Kaderrückblick RB Leipzig: Bundesliga 2016/2017 – Teil I

Weiter Rückblickzeit auf die Bundesligasaison. Traditionell dabei auch der subjektiv-qualitative Blick auf alle Spieler und ihre Leistungen. Auch unter Berücksichtigung ihrer möglichen Zukunftsperspektiven. Geordnet ist das ganze nach Positionen (Tor, Verteidigung, Mittelfeld, Sturm) und innerhalb dieser Positionen nach Einsatzzeit. Los geht es heute mit den Keepern und den Verteidigern. In den nächsten Tagen dann Mittelfeldspieler und Angreifer.

Tor

Peter Gulacsi (27 Jahre, 34 Spiele, 3090 Minuten): Auch in der Rückrunde die unumstrittene Nummer 1. Verpasste wegen einer Erkrankung lediglich ein Spiel. Kein Torwart in der Bundesliga mit 20 oder mehr Spielen hielt weniger Bälle als Peter Gulacsi. 60% der Torschüsse konnte er lediglich abwehren, der Ligaschnitt liegt bei 68%. Was als Statistik aber auch immer etwas irreführend ist, weil es außer Acht lässt, wie gut die Qualität der gegnerischen Chancen war. Bei RB gibt es aufgrund der Spielweise relativ wenig Torabschlüsse für den Gegner (also wenig Gelegenheiten, sich auszuzeichnen), die dafür dann vergleichsweise gute Chancen (also schwer zu halten) sind. Insgesamt bleibt der Ungar ein solider Schlussmann, der im Gegensatz zur Zeit vor der Winterpause keinen groben Fehler mehr machte, der zu einem Gegentor führte. Probleme hat er weiterhin beim Rauslaufen, vor allem in Gedränge vor dem Tor. Abgefangene Ecken oder Flanken sind entsprechend eher selten. Als Gesamtpaket mit sicherem Fuß, guten bis sehr guten Aktionen auf der Linie und großer Ruhe war Gulacsi trotzdem der klare Stammtorwart. Wird spannend, wie er sich künftig des Herausforderers Yvon Mvogo erwehrt, der vor allem mehr Mut und Aggressivität beim Herauslaufen und der Strafraumbeherrschung mitbringt.

Peter Gulacsi. GEPA Pictures - Roger Petzsche.

Fabio Coltorti (36 Jahre, 1 Spiel, 90 Minuten): Bekam dank Gulacsis Erkrankung beim Spiel gegen Darmstadt seinen ersehnten Bundesliga-Einsatz, bei der er ohne die ganz große Spielpraxis etwas unsicher wirkte. Insgesamt tut er dem Verein mit seiner ganzen Gelassenheit und seiner riesigen Erfahrung aber sehr gut. Braucht es nicht, im Mittelpunkt zu stehen und ist im Torwartteam und im Verein trotzdem eine zentrale Persönlichkeit. Insgesamt das perfekte Gesamtpaket, um auch das nächste Jahr noch mit ihm zusammen im künftigen Torwartquartett zu bestreiten. Verlässlich, wenn man ihn braucht, aber nicht unruhig, wenn man ihn nicht braucht.

Marius Müller (23 Jahre, 0 Spiele, 0 Minuten): Teilte sich mit Fabio Coltorti den Bankplatz. Ein Einsatz war ihm aber nicht vergönnt, weil er in der einzigen möglichen Situation, bei Gulacsis Erkrankung, selber ausfiel. Entsprechend nicht einzuschätzen, wo er mit ein paar Regionalliga-Einsätzen für die U23 leistungstechnisch gerade steht. Kam mit dem Ziel nach Leipzig zu spielen. Dieses Ziel wird er in der kommenden Saison wohl woanders verfolgen. Soll verliehen werden.

Verteidigung

Marcel Halstenberg (25 Jahre, 31 Spiele, 2779 Minuten): Der Linksverteidiger war derjenige Abwehrspieler, der die meiste Einsatzzeit verbuchen konnte. Allerdings ging ihm am Saisonende auch ein wenig die Luft aus. Machte am drittletzten Spieltag gegen Ingolstadt keine gute Partie und war anschließend für den Rest der Saison raus. War lange ein sehr solider Spieler, aber stagnierte insgesamt in seiner Entwicklung. Vor allem offensiv kann er mit seinen Qualitäten eigentlich viel mehr beitragen als es die null(!) Tore, nur drei Vorlagen und vier weiteren Beteiligungen an der Entstehung von Toren aussagen. Wurde in der Schlussphase der Saison von Bernardo verdrängt. Könnte auch für die nächste Saison eine Option sein, wenn Klostermann wieder rechts hinten übernimmt und Bernardo auch dauerhaft für links hinten frei werden würde. Halstenberg wird einen nächsten Schritt machen müssen, wenn er weiterhin so viele Einsatzzeiten sammeln will, wie in der aktuellen Spielzeit.

