit im Mittelfeld. Und nach ein paar Minuten kamen dann auch die ersten Chancen in Überzahl. Besagter Demme von der Strafraumgrenze an den Innenpfosten. Bruma mit einem unplatzierten Schuss aus guter Position. Keita mit gutem Abschluss, der knapp am Tor vorbeizischt. Und dann auch noch Werner kurz vor dem Pausenpfiff, der eine Klostermann-Hereingabe aus Nahdistanz nur über den Kasten grätscht.

Unglaublilch, aus was für Möglichkeiten RB Leipzig keine Tore machte. | Foto: Dirk Hofmeister

Die erste Halbzeit ist aus RB-Sicht eine fast schon wahnwitzige Mischung aus den Dingen, die in den letzten Spielen in unterschiedlichem Ausmaß und an unterschiedlichen Stellen nicht gut liefen. Unaufmerksame Verteidigung gegen das Umkehrspiel und gegen Standards führen zu zwei Gegentreffern. Unsauberes Passspiel und wenig Ideen im Offensivspiel führen in Überzahl fast eine halbe Stunde lang zu komplett fehlenden Offensivszenen. Und als die Chancen dann da sind, fehlt es bei der Genauigkeit im Abschluss.

Hertha macht das auf der anderen Seite gegen elf Leipziger sicherlich gut in der Defensive und ist vor allem absolut effektiv. Dreimal schießt man auf den Gulacsi-Kasten, zweimal ist der Ball drin, einmal hält der Ungar (einen Freistoß von Plattenhardt). Aber selbst wenn das RB-Spiel an diesem Tag nicht gut und wenig zielführend ist und selbst wenn Hertha gut verteidigt, dass auf Gastgeberseite noch die Null steht und auf der anderen Seite die Zwei ist schwerlich mit den Chancenverhältnissen zu erklären.

In der zweiten Halbzeit kommt dann Augustin für Poulsen und soll am gegnerischen Strafraum noch mal Ballsicherheit und Torgefahr einbringen (Achtung Spoiler: beides löste sich nicht wirklich ein). Aber zuerst mal bleibt RB extrem uninspiriert und im eigenen Passspiel fahrig und ungenau und im Positionsspiel langsam, sodass Hertha die Räume gut zustellen und selber kontern kann.

Selke fährt nach 50 Minuten den ersten Konter und zeigt dabei, dass er auch schnell ist. Von halbrechts schließt er auch noch präzise ab, sodass Gulacsi den Ball nur aus dem langen Eck kratzen und nach vorn prallen lassen kann. Direkt vor die Füße von Maier, der nur noch zum 3:0 einschieben braucht. Aber beim Versuch zum Ball zu gehen, rutscht er weg, gerät ins Stolpern und wird nach dem Aufrappeln von Keita abgeblockt.

Doch bei Hertha muss man nicht lange um die vergebene Chance trauern, denn per Standard geht es ja auch. Wieder Lazaro, diesmal per Ecke. Und diesmal kommt am langen Pfosten Selke hinten an den Ball und hat dort sämtliche Vorteile auf seiner Seite und schiebt den Ball ins Tor. Und schon wieder ein schlecht verteidigter Standard.

3:0 für Hertha in einem freakigen Spiel mit effektiven Gästen. Aufgrund des vielen Ballbesitzes der Gastgeber und vor allem der sehr tiefen Verteidigung der Gäste hatte man aber weiterhin das Gefühl, dass die Partie jederzeit kippen könnte, wenn mal ein Ball durchrutscht oder einer der Abschlüsse reingeht. Eben weil der Ball sich permanent am Hertha-Strafraum befindet. Keita, Bruma und Kampl versuchen sich in Abschlüssen, aber gerade aus der Mitteldistanz sind die Schüsse an diesem Tag zu ungenau.

Auf der anderen Seite kriegt wieder Selke die Chance auf die endgültige Entscheidung. RB spielt bereits Harakiri-Ballbesitz und steht mit dem letzten Mann locker zehn Meter in der gegnerischen Hälfte als der Ball von Hertha hinten raus und auf den an der Mittellinie startenden Selke gespielt wird. Der mit viel Tempo seinen Vorsprung bis vor Gulacsi verteidigt und alles richtig macht, aber seinen Abschluss an den linken Außenpfosten setzt. Es ist nach reichlich einer Stunde der letzte Torabschluss der Hertha an diesem Tag.

