Kaderschmiede RB Leipzig 2017/2018 – Update 3

Vor der aktuellen Transferperiode stand die Aufgabe, die Mannschaft von RB Leipzig in der Breite stärker zu machen. Man kann geteilter Meinung sein, ob man mit den im Kern 20 Feldspielern gut durch die Saison mit drei Wettbewerben kommen wird (zu breit ist der Kader jedenfalls nicht). In der letzten Saison kamen nur wenige Teams mit so wenigen Feldspielern durch die Spielzeit. Fakt ist aber, dass man den Kader tatsächlich in der Breite deutlich verstärkt hat.

Ging man im letzten Jahr mit ungefähr 14 Feldspielern durch die Spielzeit und in der Rückrunde vielleicht noch mit 12, stehen diese Saison mindestens 17 Feldspieler auf einem sehr hohen Niveau zur Verfügung, bei denen lediglich Werner und Keita dauerhaft nicht ersetzbar scheinen. Hinter diesen 17 Feldspielern stehen mit Dominik Kaiser und Benno Schmitz noch zwei verlässliche Akteure mit Fragezeichen hinsichtlich ihrer Einsatzchancen und mit Ibrahima Konate ein Nachwuchsmann mit noch unklarem Leistungsvermögen.

Dass der Kader auf hohem Niveau deutlich breiter aufgestellt ist als noch in der Vorsaison, liegt an einer Transferperiode, in der man viel richtig gemacht hat. Man hat mit Burke, Selke und Khedira drei Spieler abgegeben, die lediglich Ergänzungsspieler waren (und dafür auch noch fast 25 Millionen Euro kassiert) und auf der anderen Seite vor allem mit Kampl, Augustin, Bruma und Laimer ein Quartett geholt, das eine bunte Mischung aus sofort verfügbarer Stärke und viel Entwicklungspotenzial darstellt. Dazu kommt dann auch noch Klostermann als quasi Neuzugang, der die Qualität im Team noch mal erhöht.

Die 35 Millionen Euro, die RB Leipzig netto in Transfers gesteckt hat, sind natürlich nicht wenig Geld, aber es ist schon mal eine deutlich geringere Summe als noch letzten Sommer. Von Anfang der Transferperiode an waren 35 bis 40 Millionen das kolportierte Budget. Dass das rund 20 Millionen weniger waren als vor einem Jahr dürfte vor allem auf deutlich steigende Kaderkosten hinweisen. Stand man da letzte Saison nach eigener Aussage noch im Mittelfeld der Bundesliga, dürfte man jetzt irgendwo in den Top6 gelandet sein.

Die Frage ist, wie es wirtschaftlich weitergeht. Die Beschränkung auf eine Gehaltsobergrenze ist wirschaftliche Notwendigkeit, weil mehr Geld im Budget einfach nicht drinliegt. Sprünge bei den Gehaltskosten und damit das Schaffen von Möglichkeiten, auch einen der Topspieler zu Topgehalt längerfristig zu binden, werden wohl in den kommenden Jahren vor allem durch die schrittweise Erhöhung der TV-Gelder möglich sein. Je länger man in der Bundesliga verweilt, desto höher steigt man in der TV-Tabelle und desto geringer wird die Differenz zu ganz oben. 70 Millionen weniger an reinem TV-Geld als die Bayern nimmt RB bisher ein.

Solange man in der TV-Tabellen noch ganz hinten herumkriecht, wird man mit den relativ normalen Einnahmen eines erstmaligen Champions-League-Teilnehmers (handgeschätzt dürfte man in Sachen Umsatz auf Augenhöhe mit Mönchengladbach letzte Saison liegen) weiterhin Erhöhungen beim Gehalt mit geringeren Möglichkeiten auf dem Transfermarkt bezahlen. Um mit dem Kader auch in der Breite weiter wachsen zu können, braucht man zudem (aus wirtschaftlichen und sportlichen Gründen) die regelmäßige Teilnahme an europäischen Wettbewerben. Die nächsten zwei, drei Jahre werden in Sachen Vereinswachstum sicherlich nicht unspannend. Die Differenz zwischen wirtschaftlichem Top6-Klub und Borussia Dortmund (mit deutlich über 300 Millionen Euro Umsatz) ist noch mal extrem (von den Bayern braucht man gar nicht reden), da muss man schon sehr viel richtig machen jenseits eines Großgeldgebers, um diese Lücke zu schließen.

