Hurensohn

Ich kann mich an eine Zeit kurz nach der Wende erinnern, als man sich im Rahmen der Berufsausbildung gegenseitig als „Banane“ bezeichnete und das als Beleidigung meinte. „Ey, du Banane“. Das war vermutlich als Schmähung (wie man heutzutage offenbar sagt) schon damals so skurril wie es heute klingt (vielleicht lag die Betonung aber auch auf ‚ey‘ und ‚du‘ und bekamen die Dinge dadurch ihren total bösen Klang^^).

Nicht ganz so skurril, aber ähnlich ist es bei der Beschimpfung „Hurensohn“, bei der man sich fragen kann, welche Eigenschaften genau das Wort eigentlich hat, damit man es als Beschimpfung verwendet (und ja, mir ist bewusst, dass das Wort vielerorts von Getroffenen als Beleidigung empfunden wird). Der Sohn einer Frau zu sein, die ihren Körper verkauft (oder auch nicht verkauft, sondern einfach nur viel Sex hat oder ein Kind vaterlos großzieht; die Konnotationen sind da vermutlich unterschiedlich), ist jetzt nicht unbedingt etwas, was ein Makel wäre. Zumal nicht in einer Gesellschaft, in der jeder irgendwas von seinem Körper verkauft, um damit Geld zu verdienen und Alltag zu bestreiten.

Trotzdem benutzt man Hurensohn bzw. Sohn einer Hure in Fußballstadien (und nicht nur dort) gern als Beschimpfung. Seltsamerweise nicht Sohn eines Försters. Oder Sohn eines Bibliothekars. Oder Sohn eines Profifußballers. Oder Sohn eines TV-Junkies. Oder was auch immer man an Berufen oder Freizeitbeschäftigungen finden mag. Nein, es ist der Hurensohn, der irgendwie als besonders treffend und beleidigend empfunden wird. Warum auch immer.

Bei der Abreise von der Veltins-Arena auf Schalke beim RB-Auswärtsspiel bestand die Hälfte der immer mal wieder aufkommenden Gesänge aus der Feststellung, dass die BVB-Fans Hurensöhne sind und die andere Hälfte war Timo Werner mit selber Message gewidmet. Seit seiner Schwalbe im Spiel gegen Schalke letzten Dezember darf sich das der Stürmer ja bei fast jeder Partie in kleinerem oder größerem Umfang anhören. Letztens nach dem Hertha-Spiel postierten sich 50 bis 100 Halbstarke direkt hinter dem Sky-Pult und untermalten ein Werner-Interview mit dieser Akustik. Vermutlich hatte und hat Mutti Werner aber einen anderen Beruf. Aber das ist ja auch egal.

Es ist schon absurd, dass man den Begriff Hurensohn überhaupt als Schimpfwort benutzt und nicht „Sonne“, „Wiese“ oder halt „Apfel“. Entsprechend absurd ist auch der der ganze Kulturkampf, der um den Begriff Hurensohn im Vokabular von Fußballfans und Fankurven in jüngerer Vergangenheit ausgebrochen ist.

Persönlich wunderte ich mich etwas, dass der Kölner Stadionsprecher beim Spiel gegen Hoffenheim die Zuschauer bat, Gesänge mit der eher albernen Hurensohn-Beschimpfung gegen Dietmar Hopp zu unterlassen. Hatte ich so glaube noch nie in einem Stadion gehört, dass man Verbalinjurien dieser, eher verbreiteten Art vom Stadionsprecher einbremsen will. Hintergrund wohl, dass seitens des DFB für die entsprechenden Gesänge in jüngerer Vergangenheit erstmals Strafen ausgesprochen wurden. Die Ansagen des Stadionsprechers hatten meist den Effekt, dass die Rufe lauter wurden, aber auch Pfiffe aus dem Publikum gegen die Rufe erklangen (so klang es zumindest aus der Ferne).

Wenn man es aus pädagogischen Gesichtspunkten denkt (und es geht hier wirklich nur um die Gesänge und nicht um ätzende Banner, gegen die Hopp offenbar Anzeige erstattete (was sein gutes Recht ist) und wegen derer Räumlichkeiten des Kölner Fanprojekts durchsucht wurden), dann ist es ein bisschen ein klassischer Eltern-Kinder-Konflikt. Nur dass die Kinder keine Kinder mehr und die Eltern keine Erziehungsberechtigten im engeren Sinne sind.