Ein Torabschluss, mit dem noch mal ein kleiner Ruck durch die RasenBallsportler und durch das Stadion geht. Es ist kein Sturmlauf, der folgt, aber die Partie spielt sich jetzt praktisch ausschließlich tief in der Hertha-Hälfte ab. Orban spielt teilweise mehr eine Offensivkraft als Innenverteidiger und in der Schlussphase die Kopfballwaffe im Angriff. Und Orban ist es auch, der nach 68 Minuten noch mal hoffen lässt. Nach einer Ecke landet der Ball bei Bruma am rechten Strafraumeck. Präzise Hereingabe auf den freistehenden Orban, der sich eine solche Kopfballchance dann doch nicht entgehen lässt.

Bis zur 80. Minute ungefähr hat RB Leipzig einige gute Strafraumaktionen gegen Gäste, die nun ausschließlich damit beschäftigt sind, den eigenen Strafaum zu beschützen. Entsprechend ist es schwer, sich da durchzuspielen. Gerade für eine Mannschaft, die sich nicht leicht tut, ein sauberes und schnelles Passspiel aufzuziehen. Die üblichen RB-Versuche, den Ball zu dribbelstarken Spielern wie Keita oder Bruma zu bringen und dann zu gucken, was passiert, schlagen meist fehl, weil Hertha diese Versuche gut doppelt und sich vor allem daraus in der Tiefe keine Räume ergeben. Keita, Kampl, Werner und Augustin haben im und am Strafraum ein paar Schussgelegenheiten. So richtig klar ist aber nichts davon, so richtig durch kommt auch keiner der Schüsse.

Und dann beginnt es so ein bisschen vor sich hinzutröpfeln. Auf Seiten der Gastgeber passiert offensiv nicht mehr allzu viel. Man müht sich mit beschränkten Mitteln, beginnt auch viele lange Bälle zu spielen, hat aber kaum noch klare Aktionen. Kaiser draußen auf der rechten Seite eingewechselt wird phasenweise ignoriert, obwohl er oft freisteht. Immer wieder versucht man den Schlenker in die Mitte und spielt hin und zurück, ohne recht vorwärts zu kommen. Man läuft viel an und probiert viel, aber die Wahl der Mittel ist an diesem Tag zu selten zielführend.

Bis in die Nachspielzeit hinein. Da muss dann noch mal ein langer Ball her, den Demme spielt und der durch Herthas Strafraum auf Halstenbergs Kopf und von dort in die lange Ecke springt. Worüber Keeper Jarstein zurecht extrem erbost ist. Denn dass dieser Ball bis zu Halstenbergs Kopf durchkommt, ist letztlich eine der wenigen Nachlässigkeiten in der Hertha-Defensive an diesem Tag.

Nach dem Tor wird noch mal angestoßen. Die Nachspielzeit bekommt noch mal ein bisschen Nachspielzeit. Gulacsi kommt auch noch mal aus seinem Tor und sprintet in den Hertha-Strafaum. Aufregung, lange Bälle, Kopfballduelle, Abpfiff. Passend zum Spiel, dass der Abpfiff erfolgt, weil Bruma links im Dribbling einen Ball vertändelt statt ihn in den Strafraum zu schlagen.

Ein seltsames Spiel endet mit einer Heimniederlage für RB Leipzig. Weil man in Überzahl und im Ballbesitz zu wenig gute Lösungen im Offensivspiel fand und teilweise das Spiel ohne Ball auch zu statisch war, um Hertha damit von einer Verlegenheit in die andere zu stürzen und vor allem ins Laufen zu bringen. Über weite Strecken des Spiels konnten die Gäste deshalb die Angriffe der Gastgeber fast schon mühelos verteidigen. In den zehn Minuten vor der Pause und in der Zeit um den Treffer zum 1:3 herum hatte RB offensiv die besten Phasen, machte dort aber zu wenig aus den durchaus reichlich vorhandenen Schusspositionen.

