Leben nach dem Tod

Diskussionen über 50+1 kommen mir persönlich ja meist recht seltsam vor. Bzw. kommt es recht seltsam , wenn Menschen darüber streiten, ob man die 50+1-Regel behalten soll oder nicht. Weil 50+1 eigentlich schon seit ein paar Jahren tot ist. Nämlich spätestens seit der DFB im Streit mit Hannovers Martin Kind nicht etwa die Regel stärkte, sondern sie quasi zu einer permanenten Ausnahmeregel machte, die jeder Verein nach 20 Jahren kippen kann.

Sprich, nach 50+1 ist es so, dass der eingetragene Verein an einer ausgelagerten Spielbetriebsgesellschaft die Stimmmehrheit und ergo die formale Entscheidungshoheit besitzen muss. Bayer und VW sind in Leverkusen und Wolfsburg historische Ausnahmen. Seit knapp sechs Jahren ist es so, dass die Stimmmehrheit auch dann an einen Investor, an eine Firma oder an eine Einzelperson gehen kann, wenn diese mehr als 20 Jahre lang „den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat“. Wenn man dann den Amateursport weiterfördert, dann kann der DFB auf Antrag der DFL (wenn ein Verein dies will) eine weitere Ausnahme von 50+1 zulassen. Wie eben bei Dietmar Hopp und Hoffenheim vor zwei Jahren geschehen.

Man hat also mit Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim drei reale Ausnahmen zur 50+1-Regel und mit Leipzig und 1860 München zwei kreative Umgangsweisen mit 50+1 (bzw. Umgehungstatbestände, wenn man es scharf formulieren will) und mit Hannovers Kind einen Verein, der demnächst gern die 20-Jahre-Regel in Anspruch würde. Wobei bei letzteren die Frage steht, ob die DFL einen entsprechenden Antrag weitergeben würde (die Geschäftsführung der DFL müsste dies entscheiden). Und falls sie das nicht tut, besteht die nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass Kind (der eigentlich einen Kompromiss sucht) die Regel juristisch prüfen wird und dann von einem Gericht komplett kassiert wird.

Entsprechend fühlt sich die Debatte, ob man 50+1 behalten soll oder nicht, eigentlich wie eine seltsame Scheindebatte an, die von der Realität schon längst überholt ist und noch weiter überholt werden wird. Man also eine sehr theoretische Debatte führt, während die Welt draußen schon längst ganz real an einem anderen Punkt ist und von dort aus weiterstrebt.

Trotzdem war die Sky-Debatte von letzten Sonntag, in der es darum ging, ob man 50+1 erhalten soll, gar nicht mal die verlorene Lebenszeit, die man hätte erwarten können. Was wohl schon in einer recht ausgewogenen und durchaus kompetenten Runde lag, die da diskutierte. Hannovers Martin Kind und der verbandsrechtlich durchaus bewanderte Berries Boßmann von der Sportbild auf der Kontra-50+1-Seite. St. Paulis Andreas Rettig und 11Freunde-Mann Philipp Köster auf der Pro-50+1-Seite (wobei man sich vor der Sendung wohl eher Christoph Biermann an Köster-Stelle gewünscht hätte).

Es war eine Diskussion, die das Themenfeld ganz gut aufbereitete und sich an zentralen juristischen, wirtschaftlichen und fußballkulturellen Fragen entlanghangelte. Vielleicht nicht immer mit der allerletzten Offenheit geführt, weil gerade Kind und Rettig offenbar nicht allzu sehr aus den Nähkästchen von Hannover 96 und DFL plaudern wollten, aber es vermittelte auf einer sachorientierten Ebene einen Eindruck der relevanten Themenfelder.

Und es vermittelte auch ganz gut, dass eigentlich relativ unklar ist, warum man als Pro und Kontra eigentlich einander gegenüber sitzt. Denn im Kern wusste man auch nach der reichlichen Stunde Diskussion nicht so genau, warum 50+1 erhalten werden soll, aber auch nicht so genau, warum die Regel zwingend weg muss. Sprich, die Diskussion spiegelte eigentlich auch nur wieder, dass der Versuch Allgemeingültigkeit herzustellen für die Frage nach dem Erhalt oder Nichterhalt, eher einer ist, der zum Scheitern verurteilt ist.

