Kaderschmiede RB Leipzig 2017/2018 – Update 2

Ralf Rangnick hat gestern via BILD die Kaderplanung bei RB Leipzig für beendet erklärt. Man hat die von Anfang an als Ziel avisierten 20 Feldspieler (plus ein paar Nachwuchsakteure) zusammen. Und man hat die Abgänge und Leihspieler allesamt verarztet und neue Vereine oder neue Leihstationen gefunden. Entsprechend kann man Anfang August und einen Monat vor Schließen des Transferfensters mit den Händen im Schoß ganz entspannt zugucken, wie es auf dem Spielermarkt Europas so weitergeht.

So zumindest, wenn alles ruhig läuft. Falls dann doch noch ein Puzzlestein fällt, sich jemand verletzt oder weg will oder sich vielleicht ja noch die Möglichkeit eines Schnäppchens oder eines Talents oder eines einzuarbeitenden Keita-Nachfolgers ergibt, dann wird man die Kaderplanung sicher noch mal neu beleben. Wenn nicht, dann hat man nach im Kern sechs Neuzugängen (Mvogo, Köhn, Konaté, Laimer, Bruma, Augustin) und drei Abgängen (Selke, Khedira, Müller) ein passendes Team zusammen.

Wobei weiter die Frage steht, ob man mit dieser Besetzung für drei Wettbewerbe breit genug aufgestellt ist. Wie letztens hier gezeigt, setzte kein Team der Bundesliga in der vergangenen Saison lediglich 20 Feldspieler oder weniger ein. Mindestens 21 Spieler waren es überall. Bei RB waren es 22 (da waren aber auch noch Kalmár und Bruno dabei, die dann letzten Sommer kurz vor Schließen des Transferfensters noch gingen). Bei neun Mannschaften waren es mehr als 24 eingesetzte Feldspieler. Mit 20 Kickern plus 4 Torhütern plus 4 Nachwuchsakteuren (also rund 24 Feldspielern) in die Saison zu gehen, scheint entsprechend erstmal ein ziemlich eng gesetzter Kader, wenn man kein U23-Pool zum Nachrücken mehr hat. Für die Nachwuchsakteure verbindet sich damit aber auch die realistische Hoffnung, zumindest in der Liga ein paar Einsatzzeiten abzubekommen.

Tor

Peter Gulacsi (27), Yvon Mvogo (23), Fabio Coltorti (36) Philipp Köhn (19)

Eigentlich war im Tor der Zweikampf um die Nummer 1 zwischen Peter Gulacsi und Yvon Mvogo ausgerufen worden, während Fabio Coltorti und Philipp Köhn in Mentoren- bzw. Lernrolle dahinter den Kader für Notfälle ergänzen. Doch der Zweikampf ist vermutlich schon wieder (vorerst) beendet, bevor er überhaupt richtig in Gang kam. Denn in den bisherigen Testspielen sammelte Neuzugang Yvon Mvogo keine entscheidenden Argumente, den aufgrund der letzten Saison sowieso ganz leicht vorn stehenden Gulacsi aus dem Kasten zu verdrängen.

Perspektivisch bleibt das Tor trotzdem gut besetzt. Mit Gulacsi hat man eine solide, konstant spielende Nummer 1 ohne ganz große Ausschläge nach oben oder nach unten. Mit Yvon Mvogo hat man einen Keeper, der von Talent und Art des Torwartspiels her sicherlich auf ein höheres Niveau als Gulacsi kommen kann. Zumindest in den Testspielen streute er aber noch einige Unsicherheiten ein, die man sich auf Bundesliga-Niveau nicht leisten sollte.

Außenverteidigung

Lukas Klostermann (21), Marcel Halstenberg (25), Bernardo (22), Benno Schmitz (22)

Drei aus vier dürfte es im Normalfall auf der Position des Außenverteidigers heißen. Klostermann, Halstenberg und Bernardo sicherlich mit den besten Karten auf Einsätze in den ganz wichtigen Spielen. Benno Schmitz aber auch mit Chancen, ordentlich Einsatzzeit zu sammeln.