Auf der anderen Seite zeigten die RasenBallsportler sich defensiv zu anfällig. Zwar ließ man nur sieben Torschüsse in sechs Hertha-Offensivaktionen zu. Allerdings waren fünf der Aktionen hundertprozentige Chancen. Zweimal nach Standard (jeweils ein Tor), zweimal nach Konter über das ganze Feld (Pfosten und Herausholen der Ecke zum 3:0) und einmal aus dem normalen Spiel heraus (Tor). Die Torausbeute der Gäste war angesichts von nur sieben Torschüssen sehr gut, aber sie begründete sich eben auch daraus, dass man viel zu oft völlig ungestört aus Nahdistanz auf den Gulacsi-Kasten schießen durfte.

Fazit: Hertha verdiente sich den 3:2-Sieg in Unterzahl durch über weite Strecken sehr gutes Verteidigen und sehr effektives Konter- und Standardspiel. RB Leipzig spielte auf der anderen Seite aus dem Ballbesitz heraus meist zu ideenlos und ungenau. Trotz schwachem Überzahlspiel hätte man allerdings angesichts einer Vielzahl an guten Torschusssituationen und -positionen mindestens einen Punkt mitnehmen können. Aber vor dem Tor waren gerade die offensiven Mittelfeldspieler nicht genau genug und die Stürmer weitgehend abgemeldet. Nicht ganz zufällig, dass zwei Defensivspieler die Tore für RB erzielten. Nicht ganz zufällig auch, dass die erste Heimniederlage in der Bundesliga in dieser Saison von zwei Standardgegentoren besiegelt wurde.

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Randbemerkung 1: Im Vergleich zur Vorsaison RB Leipzig nach 17 Spielen mit elf Punkten weniger. Gegen dieselben Gegner wie 2016/2017 holte man in dieser Saison bisher fünf Punkte weniger als im Vorjahr (wenn man die Aufsteiger Stuttgart und Hannover gegen die Absteiger Darmstadt und Ingolstadt tauscht). Die Tendenz der letzten Spiele zeigt weiterhin nach unten. Das macht sich dann inzwischen auch in der Tabelle bemerkbar, wo man auf Platz 5 rutschte. Das ist immer noch eine ordentliche Ausgangsposition für die Rückrunde, aber in den letzten drei Spielen verspielte man eben auch eine deutlich bessere Ausgangsposition und verpasste es dadurch, der bis dahin guten Hinrunde das Sahnehäubchen aufzusetzen.

Randbemerkung 2: Fünf Pflichtspiele ohne Sieg. Gab es in der Vereinsgeschichte von RB Leipzig erst einmal. Beim Übergang von Zorniger zu Beierlorzer blieb RB auch fünfmal ohne einen Dreier. Zorniger war mit drei Spielen beteiligt, Beierlorzer fügte noch zwei dazu. Der Quervergleich hinkt aber natürlich auch ein wenig, weil es damals die zweite Liga war und jetzt Bundesliga und Champions League ist. Trotzdem ist Hasenhüttl als einzelner RB-Trainer (Zorniger und Beierlorzer waren ja im Duett für die fünf Spiele ohne Sieg verantwortlich) der alleinige Rekordhalter in Sachen Sieglosigkeit. Und als nächstes kommt nach der Winterpause Schalke. Auch nicht gerade ein Spiel, das man im Vorbeigehen zieht. Immerhin hat man nach der Winterpause erst mal vier Wochen ohne Spiele unter der Woche.

Randbemerkung 3: Bei allem Ärger über die letzten Wochen mit überschaubar guten Auftritten darf man auch nicht vergessen, dass RB nun einige Spiele am Stück auf Sabitzer und Forsberg verzichten musste. Wenn die beiden etatmäßigen Zehner zeitgleich über einen längeren Zeitraum ausfallen, dann ist das schwer zu kompensieren bei der Besetzung der Räume vor dem gegnerischen Sechzehner, wo dann entsprechend ein paar Impulse fehlen. Kevin Kampl kann das bei allem Bemühen von der Zehn aus auf Dauer nicht adäquat auffangen. Gilt ähnlich für Bruma, der noch dazu ein anderer Spielertyp ist, der eher von der Außenbahn kommt, während Forsbergs Spiel sehr viel zentraler und präsenter angelegt ist. Nach der Winterpause darf man Sabitzer und Forsberg hoffentlich wieder begrüßen. Das dürfte dem RB-Spiel und der Variabilität im Offensivspiel nur gut tun.