Weil es letztlich viel mehr als um 50+1 und eine Regel, die schon jetzt kaum noch was leistet, um „Leitplanken“ (wie es in der Diskussion genannt wurde) gehen muss, die man seinem Wettbewerb gibt, damit innerhalb dieser Leitplanken dann jeder selbst entscheiden kann, welche organisatorischen Wege man gehen will und welche nicht.

Aktuell bestehen die Leitplanken bei Ausnahmen zur 50+1-Regel darin, dass ein Weiterverkauf von Anteilen nicht gestattet ist bzw. die Anteile im Fall der Fälle an den Mutterverein (also den e.V.) zurückfallen müssen. Ansonsten hätte dies den Verlust der Lizenz für die ausgelagerte Spielbetriebsgesellschaft zur Folge. Ein Verkauf einer Stimmenmehrheit im Klub an den nächsten Investor wäre so ausgeschlossen, sodass die derzeitige Ausnahmeregelung tatsächlich vor allem auf strategische Partner abzielt, die in der Zeit, in der sie die Kontrolle über die Stimmmehrheit an der Kapitalgesellschaft haben, die volle Kontrolle haben und diese anschließend wieder an den eigentlichen Verein abgeben müssten.

Letztlich stehen natürlich auch hier juristische Fragen, wenn man den Handel mit Anteilen quasi einschränkt. Aber grundsätzlich hat man offenbar zumindest (bereits implemetierte) Ideen, die das Horrorszenario von Investoren, die ihre Kapitalgesellschaften auspressen und dann weiterverkaufen, verhindern sollen. Was vermutlich die interessantere Geschichte ist, als per se als Glaubensgrundsatz an 50+1 festhalten zu wollen.

Bzw. an der jetzigen 50+1-Regel festhalten zu wollen. Vorstellbar ist natürlich die Maximalforderung, das entsprechende Regularium wieder zu einer Regel zu machen, die für alle gilt. Ob das dann die juristischen Probleme löst, die aus der jetzigen Ungleichbehandlung von Klubs resultiert, müssen andere wissen. Aber die Regel zu einer zu machen, die für alle gilt, hat offenbar aktuell als Forderung auch niemand auf dem Zettel.

Auf dem Zettel hatten Köster und Rettig dafür Fan- und Fußballkulturthemen (Köster nannte zudem noch Anpassungsdruck vor allem kleiner Vereine bei Fallen von 50+1 als Problem; wobei dieser Druck, sich Investoren zu öffnen, schon jetzt und trotz 50+1 bei Vereinen wie Alemannia Aachen da ist). Dem Fan nämlich seien die ganzen Optimierungsversuche zu viel. Weswegen er sich in Bezug auf den Fußball immer stärker in einer Sinnkrise befindet. Bindung und Fandasein entstünden aus Liebe zum Fußball und aus der Möglichkeit zur mitgliederbestimmten Teilhabe. Und wenn die wegfallen, dann ist das entsprechend auch schädlich für den Fußball.

Was wie immer die Frage aufwirft, was dieses Fan-Sein eigentlich ist und ob man sich nicht je nach Standpunkt einen anderen Fan zurechtzimmert, den man als zu verteidigenden Prototyp in der Debatte platziert. Letztlich sprechend die Zahlen der letzten 20 Jahre nicht dafür, dass der Boom im Fußball eine zentrale Frage von Mitbestimmung war. Seit 2000 hat der BVB seine Mitgliederzahlen ungefähr verzwölffacht (andere Vereine weisen ähnliche Wachstumsraten auf). Seit 2010 hat man die Zahlen mehr als verdreifacht. Sportlicher Erfolg, zwischenzeitliches Bangen umd die Existenz, Ausdruck von Identität. Da dürfte vieles eine Rolle gespielt haben, aber nicht unbedingt der Anspruch, beim Leiten der Vereinsgeschicke mitzuwirken. Was man auch daran sieht, dass bei der Mitgliederversammlung im letzten November weniger als 1% der Mitglieder auch tatsächlich anwesend waren.

Dahinter steht dann immer auch die Frage, wem dieser Fußball denn eigentlich gehört oder mit was man ihn aufladen will. Letztlich ist es ein Wettbewerb von Wirtschaftsunternehmen unterschiedlicher Konstruktionsform, im die einzelnen Unternehmen ihr Tun auch völlig unterschiedlich aufladen. Für die meisten Vereine gilt, dass ihre Verankerung sowieso vornehmlich regional funktioniert. Vor allem die Bayern und Dortmund sind Vereine, die da ausscheren und bundesweite Strahlkraft haben. Mit Abstrichen und in unterschiedlichem Ausmaß mag das auch noch für Teams wie Schalke, Köln, Mönchengladbach, Hamburg, Bremen oder Frankfurt gelten. Und das war es dann in der Bundesliga auch schon.

