Schritte in die Weltklasse

Irgendwas um die 10 Millionen Euro hat sich RB Leipzig den Transfer von Dayot Upamecano in der Winterpause kosten lassen. Viel Geld für einen gerade mal 18 Jahre alten Innenverteidiger, der in Salzburg auch auf der Sechs zum Einsatz kam, aber über viel Potenzial verfügt und noch dazu bis zu einem gewissen Grad flexibel einsetzbar ist.

In Leipzig hatte der Franzose keinen ganz leichten Start. In seinen ersten sechs Einsätzen stand er reichlich 200 Minuten auf dem Platz. In dieser Zeit schoss RB Leipzig kein einziges Tor und kassierte fünf. Dazu kamen gegen den HSV und in Mainz gleich zwei Auswechslungen noch vor der Halbzeitpause.

Immer wieder wurde in dieser Zeit von den Verantwortlichen betont, dass das Talent weiter seine Chancen kriegen wird, damit er lernen kann und dass man jungen Spielern auch Fehler zugestehen muss. Das zahlte sich zuletzt auch aus. Denn von den letzten fünf RB-Spielen bestritt Upamecano vier über die volle Distanz und machte dabei eine recht gute, abgeklärte Figur. Und durfte mit der Mannschaft auch mal Erfolgserlebnisse feiern. Denn nach den 0:5 Toren zu Beginn erlebte er seitdem 13:6 Tore direkt auf dem Platz mit.

Besonders auffällig im Vergleich mit den Innenverteidiger-Kollegen Willi Orban und Marvin Compper, dass Upamecano sehr über den Zweikampf kommt. Auf 90 Minuten führt der Franzose 25 direkte Duelle, während es bei Orban und Compper nur 17 bzw. 13 sind. Gerade der erfahrene Compper löst viele Situationen durch sein Stellungsspiel, wo Upamecano noch den Kontakt mit dem Gegenspieler sucht.

  • Dayot Upamecano: 24,8 Zweikämpfe pro 90 Minuten
  • Willi Orban: 17,2 Zweikämpfe pro 90 Minuten
  • Marvin Compper: 12,6 Zweikämpfe pro 90 Minuten

Dabei sind die Zweikampfwerte von Dayot Upamecano ungefähr identisch mit denen von Marvin Compper, aber etwas schlechter als jene von Willi Orban. Erstaunlicherweise hat Upamecano im Luftduell Nachteile gegenüber den Kollegen. Wobei das angesichts seiner Statur eher eine Frage von Erfahrung und Stellungsspiel denn von grundsätzlicher Schwäche sein dürfte. Was er sich im Boden über Schnelligkeit und Beweglichkeit an Vorteil verschaffen kann, fehlt ihm offensichtlich in Sachen Timing im Luftduell noch.

  • Willi Orban: 60,3% gewonnene Zweikämpfe (65,6% in der Luft, 57,0% am Boden)
  • Dayot Upamecano: 56,5% gewonnene Zweikämpfe (56,6% in der Luft, 56,5 % am Boden)
  • Marvin Compper: 56,0% gewonnene Zweikämpfe (62,9% in der Luft, 52,7% am Boden)

Sicher präsentierte sich Upamecano zuletzt im Passspiel. Da ging er gerade in den ersten Spielen noch zu oft ins Risiko. Inzwischen spielt er mit erstaunlich viel Ruhe und Abgeklärtheit aus der Spieleröffnung heraus. Aber grundsätzlich ist es auch nicht übermäßig überraschend, dass Upamecano über das entsprechende Passspiel verfügt, da er ja auch von der Sechs kommt, wo diese Fertigkeiten noch mal viel mehr gefordert sind. Insgesamt steht er mit seinen 79,5% angekommenen Bällen nur noch leicht hinter Compper und Orban zurück.