In diesem Zusammenhang vielleicht auch ganz interessant, dass man bei RB Leipzig nicht einen der Leistungsträger in diesem Sommer zu Geld zu machen versuchte. Entsprechende Avancen wies man hartnäckig zurück. Transferstrategisch hätte man sich auch für den Verkauf beispielsweise eines Forsbergs entscheiden können (bei passendem Angebot irgendwo bei 50 Millionen aufwärts), um dafür den Kader mit zur Spielidee passenden, bundesligaerfahrenen Profis wie Maximilian Philipp oder Jhon Cordoba auszustatten, die zudem noch aufgrund ihres Alters eine gewisse Steigerung ihres Transferwertes versprechen.

Stattdessen hat man sich aber dafür entschieden, alle sportlichen Leuchttürme zu behalten, um in der kommenden Saison in der Champions League maximalen Erfolg einzufahren und darüber dann Geld zu generieren und für neue Spieler interessant zu sein. Birgt natürlich die Gefahr, dass man kommenden Sommer gleichzeitig Keita und Forsberg verliert, aber das nimmt man in Kauf.

Weiterhin gibt es im Kader durchaus einige Spieler, für die RB Leipzig lediglich ein Sprungbrett in eine größere Karriere ist. Upamecano könnte mal bei einem der ganz großen Vereine spielen. Bei ihm dürfte es nicht allzu lange dauern, bis er mal seinen Marktwert abschätzen lässt. Ein Bruma ist sicherlich auch nicht mit RB-Bettwäsche aufgewachsen und würde wohl auch versuchen, ein, zwei gute Spielzeiten zu versilbern. Ein Timo Werner ist, wenn er so weitermacht wie bisher (Bodenständigkeit und Wohlfühlen in Leipzig hin oder her) in zwei, allerspätestens drei Jahren mehr als bereit für den nächsten Schritt und Klub.

Generell gilt aber, dass es Ralf Rangnick trotz Fokus auf junge, entwicklungsfähige Spieler geschafft hat, dem Kader ein Gerüst zu geben, das nicht von Jahr zu Jahr komplett auseinanderzufallen droht. Er hat eine Breite im Team hergestellt, die recht stimmig wirkt und auf die man aufbauen kann. Er hat innerhalb von drei Transferperioden seit dem Aufstieg tatsächlich einen Kader zusammengestellt, dessen Anspruch ein Platz unter den ersten Sechs in der Bundesliga sein muss. Das ist bei allen finanziellen Möglichkeiten (die wie gesagt eher dadurch bestehen, dass man als Aufsteiger aus der zweiten Liga noch relativ geringe Gehaltskosten bei potentem Hauptsponsor hatte) durchaus bemerkenswert.

Tor

Peter Gulacsi (27), Yvon Mvogo (23), Fabio Coltorti (36) Philipp Köhn (19)

Klare Hierarchien. Gulacsi ist die Nummer 1. Mvogo ist der Backup-Keeper. Zumindest bis zur Winterpause. Das sind auch die beiden für die Champions League nominierten Torhüter. Coltorti und Köhn sind in diesem Quartett ohne Chance, wenn sich denn von den beiden anderen Torhütern niemand langfristig verletzt. Insgesamt ist man bei RB auf der Position mindestes solide besetzt. Ist jetzt aber im Bundesligavergleich auch nichts ganz besonderes, selbst wenn Peter Gulacsi mit seiner Ruhe und seinen wenigen Fehlern durchaus zu überzeugen weiß.

Außenverteidigung

Lukas Klostermann (21), Marcel Halstenberg (25), Bernardo (22), Benno Schmitz (22)

Letztlich werden wohl Klostermann, Halstenberg und Bernardo die meisten Einsatzzeiten bekommen. Bernardo kann genauso auf beiden Seiten spielen wie Klostermann. Ilsanker durfte letzte Saison immer mal wieder rechts hinten ran und sieht sich da auch weiterhin als Option. Wird vor allem für Benno Schmitz schwer, sich in dieser Konstellation zu Einsatzzeiten zu kämpfen. Zumal Ralph Hasenhüttl in der Viererkette in der Abwehr gewöhnlicherweise ohne größere Not nicht tauscht. Interessant wird, wie viel Offensivgeist die Außenverteidiger mitbringen werden. Bei Klostermann spürt man da ab und zu noch die angezogene Handbremse nach langer Verletzung. Halstenberg muss diesbezüglich endlich an sein Potenzial ran.