Ein Fragezeichen steht noch hinter Lukas Klostermann. In den Testspielen wirkte er bisher etwas gehemmt und zurückhaltend und nicht so dynamisch-selbstbewusst wie noch vor einem Jahr bei den Olympischen Spielen oder auch im ersten Bundesliga-Spiel gegen Dortmund. Die Spielpause war mit fast einem Jahr ordentlich lang, von daher muss man wohl auch erst mal abwarten, wie schnell er wieder auf dem Niveau von vor dem Kreuzbandriss agiert. Generell kann man sich fragen, auf welchem Niveau die Außenverteidiger agieren können. Da gibt es Potenzial in alle denkbaren Richtungen.

Innenverteidigung

Willi Orban (24), Dayot Upamecano (18), Marvin Compper (32), Ibrahima Konate (18)

In der Innenverteidigung läuft es wie in der Außenverteidigung auch darauf hinaus, dass drei der vier Kandidaten die Kernbesetzung bilden. Orban, Upamecano und Compper dürften im Normalfall die Plätze unter sich ausmachen. Konaté bleibt sicherlich auch noch die Möglichkeit von Einsätzen in der Youth League oder in der U19-Bundesliga. Aber auch ein paar Einsätze in der Bundesliga dürfte es geben. Von seiner ganzen Physis her ist er schon enorm weit.

Von Orban und Compper sind die ganz großen Leistungsexplosionen nicht nehr zu erwarten. Compper hat sich in den letzten eineinhalb Spielzeiten zu einem routiniert-sicheren und sehr konstanten Innenverteidiger gemausert. Orban ist die zweikampfstarke, aber auch recht gelblastige und nicht ganz schnelle, aber zuverlässige Option daneben, der in den nächsten Monaten zeigen will, dass er vielleicht auch ein Kandidat für die WM ist. Upamecano ist in dem Quartett derzeit sicher der talentierteste Spieler und könnte eine wichtige Rolle im Defensivverbund spielen. Allerdings ist er mit seinen 18 Jahren natürlich auch noch anfällig für fehlende Konstanz und Fehler hier und dort.

Mittelfeld defensiv

Naby Keita (22), Diego Demme (25), Stefan Ilsanker (28), Konrad Laimer (20)

Das defensive Mittelfeld ist sehr ausgeglichen besetzt. Da wird es mal eben ordentliche Härtefälle in der kommenden Saison geben. Naby Keita ist vielleicht der einzige Spieler im Kader, der unersetzlich ist und für dessen Art, von der Sechs aus ins Offensivspiel einzugreifen, es unter den Kollegen auch keine wirkliche Alternative gibt.

Denn Demme, Ilsanker und Laimer sind allesamt andere Typen als Keita. Demme ist der Dauerläufer und Ballverteiler. Ilsanker und Laimer sind stark darin, von der Sechs aus nach vorn zu verteidigen. Laimer bringt noch einiges als Potenzial mit, braucht aber vielleicht auch noch ein bisschen, um sich an die Spielweise bei RB Leipzig und die schnellere Geschwindigkeit in der Bundesliga zu gewöhnen. Ilsanker kann als Allrounder auch immer mal in der Innenverteidigung oder rechts hinten gefragt sein.

Mittelfeld offensiv

Emil Forsberg (25), Marcel Sabitzer (23), Bruma (22), Dominik Kaiser (28)

Auch wenn der bisherige Kapitän Dominik Kaiser auf mehr Einsatzzeiten hofft, dürften im offensiven Mittelfeld oft die drei anderen Spieler den Vorzug bekommen. Wenn sie gesund und frisch sind. Forsberg, Bruma und Sabitzer, das sind sehr unterschiedliche, aber hochklassige Typen, an denen vorbeizukommen für Kaiser extrem schwer werden wird.

Schon aus dem Trio Forsberg, Sabitzer, Bruma einen auf die Bank zu setzen, wird kein einfacher Job für Ralph Hasenhüttl. Forsberg, der großartige Spieler im ersten Kontakt, der es als Vorbereiter und als Torschütze kann. Bruma, der noch mal andere Qualitäten im strafraumnahen Dribbling ins Team bringt, aber auch ein Auge für Mitspieler hat. Und dann Sabitzer, der so gut darin ist, sich in den Räumen zu bewegen und dort als Anspielstation zur Verfügung zu stehen und der immer mit einem hohen Laufaufwand agiert, aber im Abschluss von der Zehn aus auch noch besser werden kann.

