How to survive Bundesliga – kein Guide

Das erste Jahr Bundesliga. Für RB Leipzig, aber irgendwie auch für mich. Zumindest, wenn es um tatsächliche Nähe zum Gegenstand geht. Denn die letzten Versuche mit der höchsten Liga des Landes lagen schon 20 Jahre zurück und waren als lockere Liebelei mit dem BVB eher fernnah als nahnah. Falls das irgendwie selbsterklärend genug ist.

Zuletzt fragte mich jemand, ob ich die Saison nicht noch mal aus persönlicher Sicht Revue passieren lassen will. So vor dem Hintergrund, dass ich einmal durch alle Bundesligastadien reisen durfte. Um dann einen Eindruck von der Liga und ihren Facetten zu geben.

Tatsächlich bin ich mir nach dem Jahr noch nicht mal so richtig sicher, ob es schon so etwas wie einen Gesamteindruck jenseits von ‚irgendwie seltsam‘ gibt. Das Jahr schoss so dahin. Der sportliche Erfolg war in vielerlei Hinsicht unerwartet und fühlte sich entsprechend surreal an.

Das hat wohl wesentlich damit zu tun, dass man sich gerade mal halbwegs in dieses Bundesliga-Dinges (bzw. in dessen sportlichen Teil) reingefunden hat und dann plötzlich die Champions League vor der Tür steht. Die wohl noch weiter jenseits des (bzw. meines) direkten Erahrungshorizonts liegt als die Bundesliga dies bis vor kurzem tat. Für jemanden wie mich, für den eher der Weg das Ziel ist und nicht das Ziel selbst, fühlt sich das Springen von Erfolg zu Erfolg und Wettbewerb zu Wettbewerb immer auch etwas ungewohnt an.

Dabei war man doch mit so einem Gefühl von ‚endlich mal irgendwo ankommen‘ in die letzte Saison gegangen. Nach sieben Spielzeiten, in denen es mal intensiver, mal weniger intensiv, aber thematisch doch immer irgendwie um den Aufstieg oder dessen Verpassen ging, schien vor dieser Saison nichts so klar, als dass man mal irgendwo einfach mitspielt und nicht per se im Mittelpunkt des Interesses steht. Zumindest nicht im Mittelpunkt des sportlichen Interesses.

Denn wenn man mal die Transferausgaben beiseite lässt, spielte da ein unerfahrenes Team mit Kaderkosten irgendwo im Bundesligaschnitt. Kein Abstiegskandidat, aber auch kein Kandidat für Heldentaten. Viel Potenzial für graue Masse. Eigentlich.

Und dann kam diese Saison, in der dann doch wieder alles irgendwie in Hektik ausartete. Auf und neben dem Platz. Eine Saison, in der sich schnell alles überhitzte und aus dem #Leipzigjäger-Hashtagwitz recht schnell ernst und eine völlige Überdrehtheit in der öffentlichen Wahrnehmung wurde. Bloß gut verlor Leipzig vor der Winterpause bei den Bayern, sonst hätte Weihnachten wohl abgesagt werden müssen.

Am Ende wurde dann trotz Platz 2 darüber diskutiert, ob das nun eine große Überraschung sei oder nicht. Weil der Erfolg doch nur erkauft sei. Und sowieso: Freiburg! Die spielen künftig doch auch europäisch und müssten doch viel eher als Sensation gelten als RB Leipzig.

Letztlich sind die sportlichen Quervergleiche immer ein wenig mühselig. Weswegen die Einordnung der Gradualität von Überraschungen von leicht bis groß immer eine sehr subjetive Angelegenheit ist. Ist es eine größere Überraschung, wenn der Meister der zweiten Liga nach dem Aufstieg auf Europa-League-Kurs ist oder der Zweite der zweiten Liga nach dem Aufstieg und zwei bis drei essenziellen Transfers 18 Punkte davor auf Platz 2 steht?

Ansichtssache, weil letztlich beide Bilanzen für Aufsteiger, die in großen Teilen auf die Stammelf der Vorsaison setzen, ziemlich sensationell sind. Selbst wenn man bei RB ja immer auch mitrechnen muss, dass sie Spieler in einem Alter holen, in dem sie sich noch mal entwickeln und dabei auch in der Mannschaft im Vergleich mit Freiburg beispielsweise das größere Entwicklungspotenzial steckte.

