Naby Keita zwischen Kopf des Teams und Sicherheitsrisiko

Über Naby Keita wurde in den letzten Wochen viel geredet. Nicht nur bezüglich der Frage, ob er denn einen gültigen Führerschein besitzt und wenn ja, wie viele..

Nein, im Mittelpunkt standen vornehmlich Fragen bezüglich seiner Wertigkeit für RB Leipzig. Manch einer war nach ein paar Eigenwilligkeiten schon bereit, ihn für ein paar zusätzliche Euro bereits im Winter rüber auf die Insel schicken, während sein Trainer Ralph Hasenhüttl immer mal wieder und fast schon demonstrativ die Wichtigkeit von Naby Keita und dessen Klasse betont.

Dabei versuchte Hasenhüttl auch die bisher schon drei Platzverweise ein wenig zu relativieren. Aber Fakt bleibt, dass Keita bereits in drei von vier Wettbewerben (Bundesliga, DFB-Pokal, WM-Quali) vom Platz geschickt wurde. Bisher ging er nur in der Champions League leer aus. Und das auch nur, weil er in Istanbul Glück hatte und einen großzügigen Schiedsrichter erwischte, der die gelb-rote Karte stecken ließ. Wenn Keita auch noch die Champions League schafft, dann wäre das eine Art sehr spezieller Keita-Grand-Slam..

Schaut man auf die Zahlen, dann foult Naby Keita diese Saison in der Bundesliga (wegen der Vergleichbarkeit sei nur die nationale Liga betrachtet) nicht häufiger als letzte Saison. Alle 36 Minuten wird er diese Saison bisher zurückgepfiffen (bei bisher erst knapp 600 Minuten Einsatzzeit sind die Zahlen aber auch noch recht vorläufiger Natur). Alle 35 Minuten war das letzte Saison der Fall.

Trotz gleichbleibender Foul-Anzahl sieht er bisher häufiger gelb als noch letzte Saison. Alle 193 Minuten kriegt er den gelben Karton gezeigt, alle 300 Minuten war es in der vorigen Spielzeit. Der Eindruck täuscht also nicht, dass Naby Keita 2017/2018 etwas stärker unter Beobachtung der Schiedsrichter steht und schneller mal bestraft wird. Wobei der Unterschied zentral darin besteht, dass man ihm letzte Saison noch arg viel hat durchgehen lassen und die Schiedsrichter diese Saison die unnötigen Foulspiele weit ab des eigenen Tores rigoroser bestrafen.

Praktisch identisch ist derweil die Zahl der Zweikämpfe, die Naby Keita pro 90 Minuten führt. 29 sind es im Schnitt. Nur Yussuf Poulsen führt noch mehr Duelle dieser Art. Bei völlig anderen körperlichen Voraussetzungen.

Keita ist also mittendrin im Getümmel und teilt dabei auf Vorjahresniveau aus. Allerdings muss er inzwischen auch wesentlich mehr einstecken. Wurde er in der letzten Saison nur einmal pro Halbzeit gefoult, ist er inzwischen einmal pro halbe Stunde dran. Die Gegenspieler haben also inzwischen auch registriert, dass man den ballsicheren Akteur manchmal auch mit Mitteln bekämpfen muss, die vom Regelwerk nicht gedeckt sind. Was auch den allgemeinen Tenor bestätigt, dass Keita inzwischen mehr einstecken muss und ein Stückweit bewusst gereizt wird.

Aber der Schritt dahin, unbedachte Aktionen Keitas als Folge der erhöhten Zahl an Fouls an ihm zu sehen, ist ein falscher. Auf dem Schritt zu einem sehr guten Spieler geht es auch darum, mit den Nickligkeiten und Problemen, die einem als technisch überlegener Spieler begegnen, umzugehen. Yussuf Poulsen war einst in der zweiten Liga in einer Situation gelandet, in der er mit jedem Schiedsrichter-Pfiff gegen ihn haderte. Teils berechtigt, teils unberechtigt. Letztlich war die einzige Chance für den Stürmer, die Situation als gegeben anzunehmen und sich und sein Spiel darauf einzustellen.

So ähnlich ist es bei Keita und den verstärkt auftretenden Fouls gegen ihn und Schiedsrichtern, die dem Mittelfeldmann wiederum häufiger mal gelb zeigen. Er wird lernen müssen, sich darauf einzustellen, anstatt sich von Foulspielen frustrieren zu lassen. In den letzten Spielen war Keita diesbezüglich aber auch wieder auf einem guten Weg und spielte teilweise auf eine sehr neue, sehr erwachsene Art.

Man sieht dabei schon an der für einen Mittelfeldspieler extrem hohen Anzahl an Zweikämpfen (bei sehr guter Zweikampfquote von 56%), dass die Wichtigkeit von Naby Keita für das Spiel von RB Leipzig sich nicht nur in seinen Fähigkeiten am Ball begründet. Ganz im Gegenteil sind es vor allem auch Keitas Qualitäten im Spiel gegen den Ball und bei der Eroberung von Bällen, die ihn zusammen mit der Ballsicherheit zu einer so perfekten Besetzung auf der Sechs machen.