Denn Pädagogik kommt ohne Setzen von Grenzen nicht aus. Allerdings muss man sich auch gut überlegen, welche Grenzen man tatsächlich durchsetzen will und ob das Thema, bei dem man auf erzieherischen Konfrontationskurs geht, tatsächlich wichtig genug ist. Denn das Setzen von Grenzen ergibt in einer leicht asymmetrischen Beziehung nur Sinn, wenn man überzeugt ist, dass die Grenze notwendig ist und wenn man willens ist und den langen Atem hat, sie auch wirklich durchzusetzen, man also auch eine gewisse Eskalation in Kauf nimmt.

Bei der Hurensohn-Geschichte kann man sich da schon fragen, inwieweit die Tatsache gegeben ist, ausgerechnet bei dieser Schmähung die Grenzen zu ziehen und viele andere Schmähungen in wohl jedem Fußballstadion dieser Welt unbetrachtet zu lassen. Auch bei RB Leipzig ist es beispielsweise nicht komplett alltäglich, aber durchaus üblich, die Aufstellung des Gegners bei Auswärtsspielen mit „Arschloch“-Rufen zu begleiten. Noch nicht über der Grenze oder doch schon? Und was ist man anderen metaphorisch-martialischen Dingen, mit denen Gegner in den verschiedensten Stadien symbolisch vernichtet werden?

Es erscheint ein bisschen willkürlich nun ausgerechnet bei Hoppschen Hurensohn-Gesängen die Grenzen zu ziehen, während von Ermittlungen des DFB gegen Schalke beispielsweise für die Schmähungen von Timo Werner noch nichts bekannt ist. Geschweige denn von Ermittlungen des DFB gegen den DFB wegen entsprechender Rufe bei Länderspielen. Und mal gar nicht davon angefangen, dass wohl jeder regelmäßige Stadionbesucher schon mal ein unflätiges Wort über das Spielfeld geschickt hat.

Der DFB allerdings hat offenbar für sich entschlossen, dass er seine väterliche Autorität dazu einsetzen will, erzieherische Maßnahmen gegen verbale Beleidigungen gegen Dietmar Hopp durchzuführen. Worauf die gemeinten Fans mit eher kindlicher Trotzigkeit reagieren und die entsprechende Rufe als historischen Teil der Fankultur verteidigen und Hopp doch erst später dazu kam und hätte wissen können, dass es im Stadion rau zugeht.

Ein auch irgendwie seltsamer Verweis. Denn mit der Argumentation gäbe es wohl auch noch Affenlaute als Ausdruck von Rauheit und historisch gewachsenem Fanauftreten im Stadion als akzeptiertes Relikt oder würde man Oliver Kahn auch heute noch Bananen zuwerfen, wenn er denn noch spielen würde. Sprich, was man sich im Stadion wünscht oder nicht wünscht, dürfte nicht immer was damit zu tun haben, was da mal drin war.

Sowieso ist es seltsam, dass man so tut, als wären Hurensohn-Gesänge eine Art Menschenrecht der freiheitsliebenden Fankultur. Wie oben schon geschrieben. Als Schmähung sind sie gleichermaßen alberne wie sinnlose Beleidigungen. Und nur weil man keinen Bock hat, auf Vati DFB zu hören, der will, dass das aufhört, werden daraus keine Rufe, die man zwingend verteidigen muss.

Letztlich sind die Rufe aber eben aufgrund ihrer inhaltlichen Sinnlosigkeit auch eher banal als der große Skandal. Ein Gesetz gegen Doofheit gibt es in der Sportsgerichtbarkeit nicht wirklich. Allerdings hat man in letzter Zeit manchmal das Gefühl, dass der DFB sich zum Wächter über die Art und Ästhetik von Ausdrucksformen erheben will. So bestrafte man in der jüngeren Vergangenheit auch „Scheiß Red Bull“-Doppelhalter. Die auch nicht besonders schlau und ausgefeilt sind, aber jenseits von inhaltlich-ästhetischen Erwägungen auch nicht besonders relevant erscheinen.

Das Vorgehen wirkt ähnlich wahllos wie die Thematisierung durch die Öffentlichkeit. Die Banner beim Spiel zwischen Dortmund und Leipzig ergaben medial eine Wand der Schande, obwohl 95% der dortigen Inhalte anderswo, bei bei weitem nicht so großen Aufsehen, auch schon gezeigt wurden. Strafen gibt es mal hier und mal dort, aber auch nicht so richtig durchgehend.