Noch schwieriger als der Vergleich der Leistungen von Freiburg und Leipzig ist der historische mit dem 1.FC Kaiserslautern. Fakt ist, dass die Pfälzer damals zu einer Zeit Meister wurden, als die Champions League gerade erst begann, mehr als einen Starter pro Land zuzulassen. Zu einer Zeit also, als der Einfluss der Champions League auf die nationalen Ligen und das Auseinandergehen der Schere dort noch ganz am Anfang stand. Zudem war damals der vorige Abstieg von Kaiserslautern in die zweite Liga schon ein großes sportliches Wunder. Man konnte anschließend den Erstligakader zusammenhalten und mit diesem noch leicht verbesserten, sowieso eigentlich ganz ordentlichen Erstligakader nach dem Aufstieg in die Bundesliga starten.

Ist die folgende Meisterschaft deswegen weniger ein Wunder oder wegen der nur 66 Punkte der Bayern weniger wert? Kaum. Ist es das größere Wunder als ein möglicher Platz 2 eines der jüngeren Teams der Bundesliga, das über extrem wenig Erfahrung in einer Topliga verfügt? Ansichtssache. Die Kaiserslauterer Saison war aufgrund zweier Siege gegen die Bayern und der Meisterschaft letztlich in jedem Fall die spektakulärere als jene von RB. Egal was die Punktausbeute sagt.

Abgesehen davon bleibt es dann eben die Frage, was man betont. Und wie es bei RB Leipzig oft so ist, neigen nicht wenige dazu, die Dinge entweder in die eine Richtung zu überbetonen oder in die andere. Keine sportliche Sensation, sondern Erfolg durch Businessplan und Wettbewerbsverzerrung auf der einen Seite. Erfolg auf der Basis von Bodenständigkeit und vernünftigem Wirtschaften auf der anderen Seite.

Vermutlich ist es das, was die Bundesligasaison abseits der Spieltage dann doch auch ein wenig anstrengend machte. Es gab immer mal wieder kurze Zeiten, in denen war es angenehm ruhig (zum Beispiel in der Zeit von Winterpause bis Dortmund-Spiel) und es gab andere Zeiten, in denen man sich gegenseitig in Lobhudeleien, ironischer Distanzierung (die neue Lieblingsdisziplin nicht nur von RB-kritischen Sportjournalisten) oder Fensterrentner-Gehabe (das sich nebenbei gesagt von Boulevardmedien auch nicht unterscheidet) eigentlich nicht doofer Leute in den Online-Welten gegenseitig überbot.

Irgendwie fehlt mir immer noch der entscheidende Weg, wie man mediale bzw. verbale Unnützlichkeiten von Nützlichkeiten trennt. Was auch damit zu tun hat, dass ich seit Saisonbeginn mit irgendwas bis zu 15 Stunden die Woche drüben bei rblive.de schreibend unterwegs bin. Und damit die Aufgeregtheiten auch vergleichsweise unabhängig von ihrer jeweiligen Qualität mitkriege und reproduziere. Zudem erfordern es auch die täglichen Presseupdates hier im Blog, so ziemlich alles zu lesen, was veröffentlicht wird.

Generell ist es wohl diese Aufgeregtheit, mit der der Fußball mit einer Bedeutung aufgeladen wird, die ihm faktisch nicht zusteht, die diese Saison so schwierig machte. Es gab rund um den einzig wahren RasenBallsport auch schon in den unteren Spielklassen immer mal wieder Aufgeregtheiten, aber das waren meist nur Phasen, in denen das Phänomen auf die bundesdeutsche Bühne gehoben wurde oder lokal irgendwelcher Brimborium aufgefahren wurde.

Mit der Bundesliga ist das Rauschen rund um RB lauter und nicht wesentlich fundierter geworden und wurde auch das Rauschen rund um den Fußball generell etwas, was sich nicht mehr als Dinge, die die da in der oberen Liga betreffen, beiseite geschoben und ignoriert werden konnte.

Und nun ja, auch im lokalen Rahmen ist mit dem Aufstieg in die Bundesliga nicht gerade ein Debattengewinn verbunden. Das Fanumfeld hat sich noch mal deutlich verbreitert und damit auch hin zu einem ‚Wir wollen eigentlich über gar nichts mehr diskutieren und ziehen uns in Abwehrposition zurück‘ entwickelt. Die LVZ fungiert derweil immer häufiger als inoffizielles Verlautbarungsorgan des Vereins. BILD und MZ machen so ihre BILD- und MZ-Sachen. Und bei tag24 und beim Sportbuzzer versucht man sich in ähnlichen Konzepten wie bei RBlive (nur natürlich nicht so gut und fundiert und überhaupt ;-)).