Mit fast zwölf Balleroberungen durch gewonnene und abgefangene Bälle ist er weiterhin der beste Spieler in dieser Kategorie bei RB Leipzig. Das ist zwar etwa eine Balleroberung pro 90 Minuten weniger als noch in der Vorsaison, aber das Sinken der Zahl dürfte sich vornehmlich durch den stärkeren Ballbesitzfokus bei RB begründen. Fakt ist, dass Keita weiterhin ein unheimlich gutes Gespür dafür hat, an welcher Stelle des Platzes er Bälle abfangen kann und dass Keita weiterhin im Zweikampf viele Bälle gut erobert. Dass diese aggressive Spielweie auch für Fouls anfällig ist, versteht sich von selbst. Dass Keita da eine gute Balance zwischen Balleroberungen und Foulspielen finden muss, ist auch klar. Abgesehen von überambitionierten Foul-Versuchen an falschen Stellen des Platzes klappt das auch meist ganz gut.

Wichtig ist Naby Keita mit seinen Fähigkeiten natürlich auch im Offensivspiel. Auch wenn sein Einfluss da nicht ganz so groß ist, wie man das gemeinhein annehmen würde. Seine Passquote ist im Mannschaftsvergleich nur durchschnittlich. Bei der Anzahl wichtiger Pässe liegt er teils deutlich hinter den Kollegen Sabitzer und Forsberg. Und die durchschnittliche Passlänge ist unterdurchschnittlich. Was auch damit korrespondiert, dass Anspielversuche in die Spitze bei Keita häufig noch zu ungenau oder zu überhastet sind.

Entsprechend hat der Mittelfeldmann bisher erst eine Torvorlage auf seinem Konto. Nimmt man noch ein Tor und drei Beteiligungen an der Vorbereitung eines Tores dazu, dann war Keita bisher an fünf Toren beteiligt. Alle 116 Minuten trug er also zu einem Torerfolg mehr oder minder direkt bei. Damit liegt er noch knapp vor dem etwas defensiver agierenden Diego Demme, aber hinter Kampl, Forsberg oder Sabitzer. Allerdings liegt er damit aber auch nur knapp hinter den Werten des Vorjahres, als Keita alle 100 Minuten in der Bundesliga an einem Tor beteiligt war.

Interessant in dem Zusammenhang vielleicht, dass Naby Keita in dieser Saison nur sehr selten im Strafraum aktiv wird. Schoss er im letzten Jahr pro 90 Minuten noch ungefähr je einmal aus dem Strafraum in Richtung gegnerisches Tor, gelingt ihm das jetzt nur noch einmal alle ungefähr 270 Minuten. Also einmal in drei kompletten Spielen (wenn denn Keita mal ein komplettes Spiel schafft..). Sein einziges Tor in dieser Saison bisher war ein Fernschuss beim Hamburger SV von jenseits der Strafraumgrenze. Stellt sich natürlich die Frage, ob das Ausdruck einer veränderten (und so gewollten) Spielweise von Keita ist oder ob sich darin nur ausdrückt, dass die gegnerischen Teams mit ihrem tiefen Verteidigen auch Keita besser vom eigenen Strafraum weghalten können.

Denn festhalten muss man dabei auch, dass Keita insgesamt fast genauso oft aufs Tor schießt, wie noch letzte Saison. Halt nur aus größeren Entfernungen. Weswegen er bisher für sein eines Tor auch zwölf Schüsse brauchte, während er letzte Saison mit reichlich jedem fünftem Schuss ins Tor traf.

Mit dieser strafraumferneren Rolle ist auch verbunden, dass die Anzahl vorbereiteter Torschüsse leicht zurückgegangen ist und er nur noch alle 300 Minuten direkt an einem Tor beteiligt ist (Treffer oder Vorbereitung) und nicht mehr alls 150 Minuten. Das ist (immer mitgedacht, dass die Saison noch jung ist und die Daten deshalb noch vorsichtig zu interpretieren sind) eine durchaus deutliche Verschiebung der Rolle von Naby Keita weg vom gegnerischen Tor.

Wichtig ist Naby Keita in der Offensive aber auch mit seinen Qualitäten im Dribbling, mit denen er mit seiner eleganten Ballführung Räume bespielt, die für andere gar nicht existieren. Letzte Saison war er hinter Ousmane Dembele der Spieler mit den meisten erfolgreichen Dribblings pro Spiel der ganzen Liga. In dieser Saison hat er noch mal ein paar erfolgreiche Dribblings draufgelegt. 3,6 erfolgreiche Eins-gegen-Eins-Situationen hat er bisher pro 90 Minuten, zusammen mit Bruma die meisten bei RB. Über 50% seiner Dribblingversuche sind erfolgreich. Das ist zusammen mit Emil Forsberg die beste Quote im Team.

