Nachhaltigkeitsdebatten ohne erhobenen Zeigefinger

Fühlt sich zwar schon wieder wie drei Monate her an, aber vor gar nicht allzu langer Zeit war dieser Blog ja aus Urlaubsgründen geschlossen. Die Zeit, wo man auch mal etwas länger und am Stück dazu kommt, alles mögliche wegzulesen, was über das Jahr liegengeblieben ist. Zeitschriften und Bücher mit sportlichem, aber auch nicht sportlichem (oder nur methaporisch sportlichem) Inhalt.

Zu meiner Urlaubslektüre gesellte sich auch ein Buch, was mir einer der Blogleser namens Till dankenswerterweise von meiner Wunschliste zukommen ließ. Dabei handelt es sich um Ronny Blaschkes Gesellschaftsspielchen*.

Den Autor war kürzlich schon bei einer Rasenballisten-Diskussionsrunde im Theater der Jungen Welt im Anschluss an das Stück „Juller‘ als recht klarer, angenehm und vernünftig argumentierender Mensch aufgetreten. Blaschke ist Journalist und als solcher vor allem mit Themen an der Schnittstelle zwischen Sport und Politik beschäftigt. Man kann ihn im Radio beispielsweise im Deutschlandfunk immer mal wieder als Autor verschiedener Stücke hören. Buchtechnisch hat er mal über Marcus Urban, einen schwulen Fußballer und über Rechtsextremismus im Fußball, in dem es unter anderem um Lok Leipzig ging, geschrieben.

Das neueste Buch dreht sich um alles, was sich unter dem Oberbegriff zivilgesellschaftliches Engagement zusammenfassen lässt. Also um die gesellschaftliche Dimension von Fußball, seiner Organisationen und all der Akteure drumherum. Ein Bereich, der in den letzten Jahren und vor allem seit den 90ern an Wichtigkeit immer weiter zugenommen hat.

Wenn mal von der Eingangsthese des Buches absieht, dass der Fußball mit seiner Fokussierung auf „sportliche Helden und Versager“ und mit seinen Versuchen immer weiter zu wachsen, scheitern wird (ein Ende des weltweiten Wachstums ist gerade für die Spitze des Fußballs aber eigentlich nicht wirklich abzusehen) und es deswegen mehr gesellschaftliche Relevanz braucht, liefert das Blaschke-Buch viele interessante Einblicke.

Weil es zu weiten Teilen auf eine allzu dogmatische Parteinahme verzichtet (und doch immer wieder klar wird, wo sich der Autor selbst verortet) und es tatsächlich schafft, einen vielfältigen Überblick über den Status Quo an Aktivitäten und ihrer historischen Entwicklung zu liefern. Und genau in dieser Deskription und im Zuwortkommenlassen von völlig unterschiedlichen Akteuren vom DFB/DFL über Dietmar Hopp bis zum Ultra liegt die große Stärke der insgesamt 300 Seiten, die man entsprechend mit viel Erkenntnisgewinn liest.

Das fängt bei Gerd Liesegang, Vizepräsident beim Berliner Fußballverband, an, der quasi durch Learning by doing immer wieder an konkreten Vorkomnissen ansetzte und Wege fand, Menschen zusammenzubringen und Konzepte zur Deeskalation und gegen Rassismus umzusetzen. Ohne ganz große Kulisse und demonstratives Fingerwinken von oben, sondern ganz normal im Alltag eines Fußballverbands, in dem immer wieder Probleme auftauchen.

Interessant auch die Ausflüge in die Aktivitäten von Profis im Rahmen von Stiftungen. Ein Interview mit Per Mertesacker hat das Buch dazu in petto, aber auch ein paar Einblicke in die Arbeit der Stiftung von Philipp Lahm. In diesem Zusammenhang vielleicht erwähnenswert, dass streetfootballworld die Initiative Common Goal ins Leben gerufen hat, die Fußballer dazu bringen will, ein Prozent ihres Gehalts zu spenden, sodass damit ein großes Netzwerk an globalen Initiativen zu fördern. Der Fußballer also selbst als jener, der etwas zurück an die Welt gibt, durch die er (finanziell) groß geworden ist.

