Auf direktem Weg Richtung Weltklasse

Dayot Upamecano kann man vermutlich mit gutem Gewissen in der Defensive von RB Leipzig als den Gewinner der bisherigen Saison bezeichnen. Anfang des Jahres kam er zu RB und war anfangs in einigen Spielen noch überfordert und ein Sicherheitsrisiko. Doch Ralph Hasenhüttl blieb dran und gab dem jungen Mann, der mit seinem Körper und seiner Geschwindigkeit über unfassbar gute Anlagen für einen Innenverteidiger verfügt, weiter seine Chancen.

Im ersten Saisonspiel leistete sich Dayot Upamecano auf Schalke noch ein unnötiges Foulspiel, das zu einem Elfmeter führte. Eine Situation, die in ihrer Grundanalage dem großen und kräftigen Upamecano immer mal wieder passiert, ganz einfach, weil ein Körpereinsatz bei ihm immer irgendwie wie am Rande des Foulspiels aussieht. Aber insgesamt ist er in solchen Situationen sehr viel umsichtiger geworden und bleibt im Fall der Fälle auch mal weg vom Gegenspieler. Was ihn inzwischen praktisch zur nicht mehr wegzudenkenden Nummer 1 in der Innenverteidigung von RB Leipzig macht.

Damit steht er mittlerweile in der sportlichen Hierarchie auch vor Kapitän Willi Orban, den man vor der Saison vielleicht noch als unverzichtbar gesehen hätte, der aber immer mal wieder nur auf der Bank sitzt. So zum Beispiel in Dortmund, als Ralph Hasenhüttl ungewohnt deutlich erklärte, dass er auf Geschwindigkeit in der Kette setzen wollte und deshalb Upamecano und Ilsanker den Vorzug erhielten.

Im Kern sind es mit Dayot Upamecano, Willi Orban und überraschend auch Ibrahima Konaté (der auf niedrigerem Niveau viel von Upamecanos Anlagen mitbringt) drei Innenverteidiger, die sich in der Bundesliga die Spielzeit aufteilen. Dabei ist Upamecano mit elf von 13 Spielen und über 900 Minuten Spielzeit die klare Nummer 1 im Trio, während Orban auch wegen seiner roten Karte in München auf nur zehn Spiele und reichlich 700 Minuten Spielzeit kommt.

  • Dayot Upamecano: elf Spiele, 923 Minuten, 84 Minuten im Schnitt
  • Willi Orban: zehn Spiele, 714 Minuten, 71 Minuten im Schnitt
  • Ibrahima Konaté: fünf Spiele, 384 Minuten, 77 Minuten im Schnitt

Entgegen der vielleicht vorhandenen Erwartung, dass Upamecano im Körperkontakt manchmal noch etwas ungeschickt agiert, sammelt er nicht überdurchschnittlich viele Fouls. Vielmehr liegt er mit einem Foul alle 92 Minuten ungefähr auf Augenhöhe mit Orban, der alle 89 Minuten eine Situation nur mit unerlaubten Mitteln lösen kann. Interessant daran, dass bei Upamecano im Vergleich zum Vorjahr eine deutliche Veränderung festzustellen ist. Damals foulte er noch alle 48 Minuten, worin sich auch seine anfänglichen Anpassungsprobleme zeigen. Konaté fällt in dieser Statistik für die aktuelle Saison, das ist auch eine Folge seiner geringeren Erfahrung, leicht ab und foult alle 64 Minuten (was aber auch immer noch unter dem Niveau des Vorjahrs-Upamecano liegt).

  • Dayot Upamecano: ein Foul alle 92 Minuten
  • Willi Orban: ein Foul alle 89 Minuten
  • Ibrahima Konaté: ein Foul alle 64 Minuten

In Sachen Zweikämpfe sind Orban und Upamecano ungefähr auf Augenhöhe. Upamecano ist in reichlich 21 Duelle pro 90 Minuten verwickelt, Orban in knapp 20. Bei Konaté, der in seinen ersten Auftritten noch zurückhaltend agierte, sind es nur 15. Im Vergleich zum Vorjahr führt Upamecano ungefähr drei Zweikämpfe weniger pro 90 Minuten (was man auch als Reifeprozess interpretieren kann), während es bei Orban zwei mehr sind.

