Wohltuender Pausentee

Frage in die Expertenrunde: Was passierte am 06.11.2016? An diesem Tag fanden Teile des 10.Spieltags der Bundesliga statt und es war tatsächlich der letzte Spieltag, an dem RB Leipzig ein Gegentor in der zweiten Halbzeit eines Bundesligaspiels kassierte. Wobei der Mainzer Ehrentreffer zum 1:3 damals nicht wehtat.

Seitdem stehen in neun Bundesligaspielen null Gegentore in Halbzeit 2. Wobei daraus nicht darauf zu schließen ist, dass diese Halbzeiten die Leipziger Spektakelhalbzeiten waren. Denn auf der anderen Seite schoss man auch ’nur‘ sieben Tore in den neun Halbzeiten.

Imposant vor allem der Widerspruch zu den ersten Halbzeiten in diesen Spielen, denn da liegt das Torverhältnis bei 9:10. Lediglich dreimal ging man seit dem 10.Spieltag mit einer Führung in die Pause. Viermal lag man in Rückstand. Trotzdem gewann man noch sechs Spiele und verlor ’nur‘ drei. Bei allen drei Niederlagen spielte man in der zweiten Halbzeit 0:0. Alle anderen zweiten Halbzeiten seit Mainz gewann RB Leipzig. Alle mit 1:0. Bis auf Leverkusen, da drehte man mit einem 2:0 in der zweiten Halbzeit noch das Spiel.

Ingesamt bleibt auch über die Gesamtsaison ein deutlicher Vorsprung zugunster der zweiten Halbzeit. 20:5 Tore erzielt man nach der Pause. 16:12 Tore sind es vor der Pause. Von den zweiten Halbzeiten gewinnt man 12 und verliert nur zwei (41 Punkte), von den ersten Halbzeiten gewinnt man nur sechs und verliert vier (27 Punkte). In 19 Spielen hat man bisher zur Pause also nur sechsmal geführt. Am Ende der Spiele stehen allerdings 13 Siege.

Irgendwas gutes muss also im Pausentee sein. Und wenn man den naheliegenden Schluss nimmt, dann würde man das auf die Auswechselspieler schieben. Mit sieben Jokertoren (dazu vier Jokervorlagen) liegt RB Leipzig ganz weit vorn im Bundesligavergleich. Nur Julian Nagelsmann wechselt mehr Jokertore ein. Und nur Thomas Tuchel bringt es beim BVB auf mehr Torbeteiligungen.

Der naheliegende Schluss ist aber auch eher ein Fehlschluss, denn das letzte Jokertor schoss man am 9.Spieltag in Darmstadt, als Marcel Sabitzer ins Spiel kam und den 2:0 herausschoss. Allein fünf der sieben Jokertore fielen in den Spielen in Hamburg und Darmstadt. Entsprechend hat die Jokergeschichte nicht den ganz großen Input auf die Gesamtbilanz der Saison.

Auffällig ist vor allem, dass nach der Pause extrem wenige Gegentore fallen. Nur 5 der 17 Treffer kassiert man nach der Pause. Und wie gesagt seit dem 10. Spieltag gar keins mehr. Das lässt zwei Schlüsse zu. Einerseits, dass man konditionell gut beisammen ist und das Tempo, das man hat, auch bis zum Ende gehen kann (wobei auch helfen dürfte, dass man nicht mehr so extrem viel läuft wie noch letzte Saison). Und zweitens, dass man in der Halbzeit noch mal sehr gute taktische Anpassungen vornimmt, mit denen man dann den Gegner vor allem in der Defensive noch mal stärker beherrscht als vorher.

Damit einher geht auch, dass man im Saisonverlauf noch kein einziges Spiel nach Führung verloren hat. Nach Borussia Dortmund ist man das Team, das im Schnitt die meisten Punkte pro Spiel holt, in dem man in Führung liegt. 2,73 Punkte sind das in Leipzig. 2,80 Punkte sind das in Dortmund.

