Geringe Restzweifel

Wenig beschäftigte die allgemeine Phantasie rund um den RasenBallsport (neben dem irrwitzigen Transfergerüchtekarussell) zuletzt mehr als die Lizenzierung der UEFA in Bezug auf die Teilnahme an europäischen Wettbewerben. Zwischenzeitlich griff man auf Experten zurück (wobei man sich bei manch einem auch fragen konnte, was ihn zum Experten qualifiziert), oft landet man auch bei meist bei freien Meinungstexten mit anonymen Quellenverweisen. Mein persönliches Lieblingsargument (bzw. Lieblingsindiz) für Verflechtungen zwischen Red Bull Salzburg und RB Leipzig ist immer noch die gemeinsam genutzte Fotodatenbank. Eine echte Legende. Einzutragen auf Seite 948 der UEFA-Lizenzierungsunterlagen unter ‚Welche Fotodatenbank nutzen sie und unter welcher Adresse stellen sie diese Journalisten zur Verfügung?‘

Abgesehen davon ist die Frage danach, ob RB Leipzig eine Lizenz für die Champions League erhält, durchaus keine triviale. Wenn man nicht gerade in Leipzig nachfragt, wo man gebetsmühlengleich keine Probleme mit irgendwas erwartet. Denn natürlich ist gerade die Verbindung über Red Bull nach Salzburg nicht wirklich wegzudiskutieren. Und das Interesse der UEFA, zwei Vereine, die nicht nur optisch auf den ersten Blick schwer voneinander zu unterscheiden sind, im Rahmen eines europäischen Wettbewerbs aufeinandertreffen zu sehen, sollte eigentlich eher gering sein. Selbst wenn die zugrunde liegenden Konstruktionen und Geldgeberüberschneidungen so oder so ähnlich auch schon anderswo praktiziert wurden.

Nun geht es aber wie so oft nicht wirklich um Interessenslagen, sondern vor allem um die Erfüllung von Lizenzbedingungen und Statuten und ähnlichem. Also all dem formalen Zeug, mit dem der Verband versucht, Dinge, die ihm wichtig sind (wie wirtschaftliche Nachhaltigkeit oder Wettbwerbsintegrität), so in Regeln festzugießen, dass man die Wettbewerbsteilnehmer in die gewünschte Richtung lenkt. Mit der entsprechenden Folge, dass manch Wettbewerbsteilehmer die Grenzen der Formalisierungen vor allem in Bezug auf die wirtschaftlichen Vorgaben auszureizen versucht.

Wie auch immer. Es gibt im Kern zwei Felder, denen sich RB Leipzig im Rahmen der Lizenzierung stellen muss bzw. bei denen sich Fragen stellen. Da lohnt sich dann doch mal ein etwas genauerer Blick mit dem Wissen von heute. Und da Wissen in Lizenzierungsfragen nichts ist, was Verbände und Vereine transparent teilen, ist es dann eben auch nur eine Analyse auf der Basis dessen, was frei zugänglich ist. Was dann eben einen gewissen Interpretationsfaktor X zulässt. Ein Eldorado für weitere Meinungsartikel mit kulturpessimistischem Touch.

Financial Fairplay – Wirtschaftliche Nachhaltigkeit

Das Grundprinzip, das die UEFA im Rahmen ihrer Lizenzierung durchzusetzen versucht, ist wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Wenn irgendwo mal wieder irgendwo 100 Millionen in einen Transfer gesteckt werden, mag das nicht so erscheinen, aber im Grunde geht es der UEFA den Regularien nach darum, dass Vereine an den Wettbewerben teilnehmen, die eine gesunde wirtschaftliche Basis haben und nicht am Tropf von Mäzenen hängen.

Entsprechend regelt das Financial Fairplay, dass nur in einem beschränkten Rahmen über drei Jahre Schulden eines Vereins von einem Besitzer ausgeglichen werden dürfen. Und entsprechend wird auch darauf geachtet, dass als Sponsoring verbuchte Zahlungen marktgerecht bzw. durch entsprechende Gegenleistungen in Form von Medienkontakten oder ähnlichem gedeckt sind. Die Idee dahinter ist, dass ein Sponsoringdeal quasi von einem nächsten Sponsor wiederholbar wäre und nicht über Sponsoring Summen in den Verein gepumpt werden, die kein anderer bei wirtschaftlich vernünftigem Interesse in den Verein pumpen würde.