Randbemerkung 4: Die Rückkehr von Davie Selke nach Leipzig. Der war, wie es ein Berliner Journalist nach dem Spiel in der Pressekonferenz richtig anmerkte, on fire und wollte es offenbar der sportlichen Leitung bei RB Leipzig noch mal richtig zeigen. Führte dazu, dass er ein absolut herausragendes Spiel machte. Dass er ein guter Strafraumstürmer ist, wusste man schon. Die Intensität, mit der er Zweikämpfe führte und auch gewann, hätte man letztes Jahr in den wenigen Spielzeiten, die er bekam, auch schon gern gesehen. Hat halt aus verschiedenen Gründen in Leipzig nicht gepasst. Einer davon dürfte auch damit zusammenhängen, dass er gestern früh aus dem Spiel musste, weil er mit seiner Kraft am Ende war. Bis dahin war er überragender Offensivspieler auf dem Platz und peppte seine Leistung auch mit einigem an demonstrativer Gestik und papadopoulosesken Auftreten und Jubel auf, das dem Heimpublikum sauer aufstieß. Was dann zu einem gellenden Pfeifkonzert bei Selkes Auswechslung und daraufhin nochmaligen Gesten des Stürmers Richtung Publikum führte. Irgendwie kann man da beide Seiten für ihre jeweiligen Reaktionen verstehen (auch wenn mein persönlicher Kutschke-Radar bei Selke kaum ausschlägt). Fakt ist, dass der Abgang von Selke in Leipzig im Sommer von RB-Fanseite eher unemotionaler Natur war, weil dazu in den zwei Jahren abgesehen von einem guten halben Jahr zu Beginn zu wenig Bindung entstanden war. Vor dem Spiel in Leipzig versuchte Selke noch zu trennen zwischen Unverständnis für den Umgang mit ihm offenbar seitens des Trainerteams in der letzten Saison und gutem Verhältnis zum RB-Umfeld. Im Spiel war Selkes Auftreten und waren seine Gesten vom Publikum nur schwer als reine Genugtuung gegenüber dem alten Übungsleiter zu interpretieren. Nun, das gute oder neutrale Verhältnis zwischen Selke und dem RB-Umfeld dürfte seit gestern wohl eher Geschichte sein. Beide Seiten haben das ihrige dazu beigetragen, aber beide Seiten dürften mit dem Stand der Beziehungen auch leben können. Ein bisschen seltsam bleibt das Hochschaukeln der Emotionen allerdings schon. Genauso seltsam wie Selke als Hertha-Wappenküsser zu sehen.

Davie Selke hatte eine recht spaßige Rückkehr nach Leipzig. | Foto: Dirk Hofmeister

Randbemerkung 5: Als I-Tüpfelchen auf den gebrauchten Tag dann noch die Verletzung von Marcel Halstenberg. Beim nutzlosen Anschlusstreffer in der Nachspielzeit zog er sich beim Zusammenprall mit dem Pfosten (bzw. wohl eher beim Hängenbleiben im Tornetz mit der Hand) einen dreifachen Bruch der Mittelhand zu und muss operiert werden. Bitterer hätte der Abend auch nicht enden können. Schon im Stadion ebbte der Torjubel sofort ab, weil man sofort ahnte, dass da etwas schlimmeres passiert war. Wobei man da noch eher davon ausging, dass es Richtung Kopf ging.