Allerdings hat man von den sechs Führungen zur Pause auch eine verspielt. Beim 1:1 gegen Mönchengladbach kassierte man kurz vor dem Ende das Gegentor. Heißt auch, dass man acht von insgesamt 13 Siegen erst nach der Pause eingefahren hat. Wobei dabei in fünf Fällen ein einziges Tor reichte, um aus dem Unentschieden noch einen Sieg zu machen. Und man in allen acht Fällen kein Tor mehr kassierte.

Was interessant ist. Denn wenn man mal die drei Niederlagen rausrechnet, dann hatte man noch zehn weitere Partien, in denen man zur Pause nicht führte. Und von diesen zehn Partien gewann man acht ohne ein weiteres Gegentor zu kassieren. Ein weiteres Spiel (in Köln) blieb man auch ohne Gegentor, blieb aber selbst torlos, sodass es am Ende wie zur Pause 1:1 stand. Das Spiel in Hoffenheim am ersten Spieltag ist das einzige in der ganzen Spielzeit bisher, bei dem es zur Halbzeit unentschieden stand oder der Gegner führte und in dem RB nicht ohne Gegentor blieb (zwei kassierte man, zwei schoss man).

Das letzte Gegentor, das RB Leipzig in der zweiten Halbzeit kassierte und bei dem man nicht mit mindestens zwei Toren führte, datiert vom vierten Spieltag und der Partie gegen Mönchengladbach. 15 Spiele seitdem, in denen man in der zweiten Halbzeit kein Gegentor von Relevanz, also eines, das zu einem Ausgleich oder einem Rückstand geführt hätte, mehr kassierte.

Wenn das nicht ganz klar als enorme Anpassungsfähigkeit in der Mannschaftsorganisation zu interpretieren ist, dann weiß ich auch nicht. Das was Coach Hasenhüttl immer wieder auch nach Spielen betont, dass man in der Pause noch mal Anpassungen vorgenommen hat, führt ganz klar zu einem sehr stabilen und sehr defensivstarken Auftreten auch und passenderweise dann, wenn es noch um etwas geht. Da scheinen Matchplan und die Zusammenarbeit zwischen Trainer und sicherlich auch Rangnick und Videoanalyse in der Pause im Normalfall sehr gut zu funktionieren.

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Bilanz nach Halbzeiten bis zum 10.Spieltag (Mainz 05)

  • 1.Halbzeit: 7:2 Tore, 16 Punkte, 3 Siege, 7 Unentschieden, 0 Niederlagen
  • 2.Halbzeit: 13:5 Tore, 20 Punkte, 6 Siege, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen

Bilanz nach Halbzeiten ab dem 11.Spieltag (Leverkusen)

  • 1.Halbzeit: 9:10 Tore, 11 Punkte, 3 Siege, 2 Unentschieden, 4 Niederlagen
  • 2.Halbzeit: 7:0 Tore, 21 Punkte, 6 Siege, 3 Unentschieden, 0 Niederlagen

Bilanz nach Halbzeiten insgesamt

  • 1.Halbzeit: 16:12 Tore,  27 Punkte, 6 Siege, 9 Unentschieden, 4 Niederlagen
  • 2.Halbzeit: 20:5 Tore, 41 Punkte, 12 Siege, 5 Unentschieden, 2 Niederlagen

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Andre Schubert war der letzte Trainer, der Ralph Hasenhüttl in der zweiten Halbzeit noch ein relevantes Tor abluchsen konnte. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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2 Gedanken zu „Wohltuender Pausentee“

  1. Das Gefühl hatte ich auch immer wieder. Wenn es mal nicht so gut lief, war ich immer froh, wenn Halbzeit ist, weil ich wusste, danach wird es besser.

    Liegt sicher auch auch am Rangnick-Input mit seinen Beobachtungen von der Tribüne aus.

  2. Da schaut man alle Spiele und so etwas fällt nicht auf.
    Derweil sagt ja Hasenhüttl (fast) immer nachdem Spiel: „… Lösungen mit auf dem Weg geben!“

    Ich bin mittlerweile bzw. schon lange bei Oliver M. und der Aussage, daß man „nicht traurig ist, Herrn Tuchel nicht bekommen zu haben.“
    Hasenhüttl macht einen Klasse Job und da passt die Auszeichnung „Trainer des Jahres“ in Ö. perfekt dazu.

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