Das mag natürlich ein wenig optimistisch gedacht sein. Wenn VW in Wolfsburg 100.000.000 Euro als marktgerecht investieren darf, dann ist das natürlich kein Sponsorendeal, der sich einfach von einem anderen Finanzier ablösen ließe. Sprich, wenn VW (äquivalent gilt dies bisher auch für Red Bull) mal irgendwann die Zahlungen einstellt, hat der VfL Wolfsburg natürlich ein Riesenproblem. Und findet wohl keinen Großsponsor, der das marktgerechte Sponsoring mal eben übernimmt. Grundsätzlich verhindert man mit der Regulierung der Sponsoringzahlungen aber natürlich ein extremes Aufblähen von Teams ohne entsprechende Strukturen als Basis.

Verbunden mit dieser Logik auch, dass Investitionen in Nachwuchs und Steine nicht als Teil der Ausgaben eines Klubs gesehen werden. Sprich, ein Investor kann sich beim Bauen von Infrastruktur als Basis einer Fußballorganisation relativ frei von Vorgaben durch die UEFA austoben. Weil es Investitionen in die Nachhaltigkeit eines Vereins sind und damit entsprechend die Gefahr von ‚heute oben, morgen pleite‘ minimiert wird.

Nun, was bedeutet das Themenfeld für RB Leipzig? Zuerst einmal, dass man bei der UEFA Daten für die letzten drei Jahre vorlegen muss. Worin sich eines der möglichen Probleme verbergen könnte. Denn drei Jahre umfassen auch die beiden Zweitligajahre. Für das Kalenderjahr 2015 kann man dank Offenlegung der RB Leipzig GmbH ganz gut abschätzen, dass Red Bull 40 bis 50 Millionen Euro Sponsoringleistungen in den Verein gepumpt haben muss (wenn es nicht einen bisher unbekannten Sponsor mit Millionenzahlungen gab).

Wodurch sofort die Frage steht, ob ein solcher Deal marktgerecht bzw. durch Gegenleistungen bspw. in Form von Medienpräsenz gerechtfertigt war. In jedem Fall ist es deutlich mehr Geld als jeder andere Einzelsponsor in einen Zweitligaverein pumpt. Aus der Ferne darf man schon leichte Zweifel haben, ob es RB Leipzig im Fall der Fälle gelingen würde, der UEFA zu verklickern, dass Red Bull für die 40 bis 50 Millionen auch einen entsprechendenWert zurückgekriegt hat. Kann man sich bei Duellen gegen Sandhausen und Heidenheim vor ein paar ausgewählten Sky-Zuschauern nur schwerlich vorstellen.

Aber selbst wenn man annimmt, dass RB Leipzig für die Zweitligazeiten einen Sponsor hatte, der über der Marktüblichkeit in den Verein gebuttert hat, dann dürfte das heute maximal mit Auflagen verbunden sein, die beim ersten Mal eher dezent sind und wohl höchstens auf Geldstrafen hinauslaufen. Weil man für die aktuelle Spielzeit und die Zukunft die Sponsorenzahlungen sehr wohl mit entsprechendem Mehrwehrt verargumentiert kriegt. Bis irgendwohin zu einer potenziellen Summe von 100 Millionen Euro sollte das eher problemlos der Fall sein für ein Champions-League-Team.

Bleibt noch die Frage nach den Darlehen, die in Höhe von über 40 Millionen Euro in der 2015er-Bilanz auftauchen. Und die mal eben an manchen Stellen als Schulden interpretiert wurden, die von der UEFA nicht gern gesehen werden. Ganz klar ist der Fall nicht. Anzunehmen ist aber, dass auch hier die Relevanz nicht so groß ist, wie man annehmen könnte.