Sturm

Timo Werner (21), Yussuf Poulsen (23), Oliver Burke (20), Jean-Kevin Augustin (20)

Auch im Sturm kann man vorerst mal von drei Spielern ausgehen, die die Haupteinsatzzeit unter sich ausmachen. Timo Werner ist mit seiner Geschwindigkeit und seinem Torabschluss sowieso erstmal gesetzt. Daneben kämpfen dann Poulsen und Augustin um den zweiten Platz, je nachdem ob man mehr Zweikampfstärke und Wühlerei oder mehr Abschlussqualität und spielerische Stärke braucht. Oliver Burke ist in dem Quartett so etwas wie der Werner-Ersatz, der bei weiterer positiver Entwicklung auch generell zu einer ernsthaften Alternative heranwachsen kann.

Nachwuchsakteure

Daneben gibt es derzeit mit Federico Palacios (22), Nicolas Kühn (17) und Elias Abouchabaka (17) noch drei Nachwuchsakteure, die regelmäßig mit den Profis trainieren. Der vierte Platz ist noch frei. Derzeit bleibt unklar, ob der noch vergeben wird bis zum Ende der Sommerpause oder ob dieser Platz über die Saison varbiabel von verschiedenen U19-Spielern besetzt wird.

Alle drei Spieler sind eher Offensivspieler. Palacios ist sicherlich auf eine der beiden Sturmpositionen festgelegt. Kühn kann man sich nicht nur auf seiner Position des Stürmers, sondern auch auf der Zehn vorstellen. Und Abouchabaka spielte bisher in der Vorbereitung auf der Zehn und auf der Sechs. Wobei er auf der defensiven Position etwas stärker wirkte, weil er da mehr Zeit hatte, Aktionen mit Übersicht zu entwickeln, während es für ihn auf der Zehn (noch) einige Male zu schnell ging.

Zuletzt waren auch Kilian Ludewig und Erik Majetschak mit beim Emirates Cup. Neben Kühn und Abouchabaka sind das die anderen beiden RB-Spieler, die zuletzt zur deutschen U17-Nationalmannschaft gehörten. Majetschak ist ein Sechser. Ludewig ein Außenbahnspieler, der in seiner Ungestümheit ein wenig an Ken Gipson erinnert und noch nicht auf eine offensive oder defensive Position festgelegt ist.

Welche Rolle die anderen U19-Akteure Kilian Senkbeil, Dominik Minz, Marc Dauter und Mert Yilmaz spielen werden, ist noch unklar. Alle vier haben Lizenzspielerverträge unterschrieben (während Kühn, Abouchabaka, Ludewig und Majetschak dafür noch zu jung sind). Aus Vereinssicht zunächst mal auch um die Local-Player-Regelung (vier Spieler im Kader, die zwischen 15 und 21 drei Jahre lang im eigenen Verein ausgebildet wurden) und die Deutschquoten-Regelung (mindestens 12 deutsche Spieler im Kader) zu erfüllen. Für alle vier ist es die letzte Saison im RB-Nachwuchsbereich.

Insgesamt

Ein kleines Fragezeichen verbleibt, ob die Kaderbreite bei RB Leipzig wirklich für drei Wettbewerbe ausreicht. Man wird diese Saison (wenn man vom Weiterkommen in Dorfmerkingen ausgeht) mindestens 42 Pflichtspiele bestreiten. Gerade bis zur Winterpause warten diverse englische Wochen auf die RasenBallsportler.

Aktuell stehen vielleicht 16 Spieler für zehn Feldspielerpositionen im Kader, die man ohne größere Verluste gegeneinander austauschen und rotieren kann. Von seiner Art und Qualität her praktisch unersetzbar ist dabei wohl nur Naby Keita. Mit Abstrichen und wenn er noch mal auf dem Niveau des Vorjahrs spielt, dann auch Timo Werner. Bruma kann an guten Tagen einen eventuellen Forsberg-Ausfall sicherlich ordentlich ersetzen.