Randbemerkung 6: Zu Spielbeginn gab es auf RB-Seite fünfminütiges Schweigen. Wegen vier Todesfällen in der Red Bull Arena (bzw. nach offizieller Darstellung Zusammenbrüchen im Stadion und Tod auf dem Weg ins bzw. im Krankenhaus) und zuletzt auch dem Tod eines Fans der ersten Stunde, dessen Leiche in einem Fluss bei Bad Sulza gefunden wurde (laut Polizei war der Rentner dort wahrscheinlich verunfallt). Grundsätzlich eine gute Geste. Ob man nun deswegen fünf Minuten in einem Fußballspiel schweigen muss, ist vermutlich eine Frage des jeweiligen Geschmacks. Persönlich habe ich da nicht wirklich eine Meinung dazu (bzw. finde es wegen des langjährigen Anhängers und eher bekannten Gesichts nachvollziehbar). Generell scheint es mit Schweigminuten und Ansprachen oder Briefen an die Mannschaft wegen ausbleibendem Kurvengang einen stärker werdenden Rückgriff auf klassische Instrumentarien der Fanreaktionen zu geben..

Spruchband zu den Schweigeminuten zu Spielbeginn. | Foto: Dirk Hofmeister

Randbemerkung 7: Nach der Partie dann RB Leipzig mit einer Lichtshow genannten Veranstaltung, die nicht mehr allzu viele Anhänger mitbekamen. In der drückten Verein und Spieler ihren Dank für die Unterstützung der Fans aus. Völlig unabhängig davon, für wie fetzig man diese Lichtshows überhaupt hält (ich werde kein Freund mehr davon und frage mich immer, wie man auf die Idee kommt, dass es den Fußballfan im Stadion im Anschluss an ein Fußballspiel nach ein bisschen Lichtergefunkel dürsten sollte) (und im konkreten Fall war diese Lichtshow eher überschaubar beeindruckend), kam nach dem 2:3 trotz des versuchten Pathos natürlich nicht mehr die ganz große Feierlichkeit auf.

Lichtshow als Jahresabschluss. | Foto: Imago

Randbemerkung 8: Nicht selbst mitbekommen (weil natürlich im Stadion), aber via Twitter viel gelacht, habe ich darüber, dass der Sky-Kommentator den frühen Abgang vieler Zuschauer versuchte damit zu erklären, dass es schließlich in Leipzig so schwierig sei mit der Verkehrssituation und das nicht etwa etwas mit dem Spielstand zu tun hatte. Der Erklärungsversuch ist durchaus lustig. Aber führt, mal abgesehen von einer bei einem Innenstadtstadion immer auch schwierigen Verkehrssituation, an der Realität leider auch ein ordentliches Riesenstück vorbei. Die letzten beiden Spiele waren in Sachen Zuschauerkulisse und Zeitpunkt des Abgangs eines größeren Teils des Publikums durchaus kleine Tiefschläge.

Randbemerkung 9: Vor dem Spiel bereits wurde die Vertragsverlängerung mit Peter Gulacsi bis 2022 bekanntgegeben. Ausdruck der in dieser Saison noch mal gestiegenen Wertschätzung für den Ungarn. War bisher gar nicht so sehr in der Verlosung diese Vertragsverlängerung. Da wurden andere Namen stärker gehandelt, wenn man an Werner, Sabitzer oder Hasenhüttl denkt. Mit Werner und Sabitzer verhandeln, mit Gulacsi verlängern. Yvon Mvogo gefällt das nicht so gut..

Randbemerkung 10: Keiner der Hertha-Spieler brachte es in 90 Minuten in Leipzig auf 20 Passversuche. Valentino Lazaro war mit 13 erfolgreichen Pässen schon der Führende seines Teams. Bei RB gab es überhaupt nur drei Spieler mit weniger erfolgreichen Pässen (dass Augustin gerade mal drei in 45 Minuten zustande brachte, sagt auch einiges darüber aus, wie gut eingebunden er war). Demme allein spielte in gerade mal 60 Minuten Einsatzzeit 90 erfolgreiche Pässe. Spiegelt das Spiel bei Elf gegen Zehn ganz gut wieder. Die einen passen den Ball herum und kommen nicht durch. Die anderen passen den Ball fast gar nicht herum und schießen trotzdem drei Tore..