Es ist halt wie es ist und es ist auch gar keine Generalabrechnung mit medialer Produktion, auch wenn es so klingen mag. Es gibt an verschiedenen Stellen in der Berichterstattung immer wieder auch in nicht geringer Zahl kluge Menschen und gute Artikel. Aber es ist halt auch viel Textproduktion für Masse und Klicks und unter Zeitdruck darunter. Von daher tendiert die Relevanz von diversen Beiträgen quasi automatisch und ihrer Eigenlogik folgend gen Null.

Es ist halt schon ein Stückweit eine Facebookisierung der öffentlichen Kommunikation zu beobachten. Antworten und Überschriften werden produziert. Viel zu selten steht das Fragen und das Interesse im Mittelpunkt. Sowohl in der Produktion von Texten als auch bei der Rezeption von Texten. Hier im Blog heißt das beispielsweise, dass gerade im Vergleich mit den Vorjahren die Relevanz von analytischen Artikeln (also jene, die ich noch immer am liebsten schreibe, für die in Alltagswochen aber auch manchmal wenig Platz und Zeit bleibt) für die Leserschaft im Vergleich zur Ordnungsfunktion der Presseupdates durchaus spürbar abgenommen hat. Sprich, dieser Blog hat wie schon immer seit Gründung  auch diese Saison wieder Leser dazugewonnen, aber der Gewinn ist vor allem in den Presseupdates zu spüren.

Das klingt vielleicht alles pessimistischer als es gemeint ist. Das Reisen mit dem Fußball hat mir grundsätzlich viel Spaß gemacht. Seit 2012 bin ich nun bis auf ganz wenige Ausnahmen (seit April 2014 komplett) bei allen Pflichtspielen von RB Leipzig dabeigewesen. Ich fand es in Darmstadt im Stadion schon teils charmant, teils (im Umgang mit RB) oll als es noch kein hipper Ort für Bundesliga-Nostalgiker, sondern ein im Vergleich mit anderen Stadien ganz normaler Drittligastandort war.

Die Bundesliga war sozusagen nach den Jahren in Regionalliga, dritter Liga und zweiter Liga das Puzzlestück, das mir noch fehlte im Überblick über den Fußball von ganz oben bis hinein in die Anfänge des Amateurbereichs. Und noch immer haut es mich in großen Bundesliga-Stadien nicht unbedingt mehr vom Hocker als beispielsweise einst in Meuselwitz.

Generell ist das Stadionerlebnis (und auch der sportliche Teil bei den meisten Teams) in der Bundesliga auch nur eins, was mit Wasser zusammengekocht wurde. Manche Stadien machen mehr Spaß, manche weniger. Köln war so ein Stadion, bei dem man ein Gefühl dafür bekam, warum es die Anhänger dort gut haben. Die Hymne „Mir stonn zo dir FC Kölle“ ist wohl in ihrer Interpretation und inbrünstigen Intonation die gänsehautversprechendste der ganzen Liga. Bei manchem Fernsehspiel ertappte ich mich, wie ich zum Auftakt der Köln-Spiele mitsummte.

Generell sind es für mich wohl immer noch die abseitigen Stadionerlebnisse, die den meisten Eindruck hinterlassen. Nicht das Quetschen in den Block in Bremen oder die 8.000 RB-Fans in München. Eher so etwas wie die Fahrt nach Mainz mit weniger als 1.000 Anhänger unter der Woche, die sich im Block verstreuen und den Eindruck einer lockeren Urlaubsfahrt vermitteln. Mit einem Spiel, das in seiner Intensität und seinem Verlauf vielleicht das interessanteste und spektakulärste der Saison war. In einem Stadion, das ordentlich aufgeheizt zeitweise eine überraschende Lautstärke und schicke Atmosphäre produzierte.

Generell hörte man auch diese Saison nach RB-Spielen in der Fremde desöfteren wieder mal mal den Satz, dass die Stimmung an dem Tag außergewöhnlich gewesen sei. Das überraschte den geneigten Besucher des Gästeblocks ein wenig, weil es jenseits von Köln und Mainz und Phasen in ein paar anderen Spielen nicht sonderlich außergewöhnlich war. Auch nicht im Vergleich mit Erlebnissen in den Ligen darunter. Und auch das ist nicht despektierlich, sondern nur feststellend-beobachtend gemeint. Von einem, der auch nie ein Problem damit hatte, wenn im RB-Gästeblock selbst (wie einst in Karlsruhe) 100 Leute schweigend ein Spiel verfolgen.