16 Spieler, mit denen man rotieren kann, dahinter noch Kaiser, Schmitz, Burke und Konaté, die davon auch nicht weit weg sind, das ist grundsätzlich erstmal ordentlich und sollte so auch passen, um das Ziel, auch in der kommenden Spielzeit einen Platz in Europa zu erkämpfen, ein realistisches werden zu lassen. Hängt halt auch ein bisschen davon ab, mit was für Verletzungen man zu kämpfen hat und ob die sehr jungen Nachwuchsakteure von hinten ein wenig Druck aufbauen oder wenigstens mal 20 gute Bundesliga-Minuten einstreuen können.

Kleines Stirnrunzeln bleibt auch bezüglich der Defensive. Acht Abwehrspieler hat man und dazu Ilsanker, der dort aushelfen kann. Macht neun Spieler für vier Positionen. Aus dem Nachwuchsbereich kommt dahinter aber praktisch gar nichts mehr. Das kann im Fall der Verletzungsfälle auch mal dünn werden. Auf den Positionen von der Sechs an nach vorn ist man auch durch die Nachwuchsakteure deutlich breiter besetzt und hat mit Kaiser, Sabitzer, Burke oder Keita noch verschiedene noch Akteure, die auf verschiedenen Positionen einsetzbar wären.

Insgesamt macht der Kader in der Form wie er vorliegt zum aktuellen Zeitpunkt aus rein sportlicher Sicht absolut Sinn. Ein Kader, in dem noch einiges an Entwicklungspotenzial steckt. Ob das dann am Ende auch funktioniert, wird erst die Saison zeigen. Man hätte sich halt vielleicht eine Verpflichtung mit Bundesliga-Hintergrund wie Maximilian Philipp noch vorstellen können und vielleicht noch einen Defensivmann wie einen Außenverteidiger mehr. Aber gegen die 20 + x Feldspieler und die vier Keeper, so wie sie jetzt die Mannschaft bilden, ist auch wenig einzuwenden.

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Ralf Rangnick ist wieder mal als Kaderplaner gefragt und dürfte einen bewegten Transfersommer vor sich haben.. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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4 Gedanken zu „Kaderschmiede RB Leipzig 2017/2018 – Update 2“

  1. Ich bin gespannt wie ein Schlüpfergummi!
    Vielen Dank für deine Analyse, welche sich mit meinen Überlegungen absolut deckt.
    Schön wieder von dir zu lesen 🙂

  2. Danke für die sachliche Einschätzung. Zu Burke und London: Er kann ein ganz großer werden. Petersons Spruch;“Der eine springt hoch wie ein Pferd, der andere….“ traf in London in beiden Eigenschaften voll auf Burke zu. Wir waren alle begeistert.

  3. Wie immer eine gelungene Übersicht.
    Definitiv gibt es im August noch einige Auswirkungen nach dem Neymar-Transfer, wenn so viel Geld und Nachfrage auf dem Markt ist. Hoffentlich bleiben wir da verschont.

    Bei der IV hatte ich ja noch auf Chabot gehofft, nun ja. Aber es sollte ja trotzdem passen. Demme und auch ja Kaiser haben ja auch AV gespielt. Zudem weiß man ja nicht, ob RH ja nicht 3/5er Kette spielen wird.

    Was dazu kommt, wem „schenkt“ er die CL? Sprich, läßt er die Top-Elf am Di/Mi spielen oder ist das Hauptaugenmerk doch die Buli? Oder eben die aufgeführten Schlüsselspieler wie Forsberg oder Keita? Möchte da echt nicht in der Haut vom Trainer stecken.
    Einen Marcel Sabitzer würde er es nur per SMS mitteilen, daß er nicht spielen wird 😉

    Hoffentlich hat man aus dem München-Auswärtsspiel gelernt als u.a. eben Keita angeschlagen war und trotzdem spielte. Aber nun hat RH genug Alternativen, die er bringen kann.

    Dazu kommt ja noch die traditionelle Rasenballer-Grippe 😉

    Ich weiß, es kommt bestimmt noch ein Blog von Dir über YCL, aber schon mal eine Frage: Wer könnte denn da alles spielen? Konate, Upa? Oder auch Kühn bzw. Abouchabaka?

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