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Lichtblicke:

  • Marcel Halstenberg: Defensiv unterbeschäftigt nach dem frühen Hertha-Platzverweis. Machte dafür in der Offensive viele, viele Meter und war an vielen Aktionen direkt beteiligt. Ein Tor, dazu das zweite Tor (im weiteren Sinne) per Ecke eingeleitet. Viele Torschussvorbereitungen.
  • Bruma: Ein Spiel, das gut die Bandbreite des Wirkens des Portugiesen zeigte. Extrem viele Dribblings und auch ein paar gelungene. Einige gute, aber nicht sehr gute Torschüsse. Wie oft auch einer, der sehr viele Sprints anzieht und sehr viel Engagement in das Spiel bringt. Es fehlt ihm halt noch an Effektivität und manchmal auch am Blick für den Mitspieler und den richtigen Pass an der richtigen Stelle. Beim 1:3 macht er es per Flanke perfekt, aber da geht in vielen Situationen noch viel mehr. Insgesamt aber der wohl auffälligste RB-Offensivspieler.
  • Stefan Ilsanker: Aus rein spieltaktischer Sicht nicht durchgehend mit der besten Positionierung auf dem Spielfeld, was vor allem die Defensivabsicherung anging. Aber Ilsanker spielte diese Partie 90 Minuten lang mit viel Herz und war permanent überall auf dem Spielfeld zu finden. Rannte bis zum Ende mit an, eroberte viele Bälle und verlor kaum welche. War in einigen Situationen als letzter Mann derjenige, der Hertha-Konter stoppte. Insgesamt ein sauberes Spiel des Österreichers, der erst Sechser und später Innenverteidiger spielte.

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Tore: 0:1 Selke (6.), 0:2 Kalou (31.), 0:3 Selke (51.), 1:2 Orban (68.), 2:3 Halstenberg (90.+2)

Rot: Torunarigha (7./ Notbremse)

Aufstellung RB Leipzig: Gulacsi – Klostermann (61. Kaiser), Konaté (32. Demme), Orban, Halstenberg – Ilsanker, Keita – Kampl, Bruma – Werner, Poulsen (46. Augustin); Bank: Mvogo, Bernardo, Laimer, Compper; Nicht im Kader: Sabitzer, Forsberg (beide verletzt), Upamecano (gesperrt), Köhn, Coltorti, Schmitz, Palacios, Abouchabaka, Kühn

Aufstellung Hertha BSC: Jarstein – Pekarik (46. Skjelbred), Stark, Torunarigha, Plattenhardt – Maier, Lustenberger – Esswein, Kalou (71. Haraguchi), Lazaro – Selke (68. Ibisevic)

Schiedsrichter: Frank Willenborg (Insgesamt eine ordentliche Partie mit nachvollziehbaren Entscheidungen. Die rote Karte gegen Torunarigha so früh in der Partie war hart, aber im Regelsinn vertretbar. Da kommt der Innenverteidiger im Zweikampf einfach zu spät. Kann man natürlich auch diskutieren, ob da mit viel Wohlwollen noch jemand hätte eingreifen können, aber dafür hätte man eben auch sehr viel Wohlwollen gebraucht. Danach versuchte es Willenborg lange, ohne gelbe Karte durch die Partie zu kommen, was als Linie ok war. Als das nicht mehr haltbar war, zog Willenborg dann auch die gelben Karten. Ob sich Keita für einen Einsatz gegen Jarstein tief in der zweiten Halbzeit die gelb-rote Karte verdient hatte, war aus Stadionsicht nicht zu entscheiden. Immer nervig zudem, wenn das Ballwegtragen und noch mal -wegschieben nach Freistoßpfiffen oder Einwürfen nicht schärfer bestraft wird. Das ist aber keine exklusive Willenborg-Linie. Da könnte man im Schiedsrichterwesen allgemein mal wieder stärker drauf achten. Ibisevic sah dann spät für so eine Kinderei doch noch gelb. Jeweils drei Minuten Nachspielzeit pro Hälfte waren eher am unteren Rand des möglichen. Erste Halbzeit Videobeweis, längere Behandlungspause und einiges Zeitspiel und nur drei Minuten Nachspielzeit, in der zweiten Halbzeit dasselbe Spiel. Mag ganz subjektiv am Spielstand gelegen haben, aber das fühlte sich zu wenig an. Insgesamt leitete Willenborg die Partie im Kerngeschäft von Zweikampfbewertungen und konsistenter Linie aber gut und sicher.)

