Transfer: Davie Selke

Für RB Leipzig und Werder Bremen ist der Transfer von Davie Selke eine Win-Win-Situation. Die einen kriegen viel entwicklungsfähiges Sturmtalent, das mit seiner Laufbereitschaft perfekt in die Spielphilosophie passen dürfte. Die anderen kriegen so viel Geld, wie sie vor einem Jahr nicht mal geträumt hätten und können damit an ihrem Kader bauen. Nur bei Davie Selke selbst bleibt vorerst die Frage, inwiefern der Schritt zurück in die zweite Liga zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere auch einen Rückschritt in seiner Entwicklung bedeutet oder ob die kommenden Jahre auch für ihn zu einer sportlichen Win-Situation werden. (Analyse nach dem Wechsel von Davie Selke nach Leipzig vom 01.04.2015 bei rotebrauseblogger.de)

Das ging am Ende dann doch erstaunlich schnell. Mit einem Wechsel von Davie Selke hatte man in dieser Sommerpause rechnen können. Dass es so schnell geht und es Hertha BSC wird, kam dann doch etwas überraschend. Zuvor hatte Ralf Rangnick eigentlich noch mal erklärt, dass man Zeit habe und auch die U21-EM (und vielleicht ja auch eine mögliche Wertsteigerung) abwarten kann. Das war dann zumindest Hertha eventuell doch zu heikel, sodass man sich den Stürmer noch vor der EM angelte. Was nicht zuletzt auch im Interesse von Selke selbst liegen dürfte. Trotz Interesse aus England.

Nach zwei Jahren Davie Selke in Leipzig muss man nicht allzusehr verbiegen, wenn man zu der Einsicht kommt, dass der Stürmer in dieser Zeit nicht zum alles überstrahlenden Gewinner geworden ist. Man mag mit Ralf Rangick darüber streiten können, dass sich Selke in den zwei Jahren trotzdem sportlich weiterentwickelt hat, aber insgesamt wäre viel mehr möglich gewesen, wenn regelmäßige Spielzeit dringelegen hätte.

Doch die gab es für Davie Selke nur im ersten halben Jahr in der zweiten Liga. Yussuf Poulsen war damals nach einer durchgespielten Sommerpause körperlich jenseits von gut und böse und Selke dadurch quasi konkurrenzlos. Aber im Laufe der Saison wendete sich das Blatt. Poulsen kämpfte sich zurück und für Selke war immer seltener Platz im Team. Vor allem in die Startformation schaffte er es nur selten. In neun von zwölf Einsätzen kam er damals nach der Winterpause von der Bank. Weitere drei Spiele saß er ganz draußen.

Ralf Rangnick erklärte vor einem Jahr am Ende der Saison, dass er es als eine seiner größten Saisonniederlagen empfindet, dass er es nicht geschafft hat, Selke und Poulsen dauerhaft zu einem vernünftigen Sturmduo zusammenzuführen. Und auch wenn die beiden oft beteuerten, dass sie auch gut zusammenspielen könnten, taten sie es selten und taten sie es noch seltener überzeugend.

Wer darauf spekuliert hatte, dass das diese Saison besser funktionieren würde mit Selke und Poulsen oder Selke und jemand anderem, sah sich getäuscht. Vor der Saison durfte man erahnen, dass Selke als Stürmertyp nicht unbedingt ideal besetzt ist für eine Hasenhüttl-Mannschaft. Und tatsächlich konnte man in der abgelaufenen Bundesliga-Saison keine perfekte Rolle für Selke kreieren.

Was selbst Hasenhüttl zwischenzeitlich zu der Bemerkung brachte, dass man für einen wie Selke das System etwas anpassen müsste. Gemacht hat man das aber nicht, sondern dann lieber andere spielen lassen. Selbst als zwischenzeitlich Yussuf Poulsen mal verletzt war.

In der letzten Konsequenz fehlte noch mehr als in der Vorsaison in der Bundesliga schlicht ein Platz für Selke. Den robusten, sprintenden und zweikämpfenden Prellbock, den ein Poulsen gibt, kann ein Selke von seiner ganzen Konstitution her nicht imitieren. Und Werners Dauersprints in die Tiefe und gegen die gegnerischen Innenverteidiger sind auch nicht Selkes Sache.

Dazwischen war aber relativ wenig Bedarf für einen Spieler, der seine Qualitäten im Strafraum hat und ein wenig wie eine junge Ausgabe von Mario Gomez wirkt. Jenseits des Strafraums macht Selke manches ordentlich, aber nichts komplett überragend. Innerhalb des Strafraums kriegt man mit ihm eigentlich einen sehr abschlussstarken Stürmer.