Rettigs St. Pauli (und mit Abstrichen auch Union) mögen da noch Ausnahmen bilden, weil sie mit der Art der Aufladung und der Historie ihrer Klubs ihre Nischen gefunden haben, die auch jenseits der Stadtteile, aus denen sie kommen, Anziehungskraft haben. Aber es ist wohl auch kein Zufall, dass es sich dabei halt um Zweitvereine der jeweiligen Städte handelt, sie also bestimmte Phänomene des Tragens der Erwartungen einer fußballerischen Stadtgesellschaft nicht ausbaden brauch(t)en.*

Aus dieser Nische heraus mögen die Blicke und Ansichten noch mal andere sein als anderswo. Und es ist natürlich auch das gute Recht der Beteiligten, sich als besseren Weg des Fußballs zu verkaufen. Aber es wird halt auch schwierig, aus dem Zulauf der beiden Vereine zu konstruieren, dass dies der Weg ist, nach dem sich die Menschen sehnen. Überinterpretiert würde ich es mal nennen wollen.

Überhaupt täte der Debatte die Einsicht wohl gut, dass es DEN Weg nicht gibt. Letztlich entscheidet sich das Funktionieren von Wegen wohl hauptsächlich vor Ort in den Vereinen und um die Vereine herum. Selbst Philipp Köster mochte den RB-Fans bei Sky Emotionalität im Erleben ihres Vereins nicht absprechen (womit er schon weiter ist als einst bei seinem ’selbst wenn die mit 10.000 Leuten nach Bordeaux fahren sollten, ist das für mich keine Fankultur‘). Und verlagerte die Frage in dem Fall dann flugs zu einem ‚Aber, wem jubeln die denn da zu?‘, nachdem man vorher doch eigentlich noch behauptet hatte, dass Emotionalität und Bindung ohne Vereinsmitgliedschaft nicht wirklich möglich sei.

Was natürlich Quatsch ist, denn Bindung und Identifikation entsteht auf verschiedenen Ebenen rund um Vereine, weil sich dort Menschen begegnen, soziale Zusammenschlüsse bilden und Geschichten erleben, die sie wiederum enger miteinander und mit dem gemeinsamen Gegenstand zusammenschweißen. Geschichten, Personen und Köpfe aus dem jeweiligen Verein tun da dann ihr Übriges, wobei man in der aktuellen, überhitzten Medienwelt mit ewig gleichen Geschichten eher das Gefühl hat, dass das Erzählen von Geschichten Müdigkeit und nicht steigendes Interesse zur Folge hat.

Zuwendung zu Fußball und Motive dafür haben sich immer verändert. Auch deswegen ist das Festhalten an oder das Propagieren eines Ideals seltsam. Weil natürlich Menschen im Jahr 2017 einen anderen Zugang zu Events haben als sagen wir im Jahr 1997. Es gibt kein Zurück zu einem Fußball der guten alten Zeit (die es auch nicht wirklich gab), in der Mitglieder an langen Abenden das Geschick ihrer Vereine bestimmen. Außer der Fußball verschwindet wieder aus der Massenkultur oder man engagiert sich im Stadtteil bei Chemie Leipzig oder man setzt Fan- und ehrenamtliches Engagement rund um Fußballklubs (was es auch bei Vereinen gibt, die 50+1 nicht einhalten) bzw. informelle Kommunikationswege mit faktischer Mitbestimmung gleich.

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*Anmerkung bzw. Lesehinweise: Es gab vor kurzem in der FAZ ein längeres, vielbeachtetes und gutes Interviews mit Andreas Rettig und Ewald Lienen. Gut nicht, weil ich es inhaltlich völlig teilen würde, weswegen ich auch nicht zum Teil der ‚Genau so ist es‘-Jubler einstimmen würde, sondern weil es für eine Sache streitet. Und inhaltlich für eine Sache zu streiten, ist immer noch etwas, was interessant ist und anregt. Wobei es durchaus seltsam ist, sich einerseits als Alternative für Fans, „die mit dem Einheitsbrei, mit dieser Gleichmacherei, diesem Stromlinienförmigen nichts anfangen können“, also als Nische zu verkaufen und gleichzeitig zu glauben, dass man aus dieser heraus die entscheidenden Lösungen für Probleme des Fußballs zu haben. „Degressive Emotionalisierung ist die größte Gefahr.“ Soll das Phänomen bechreiben, dass immer mehr Leute in die Stadien gehen, aber wohl nicht mehr so emotional und verbunden sind wie früher.