Spenden ist ein gutes Stichwort, denn durchaus interessant ist auch ein längeres Interview mit Hoffenheims Dietmar Hopp. Dessen Stiftung kann jedes Jahr eine zweistellige Millionensumme investieren und in Projekte in der Region stecken. Der schlägt vor, dass jeder Verein im Zuge der Lizenzierung quasi dazu gezwungen wird, drei Prozent seines Jahresumsatzes für gesellschaftliches Engagement auszugeben. Die letzte Bilanz der Bayern wies einen Umsatz von 626 Millionen Euro aus. Das wären dann knapp 19 Millionen, die in entsprechende Vorhaben gesteckt werden könnten. Bundesligaweit käme da schnell eine dreistellige Millionensuppem zusammen. Das ist deutlich jenseits dessen, was die Vereine derzeit in diesem Bereich ausgeben.

Wobei man fairerweise auch dazu sagen muss, dass der Fußball auch nicht bei Null anfangen würde. Jeder Verein hat auf die eine oder andere Art etwas mit Corporate Social Responsability, kurz CSR (so etwas wie die unternehmerische Verantwortung für die Gesellschaft) zu tun. Dietmar Hopp sieht hier aber beispielsweise für Hoffenheim noch deutlich Nachholebedarf, gesellschaftliche Verantwortung zu tragen und in Kooperationen auch zu leben. Man brauche Transparenz und müsse „nachvollziehbare Projekte anschieben“. Daran arbeite man intensive.

Am weitesten ist laut Blaschke-Buch diesbezüglich Werder Bremen. Die organisieren ihr Engagement unter dem Titel „Werder bewegt – lebenslang“. Eine siebenstellige Summe fließt in die Aktiviten. Ein Netzwerk von mehr als 300 Partnern hat man sich in einer Stadt von ähnlicher Größe wie Leipzig aufgebaut. Corporate Social Responsability ist als eigene Abteilung zusammen mit der Fanbetreuung direkt unterhalb der Geschäftsführung angesiedelt und hat entsprechend Rückendeckung von ganz oben und Gestaltungsspielraum, den andere so nicht haben. Dabei ist die Leiterin Anne-Kathrin Laufmann niemand gewesen, die direkt aus dem Fußball kam. Sondern eher ein kreativer Kopf, der darauf bedacht war, in der entsprechenden Abteilung Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen und gar nicht so sehr unbedingt mit Fußballinteresse zu versammeln.

Werder Bremen ist sicherlich nicht das Schlaraffenland, aber der Art der Beschreibung nach ist die CSR-Struktur durchaus vorbildhaft. Wobei da am Ende wohl jeder seinen eigenen Weg finden muss. Fakt ist, dass das Thema immer wichtiger wird, was sich auch darin widerspiegelt, dass Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 40 Millionen Euro (also auch RB Leipzig) künftig (beginnend mit dem Jahr 2017) Berichte über ihre Investitionen in Nachhaltigkeit in entsprechenden Berichten Auskunft geben müssen.

Bei RB ist das CSR-Thema mit in die Marketing- und Kommunikationsabteilung integriert. Als junger Verein kam man einst eher als Dienstleister in die Stadt, bevor man begann, sich auch in der Stadt zu verwurzeln. Nicht immer verfuhr man in den letzten Jahren nach dem Motto, dass man drüber reden sollte, wenn man gutes tut. Die Wege zum Verein und zum Aushelfen waren da meist durchaus recht kurz. So richtig koordiniert schien es aber selten, sondern wirkte manchmal eher wie eine Frage des persönlichen Kontakts, ob da nun was entsteht oder nicht.

Das Andocken im Marketing und in der Kommunikation verweist auch darauf, das CSR durchaus kein unwichtiges Kommunikationstool ist (nicht nur in Leipzig, auch beim Bremer CSR geht es natürlich auch um Images, PR und positive, öffentliche Kommunikation). Dass man mit Ingo Hertzsch und Perry Bräutigam zwei Menschen in den CSR-Bereich geschoben hat, die über eine gewisse lokale und überregionale Bekanntheit als Ex-Fußballer und Vereinsmitarbeiter verfügen, verweist auch darauf, dass die Außenwirkung für den Verein und für die entsprechenden Projekte groß werden soll bzw. wichtig ist. Wie ideal es ist, einfach ehemalige Fußballer oder Trainer des Vereins (so wie Christian Müller derzeit in der Fanbetreuung unterwegs ist) in Bereiche zu stecken, in denen sie vielleicht eher über ihre Bekanntheit denn fachliche Qualifikation wirken sollen, müsste man im Einzelfall bewerten. In Bremen geht man da in der Organisationsstruktur offenbar einen deutlich anderen Weg.