In der zweiten Liga war er mit zehn Treffern nicht nur der beste RB-Schütze. Auch die Verwertung von 17,9% aller Torschüsse war im Mannschaftsvergleich Topwert. In der Bundesliga hat er kaum noch gespielt, aber in seinen rund 450 Einsatzminuten schoss Selke dann doch wieder vier Tore und verwertete dabe jeden dritten Torschuss. Wobei die Quote der verwerteten Chancen nicht ganz aussagekräftig ist, wenn man in Kontersituationen ins Team kommt, in denen man automatisch etwas freier zum Abschluss kommt.

Generell gilt trotzdem, dass Davie Selke einen sehr guten Torabschluss hat und ansonsten in Sachen Zweikampf, Anlaufen, Eins gegen Eins, Schnelligkeit und fußballerische Qualität irgendwas zwischen ordentlich und gut ist. Man braucht halt eine Idee, wie man es hinkriegt, Selke Bälle auf den Fuß oder auf den Kopf zu legen.

Fraglich, was man diesbezüglich in Berlin für Ideen hat. Mit Vedad Ibisevic hat man einen sehr guten Abschlussspieler im Kader. Dass Selke den Hertha-Kapitän direkt ablöst, ist eher unwahrscheinlich. Dass beide zugleich auflaufen, klingt nicht unbedingt nach der Optimalvariante, auch wenn ein Ibisevic durchaus auch ein guter Ballfestmacher ist, der sich immer mal wieder Richtung Mittelfeld fallen lässt. Mit einem Bankplatz werden Pal Dardai und Michael Preetz aber sicherlich auch nicht um Selke geworben haben.

Überraschend durchaus, dass es überhaupt Hertha BSC wurde, weil eigentlich Bremen und Selke lange unverhohlen Interesse aneinander bekundet hatte. Bis Bremen beschlossen hatte, dass man nicht so viel Ablöse ausgeben will und Hertha aus der Tiefe des Raums zum Abstauben durchstartete. Durchaus ein recht perfektes Ziel für Selke, weil die Berliner mit der Europa League kommende Saison einige Zusatzbelastung mitnehmen und entsprechend auch einen breit aufgestellten Kader gebrauchen und eine sportliche Herausforderung bieten können. Selbst wenn Selke nicht vm 1. Spieltag an als Stammkraft auf dem Platz steht, wird er wohl genug Einsatzzeiten kriegen, um sich zu zeigen. Oder zumindest mehr Einsatzzeit als zuletzt in Leipzig.

Hertha gehört auch zu den Gewinnern des Transfers. Weil man einen jungen Spieler gekriegt hat, der über unheimlich viel Potenzial verfügt und U21-Nationalspieler ist. Er ist entwicklungsfähig, verjüngt das Team und kann gleichzeitig sofort eingesetzt werden. Und ist entsprechend aufgrund von Alter und Potenzial auch eine Wertanlage.

Darin erklärt sich wohl auch ein wenig die recht hoch erscheinende Ablöse von auf jeden Fall mehr als den 8 Millionen Euro, die Ralf Rangnick vor zwei Jahren nach Bremen überwies. Um die zehn Millionen kann RB inklusive Bonuszahlungen an dem Transfer verdienen, darauf hat man sich in der Berichterstattung offenbar geeinigt. Was viel Geld scheint für einen 22-Jährigen, der die letzten eineinhalb Jahre vornehmlich auf der Bank verbrachte und was auch RB Leipzig zu einem Transfergewinner macht.

Seit der Winterpause 2015/2016 stand Davie Selke in über 30 Spielen im Schnitt weniger als eine halbe Stunde auf dem Platz und schoss dabei sieben Tore. Zwar hat er schon mit 20 Jahren bei Werder gezeigt, dass er in der Bundesliga eine gute Rolle spielen kann. Seitdem kam aber abgesehen von einer überzeugenden Halbserie in der zweiten Liga nicht viel neues Bewerbungsmaterial hinzu. Insofern erstaunlich, dass dann trotzdem wieder jemand mehr als acht Millionen Euro auf den Tisch legt, aber natürlich steigen Ablösen von Jahr zu Jahr sowieso auch immer ein bisschen und zudem sind auch die TV-Erträge zuletzt wieder deutlich gestiegen.