Denn die Darlehen sind genaugenommen (zumindest für 2015 lässt sich das sagen) durch Einnahmen gegenfinanziert. Oder anders gesagt: In der Gewinn- und Verlustrechnung von 2015 sind die Transferausgaben bzw. der Anteil, den man für das Jahr anrechnen musste, durch Einnahmen wie Sponsoring und Ticketing komplett gegenfinanziert. Dass man Darlehen aufgenommen hat, liegt nur daran, dass man die Transferausgaben, die in den kommenden Bilanzen auftauchen werden, quasi aufgrund eines fehlenden Festgeldkontos vorfinanziert hat.

Anzunehmen ist (zumindest gibt es keine gegenteiligen Indizien), dass auch für die Folgejahre die Transferkosten (und damit die Darlehen) durch reguläre Einnahmen gedeckt sind. Entsprechend wären die Gewinn- und Verlustrechnungen für die Kalenderjahre seit 2015 jeweils ausgeglichen. Was dann eben auch den UEFA-Vorgaben entsprechen würde, dass man einen ausbalancierten Jahreshaushalt vorlegt. Entsprechend erscheinen die Probleme, die aus den hohen Darlehen resultieren, erst mal wenig schwerwiegend für den Lizenzierungsprozess, weil sie in den Jahreshaushalten gegenfinanziert sind. Und weil auch die UEFA nichts grundsätzlich gegen das Aufnehmen von Schulden hat, wenn die sich mit der Wirtschaftskraft des Vereins in Eintracht bringen lassen.

Integrität oder das Problem mit Salzburg

Finanziell-wirtschaftlich sollte es also abseits von maximal kleineren Auflagen keine Probleme geben. Bleibt das Problem mit Red Bull Salzburg. Bzw. das mögliche Problem mit Red Bull Salzburg. Den Integritätsbestimmungen der UEFA zufolge darf kein Verein entscheidenden Einfluss auf einen anderen Verein, der an einem europäischen Wettbewerb teilnimmt, haben. Zudem darf es keine Person oder einen Geldgeber oder was auch immer geben, der auf zwei Vereine gleichzeitig Einfluss hat.

Die naheliegenden Personalien wie Ralf Rangnick und Oliver Mintzlaff hat man in der Vergangenheit aus dem Tagesbetrieb in Salzburg schon gelöst. Mintzlaff war zuletzt zwar noch Head of global Soccer bei Red Bull, aber in dieser Funktion nicht mehr für Salzburg verantwortlich. Inzwischen ist er nur noch dies und das in Leipzig.

Interessanter wird es entsprechend auf subtileren Ebenen. Die Logik ist dabei, dass Leipzig bei der UEFA als Red-Bull-Klub gilt. Was interessanterweise im Gegensatz zur Logik bei der DFL-Lizenzierung steht, wo man kein Red-Bull-Klub sein wollte, sondern Red Bull als speziellen Sponsor ohne Einfluss darstellen wollte. Der Unterschied liegt darin begründet, dass die UEFA in einer Partei, die mehr als 30% des Etats stemmt, sowieso eine bestimmende Partei, also einen Quasi-Eigentümer sieht. Etwas was es in den DFL-Regeln nicht gibt.

Leipzig und Red Bull, das ist aufgrund des enormen Sponsorings also gesetzt. Ausgerechnet bei jenem Verein, der in Österreich auch Red Bull heißt, muss man nun also darstellen, dass Red Bull keinen Einfluss mehr auf die dortigen Entscheidungen nehmen, dass also Salzburg unabhängig von Red Bull agieren kann. Dabei geht es nicht mehr primär um eine Entflechtung von Leipzig, sondern um eine Entflechtung von Red Bull.

Dafür ist Red Bull in Salzburg  vom Status eines Gesellschafters zum (formal) simplen Sponsor heruntergefahren worden. Zudem trat zuletzt auch Red-Bull-Mann Rudolf Theierl als Vorstandsvorsitzender in Salzburg zurück. Was als letzter (formaler) Abnabelungsprozess von Red Bull verstanden werden sollte.