Wobei das auch ein Problem der Transparenz des DFB ist. Einen festgelegten Strafenkatalog gibt es nicht. Welche konkreten Inhalte man mit welchen Strafen belegt, gibt man nach entsprechenden Entscheidungen des Sportgerichts nicht bekannt. Sodass schon allein deswegen der pädagogische Effekt, Menschen beizubringen, was sie aus welchen Gründen zu lassen haben, nicht so richtig eintreten kann.

Entsprechend erscheinen aufgrund der fehlenden Nachvollziehbarkeit der Höhe der Strafen und der bestraften Inhalte die Urteile der Sportgerichtsbarkeit immer auch ein bisschen wahllos. Daraus resultiert ein Stückweit auch ein Unverständnis für Maßnahmen wie die Schließung der Südtribüne nach dem RB-Spiel (wobei hier juristisch auch die Streichung einer Bewährung eine Rolle spielte), die damals auch der öffentlichen Aufregung um die Vorgänge vor dem Stadion (die vom Sportgericht offiziell aber gar nicht in die Entscheidung mit einbezogen werden konnten) getragen schien.

Wobei es auf der anderen Seite auch Quatsch ist, darauf zu verweisen (wie ich letztens irgendwo hörte), dass ja nur vier Banner beim BVB-RB-Spiel strafrechtlich relevant waren und entsprechend die Kollektivstrafe gegen 25.000 Zuschauer falsch gewesen sein müsse. Das vergisst, dass 15 weitere Banner gegen die Stadionordnung des BVB verstießen und dass der DFB keine Institution ist, die ihren Fokus auf strafrechtliche Relevanz legt. Für den Verband geht es natürlich darüber hinaus auch generell um Fairness und Respekt gegenüber dem Gegner, also um den Schutz der Grundlagen des sportlichen Wettbewerbs auch im Umfeld von Spielen. Also auch um profanere als strafrechtlich relevante Beleidigungen und Verbalattacken.

Entsprechend mag der DFB aufgrund eigener Probleme mit Affären und Funktionären moralisch nicht als integerster Partner erscheinen, aber die Aufgabe für seine Sportgerichtsbarkeit geht weit darüber hinaus, nur Verfehlungen zu verfolgen, die auch ein Staatsanwalt verfolgen würde. Ob es nun seine Aufgabe ist, Doofheit zu verfolgen und ob es clever ist, Grenzen recht variabel und intransparent zu ziehen, ist dann wiederum eine andere Frage.

Fakt ist, dass man einen Kampf gegen absurde Schmähungen wie die Hurensohn-Gesänge als Verband eigentlich nicht wirklich gewinnen kann und auch nicht gewinnen muss. Weil das wirksamste Mittel gegen diese Art der inhaltlichen Äußerung am ehesten noch fehlende Akzeptanz in der Breite der jeweiligen Anhängerschaft und ein Belächeln der Doofheit der Schmähung ist. (Oder man macht es wie einst die New York Red Bulls, die eine Prämie für ihre Fans auslobten, wenn die auf Schmähungen des gegnerischen Torwarts beim Abschlag verzichten; eine eher sehr moderne Padagogik über den Geldbeutel..)

Aber der Verband hat es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, gegen die Hurensohn-Gesänge zumindest gegen Dietmar Hopp autoritär-erzieherisch vorgehen zu wollen. Und muss da jetzt durch, wenn er diese Grenzziehung mit halbwegs Konsequenz betreiben will. Das mutet durchaus ein wenig seltsam an, wenn das bemängelte Wort in Sachen Brachialrhetorik, um die es in dieser Blogrubrik ja unregelmäßig geht, ein eher absurdes und unkreatives Leichtgewicht ist.

Absurd ist sowieso ein gutes Stichwort für die Beziehung zwischen Verband und manchen Fangruppen und teilweise den Vereinen. Auf der einen Seite ein Verband, der bei oft nachvollziehbarem inhaltlichen Interesse in seiner Rechtssprechung intransparent und in den Strafmaßen ohne konkrete Grundlage agiert. Auf der anderen Seite Gruppen von Fans, die in ihrer Selbstsicht als selbstbestimmter Gegenpol zum Verband auch dumme Dinge aufgrund ihrer Historie und eben auch als gezielte Grenzüberschreitung verteidigen. Irgendwie eine Lose-Lose-Situation. Nicht unbedingt das ideale pädagogische Setting.