Innenverteidigung

Willi Orban (24), Dayot Upamecano (18), Marvin Compper (32), Ibrahima Konate (18)

In der Innenverteidigung überragt Upamecano von seinem Potenzial her alle. Mit seinen 18 Jahren ist er aber natürlich auch noch jemand, der nicht immer die richtige Entscheidung trifft. Egal ob im Defensivzweikampf oder im Spielaufbau. Die Frage wird halt sein, ob dir der Franzose mit seinen unglaublichen Zweikampfqualitäten mehr gibt, als er dir durch grobe Fehler, die zu Gegentoren führen, nimmt. Mit Orban und Compper hat RB viel Abgeklärtheit und Ruhe im Kader, um die Unruhe eines Upamecano etwas auszugleichen oder auf die Bank zu verdrängen. Entwickelt sich Upamecano gut, dann wird sich wohl vor allem Compper mit längeren Bankzeiten anfreunden müssen. Für Konate gilt das sowieso.

Mittelfeld defensiv

Naby Keita (22), Diego Demme (25), Stefan Ilsanker (28), Konrad Laimer (20)

Im Normalfall sind Naby Keita und Diego Demme wohl gesetzt. Keita steht einfach mit seinen Qualitäten über allem. Und Demmes Art des Ballverteilens und Anspielstation auf dem ganzen Spielfeld sein kann einfach bisher kein anderer RB-Spieler ersetzen. Konrad Laimer hat sehr viel Potenzial, ein sehr aggressiver Sechser zu sein, aber als Demme-Ersatz gehen dem RB-Spiel dann eben auch die Fähigkeiten am Ball ab. Für Stefan Ilsanker wird es auf der Sechs derweil ganz eng. Er könnte natürlich auch noch in der Innenverteidigung und als rechter Verteidiger spielen, aber da stehen auch schon Spieler, die ihre Plätze nicht hergeben wollen. Auf Ilsanker könnte die Rolle zufallen, Lückenstopfer bei Ausfällen von anderen Spielern zu werden. Letztes Jahr wurde er dadurch quer durch den Defensivverbund gespült. Auch diese Saison dürfte seine Chance darin bestehen, dass er flexibel einsetzbar ist.

Mittelfeld offensiv

Emil Forsberg (25), Marcel Sabitzer (23), Bruma (22), Kevin Kampl (26), Dominik Kaiser (28)

Auf den Zehnerpositionen wird es diese Saison viel Gedränge geben. Bei dem es für Dominik Kaiser mit Einsatzzeiten ganz eng wird. Denn auf der rechten Zehn konkurriert er mit Sabitzer und Kampl. Letzerer wurde kurz vor Ende der Transferperiode noch dazu geholt, um endlich Konkurrenz für Sabitzer ins Team zu bringen. Das ist für einen wie Kaiser, der auch auf der rechten Zehn beheimatet ist, durchaus eine kleine Kader-Ohrfeige. Natürlich könnte Sabitzer auch als hängende Spitze in den Sturm rücken. Gerade unter Rangnick (aber auch unter Hasenhüttl)  hat er das ja auch häufig gespielt. Aber die Position auf der rechten Zehn in den Zwischenräumen, in denen er sich so gut bewegt, passt eigentlich besser zu Sabitzer als der Kampf gegen die Innenverteidigungen dieser Welt. Luxusprobleme gibt es auch auf der linken Zehn, wo Forsberg gegen Bruma kämpft. Auch Bruma kann man sich alternativ sicher mal im Sturm vorstellen. Zwischen den beiden ist Forsberg eher deutlich im Vorteil, weil er die Gesamterfordernisse des Hasenhüttl-Systems schon verinnertlicht hat. Bei Bruma ist es in seinem Positionsspiel und im Spiel gegen den Ball bisher noch ganz schön wild. Der Torabschluss des Portugiesen ist derweil natürlich atemberaubend.