In dem Zusammenhang wurden auch die Zuschüsse von Red Bull zurückgefahren, sodass man künftig nur noch weniger als 30% des Jahreseteats trägt, um nicht von der UEFA als Quasi-Eigentümer wahrgenommen zu werden. Entsprechend ist man in Salzburg künftig auf Transfereinnahmen angewiesen wie man sie in den letzten Jahren dank Setzens auf Nachwuchsarbeit in ordentlichem Umfang einfuhr.

Dass man neben einigen anderen wie Mané, Kampl oder Alan die Transfereinnahmen gerade in jüngerer Vergangenheit auch verstärkt über Transfers nach Leipzig generiert, ist eine der Skurrilitäten der Geschichte. Letztlich entscheiden Spieler darüber, wo sie als nächstes hingehen. Von daher sollte dies auch im Sinne der Regeln in Ordnung gehen. Dass sich Salzburg über Red-Bull-Geld aus Salzburg die Unabhängigkeit von Red Bull sichert, ist trotzdem zumindest skurril. Inwieweit die UEFA auf die Idee kommen kann, Geldflüsse aus Leipzig aufgrund der Red-Bull-Dominanz als Red-Bull-Geld zu deklarieren und somit Salzburg wegen Red-Bull-Zahlungen über Umwege (die dann den Red-Bull-Anteil in Salzburg auf über 30% steigen lassen) vor Probleme bei den Transfers und bei der Etatplanung zu stellen (bzw. Transfers nach Leipzig zu verunmöglichen) bleibt offen, scheint aber eher ein sehr theoretisches Modell. Wäre aber wohl die einzige Verbandsmöglichkeit, um diese Geldflüsse und Verbindungen ins Visier zu nehmen. Wäre aber auch ein erheblicher Eingriff in die freie Wechselentscheidung der Spieler.

Fraglich wäre auch noch, wie die UEFA Personen aus dem Salzburger Vorstand sieht, die in geschäftlichen Beziehungen nicht ausschließlich, aber auch mit Red Bull stehen. Grundsätzlich sollte das in einem kleinen Land wie Österreich schwer zu beanstanden sein, wenn jemand beispielsweise aus der Gastro- und Hotelleriebranche wie der aktuelle Vorstandsvorsitzende Harald Lürzer Geschäfte mit Red Bull macht. In der Praxis stellt sich dann schon die Frage nach der Unabhängigkeit. Wobei das relativ weiche Faktoren wären, wenn den entsprechenden Personen keine direkte Rolle bei Red Bull nachzuweisen ist.

Ist Red Bull Salzburg unabhängig entscheidungsfähig von Red Bull? Formal und potenziell ja. In der Praxis ist man so unabhängig von Red Bull wie das ein kleiner Verein von einem relativ großen Sponsor sein kann. Und in der Praxis ist man natürlich weiterhin in die Fußballstrukturen von Red Bull eingebunden. Über Trainingsmöglichkeiten und Nachwuchsarbeit, auch wenn man sich dafür wohl in den Red-Bull-Facilities einmietet.

Die argumentative Idee ist entsprechend, dasss es eine globale Red-Bull-Fußballstruktur gibt, in deren Mittelpunkt Leipzig steht und dass daneben ein Standort Salzburg existiert, der sich von Red Bull ein Stück weit emanzipiert, sich also quasi verselbstständigt hat. Inwieweit das auch die UEFA als Unabhängigkeit empfindet, wird man irgendwann im Juni, wenn die Ergebnisse der Lizenzierung auf dem Tisch liegen, sehen.

Fakt ist, dass man bezüglich der harten Kriterien Leipzig und Salzburg entflochten und Salzburg unabhängig von Red Bull gemacht hat. Hinsichtlich vieler weicher Faktoren wie dem „Wir“, wenn Mateschitz über Salzburg redet oder den Empfehlungen an Nachwuchssportler, es doch in Salzburg zu versuchen, wenn das näher ist als Leipzig oder natürlich auch dem Corporate Design (auch wenn man Salzburg beispielsweise von der redbulls.com-Homepage genommen hat) und vielem mehr sind Entflechtung von Salzburg und Leipzig und Unabhängigkeit von Salzburg von Red Bull nicht ganz so eindeutig. Können sie auch gar nicht, weil eine gewisse Gemeinsamkeit (nennen wir es mal freundschaftliche  Bande) weiterhin gewollt ist.