Gelbe Karten: Keita (4.) – Haraguchi, Ibisevic, Lazaro

Zuschauer: 36.109 (davon 3.000 Gästefans)

Links: RBL-Bericht, RB-Fans-Liveticker, MDR-Bericht, BSC-Bericht, Kicker-Bericht, Pressekonferenz-Ticker

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  • Torschüsse: 22 : 7
  • Torschüsse innerhalb des Strafraums: 13 : 6
  • Schüsse auf das Tor: 7 : 5
  • gewonnene Zweikämpfe: 50,5% : 49,5%
  • Ballbesitz: 67,8% : 32,2%
  • Passquote: 85,2% : 64,9%
  • Laufstrecke: 116,6 km : 108,4 km
  • Sprints: 188 : 174
  • Intensive Läufe: 568 : 505
  • Fouls: 13 : 11
  • Ecken: 6 : 1
  • Abseits: 5 : 3
  • Meiste Torschüsse: Keita: 5 – Selke: 4
  • Meiste Torschussvorlagen: Halstenberg: 6 – Lazaro – 2
  • Beste Zweikampfquote (mindestens 10 Zweikämpfe): Ilsanker: 63,6% – Lustenberger: 69,2%
  • Meiste Ballkontakte: Demme: 116 – Jarstein: 50
  • Beste Passquote (mindestens 20 Pässe): Kaiser: 93,5% – keiner mit mindestens 20 Pässen
  • Größte Laufstrecke: Halstenberg: 11,4 km – Maier 12,4 km
  • Meiste Sprints: Bruma: 27 – Maier, Esswein: je 25

Statistiken von bundesliga.de, whoscored.com

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Saisontorschützen: Werner – 8; Poulsen, Augustin – je 3; Orban, Sabitzer, Keita, Halstenberg – 2; Bruma, Klostermann, Forsberg, Bernardo; Kampl – je 1

Saisonvorlagengeber: Sabitzer – 5; Augustin – 4; Forsberg, Werner, Demme – je 3; Kampl, Halstenberg, Bruma – je 2; Bernardo, Keita, Poulsen – je 1

Saisontorbeteiligungen (Entstehung des Tors jenseits der direkten Vorlage): Demme – 7; Kampl – 5; Ilsanker, Upamecano, Sabitzer, Forsberg, Keita, Halstenberg – je 4; Laimer – 3; Poulsen, Gulasci, Klostermann, Bruma – je 2; Bernardo – 1

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Bild: Dirk Hofmeister

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4 Gedanken zu „Bundesliga: RB Leipzig vs. Hertha BSC 2:3“

  1. Die angezeigte Nachspielzeit von drei Minuten der 1. HZ wurde übrigens vom SR auf etwa viereinhalb Minuten ausgedehnt, weil genau in diese Phase die Behandlung von Peter Pekarik fiel.

  2. Verständnisfrage zu Randbemerkung 1:

    Nach 17 Spieltagen hat man gegen JEDEN Gegner einmal gespielt. Das sind also die selben 17 Mannschaften wie nach 17 Spieltagen 2016/17 (wenn man die Aufsteiger Stuttgart und Hannover gegen die Absteiger Darmstadt und Ingolstadt tauscht). Hat RB dann nicht so oder so 11 Punkte weniger geholt als im Vorjahr.

    Oder interpretiere ich diese Statistik einfach falsch und hab da einen Denkfehler?

    1. Das war auch mein erster Gedanke. Ich erkläre es mir so, dass bei Fall 1 (11 Punkte) einfach nur auf den Spieltag geschaut wird und im Fall 2 (bei 5 Punkten) die Unterscheidung Heim- vs. Auswärtsspiel einbezieht.

    2. Der Wuppertaler hat Recht. Es wird nach Heim- und Auswärtsspielen unterschieden, also das Heimspiel gegen Hertha mit dem Heimspiel gegen Hertha letzte Saison verglichen und so weiter.

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