  • Willi Orban: 81,2% angekommene Pässe
  • Marvin Compper: 79,6% angekommene Pässe
  • Dayot Upamecano: 79,5% angekommene Pässe

Markenzeichen des Spiels von Dayot Upamecano ist sein offensives Verteidigen und der Versuch, sich im Kampf um den Ball gern auch vor dem Gegenspieler zu postieren, um Bälle abzufangen. Entsprechend ist er ein sehr guter Balleroberer. Fast 11 Bälle fängt er pro 90 Minuten ab oder erkämpft sie sich im Zweikampf. Für einen Innenverteidiger ein untypisch hoher Wert. Im ganzen Team gewinnt nur Naby Keita mehr Bälle. Die Innenverteidiger Orban und Compper stehen bei jeweils rund 7 Bällen, die sie in 90 Minuten abfangen oder gewinnen.

  • Dayot Upamecano: 10,9 abgefangene und eroberte Bälle pro 90 Minuten
  • Marvin Compper: 7,3 abgefangene und eroberte Bälle pro 90 Minuten
  • Willi Orban: 7,2 abgefangene und eroberte Bälle pro 90 Minuten

Diese Spielweise wirkt manchmal etwas ungestüm. Wenn sie funktioniert und die Bälle erobert werden, dann sieht es gut aus. Wenn es nicht funktioniert, kann der Gegenspieler im Rücken auch mal schnell weg sein und viel Raum vor sich haben. Zudem führt die eher aggressive Herangehensweise dazu, dass Upamecanos Spielweise sehr foullastig ist.

Alle 41 Minuten pfeift ihm der Schiedsrichter einen Zweikampf wegen Foulspiels ab. Willi Orban und Marvin Compper müssen nur alle 81 bzw. 95 Minuten zum Foulspiel greifen. Entsprechend sieht Upamecano auch sehr häufig die gelbe Karte. Alle 192 Minuten wird er verwarnt, während Orban und Compper dafür 280 bzw. 350 Minuten brauchen.

  • Dayot Upamecano: alle 41,2 Minuten ein Foul, alle 192 Minuten gelb
  • Willi Orban: alle 81,2 Minuten ein Foul, alle 280 Minuten gelb
  • Marvin Compper: alle 95,4 Minuten ein Foul, alle 350 Minuten gelb

Offensiv hat Dayot Upamecano bisher noch nicht alle Register ausgeschöpft. Gerade als Kofpballspieler bei Standards ist er noch nicht wirklich in Erscheinung getreten. An zwei Torabschlüssen war er bisher beteiligt, ein Schuss und eine Vorlage zu einem Schuss. Zu einer Torbeteiligung reichte es noch nicht. Am aktivsten ist von den Innenverteidigern Willi Orban, der schon 23mal versuchte aufs Tor zu schießen oder zu köpfen. Am effektivsten ist allerdings Marvin Compper, bei dem alle 3,5 Schüsse bzw. Kopfbälle ein Tor heraussprint, während das bei Willi Orban nur alle 7,7 Torabschlüsse der Fall ist.

  • Willi Orban: 0,82 Torabschlüsse pro 90 Minuten
  • Marvin Compper: 0,30 Torabschlüsse pro 90 Minuten
  • Dayot Upamecano: 0,16 Torabschlüsse pro 90 Minuten
  • Marvin Compper: alle 3,5 Torabschlüsse ein Tor, 2 Tore
  • Willi Orban: alle 7,7 Torabschlüsse ein Tor (3 Tore)
  • Dayot Upamcano: 0 Tore

Im Vergleich zu seinen Innenverteidigerkollegen fallen sehr viel mehr Gegentore, wenn Dayot Upamecano auf dem Platz steht. 1,7 sind es pro 90 Minuten. Da hatte Upamecano mit den fünf Gegentoren gegen Bayern zuletzt auch etwas Pech. Comppers Bilanzen konnten die Treffer dagegen nichts anhaben. Er bleibt von den Defensivspielern derjenige, der die wenigsten Tore live miterleben musste.