Die Frage ist halt, was die UEFA mit weichen Faktoren macht. Letztlich kann sich nichts dagegen haben, wenn formal unabhängige  Vereine im Nachwuchsbereich miteinander kooperieren bzw. miteinander Know How austauschen. Daran allein dürfte eine UEFA-Lizenzierung nicht scheitern. Auch dass eine Firma via Geldfluss in einem Verein bestimmenden Einfluss hat und gleichzeitig in einem anderen Verein nicht unwesentlich als Finanzier auftritt, ist gewollt und wird auch anderswo praktiziert.

Es bleibt am Ende die Frage, wie streitlustig die UEFA in Bezug auf ihre Integritätsbestimmungen ist und wie sehr sie ein Problem damit hat, dass optische Zwillinge wie Leipzig und Salzburg mit einem Salzburger Team, das in Red-Bull-Strukturen zumindest als Nutznießer eingebunden ist, gleichzeitig in ihrem Wettbewerb auftreten. Auch wenn formal keine direkte Einflussnahme von Leipzig oder Red Bull auf Entscheidungen in Salzburg mehr möglich ist (Verweise auf früher und dass da Ablösesummen nach Transferbekanntgabe verhandelt wurden wie bei Bernardo zählen nicht, weil eben wegen früher).

Dass es faktisch zu Wettbewerbsverzerrung kommt und nicht nur potenziell, ist derweil eher ausgeschlossen. Ein direktes Aufeinandertreffen wird es zumindest in der Gruppenphase der Champions League nicht geben (so sich Salzburg denn qualifiziert, running Gag hier selbstständig einfügen). Denn Leipzig liegt sicher in Topf 4. Und auch Salzburg ist eher in diesem Topf der Abgehängten zu erwarten. Auch wenn man inzwischen ein paar UEFA-Punkte angesammelt hat, sodass es nicht völlig ausgeschlossen ist, dass sie in Topf 3 rutschen würden.

Aber selbst wenn das passiert und man dann in derselben Gruppe wie Leipzig landen würde (oder in einer späteren Phase des Wettbewerbs oder in der Europa League auf Leipzig treffen), kann man durchaus von einem ernsten Wettbewerb ausgehen. Zumindest wenn man sich erinnert, wie sich beide Teams selbst in einem Testspiel einst in Katar ordentlich bekämpften, weil keiner als Verlierer den Platz verlassen wollte. Und auch ein Trainer wie Salzburgs Oscar Garcia würde wohl kaum stillschweigend darüber hinweg gehen, wenn ihm jemand ein bestimmtes, negatives sportliches Auftreten empfehlen würde, sondern ihm relativ bestimmt und mit öffentlichem Wirbel einen Vogel zeigen.

Letztlich geht es bei Integritätsbestimmungen aber auch nicht unbedingt darum, was praktisch passiert, sondern darum, was theoretisch ausgeschlossen werden kann. Die Frage, ob Salzburg und Leipzig voneinander unabhängig sind (bzw. Salzburg unabhängig von Red Bull agieren kann), mag auf Basis belastbarer und formaler Fakten weitgehend geklärt sein. Wenn man die weichen Faktoren nimmt, dann bleiben ein paar nicht ganz banale Fragezeichen. Fragezeichen, die der UEFA mit Blick auf mögliche Duelle zwischen Leipzig und Salzburg nicht so richtig gefallen können. Dass daran in diesem Sommer die Lizenzierung für Leipzig scheitert, ist aufgrund der passend gemachten Formalien nicht anzunehmen. Die Restzweifel sind zumindest gering.