Mit Wohlwollen könnten man dieses ‚Ja, die Leute gehen mehr ins Stadion, aber nicht mit dem richtigen Gefühl‘ als dialektisch beschreiben. Faktisch ist es merkwürdig, wenn man glaubt, einen Standard setzen zu müssen, wie und mit welcher Bindung man Fußball zu erleben hat. In einer Welt, in der sich der Zugang zu Freizeitaktivitäten natürlich auch immer wieder im Zusammenspiel mit anderen Lebensumständen ändert. Und sich natürlich auch das Empfinden von Fußball verändert und damit unter Umständen auch nicht mehr das große identitäre Leiden verbunden sein muss, das der Sache vielleicht mal innewohnte.

Beim FC St. Pauli jedenfalls glaubt man daran, dass ein Fußballklub politisch sein muss. Was sich in der Nische leicht reden lässt, aber jenseits vom Einsetzen für Individualrechte (also Bestehen auf Antirassismus und Co) halt auch schwierig umsetzen lässt. Jenseits von St. Pauli gibt es vermutlich durchaus recht unterschiedliche Ansätze mit Dingen wie dem deutschen Opfermythos oder der „Kosovo-Frage“ oder was auch immer umzugehen. Will man sich im  Stadion gegenseitig permanent Debatten-Banner unterschiedlicher polititscher Zielrichtungen zeigen? Und wo liegen die Grenzen? Und nein, das ist keine Absage an die Aufgabe, Menschen im Verein nicht nur fußballerisch, sondern auch in Sachen Respekt und selbstständigem Denken auszubilden. Nur eine Anmerkung, dass es jenseits eines politisch eher homogenen Vereins und jenseits freiheitlicher Basisbanalitäten durchaus schwierig ist, politische Debatten im Rahmen von Fußballspielen auszutragen. Zumal für Vereine, die mit ihren heterogenen Anhängerschaften in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld völlig unterschiedlicher Ansichten stehen.

Sehr interessant, Stichwort Nische, auch was man drüben beim Textilvergehen von einer Veranstaltung mit Dirk Zingler schreibt. Wo es um die eventuelle Zukunft von Union und was das für den Verein bedeutet, geht. Bereicherung für die Bundesliga will man sein, ohne sich selbst zu verändern. Man dürfe nicht vergessen, wo man herkommt und nicht anderes bekämpfen, sondern sich selbst als Alternative präsentieren.

Man spiele „für diejenigen, die im Stadion sind. Das können wir auch im Fernsehen übertragen. Aber wir sollten unser Spiel nicht verbiegen. Über die Übertragung bekommen wir Konsumenten, aber keine Bindung.“ Was durchaus eine richtige Feststellung ist, dass das Ereignis Union (und das gilt nicht nur für Union) zuerst für jene funktionieren muss, die ins Stadion gehen und die den Verein alltäglich tragen.

„Die Kraft, etwas zu bekämpfen ist besser investiert in etwas, das wir gestalten können. Mein Kampf ist, dass wir 100.000 Mitglieder bekommen und nicht, dass andere weniger bekommen.“ So der Union-Präsident weiter. 100.000 Mitglieder für Union. In der Nische will man auch wachsen. Die Frage ist dann halt, was du für so ein Wachstum an Problemen und Veränderungen kriegst. Und was dann vom Nischengefühl bleibt. Popkultur ist ja dafür bekannt, Phänomene der Subkultur aufzunehmen und adaptiert in sich aufzunehmen. Sicher nicht uninteressant, wo so ein Verein, der wirtschaftlich in den letzten Jahren auch enorm gewachsen ist, in den nächsten Jahren und mit der möglichen Herausforderung Bundesliga so hintreibt.

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Getrennt in den Ansichten, vereint in der Sache. Oke Göttlich und Oliver Mintzlaff einst beim Fußballkamp gegen Faschismus. | Gepa Pictures - Roger Petzsche
Gepa Pictures – Roger Petzsche

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