Marcel Halstenberg | GEPA Pictures - Roger Petzsche
Marcel Halstenberg | GEPA Pictures – Roger Petzsche

Willi Orban (24 Jahre, 29 Spiele, 2638 Minuten): War bis zum 30. Spieltag abgesehen von Sperren unumschränkter Stammspieler und zumeist  Aushilfskapitän. Dann stoppte ihn eine Sprunggelenksverletzung, wegen der Hasenhüttl kein Risiko mehr einging. Spielte eine sehr auffällige und sehr konstante Saison. Ist der zweikampfstärkste Spieler bei RB Leipzig und hat meist und vor allem auch in der Luft ein sehr gutes Timing. Seine Geschwindigkeitsnachteile führen aber auch manchmal dazu, dass er in Situationen zu spät kommt. Auffällig auch, dass er an gleich 13 Toren beteiligt war. Drei schoss er selbst, eins bereitete er vor und neun weitere Tore leitete er mit ein. Kein anderer Abwehrspieler war häufiger an Toren beteiligt als Orban. Verweist auch auf seinen guten Fuß und sein gutes Passspiel. Zweitbeste Passquote aller RB-Spieler und das nicht nur, weil der Ball von ihm aus immer quer zum Nebenmann gespielt wurde. Ist auch weiter in der Lage, flache Pässe zu den Offensivspielern zu bringen. Als Gesamtpaket aus Ruhe, Zweikampfstärke und spielerischen Qualitäten die Nummer 1 in der RB-Defensive.

Marvin Compper (31 Jahre, 26 Spiele, 2146 Minuten): Macht sehr viel über Routine und war so ein sehr konstanter Innenverteidiger. Setzt sich nur sehr wenigen direkten Zweikampfsituationen aus und löst viel über das Stellungsspiel. Wenn er auf dem Platz steht, kassiert RB die wenigsten Gegentore. Nur 0,9 sind es pro 90 Minuten im Gegensatz zu 1,15 bei RB Leipzig im Saisonschnitt. Auch das spricht ein wenig für die Ordnungsfunktion, die Compper im zentralen Defensivbereich bei RB Leipzig hat. Spielt eine wichtige, weil sehr verlässliche Rolle. Könnte angesichts seines Alters und der Konkurrenten und potenziellen neuen Konkurrenten aber auch nach und nach in eine Coltorti-Rolle im Hintergrund rutschen. In der abgelaufenen Saison war er aber abgesehen von Verletzungen unumstrittener Stammspieler.

Bernardo (22 Jahre, 22 Spiele, 1893 Minuten): Als Sechser geholt wurde er in der Hinrunde zum Rechtsverteidiger gemacht. In der Rückrunde dann wurde es zuletzt auch die Linksverteidigerposition, wo Bernardo prinzipiell und wegen seines linken Fußes besser hinpasst. Vielleicht ein kleiner Fingerzeig, wo Hasenhüttl den Brasilianer künftig auch sieht, wenn rechts hinten Klostermann zurückkommt. Sehr defensivstarker Außenverteidiger, dem im Offensivspiel die Dynamik ein wenig abgeht. Mit seiner Laufstärke und vernünftigen Zweikampfführung trägt er aber erheblich zur Stabilität der Defensivkette bei. Eher unauffälliger Spieler, dessen Wichtigkeit einem immer wieder dann aufgeht, wenn er mal fehlt. Man darf auf seinen nächsten Schritt gespannt sein. Auf der Doppelsechs sind die Plätze eher besetzt. Von daher ist es naheliegend, dass es auf der Außenverteidigerposition für ihn weitergeht.

Benno Schmitz (22 Jahre, 17 Spiele, 1108 Minuten): Ein klein bisschen ein Sorgenkind im RB-Team. Bringt in Sachen Ballverarbeitung, Dynamik und Technik einiges mit für einen modernen Außenverteidiger. Hat dann aber auch immer mal wieder Fehler im Stellungsspiel oder in der Ballbehandlung, die entscheidend sind. Bei keinem RB-Spieler mit mindestens 1.000 Minuten Einsatzzeit fallen mehr Gegentore pro 90 Minuten Einsatzzeit als bei Benno Schmitz. Auch das ist wohl keine völlig zufällig zustande kommende Zahl. Er hat in vielerlei Hinsicht das Potenzial für Bundesliga. Aber da muss in Sachen Konstanz, Stabilität und Effektivität auch noch ein ordentliches Schippchen drauf auf die Leistungen. Wird angesichts der größer werdenden Konkurrenz nächste Saison mit zumindest Klostermann und Bernardo durchaus eine Herausforderung.