Nicht zu vergessen konnte Hertha kurz vor dem Selke-Transfer den Verkauf von John Anthony Brooks nach Wolfsburg über die Bühne bringen. Für bis 20 Millionen Euro. Geld, dass dann eben wieder in Spielerwerte investiert werden wollte. Und entwickelt sich Selke halbwegs in die Richtung, die seine Torabschlussqualität versprechen, dann ist das gut angelegtes Geld. Auch wenn es zum jetzigen Zeitpunkt eher als zu teurer Transfer erscheint.

Es bleiben tatsächlich jene drei Gewinner, die vor dem Transfer von Leipziger Seite immer beschworen wurden. Davie Selke, der einen vernünftigen Verein mit guter und europäischer Perspektive gefunden hat. Hertha, die einen zukunftsfähigen Stürmer geangelt haben, der ihnen Tore und vielleicht ja irgendwann auch einen Großtransfer verspricht. Und RB, die einen Spieler, für den sie unter derzeitigen Spielvoraussetzungen keine dauerhafte Verwendung als Stammspieler haben, für den Einkaufspreis abgeben konnten.

Aus Leipziger Sicht mag es ein wenig schade sein, dass es mit Davie Selke, der in relativ beeindruckender Art und Weise in den letzten eineinhalb Jahren sein Ego hintenanstellte und ob seiner Reservistenrolle keinen Stunk machte, sondern immer Teamplayer blieb, nicht wirklich hingehauen hat. Bzw. nicht so hingehauen hat, wie man es sich erhoffte, als man vor zwei Jahren einen jungen Spieler aus der Bundesliga in die zweite Liga holte. Da hatte man dann wohl schon eher eine Forsberg-Story vor Augen. Dass es auch in dieser Spielzeit nicht hinhaute, hat seine Ursachen vor allem in der RB-Spielanlage, die nicht zum Spielertypen Selke passte. Zwar stand der Stürmer in allen 34 Bundesliga-Spielen im RB-Kader. Für viel Einsatzzeit reichte es aber trotzdem nicht. Das kann woanders auch schon wieder ganz anders aussehen. Vielleicht passt es für Davie Selke ja in Berlin besser. Zu wünschen wäre es ihm.

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Neben Davie Selke sind auf Abgangsseite bisher vor allem U23-Spieler zu nennen, die sich nach der Abmeldung des Nachwuchsteams und (kurz- bis mittelfristig) mangelnder Bundesliga-Perspektive neue Vereine gesucht haben. Alexander Siebeck, Patrick Strauß, Sören Reddemann, Anthony Barylla und Fridolin Wagner sind allesamt weg. Dazu wurde Regionalliga-Torschützenkönig Federico Palacios nun dauerhaft in den RB-Profikader befördert. Bis auf Ersatzkeeper Dominic Heine, der zum FC International Leipzig in die fünfte Liga geht, und Hannes Mietzelfeld, der künftig beim Regionalligisten Oberlausitz Neugersdorf spielen wird, verschlägt es alle bisher gewechselten U23-Kicker in höhere Ligen. Was auch ein wenig verdeutlichen mag, dass in dem Nachwuchsteam durchaus ordentliches Potenzial steckte. Vor allem bei Siebeck, Strauß und Reddemann, die die U23 zuletzt in zentralen Rollen trugen, ist der Schritt in eine höhere Liga dran oder eigentlich schon ein Jahr überfällig.

Kapitän Alexander Siebeck geht dabei den Schritt in die dritte Liga zum Karlsruher SC, die den direkten Wiederaufstieg anstreben. Also eher ein Wechsel mit Perspektive. Patrick Strauß geht  diese Perspektive von der andren Seite an und wechselt gleich in die zweite Liga zu Erzgebirge Aue, wo er im Abstiegskampf landen könnte. Durchaus ambitionierter Schritt des 21-Jährigen. Der SV Wehen Wiesbaden darf sich in der dritten Liga über einen ordentlichen Innenverteidiger Sören Reddemann freuen, der aber auch noch ein bisschen Anpassungszeit in Sachen Robustheit brauchen könnte. Und der FSV Zwickau holte sich mit Anthony Barylla und Fridolin Wagner gleich zwei Spieler, denen man derzeit in ihrer Entwicklung den Schritt nach ganz oben im Profifußball nicht unbedingt zutrauen würde.

Eigentlich eine Feel-good-Story wäre Federico Palacios, der es mit dreieinhalb Jahren Anlauf nun doch noch in den Profikader bei RB geschafft hat, nachdem er in der Wolfsburger U19 die Bundesliga-Tornetze zerschoss und für rund 600.000 Euro nach Leipzig wechselte. Für den 22-Jährigen ist die Situation aber in der neuen Saison sicher nicht einfach. Denn eine U23 zum spielen hat er nicht mehr und im Bundesliga-Team wird er wohl nicht zu den allerersten Optionen für Einsatzzeiten gehören. Wird interessant, wie sich der Stürmer unter diesen Bedingungen entwickelt und welche Rolle er spielen kann.