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Gute Freunde kann man nicht trennen. Oder doch? Red Bull Salzburg und RB Leipzig Anfang 2015 bei einem Testspiel in Katar. | GEPA Pictures - Felix Roittner
GEPA Pictures – Felix Roittner

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9 Gedanken zu „Geringe Restzweifel“

  1. Dieser Beitrag deines von mir sonst sehr geschätzten Blogs lässt sich heute leider nur so beschreiben: Verharmlosen und Runterspielen! Wenn man will, könnte man sogar ein „interessantes“ Verhältnis zur Geltung und Funktion von Rechtsordnungen herauslesen.

    1. „Inwieweit die UEFA auf die Idee kommen kann, Geldflüsse aus Leipzig aufgrund der Red-Bull-Dominanz als Red-Bull-Geld zu deklarieren […] bleibt offen, scheint aber eher ein sehr theoretisches Modell. […] Wäre aber auch ein erheblicher Eingriff in die freie Wechselentscheidung der Spieler.“
    Hierzu zwei Anmerkungen:
    Umgehungsgeschäft mit Sabitzer. Er durfte aufgrund der Rivalität von Rapid nur ins Ausland wechseln. Dies tat er und wurde umgehend von Leipzig an Salzburg ausgeliehen. Ein Schelm, wer…
    Verteidiger Bernardo. Am Tag des Derbys in Österreich aus dem Kader abgezogen. Die Entscheidung ist offenkundig in Leipzig gefallen und führte zu erheblichem Unmut bei den österreichischen Fans.
    Rangnick räumt nachher öffentlich ein, dass vor dem Transfer keinerlei Verhandlungen über Preis und Modalitäten stattgefunden haben. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Unterm Strich kommen/kamen 60 Mio innerhalb des Salzburg-Haushalts offiziell nicht vom Sponsor Red Bull, sondern aus Leipzig. Und da kommt das Geld aus……Kassen.

    2. Auf die Anfrage des Westdeutschen Rundfunks von vor wenigen Monaten nach Drehgenehmigung in Salzburg antwortete der Verein, das hätte Mintzlaff in Leipzig zu entscheiden.

    3. In einem Spiel der letztjährigen CL-Quali lief in der Halbzeit auf einmal ein Salzburger Spieler mit Leipzig-Trikot rum. (an dieser Stelle ein Hoch auf FullHD)

    Vor diesem Hintergrund (die Reihung könnte noch weiter gehen) wirkt deine Aussage: „Können sie auch gar nicht, weil eine gewisse Gemeinsamkeit (nennen wir es mal freundschaftliche Bande) weiterhin gewollt ist.“ – etwas….gewollt. Um nicht zu sagen amüsant.

    Du gibst dir ausgiebig Mühe, an Kleinigkeiten und Formalien darzustellen, dass das ja alles mit rechten Dingen zuginge und die UEFA-Regularien erfülle. Dafür benutzt du ganze neunmal das Wort „formal“. Nur erschöpft sich die rechtliche Seite eines Sachverhalts eben nicht nur in – von dir so genanntem – „formalen Zeug“. Es kommt vielmehr auch auf den hinter ihr beabsichtigten Sinn und Zweck einer Regelung an. Dies ist insb. im deutschen/kontinentaleuropäischen Recht nämlich meistens wichtiger.
    Daher abschließend die Frage: Glaubst du allen Ernstes und aus voller Überzeugung, dass Red Bull sich auf irgendeinem seiner sportlichen Betätigungsfelder (Leipzig, Salzburg, New York, Formel 1, Air Race etc etc) wirklich die Letztkontrollmöglichkeiten nehmen lassen würde? Insbesondere in den Bereichen, in denen RB eben NICHT Sponsor, sondern Investor/Eigentümer ist. (Du unterscheidest da – aus Gründen, die ich mir denken kann – nämlich nicht)

    In einem Punkt stimme ich dir jedoch vollumfänglich zu: „Zwischenzeitlich griff man auf Experten zurück (wobei man sich bei manch einem auch fragen konnte, was ihn zum Experten qualifiziert) […]“
    Exakt getroffen. Diese Sache sollten letztlich ausschließlich Sportrechtler beurteilen. Un damit meine ich wirkliche Juristen und nicht die insteressierten Laien, die in manchen Sportgerichten dilettieren.