Dayot Upamecano (18 Jahre, 12 Spiele, 665 Minuten): Das waren durchaus harte Angangswochen bei RB Leipzig für Dayot Upamecano. Wurde in seinen ersten Spielen mehrmals gut durchgeschüttelt. Wirkte vor allem gegen Hamburg und in Mainz sehr unsicher. Wie ihn Cordoba in Mainz immer wieder anlief und in Zweikämpfe verwickelte, bis Upamecano gelb-rot-gefährdet und leicht entnervt noch in der ersten Halbzeit vom Platz musste, war großes Kino. Auch gegen Hamburg war der 18-Jährige nicht bis in die Halbzeitpause tragbar. Wie er nach diesen Erlebnissen in der Saisonschlussphase zurückkam und einen abgeklärten, zweikampfstarken und trotzdem aggressiven Job machte, war beeindruckend. Von den letzten sechs Spielen bestritt er fünf über die volle Distanz. Vorher hatte er schon nach seiner Einwechslung in der Schlussminute gegen Leverkusen den Siegtreffer durch eine zielgerichtet verarbeitete Balleroberung eingeleitet. Unheimlich robust, gut am Ball, sehr zweikampfstark bei ausbaufähigem Stellungsspiel. Verteidigt meist offensiv nach vorn und muss da noch die Balance finden. Führt mit Abstand von allen Verteidigern die meisten Zweikämpfe und erobert die meisten Bälle. Da steckt neben einer enormen Qualität noch eine ganze Portion Übermut drin. 18 Jahre ist der junge Mann. Das muss man sich immer mal auf der Zunge zergehen lassen, wenn man sein Potenzial und seine Zukunftsperspektiven abschätzen will.

Lukas Klostermann (21 Jahre, 1 Spiele, 90 Minuten): Pechvogel der Saison. Das Kreuzband zum ungünstigsten Zeitpunkt im September gerissen und danach bis zum Saisonende ausgefallen. Wäre es um Leben oder Tod auf Sportebene gegangen, hätte Klostermann wohl in den letzten zwei, drei Spielen auch noch ein paar Minuten spielen können. Das Risiko in Spielen ohne ganz große Relevanz wollte aber niemand eingehen. Zumal ein fitter Klostermann, der schon wieder Bundesliga spielt, auch für die U21-Nationalmannschaft interessant geworden wäre. Auch das wollte niemand so richtig haben, dass Klostermann die ganze Saison ausfällt und dann bei der Nationalmannschaft wieder einsteigt und vielleicht gleich wieder in der Vorbereitung fehlt oder sich vielleicht noch mal verletzt. Klostermann ist eine Art Neuzugang für die neue Saison und wenn er irgendwo dort einsteigt, wo er vor seiner Verletzung war, dann kann man sich sehr auf ihn freuen.

Ken Gipson (20 Jahre, 0 Spiele, 0 Minuten): Ohne Einsatzzeit geblieben, dafür in der Regionalliga bei der U23 mit ein paar auffälligen Auftritten. Mutiger, dynamischer Spieler mit viel Offensivgeist. Wird immer wieder als Neuzugang bei Zweitligaklubs gehandelt. Abwarten, wo es ihn hinverschlagen wird. Klar ist nur, dass seine (überschaubar erfolgreiche) Zeit in Leipzig zu Ende geht.

Insgesamt ging es in der Defensive von RB Leipzig in der Rückrunde personell meist recht stabil zu. Die ganz krassen Dinge wie in der Hinrunde, als Dominik Kaiser rechts hinten aushelfen musste, passierten nicht mehr. Gegentortechnisch wurde es allerdings etwas schlechter. Nicht mit aufgeführt in der obigen Liste ist Stefan Ilsanker, der als Mädchen für alles in der Defensive inzwischen fast schon eher als Rechts- und Innenverteidiger geführt werden müsste als als Mittelfeldspieler. Im Moment zählt er aber noch als Sechser. Im Torwartbereich werden Gulacsi und Coltorti im Sommer mit Mvogo und Köhn zwei neue Kollegen kriegen. Insbesondere Gulacsi muss sich auf einen neuen und ernsten Herausforderer einstellen, auch wenn er den Vorteil hat, als Stammkeeper in dieses Duell zu gehen. Im Abwehrbereich hängt viel davon ab, mit welchen Spielern man bei RB plant. Mit Bernardo, Halstenberg, Klostermann, Schmitz, Orban, Upamecano, Compper und Ilsanker (wenn man ihn nicht primär auf der Sechs plant) hat man acht Spieler für vier Positionen. Eine Verstärkung vielleicht noch dazu und dann passt das.

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Bisherige Kaderrückblicke:

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Bilder: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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