Sturm

Timo Werner (21), Yussuf Poulsen (23), Jean-Kevin Augustin (20)

Im Sturm ist es nach dem Abgang von Oliver Burke etwas dünn geworden. Vor allem hinter Werner fehlt jemand, der die Rolle des Stürmers für die Wege in die Tiefe vom Typ her ähnlich spielen könnte. Insgesamt dürfte die dünne Besetzung aber auch kein allzu großes Problem sein, da mit Bruma und Sabitzer im offensiven Mittelfeld auch noch Spieler warten, die auch im Sturm spielen könnten. Interessant wird der Zweikampf zwischen Poulsen und Augustin. Von seinen ganzen Anlagen her ist Augustin der wesentlich komplettere Stürmer mit dem stärkeren Zug zum Tor. Auf Poulsens Physis und Qualitäten als Arbeiter gegen die gegnerische Innenverteidigung möchte man aber eigentlich auch nicht verzichten.

Nachwuchsakteure

Neben den insgesamt 24 Profispielern gibt es derzeit mit Federico Palacios (22), Nicolas Kühn (17) und Elias Abouchabaka (17) noch drei Nachwuchsakteure, die regelmäßig mit den Profis trainieren. Kilian Ludewig oder Erik Majetschak lauern dahinter schon genauso wie einige andere. Aber 17 ist halt auch noch ein extrem junges Alter. Warum man Palacios diese Saison noch behalten hat, erschließt sich nach Ende der Transferperiode nicht wirklich. Als Local Player braucht man ihn nicht. Sportlich wird es für ihn ganz schwer und ist das Trainervertrauen nicht unbedingt extrem ausgeprägt. Palacios hätte mit seinen 22 Jahren einen guten Drittligisten und regelmäßige Spielzeit gebraucht. Die kommende Saison scheint schon jetzt eine verlorene. Zumal mit dem 17-jährigen Kühn einer mit den Profis trainiert (bzw. trainieren sollte, wenn er nicht verletzt ist), der als Stürmer eingesetzt werden kann und von seiner Qualität her nicht wirklich hinter Palacios steht. Generell muss man bei der Armada an 17-Jährigen im RB-Nachwuchs, die man mit Hoffnungen überfrachten könnte, vorsichtig sein. Abouchabaka ist hinsichtlich der Handlungsschnelligkeit noch nicht so weit. Ludewig wirkt manchmal so zappelig wie einst ein Gipson. Am ehesten hat ein Majetschak vielleicht schon jetzt ein reifes Auftreten, das einen von der Ausstrahlung und vom Kopf her an einen Profi erinnert.

Insgesamt war es aus RB-Sicht eine sehr gute Transferperiode, bei der man im festgelegten Budgetrahmen das Grundgerüst der Mannschaft weiter gestärkt und den Kader deutlich breiter aufgestellt hat. Mindestens 17 Feldspieler, die man ohne größere Probleme gegeinander austauschen kann. Das ist sicherlich ordentlich. Klar sind Spieler wie Werner und Keita auf Dauer nicht zu ersetzen, aber prinzipiell wird man für viele Aufgaben, die die Saison stellt, Lösungen präsentieren können.

Vielleicht gibt es hinter der Qualität der letzten Reihe ein paar Fragezeichen. Den Außenverteidigern fehlt offensiv noch ein bisschen die Dynamik, auch wenn das Potenzial bei Klostermann und Halstenberg dafür sicherlich da ist. Und in der Innenverteidigung verfügen nicht alle Akteure über ein herausragendes Tempo. Aber Ralph Hasenhüttl hat bisher auf seinen Trainerstationen gezeigt, dass er seine Mannschaften defensiv immer gut organisiert kriegt. Wird halt viel davon abhängen, wie gut die Mannschaft als ganzes arbeitet.

Wenn man es aufstellungstechnisch mal zum jetzigen Zeitpunkt durchgeht, dann könnte es auf folgendes hinauslaufen.

  • 4-2-2-2: Gulacsi – Klostermann, Orban, Upamecano (Compper), Halstenberg (Bernardo) – Keita (Laimer), Demme (Laimer) – Kampl (Sabitzer), Forsberg (Bruma) – Werner, Augustin (Poulsen)
  • 4-1-2-2-1: Gulacsi – Klostermann, Orban, Upamecano (Compper), Halstenberg (Bernardo) – Ilsanker (Laimer) – Keita, Demme (Kampl) – Werner (Sabitzer), Forsberg (Bruma) – Poulsen (Augustin)

Das aber nur als grobes Schema, zumal auf einigen Positionen die Differenz zwischen Klammern und keinen Klammern nicht groß bis nicht existent ist.

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Mannschaftsfoto ohne Wert. Schon kurz nach Saisonstart ist es nicht mehr aktuell. | GEPA Pictures
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