    1. Wie gesagt, es macht keinen Sinn, Phänomene aus der Vergangenheit oder Gegenwart zu einer Liste zu verarbeiten und aus der Länge der Liste irgendwas ableiten zu wollen. Ich habe versucht, die Logik der Entwicklung nachzuzeichnen (und nicht Kleinigkeiten darzustellen) und mögliche Konflikte mit der UEFA aufgezeigt. Zu allem anderen wie der Mintzlaff-Geschichte (der übrigens nicht wegen Salzburg angefragt wurde, sondern wegen Drehen in der Akademie in Liefering, die zu Red Bull gehört, deren Fußballchef Mintzlaff damals war) gibt es halt immer auch zwei Seiten der Geschichtsmedaille..

    2. Aus Phänomenen der Gegenwart etwas ableiten zu wollen, macht keinen Sinn? Dann macht die komplette Diskussion keinen Sinn und wir alle und alle Vereine machen einfach das, was sie wollen. Fertig.

      Ich verstehe einfach nicht, wo für manche das Problem ist, dazu zu stehen, was man ist. Eben kein Verein wie jeder andere. Das mag der eine toll finden, der andere nicht so toll finden, und wieder einem anderen herzlich egal sein. Und das ist doch okay. Nur Kopfstände machen, um irgendwas formal passend zu biegen, das verstehe ich einfach nicht.

    3. Aus einer wahllosen Ansammlung an Phänomenen, bunt durcheinandergewürftelt und nicht eingeordnet (und Zitaten, zu denen man auch einiges sagen könnte) eine Rechtsauffassung ableiten zu wollen, macht keinen Sinn. Und wenn am Ende das Recht vielleicht etwas spricht, was einem nicht passt, dann sind die Kapitalisten oder die da oben oder irgendwas Schuld. Da bin ich raus. Es ist bei diesen Lizenzierungsgeschichten immer dasselbe, dass behauptet wird, dass am Ende die Verbände angeblich entgegen ihrer Regularien entscheiden und Recht brechen. Nein, tat der DFB und die DFL nicht und wird die UEFA vermutlich auch nicht tun. Mag sein, dass die Regularien nicht das tun, was sie sollen, aber das ist dann halt wieder eine andere Geschichte. Ich habe versucht darzustellen, was die UEFA-Regularien leisten sollen und wo da eventuell Bruchstellen sind und was sie vermutlich nicht erfassen können. Mehr nicht. Punkt.

    4. An der wie stets hohen Detailgenauigkeit deines Blogbeitrags oder an der Richtigkeit jedes Einzelaspakts wollte ich auch überhaupt nichts aussetzen!

      Und ich leite Recht aus Gesetz und Urteil ab und nicht aus einer „Ansammlung von Phänomenen“(, die in diesen Fällen am Ende des Tages halt trotzdem wahre Fakten darstellen). Auch weiß ich zwischen persönlichem Wohlgefallen an einem Rechtsspruch und dessen objektiver (Un-)Richtigkeit sehr wohl zu unterscheiden und nicht „denen da oben“ die Schuld zuzuschieben.

      „Es ist bei diesen Lizenzierungsgeschichten immer dasselbe, dass behauptet wird, dass am Ende die Verbände angeblich entgegen ihrer Regularien entscheiden und Recht brechen. Nein, tat der DFB und die DFL nicht und wird die UEFA vermutlich auch nicht tun.“
      Da kann ich als Jurist nur sagen: abweichende Ansicht vertretbar! Es gibt genug, die die 50+1-Regel für nur noch auf dem Papier existent betrachten. Man kann Normen auch ad absurdum führen und aushöhlen, ohne sie formal zu brechen.
      Nochmals: Mir geht es nicht darum, irgendwen anzugreifen, mir geht es nur darum, dass sich alle Beteiligten, DFB, DFL, UEFA, Red Bull und ihre Fans endlich mal ehrlich.

      „Mag sein, dass die Regularien nicht das tun, was sie sollen, aber das ist dann halt wieder eine andere Geschichte.“ -> Stimmt! Aber das ist genau die Geschichte, die viele Menschen in weiten Teilen der Republik entscheidend interessiert.