Wie schon mehrfach hier  im Blog erwähnt, sind Dribblings zentraler Bestandteil für den zum Ballbesitz verschobenen Fußball von RB Leipzig. Weil sich dadurch Räume öffen, wenn sie gelingen (und sie gelingen bei Keita oft) oder weil man alternativ (bei entsprechender Absicherung im Positionsspiel) nach Ballverlusten im Dribbling ins Gegenpressing gehen und von Unordnung auf dem Feld profitieren kann.

Das Auftreten von Naby Keita hat sich in dieser Saison in der Bundesliga tatsächlich in einigen Parametern verändert. Er wird als ein zentraler Spieler bei RB Leipzig häufiger gefoult und agiert vor allem in einer etwas tieferen Position als noch im letzten Jahr. Entsprechend ist er in Sachen Torbeteiligungen verstärkt an der Entstehung von Toren beteiligt und nur noch seltener direkt per Schuss oder Vorlage für Treffer verantwortlich.

Aber Naby Keita auf seine offensiven Fähigkeiten und seine maradonaesken Dribblings zu reduzieren, wurde ihm sowieso nie gerecht. Für die Mannschaft war nie der Spektakel-Keita jener, der ihn besonders wichtig machte, sondern der Balljagd-Keita, der ein unheimlich gutes Gespür für die Passwege des Gegners hat und immer wieder aggressiv Bälle erobert. In dieser Rolle und mit seinen Fähigkeiten, im Mittelfeld auch mal unter Druck den Ball zu verarbeiten und (wenn auch nur über kurze Strecken) weiterzuleiten, machen Keita so besonders wertvoll für das RB-Spiel. Wenn dann noch mal ein spektakuläres Dribbling oder ein Tor dazu kommt, dann ist das quasi das Sahnehäubchen auf den Super-Sechser Keita.

Lernen (und in den letzten Spielen konnte man Naby Keita beim Lernen quasi zugucken) muss er mit den neuen Ansprüchen an einen Spieler klarzukommen, der demnächst für 70 Millionen Euro den Verein wechselt. Sprich, Keita muss erwachsen werden, wenn er tatsächlich konstant ein Team tragen will. Sinnlose Foulspiele und damit verbundene Karten passen da genausowenig ins Bild wie Unbeherrschtheiten im Umgang mit seinen Gliedmaßen in der Nähe von Gegenspielern oder auch die manchmal durchkommene übertriebene Laxheit im Passspiel.

Wenn er seine Fähigkeiten seriös in ein Team einbringt, macht Naby Keita wohl so ziemlich jeden Klub in Europa besser. Wenn ihm die Seriosität abgeht, kann er aber auch zum Sicherheitsrisiko werden. Bisher war die Saison bei RB Leipzig aufgrund der Platzverweise und aufgrund der Spiele, in denen er rotgefährdet früh raus musste, eine durchwachsene. Im Verein wird man hoffen, dass die erwachsenen Vorstellungen, die er diese Saison und vor allem in jüngerer Vergangenheit auch zeigte, stilbildend für die kommenden Monate sein werden.

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Bei RB Leipzig will man noch ein paar Monate uneigeschränkt Naby Keita bejubeln. | GEPA Pictures - Sven Sonntag
GEPA Pictures – Sven Sonntag

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2 Gedanken zu „Naby Keita zwischen Kopf des Teams und Sicherheitsrisiko“

  1. Zu Naby Keita habe ich eine gespaltene Meinung. Es gibt Tage, da spielt er traumhaft und dann gibt es Momente, da kann man nur den Kopf schütteln. Ist ihm überhaupt klar, wie er der Mannschaft durch seine Rotkarten schadet. Hoffentlich hatte das für ihn finanzielle Konsequenzen.
    Zur Führerscheinaffäre kann man nur sagen. Wer drei oder vier Autos sein eigen nennt und nicht mal einen Führerschein besitzt ist irgendwie falsch beraten worden.
    Sei es wie es sei. Ich wünsche ihm, dass er auf dem Platz öfter wieder spielt und vor allem trifft.
    Grüße aus dem Neuseeenland

  2. Also Dir merkt man die 3-Fach-Belastung überhaupt nicht an! 😉
    Schöne Übersicht über Naby und mit viel Wortwitz, wie Keita-Grand-Slam oder Räume bespielt, die für andere gar nicht existieren.
    Klasse!

    Die Statistik hat aber mMn einen kleinen Harken, denn Naby hat doch letzte Saison teilweise als 8ter gespielt und demzufolge war er weiter vorn mit den entsprechenden Abschlüssen. Klar, das war auch damals nicht die Idealposition und auch ich sehe ihn mehr als ofensiven 6er, aber da kommen eben einige Aktionen dazu, die diese Daten beeinflussen könnten, wie BVB 2. ST.

    Mit den Zweikämpfen hast Du schon recht, aber da muss der SR tlw. auch Naby schützen. Bestes Beispiel Pokal gegen Bayern als er mehrfach getreten wurde ohne das etwas passiert und er eben beim 1. Foulspiel gleich gelb bekommt.

    Spannend wird sein, wer seine Nachfolge wird. Kampl sehe ich da (noch) nicht. Auch keine Ahnung, was der Markt oder Salzburg her gibt. Den Neuen werden wir bestimmt wieder googeln müssen 😉

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