Projekttechnisch bestellt RB Leipzig derweil das Feld auf unterschiedlichen Wegen. Das beginnt bei einfacher Unterstützung von Initiativen wie „Paulis Momente hilft“ (Unterstützung schwer kranker Kinder) oder der Stiftung Kinderklinik Leipzig. Man unterstützt in Vergangenheit und Gegenwart Initativen gegen Rassismus („Schule ohne Rassismus“ oder „Show Rassism the red card“). Behindertenfantag, Glühwürmchenumzug mit Spende der Einnahmen, Typisierungsaktionen bei der DKMS, Stadtteilturnier in Zusammenarbeit mit einem Sponsor. Aber auch interne Schulungen zu Depression oder im kleinen Angebote wie „Fußballfans im Training“, wo männliche Fans bei RB einen zwölfwöchigen Fitnesskurs belegen können, um dort bei Bedarf überflüssige Pfunde loszuwerden. Oder der (kommunikative) Support für Anhänger, wenn diese Kleiderspenden organisieren.

Die Bandbreite dessen, was RB macht, ist durchaus breit, auch wenn man heikle oder politisch wirkende Themen gern ausspart. Aber es wirkt trotzdem seltsam unverbunden. Vielleicht einfach, weil die Transparenz nach außen eher gering ist, wie eine Studie für die letzte Spielzeit erklärt. Inzwischen sind bei RB diverse Kommunikationskanäle aus dem Boden geschossen. Eine gesammelte Kommunikation im Bereich der Corporate Social Responsability gibt es aber nicht. Wobei das natürlich auch wieder den Nachteil hätte, dass Organisationen und Unternehmungen, die man mit kommunikativer Reichweite pushen will, bei Kommunikation über Extra-Kanäle viel Reichweite verlieren. Weil natürlich rund um den Fußball vor allem den Fußballern und den Vereinen gefolgt wird. Den sozialen Aktivitäten von Spielern und Vereinen folgt dagegen (bei eigenen Kommunikationskanälen) nur ein Bruchteil.

Bleibt natürlich offen, in welche Richtung sich das Engagement im Bereich des CSR in Leipzig künftig bewegen wird. Derzeit wirkt es nach außen immer noch ein wenig aufgesetzt und wie eine Kommunikationsmaßnahme. Wobei es auch immer wieder Aktionen gibt, die natürlich daherkommen. Aber an anderer Stelle wie jüngst bei der oben genannten, von RB-Anhängern organisierten Diskussionsrunde mit Ronny Blaschke unter anderem über Antisemitismus im Fußball vermisst man dann den Verein als lokalen Player trotzdem. Anknüpfungspunkte auch an diese Form der Auseinandersetzung gäbe es über den Cottaweg, wo in der Nazizeit Zangsarbeiter untergebracht gewesen sein sollen, durchaus.

Problematisch werden die Dinge wie immer, wenn das CSR-Thema zu einem ideologischen Monstrum aufgeblasen wird. „Wir sind keine Fußball AG, die nur das Ziel hat, den Gewinn zu mehren“, heißt es beispielsweise in Dortmund. Natürlich von jenem BVBler, der auch fürs Marketing im Verein verantwortlich ist. Letztlich ist es in Deutschland oft so, dass aus ganz normalen Dingen gleich eine Kultur gemacht wird, für die man sich dann feiern kann. Und/ oder versucht tunlichst den Eindruck zu vermeiden, dass man wirtschaftliche Kerninteressen (igitt) haben könnte. Nein, Gewinnvermehrung als zentrales Ziel öffentlich auszurufen, wäre verpönt, selbst bei einer KGaA. Abusrde Geschäfte betreiben immer nur die anderen, möglichst im Ausland und wenn nicht, dann findet man im Inland auch immer noch zwei, drei von denen man sich ideologisch abgrenzen kann.