Das ‚Los jetzt, alle nochmal die Hände hoch und alles geben‘-Zeugs geht mir persönlich eher auf den Sack als dass es sonderlich motiviert. Ändert ja aber nichts daran, dass es nichts besseres gibt, als ein Stadion, das aufgrund des Spielverlaufs explodiert. So wie es auch in Leipzig (wo es oft ja auch etwas gemächlicher zugeht) im Heimspiel gegen Dortmund der Fall war. Insgesamt bin ich da doch derjenige, der in den 80ern fußballsozialisiert wurde, als es noch keinen spielunabhängigen Support und auch entsprechend keine Debatten darüber gab. Sehr wohl aber schon Vergleiche von geilem und nicht so geilem Support.

Insgesamt war die Bundesliga von ihrer Seite des Stadionerlebens in meinem ersten Jahr eine interessante Erfahrung, aber auch keine, die irgendwie neue Welten eröffnet hätte. Es gab manch neue Städte zu besuchen, das war ein Glück. Ein kleiner Spleen meinerseits besteht darin, wenn möglich, den Weg vom Bahnhof zum Stadion zu Fuß zurückzulegen. Das ist in manchen Städten spannender in manchen weniger. In Augsburg führte micht der Weg mal bei Dunkelheit über einen unbeleuchteten Acker. Vielleicht der skurrilste Weg (und ich war nicht der Einzige, der ihn nahm), den ich mal begehen durfte.

Es ist in er Bundesliga abgesehen von dunklen Wegen über den Acker wie in Augsburg oder in Mainz in den Stadien alles ein wenig glatter, belangloser und vermarkteter und zwischen den Standorten gleicher als in den Ligen zuvor. Was wohl auch erklärt, warum manch einer der Stadiongänger in der Liga in den letzten zwei Jahren so erfreut auf die Darmstadt-Abwechslung reagierte. Im Kern bleibt aber ein 90minütiges Spiel mit seinen Emotionen und Aufregungen, die sich in der Bundesliga genauso gut (oder vielleicht aus RB-Sicht auch irgendwann mal wieder schlecht) anfühlen wie in den anderen Ligen.

Es war ein, wenn man nur die Fußballwochenenden nimmt, tolles erstes Bundesligajahr mit vielen neuen Orten und diversen sportlichen Highlights. Und trotzdem bleibt ein wenig die Sehnsucht nach Ankommen, Alltag und einem gewissen Maß an Normalität, was sich vielleicht auch dadurch einstellt, dass kommende Saison nicht mehr alles neu ist. Und sowieso bleibt die Sehnsucht nach weniger öffentlichem Grundrauschen und weniger stilisierter Aufregung unter der Woche. Wird sich vermutlich auch in Jahr 2 in der Bundesliga rund um RB Leipzig nicht wirklich einstellen. Wir werden es demnächst herausfinden. Aber erstmal ist hier im Blog Sommerpause.

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So schön kann Fußball sein. Kollektiver Jubel nach dem 1:0 von RB Leipzig gegen Borussia Dortmund. | GEPA Pictures - Sven Sonntag
GEPA Pictures – Sven Sonntag

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4 Gedanken zu „How to survive Bundesliga – kein Guide“

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag, der eine Gefühlswelt zur letzten Saison beschreibt, die auch meiner weitgehend entspricht. Und danke auch für den (leider kurzen) Einblick in die Auswärtswelt, gerne in Zukunft mehr davon!

    Ich wünsche Dir einen entspannten Blog-Urlaub, ich freue mich schon auf Bundesliga Saison 2 und Deine Berichte!

  2. Vielen Dank auch von mir für deine persönliche Sichtweise und der Zusammenfassung deiner Erfahrungen.

    Genieße deine freien Blog-Urlaubstage, die hast du dir mehr als nur verdient.

    Komm gesund, erholt und voller Tatendrang zurück. Alles Gute für dich und deine Lieben.

  3. Danke! Ich schätze an deiner Arbeit die mit ironischem Esprit formulierte Distanz gegenüber der Sache; eine Qualität, die insbesondere im Sportjournalismus selten anzutreffen ist. Gerne weiter so!

  4. Wunderbar!
    Eine Saison rückblickend aus einer Bloggerperspektive!
    Ja, in der Art hatte ich das gewünscht und Danke dafür!

    Bei Twitter hast Du ja teilweise mehr Kommentare bei den Analyse-Tweets als hier. Würde mich auch freuen, wenn Deine Follower in der neuen Saison hier mehr schreiben würden 😉

    Nochmals, schönen entspannden Urlaub Euch, hoffentlich ohne WLan 😉

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