  • Marvin Compper: 0,90 Gegentore pro 90 Minuten, wenn auf dem Platz
  • Willi Orban: 1,07 Gegentore pro 90 Minuten, wenn auf dem Platz
  • Dayot Upamecano: 1,72 Gegentore pro 90 Minuten, wenn auf dem Platz

Charakteristisch für die bisherige Spielweise von Dayot Upamecano, die auf Aktivität setzt, auch die höheren Lauf- und Sprintwerte im Vergleich zu seinen Innenverteidigerkollegen. Das darf man nicht mit höherem Engagement verwechseln. Es ist einfach Teil der Art des Spiels des Franzosen, das noch sehr auf Aktivität und Ballgewinne und nicht so sehr auf Routine und Ballgewinne ausgelegt ist. Ob sich das im Laufe der Karriere noch einschleift und als Jugendlichkeit und Übermut abgeschüttelt wird, muss man abwarten. Bisher resultiert manch Sprint halt auch einfach aus deinem Fehler im Stellungsspiel. Ein Stückweit erklären sich die Differenzen zudem daraus, dass Upamecano ein paar Spiele als Einwechsler oder nicht über die volle Distanz bestritt. Wenn man Laufstrecken aus Teilzeiteinsätze auf 90 Minuten hochrechnet, dann liegen sie meist automatisch über den Werten von Spielern, die 90 Minuten komplett auf dem Platz standen.

  • Dayot Upamecano: 10,31 km pro 90 Minuten, 18,1 Sprints pro 90 Minuten
  • Willi Orban: 9,82 km pro 90 Minuten, 12,0 Sprints pro 90 Minuten
  • Marvin Compper: 9,77 km pro 90 Minuten, 13,7 Sprints pro 90 Minuten

Weltklasse kann Dayot Upamecano werden, urteilte Trainer Ralph Hasenhüttl zuletzt. Womit er zweifellos recht hat. Denn Upamecano bringt von Physis, Geschwindigkeit, Zweikampfverhalten, Aggressivität und fußballerischen Qualitäten her alles mit, was man braucht, um ein moderner Innenverteidiger, also eine Art Sechser in letzter Linie, zu sein. Die Zahlen und die Leistungen auf dem Platz zeigen das schon recht deutlich.

Sie zeigen aber auch, dass Upamecano noch weitere Entwicklungsschritte vor sich hat, weil das Spiel machmal noch etwas zu wild und risikobeladen und das Stellungsspiel noch nicht optimal ist. Aber Upamecano ist auch gerade mal 18 Jahre alt. Von daher hat er auch noch viel Zeit, die entsprechenden Schritte zu gehen. Wenn es so weiterläuft, wird er die Schritte halt vermutlich nur nicht sehr lange in Leipzig gehen.

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Dayot Upamecano überzeugt mit Körperbeherrschung und reifem Auftreten. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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2 Gedanken zu „Schritte in die Weltklasse“

  1. „Zu einer Torbeteiligung reichte es noch nicht. “
    Mhm, was ist mit der Vor-Vorlage beim 2:0 gegen Freiburg? Er gewinnt nicht nur das Kopfballduell, sondern passt da genau zu Poulsen und weiter zu Werner+Tor. Oder Du meinst anscheinend den direkten Assist 😉

    Aber sehr schöner Überblick und Zahlenspielerei. Die Beiden Hz-Auswechslungen können einen 18jährigen schon mal aus der (sportlichen) Bahn werfen. Aber er blieb cool und bekam weitere (verdiente) Chancen. Selbst bei den 5 Toren gegen Bayern war er in einigen Szenen gegen Lewandowski schon richtig abgebrüht wie ein alter Hase.
    Seine Kopfballduelle erinnern mich an den „jungen“ Poulsen in Liga 3 😉

    Ich denke mal, es ist auch dahingehend wichtig, daß Marvin Compper bleibt, um wie eben Coltorti die jungen Spieler wie Upamencano zu betreuen, auch hinsichtlich der Sprache.

    Beim letzten Satz hast Du wohl leider Recht.

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