  • Dayot Upamecano: 219 Zweikämpfe, 21,4 Zweikämpfe pro 90 Minuten
  • Willi Orban: 155 Zweikämpfe, 19,5 Zweikämpfe pro 90 Minuten
  • Ibrahima Konaté: 65 Zweikämpfe, 15,2 pro 90 Minuten

In Sachen Zweikampfquote nehmen sich Willi Orban und Dayot Upamecano praktisch auch nichts. Upamecano gewinnt 65,3% all seiner Duelle. Womit er zur Top 10 der Bundesliga gehört. Willi Orban liegt mit 64,5% gewonnene Duelle nur knapp dahinter. Ibrahima Konaté kommt auf 58,5%, wobei die Zahlen vom ersten Spiel in Köln deutlich nach unten gezogen werden, wo Konaté nur 4 von 14 Duellen gewinnen konnte. In der Luft gewinnen Upamecano und Orban mit 62 bzw. 61% auch fast identisch viele Duelle, während Konaté auch hier mit 53% noch abfällt.

  • Dayot Upamecano: 65,3% Zweikampfquote, 62% in der Luft
  • Willi Orban: 64,5% Zweikampfquote, 61% in der Luft
  • Ibrahima Konaté: 58,5% Zweikampfquote, 53% in der Luft

Sauberer führt bisher Dayot Upamecano seine Zweikämpfe. Bisher kassierte er gerade mal eine gelbe Karte für Foulspiele. Willi Orban kommt schon auf zwei plus die Notbremse in München. Auch Ibrahima Konaté sah schon einmal gelb bei wesentlich kürzerer Spielzeit.

  • Dayot Upamecano: alle 923 Minuten gelb
  • Ibrahima Konaté: alle 384 Minuten gelb
  • Willi Orban: alle 357 Minuten gelb plus einmal rot

Dass Dayot Upamecano stärker noch als Willi Orban für das Verteidigen in der Tiefe verantwortlich ist, zeigt sich in den Sprintwerten. 18 Sprints absolviert der Franzose pro 90 Minuten, bei Orban sind es nur 13. Auch Konaté geht mit 17 Sprints pro 90 Minuten eher in Richtung Upamecano. Wobei Konate in Sachen Gesamtlaufleistung hinter den beiden anderen zurückbleibt.

  • Dayot Upamecano: 18,0 Sprints pro 90 Minuten, 10,1 km pro 90 Minuten
  • Ibrahima Konaté: 17,3 Sprints pro 90 Minuten, 9,8 km pro 90 Minuten
  • Willi Orban:13,0 Sprints pro 90 Minuten, 10,0 km pro 90 Minuten

In Sachen Tacklings (also dem Versuch, den Gegner vom Ball zu trennen) geht Willi Orban voran. 3,2 Tacklings sind es bei ihm pro 90 Minuten, 2,7 davon sind erfolgreich. Noch deutlicher der Unterschied allerdings in Bezug auf Klärungen vor dem eigenen Tor, also dem Beenden eines vielversprechenden Angriffs durch Abwehraktionen aller Art (Ball rausschlagen, wegköpfen, Gegner abgrätschen, etc). Mehr als siebenmal pro 90 Minuten ist Willi Orban der rettende Akteur in der Innenverteidigung, nur je fünfmal ist es Upamecano oder Konaté. Was für das sehr gute Stellungsspiel von Orban spricht, mit dem er viele Situationen löst.