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Keine Rolle spielt derweil mehr U19-Kapitän Ermedin Demirovic, der in die spanische Topliga zu Deportivo Alaves wechselt. 2014 kam der Angreifer vom HSV. Nun ist er eines der ersten prominenten ‚Opfer‘ der fehlenden U23. Denn der Wechsel nach Spanien ist eine fixer und endgültiger. Vielleicht nicht das Übertalent, aber trotzdem ein sehr guter mit Potenzial sich mit seiner Körperlichkeit und Abschlussstärke auch in Topligen  durchzusetzen.

Im Gegensatz zu Demirovic stehen die Zeichen bei Agyemang Diawusie noch nicht komplett auf Trennung. Denn der 19-Jährige wird für maximal zwei Jahre in die dritte Liga zum SV Wehen Wiesbaden verliehen. Zwei Jahre, in denen man beobachten kann, wie gut sich der Offensivspieler entwickelt und ob das für die Bundesliga reicht. Sicherlich ein guter Deal für alle Beteiligten, der auch RB im Gegensatz zum Fall Demirovic alle Möglichkeiten lässt, von der Entwicklung des Talents zu profitieren.

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Davie Selke sucht künftig bei Hertha BSC nach Gründen für Freude. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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2 Gedanken zu „Transfer: Davie Selke“

  1. So sehr ich mich für das Silber beim Oly-Turnier in Brasilien für Beide (Klostermann+Selke) gefreut habe, das ist dann wohl der Fluch der guten Taten. Sprich, erst die Verletzung von Klostermann und dann kam Selke an Beide Stürmer nicht vorbei, die eben das volle Vorbereitungsprogramm absolviert haben. (Außer Süle hat es fast das ganze Oly-Team in der Saison erwischt) Und Werner und Poulsen haben eben geliefert. Da hatte er keine Chance. Und wo er eine hatte, wie eben bei der Poulsenverletzung, war das ganze Team etwas „verschnupft“ und er konnte sich nicht einbringen.

    Aber am Ende mit dem goldenen Auftritt in Berlin war ja ein grandioser Abschluß in seiner Rasenballerzeit.
    Bin auch gespannt, wie Dardai ihn einsetzen will.

  2. Die überraschend tolle Saison ist erledigt, und die Blicke richten sich wieder nach vorn und damit auch auf anstehende Spieleraustausche. Nein, weder für Bremen, noch für Leipzig war z.B. die Personalie Selke eine Win-Win- Situation!Bremen brauchte nach seiner „Abschiebung“ das Geld und verzichtete lieber auf das große Talent, mit dem Rangnick und Ex- Trainer des Jahres, Hasenhüttl, allerdings keine Variante fanden oder nicht wollten, solch eine seltene Perle des Fußballs in ihrem Mannschaftsgefüge zu integrieren. Zudem scheint dieser Auswahlspieler, mit dem noch ein paar andere Vereine zuletzt liebäugelten, ein angenehmer und nicht so schnell aufbrausender Typ zu sein, der sich allerdings rein sportlich mit dem Leipziger Club arg verschätzte!

    Hier sehe ich eine vergleichbare Situation vor ein paar Jahren mit dem Erfurter Kammlott, der seine Jungs nach dem Erstellen des Mannschaftsfotos für die neue Saison, trotz eines gerade erhaltenen längeren Vertrages, praktisch in Stich ließ und – wie eben Selke- allein des Geldes wegen, lieber auch in einer Klasse tiefer kicken wollte. Auch damals reichten seine Einsatzzeiten nicht, wie von ihm erhofft, aus, sodass er bald wieder von Sachsen aus das Weite suchte und in das „alte Nest“ zurückzog. Man sieht wieder einmal, dass die Verträge lediglich Makulatur sind, die möglichst jeweils Grundlagen für günstige Geldeinnahmen bei einem erhofften Weiterverkauf oder für eine Ausleihe sein sollen! Eigentlich dürften die „RaBa“-Verantwortlichen nicht ruhig schlafen können, wenn das Thema der Einstellung des Spielbetriebes der U-23 -Abteilung auf der Tagesordnung steht, womit sich andere Vereine die Basis schaffen, nach und nach sowie behutsam ihre Talente günstigere Luft schnappen zu lassen…..

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