Sei das wie das sei, am Ende ist Nachhaltigkeit im CSR-Sinne eine schlichte Notwendigkeit für jedes Unternehmen. In England ist das aufgrund der historisch begründeten Nichtverantwortlichkeit des Staates sowieso das normalste der Welt für Unternehmen, im lokalen Umfeld auch im sozialen Bereich handelnder Akteur zu sein. Nachhaltigkeit heißt da auch, dass man eben mit seinem Umfeld interagiert und sich mit diesem dauerhaft vernetzt. Das ist nicht nur eine Frage von selbstloser Hilfe, sondern eben schlicht auch von nachhaltiger Eigenexistenzsicherung. Es ist halt einfach pragmatisch, als Fußballverein mit seiner Umwelt zu interagieren und zu kooperieren und sich nachhaltig zu vernetzen, wovon dann beide Parteien partizipieren. Eigentlich ist es auch ohne große Ideologie-Blase relativ einfach.

Wie gesagt, genau an diesen Stellen, an denen das Buch beschreibend daher kommt und aufzeigt, wo der Fußball als Objekt, für das sich breite gesellschaftliche Schichten interessieren, mehr sein kann als nur 90 Minuten, sondern Teil der Stadtgesellschaft (oder bei Verbänden auch darüber hinaus), hat es seine Stärken. Gerade Kindern und Jugendlichen kann man über den Fußball und ihre Idole Dinge vermitteln, für die sie sonst nicht offen sind. „Lernort Stadion“ macht sich dies zunutze. Aber auch viel kleinere Geschichten bis hin zu Eltern-Kind-Kursen oder was auch immer können Teil dessen sein, wie sich ein Verein in einer Stadt verankert.

Spannend auch die Darstellung von Widersprüchlichkeiten im Buch. Groß angelegte Kampagnen für viel Geld, die eher auf Bekenntnisebene verbleiben vs. wenig Geld für Praxisprojekte. Aber auch Aktionen, die die Basis der Amateurvereine nicht mehr mitnimmt, weil sie mit noch mehr Informationsmaterial und wogegen sie nun schon wieder was machen sollen, oft auch überfordert sind. Aus Organisationsgründen, aus Zeitgründen, aber ebenso sicher manchmal aus inhaltlichen Gründen. Und die 300 Seiten haben auch ihre lustigen Momente, wenn der Energieversorger Entega in Mainz nicht nur Stromsparkonzepte entwickelt, sondern sich auch noch wünscht, dass im Stadion dann von den Tribünen En-te-ga gerufen wird. ‚Heute wurde in Mainz wieder eine kWh Strom gespart und das ganze Stadion stand Kopf ob dieser Bilanz.‘ Oder so.

Letztlich ist die Verankerung des Fußballvereins als einer der wichtigsten und emotionalisierensten Player einer Stadt eben in seinem Umfeld eine zentrale Aufgabe für die Klubs. Aus Gründen der nachhaltigen Eigenexistenzsicherung und der Verantwortung gebenüber dem Umfeld. Dass da im deutschen Fußball schon auf Organisationsebene noch viel Luft nach oben ist, zeigt das Buch sehr schön auf ohne dabei zu penetrant mit dem Zeigefinger zu winken. Eine schöne und interessante und überhaupt nicht langatmige Lektüre, nicht nur für Urlaubstage.

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Beim Anhang von RB Leipzig ist das "Rasenball gegen Rassismus"-Banner bei jedem Spiel Pflicht. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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Ein Gedanke zu „Nachhaltigkeitsdebatten ohne erhobenen Zeigefinger“

  1. Schönes Ding.
    Ich habe mir letztens mal die Sportbild gekauft, nur wegen dem Interview von Dietrich Matteschitz. Da kam von ihm auch der Satz, daß die Spieler sich sozial engarieren sollen, aber eben nicht öffentlich.
    Matteschitz ist in der Beziehung was Spenden und Projekte angeht sehr zurückhaltend, was die Außendarstellung betrifft und hängt das eben nicht an die große Glocke. Das ist natürlich ein großer Spagat vom Verein zwischen dem, was man nach Außen kommuniziert und dem, was man eben macht.
    Aber 7 Jahre nach Gründung vom Verein, da kann das alles noch nicht so stehen, wie eben in Bremen.

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