  • Willi Orban: 3,2 Tacklings, 2,7 erfolgreiche Tacklings, 7,2 Klärungen pro 90 Minuten
  • Ibrahima Konaté: 3,1 Tacklings, 2,8 erfolgreiche Tacklings, 5,2 Klärungen pro 90 Minuten
  • Dayot Upamecano: 2,6 Tacklings, 2,3 erfolgreiche Tacklings, 5,0 Klärungen

Das Spezialgebiet von Dayot Upamecano (Stichwort Geschwindigkeit und Physis) ist die Balleroberung. Sowohl wenn es um direkt vom Gegner erkämpfte Bälle geht, als auch beim Abfangen von Pässen ist er seinen Abwehrkollegen deutlich überlegen. Reichlich achtmal pro 90 Minuten erobert er so den Ball, was ihm zum Topballeroberer bei RB Leipzig hinter Naby Keita macht. 5,9 bzw. 5,1 sind es dagegen ’nur‘ bei Orban und Konaté.

  • Dayot Upamecano: 4,9 Balleroberungen, 3,4 abgefangen Bälle pro 90 Minuten
  • Willi Orban: 3,7 Balleroberungen, 2,3 abgefangene Bälle pro 90 Minuten
  • Ibrahima Konaté: 2,8 Balleroberungen, 2,3 abgefangene Bälle pro 90 Minuten

Dass Dayot Upamecano ein bisschen mehr ins Risiko geht, zeigt sich darin, dass er pro 90 Minuten rund einmal ins Dribbling geht, also etwas macht, was man von Innenverteidigern eher nicht sehen will. Orban und Konaté haben bisher insgesamt in dieser Saison erst je ein Dribbling genommen, beide waren erfolgreich. Bei Upamecano gingen immerhin fünf von zwölf schief. Eine Bilanz, die sicherlich verbesserungswürdig ist und ein verbessertes Entscheidungsmanagement bedarf. Insgesamt verliert aber Willi Orban mehr Bälle, aber nur ganz leicht. Was dann alles in allem dafür spricht, dass Upamecano jenseits mancher Dribblings im Normalfall sehr gute Entscheidungen trifft.

  • Willi Orban: 0,76 Ballverluste pro 90 Minuten
  • Dayot Upamecano: 0,49 Ballverluste pro 90 Minuten
  • Ibrahima Konaté: 0,47 Ballverluste pro 90 Minuten

Der sauberer Passspieler in der Innenverteidigung ist weiterhin Willi Orban. Dahinter folgt aber direkt Dayot Upamecano, der auch im Spielaufbau inzwischen schon viel Verantwortung auch für riskantere Pässe durch die gegnerischen Reihen trägt. Das sieht nicht immer ganz so rund und elegant aus wie bei Orban, der über eine traditionell gute Spieleröffnung verfügt, aber auch in diese Rolle wächst Upamecano immer besser hinein. Das sieht man auch daran, dass Upamecano bereits bei vier Toren an der Entstehung beteiligt war (was aber auch mit den guten Balleroberungsfähigkeiten zu tun hat), Willi Orban dagegen noch gar nicht. Letzte Saison lagen beide da noch auf Augenhöhe.

  • Dayot Upamecano: eine Beteiligung an Torentstehung alle 231 Minuten, 84,4% Passquote
  • Willi Orban: keine Beteiligung an Torentstehung, 86,8% Passquote
  • Ibrahima Konaté: keine Beteiligung an Torentstehung, 80,6% Passquote

Willi Orban ist dafür der Innenverteidiger mit der größten direkten Torgefahr und der einzige, der bisher in der Bundesliga auch ein Tor erzielen konnte. 0,5 Torabschlüsse verzeichnet Orban, der bei Ecken mit seinem guten Kopfballspiel sehr präsent ist, bisher pro 90 Minuten. 0,5 Torschüsse bereitet er bei diesen Gelegenheiten vor. Konaté setzt da offensiv noch gar keine Akzente, Upamecano nur minimale, weil er offenbar bei Standards auch nicht die erste Option ist.