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Timo Werner und die Frage, ob man sich über Spekulationen über seine Mutter ärgern sollte. Foto: GEPA Pictures - Roger Petzsche
Foto: GEPA Pictures – Roger Petzsche

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10 Gedanken zu „Hurensohn“

  1. Für mich ein Skuriler Text. Gehen Dir die spannenden Themen aus? Noch keine Lust sich mit der CL zu beschäftigen oder einer neuen europäischen Auswärtsfahrerkultur und den positiven Effekt auf den Flughafen Leipzig/Halle. Auch ein Saufurlaub auf Malle kurz vorm Spitzenheimspiel der Saison ist nicht interessant genug? Trifft dich das Thema Hurensohn so sehr? Wie wäre denn eine Analyse des Begriffs Rattenball? Rasenschach taucht ja immer mal wieder in deinen Analysen auf. Mich verwundert deine Themenwahl, als wären wir schon im Sommerloch.
    Viele Grüße

  2. Ich glaube bei „Hurensohn“ geht es einfach um die Beleidigung der Mutter. Manche reagieren da immer noch äußerst empfindlich. War da nicht so was ähnliches beim Endspiel der WM 2006 mit Zidane?

  3. Ich finde es gut, auch dieses Thema aufzugreifen. Themen der Zukunft sollten auch erst in der Zukunft behandel werden. „ROTEBRAUSEBLOGGER“ mach weiter so!

  4. Ich hoffe immer, dass die Kirchen dieser Welt nicht eingreifen, wenn das ganze Stadion ruft Timo Werner – Fussballgott!

  5. „sohn einer läufigen hündin“,oder“sohn von vielen vätern“ fände ich origineller,oder dazu bedarf es einer fangemeinschaft die dazu bereit ist.
    auch klänge es gewöhnungsbedürftig.

  6. Also, ich lese Dein Blog ja wirklich gern. Sachlich und trotzdem parteiisch, und dazu noch unterhaltsam, schreibst Du über alles, was mit RB Leipzig zu tun hat.
    In letzter Zeit habe ich mich jedoch immer öfter dabei ertappt, dass ich deine Arikel nicht mehr bis zum Ende lese.

    Was ich sagen will: Was ist los mit Dir?(!) Du verlierst Dich in Details, die nur noch eingefleischte, wahrscheinlich zwangsgesteuerte Detailfanatiker interessieren.
    Bitte erinnere Dich an die alte Weisheit: „Weniger ist oft mehr.“
    Falls nicht, ich les‘ Dich trotzdem. 😉

  7. Dann gibt es die die sofort die Dollarzeichen im Auge haben:
    https://www.youtube.com/watch?v=fvUcr34HqsI

    Jede Wette, dass das der Malle-Hit und Apres-Ski Hit 2017 wird.
    Natürlich in Alkholgeschwängerte Luft mit dem „richtigen Text“.

    Ob Timo da auch Anzeige erstatten sollte?
    Ich warte auf denn nächsten Einsatz von TW für die Nati.
    Je nach Spielort wird es genug Vollpfosten geben die es dann auch singen.

  8. Wäre mal interessant ob es über die Entwicklungen von Schmährufen und – Gesängen bei Sportereignissen schon Doktorabeiten gibt.
    Der letzte Absatz deiner Hurensohnkontroverse ist absolut präzise herausgeschält!

    Vielleicht sollte man in den Fangesang mit den Champagner trinkenden Bullenschweinen noch eine Strophe mit Hurensöhnen einfügen.

  9. Fällt nur mir der Unterschied zwischen Hurensohn und der Sohn einer Frau zu sein, die ihren Körper nicht verkauft, sondern einfach nur viel Sex hat oder ein Kind vaterlos großzieht auf?

    Fällt nur mir die Gemeinsamkeit zwischen verbalen Beleidigungen gegen Dietmar Hopp und den „Scheiß Red Bull“-Doppelhaltern auf?

    Ansonsten ist es wie bereits von Vorrednern gesagt. Wegen Passagen wie „Sowieso ist es seltsam, dass man so tut, als wären Hurensohn-Gesänge eine Art Menschenrecht der freiheitsliebenden Fankultur. Wie oben schon geschrieben. Als Schmähung sind sie gleichermaßen alberne wie sinnlose Beleidigungen. Und nur weil man keinen Bock hat, auf Vati DFB zu hören, der will, dass das aufhört, werden daraus keine Rufe, die man zwingend verteidigen muss“. lohnt sich das Öffnen der Seite nur, weil einen die Kommentaren so oft zum herzhaften Lachen bringen.

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