  2. „dass optische Zwillinge wie Leipzig und Salzburg“ …. Ich bete dafür, dass es endlich auch mal eigenständig gestaltete Trikots gibt. Die sind mir schon seit 5 Jahren ein Dorn im Auge und einer „hippen“ Marke wie redBull einfach nicht würdig! Da geht noch was …

    Ansonsten habe ich so ein kleines stechen im Hinterkopf, wenn ich daran denke, dass die UEFA, beim gemeinen Fußballpöbel, sich profilieren will und dem einzig wahren Rasenballsport einen Dämpfer verpassen will/muss …

    1. Man findet RB also toll oder ist andererseits ein „gemeiner Fußballpöbel“? Interessant.

  3. Was mich bei der ganzen Sache am meisten ärgert ist die Scheinheiligkeit und Dreistigkeit beim RB-Imperium. Nach außen hin erklärt man, dass alles formal geregelt ist und man gelassen auf die UEFA-Entscheidung blickt. Dank einer einheitlichen Sprachregelung verkündet man dies in alle Kameras und Mikros. Hintenrum bzw. hinter vorgehaltener Hand ist es doch aber ein offenes Geheimnis, dass sich ein Mäzen Mateschitz nie nie nie niemals das Zepter aus der Hand nehmen lässt.

    Wir erinnern uns an die Lizenz-Querelen 2014:
    „Laut Mateschitz verlangt die DFL schriftlich, „dass wir auf jedwedes Mitspracherecht im Verein verzichten“. Dies lehnt der Unternehmer ab. Es käme „einem unsittlichen Antrag nahe. Ich glaube nicht, dass wir auf diese Art und Weise mit Sebastian Vettel viermal Formel-1-Weltmeister geworden wären“, betonte Mateschitz.“ (08.05.14, welt.de)

    Und nun soll plötzlich in Salzburg kein Einfluss mehr auf die Vereinsgeschicke genommen werden, weil man „nur“ noch Sponsor ist?

    „Ein Beispiel: Wenn wir einen Spieler wie Sadio Mane, der eine relativ hohe Ablöse gekostet hat, holen wollen, dann spreche ich mit Herrn Mateschitz und erkläre ihm, dass ich von dem Spieler überzeugt bin und man ihn entwickeln und womöglich gewinnbringend verkaufen kann. Ich schlage vor, es zu machen, und er hat am Ende gesagt: Okay, machen Sie es.“ (Ralf Rangnick 05.06.13, welt.de)

    Und wenn man nun schon angeblich seit Monaten intensiv an einer Entflechtung von Salzburg und Leipzig arbeitet, wie kommen dann solche Aussagen zustande:
    „Das Gesamtkonstrukt Red Bull ist ein Global Player im Fußball. Wir haben eine Akademie in Südamerika und kooperieren mit einer anderen in Afrika. Es ist extrem schwierig, die Philosophie auf diese Standorte mit anderen Kulturen zu übertragen. Bei uns funktioniert das sukzessive und letztlich läuft alles hier in Liefering zusammen. Wenn es Richtung Profi-Fußball geht, werden die Spieler wieder neu verteilt, zum Beispiel nach Leipzig oder auch mal New York. Damit sind wir im deutschsprachigen Raum der Vorreiter.“ (Ernst Tanner, Akademie- und Nachwuchsleiter RB Salzburg, 04.01.17, spox.com)

    Wie dem auch sei. Die UEFA wird beide RB-Clubs durchwinken – da bin ich mir sicher. Der schnöde Mammon zählt dort mehr als die Integrität des Wettbewerbs. DFB und DFL lassen grüßen…

    1. Danke für die Zitate, waren mir alle noch nicht bekannt.

      Und ja, Letzteres gilt leider nicht nur, aber nun seit einiger Zeit halt auch im Fußball: Das Primat des Rechts wird im Sinne des Kapitals mit Füßen getreten. Was nicht passt, wird passend gemacht. Wer einen Hauch Kritik äußert ist ein ewig Gestriger und hat die angeblichen Zwänge der Zeit nicht verstanden.

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