  • Willi Orban: alle 714 Minuten ein Tor, 0,5 Torschüsse pro 90 Minuten, 0,5 Torschussvorlagen pro 90 Minuten
  • Dayot Upamecano: kein Tor, 0,1 Torschüsse pro 90 Minuten, 0,2 Torschussvorlagen pro 90 Minuten
  • Ibrahima Konaté: kein Tor, je 0,0 Torschüsse und Torschussvorlagen pro 90 Minuten

Insgesamt sind die Daten von Dayot Upamecano und Willi Orban in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Die großen Stärken von Upamecano sind sein Körper und seine Geschwindigkeit, was sich dann vor allem in den Ballgewinnen und in den Sprintwerten als Basis des Verteidigens in der Tiefe widerspiegelt. Willi Orban löst dagegen viel über sein Stellungsspiel, weil er meist sehr gut weiß, wann er herausrücken kann und wann er sich fallen lassen muss, und ist vor allem als letzte Bastion im und am Strafraum gefragt. Zudem kann er offensiv seine Kopfballstärke einbringen und verfügt über ein mehr als solides Passspiel.

Es sind also zwei sehr unterschiedliche Innenverteidiger, die ihre Aufgaben entsprechend auch mit unterschiedlichen Herangehensweisen lösen und sich dabei bspw. in der Tiefenabsicherung und in klärenden Aktionen rund um den Strafraum ergänzen. Der Vorteil von Upamecano ist, dass er mit seinen 19 Jahren gleich mal sechs Jahre jünger ist als ein Willi Orban und mit seinen physischen Voraussetzungen auf ganz natürliche Art ein ganz anderes Potenzial hat als der RB-Kapitän. Wenn Upamecano in Sachen Entscheidungsmanagement, Passspiel und Stellungsspiel auf dem Niveau von Orban angekommen ist, dann stehen ihm in Europa vermutlich alle Türen offen.

Wenn das jemand anders außerhalb Leipzigs als naheliegendes Entwicklungspotenzial genauso sieht, dann könnte die kolportierte 100-Millionen-Ausstiegsklausel schneller jemand ziehen als einem lieb ist. Ein 19-Jähriger, der beim Tabellenzweiten der Bundesliga binnen nicht mal einem Jahr praktisch zur Nummer 1 in der Innenverteidigung gewachsen und eine Balleroberungsmaschine ist, das dürfte jedenfalls vielerlei Interessenten eher schnell auf den Plan rufen.

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Willi Orban und Dayot Upamecano ergänzen sich bei RB Leipzig auf sehr gute Art und Weise. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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3 Gedanken zu „Auf direktem Weg Richtung Weltklasse“

  1. Das saubere Passspiel von Willi Orban relativiert sich aber meiner Meinung nach dadurch, dass dieser eher den einfachen Alibi-Rückpass zum benachbarten Abwehrspieler wählt, während Dayot Upamecano oft versucht mit seinen Pässen Offensivaktionen einzuleiten, was naturgemäß riskanter und damit fehleranfälliger ist. Das wirkt im Stadion oftmals für mich so, dass alle (einschließlich Gulasci, Demme und Keita) froh sind, wenn Sie Dayot als Anspielpunkt finden und diesem dann viel Erfolg bei der kreativen Spieleröffnung wünschen.

    1. @DiNapoli: Den Eindruck würde ich ein Stückweit teilen. Könnte aber auch daran liegen, dass Orban im Spielaufbau stärker vom Gegner angelaufen wird, um die Option wegzunehmen (müsste man mal genauer beobachten). Wenn Orban den Raum hat, flache Pässe durch die Reihen zu spielen, dann hat er da durchaus sehr ordentliche Qualitäten. Aber stimmt schon, da sind diese Saison vom Gefühl her sehr viele Sicherheitspässe dabei.

      @PeterM: Zumindest die 50 Millionen wurden inzwischen geknackt. Kommt halt immer drauf an, wer wie viel Bock hat welches Geld in den Markt zu pumpen. Wenn man sowas wie Neymar letzten Sommer hat, dann fallen andere Bausteine meist hinterher.

  2. Ein sehr schöner Bericht! Ja, da hat der Ralf schon ein echtes Juwel gefunden.
    100 Mio. für einen Innenverteidiger sind aber schon gewaltig. Offensivspieler sind ja leider erheblich publikumswirksamer und damit auch mehr „wert“ für einen Verein. Wurden denn für einen Verteidiger auch nur annähernd hohe Summen je bezahlt?

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