Kaderrückblick RB Leipzig: Hinserie Bundesliga 2016/2017 – Teil I

Weiter Rückblickzeit auf die Hinrunde in der Bundesliga in dieser kurzen Winterpause. Traditionell dabei auch der subjektiv-qualitative Blick auf alle Spieler und ihre Leistungen. Auch unter Berücksichtigung ihrer möglichen Zukunftsperspektiven. Geordnet ist das ganze nach Positionen (Tor, Verteidigung, Mittelfeld, Sturm) und innerhalb dieser Positionen nach Einsatzzeit. Los geht es heute mit den Keepern und den Verteidigern. In den nächsten Tagen dann Mittelfeldspieler und Angreifer.

Tor

Peter Gulacsi (26 Jahre, 17 Spiele, 1560 Minuten): In der Hinrunde unumstrittene Nummer 1. Bekam wenig zu tun. Nur Manuel Neuer sah weniger Torschüsse auf seinen Kasten zufliegen. Gulacsi liegt mit seiner Zahl gehaltener Bälle von knapp 70% genau im Bundesligaschnitt. Auf der Linie ist er weiter ein sehr guter Torwart. Probleme hat er beim Herauskommen bei hohen Bällen (wie u.a. beim Gegentor in Freiburg) und beim Herauslaufen (wie beim Elfmeter bei den Bayern). Also bei allem, was mit Strafraumpräsenz zu tun hat. Im Gesamtpaket mag er auch mit seinen fußballerischen Qualitäten (auch wenn die manchmal in Testspielen wie gegen Amsterdam auch zu schweren Fehlpässen führen) der kompletteste RB-Keeper sein. In Sachen Ausstrahlung und Präsenz hat ihm Fabio Coltorti allerdings manches voraus. Wird interessant, ob zur Rückrunde noch mal ein Kampf um die Nummer 1 ausgerufen wird. Perspektivisch wird Gulacsi wohl einen starken Konkurrenten an seine Seite gestellt bzw. vor die Nase gesetzt bekommen.

Peter Gulacsi. GEPA Pictures - Roger Petzsche.

Fabio Coltorti (36 Jahre, 0 Spiele, 0 Minuten): Bisher keine Chance auf Einsätze gehabt. Geht mit seiner Rolle als Pendler zwischen Bank und Tribüne ruhig und professionell um. Will Richtung Ende seiner Karriere noch mal in der Bundesliga auflaufen, aber große Töne gibt es deswegen nicht von ihm. Ein bisschen hat man den Eindruck, er wäre schon in eine Mentorenrolle vor allem für Marius Müller hineingewachsen. Wie lange es für Coltorti in Leipzig noch weitergeht, ist unklar. Der Schweizer hofft noch auf ein weiteres Jahr. Vereinsseitig wird das davon abhängen, wie man ab dem Sommer auf der Torwartposition plant und was für Schlüsse auch ein Gulacsi aus diesen Planungen ziehen wird. Mit Coltorti im Torwartteam kann man in jedem Fall mit seiner Ruhe und Professionalität wenig falsch machen..

Marius Müller (23 Jahre, 0 Spiele, 0 Minuten): Durfte abwechselnd mit Fabio Coltorti auf der Bundesliga-Bank sitzen. Absolvierte nebenbei drei Spiele in der Regionalliga für die U23 von RB Leipzig. Dabei blieb er in drei Spielen ohne Gegentor. Wo Müller aktuell steht, ist angesichts seiner fehlenden Spielpraxis schwer zu sagen. Vom Gefühl her steht er trotz offizieller Sprachregelung (‚mit Coltorti und Müller zweimal die Nummer zwei‘) ein kleines Stück hinter Coltorti. Mit 23 ist Marius Müller noch jung. Ob er bei RB Leipzig aber auch den Raum hat, sich zu entwickeln, muss man abwarten.

Verteidigung

Willi Orban (24 Jahre, 17 Spiele, 1560 Minuten): Eine der positiven Überraschungen der Saison. Wie schon in der zweiten Liga der Dauerbrenner in der Abwehr. Überhaupt der einzige Feldspieler bei RB Leipzig, der bisher keine einzige Spielminute verpasste. Dazu wegen des oft auf der Bank sitzenden Kapitäns Dominik Kaiser zuletzt praktisch dauerhaft derjenige, der die Mannschaft auf den (und auf dem) Platz führt. Unumstrittener Kopf der Abwehr. Vor allem seine absolute Ruhe und Coolness sind beeindruckend. Verliert auch unter Gegnerdruck selten die Orientierung. Hatte zu Beginn der Spielzeit noch leichte Anpassungsprobleme im Zweikampf, hat sich diesbezüglich aber schnell an die neue Liga gewöhnt und sich an sie angepasst. Auch zwei Tore konnte er in dieser Spielzeit schon erzielen, darunter der wichtige Siegtreffer in Leverkusen. Probleme hat er weiterhin, wenn er in defensive Sprintsituationen gerät. Aber die Mannschaftsorganisation und die gute Restfeldverteididgung führen dazu, dass Orban selten in solche Duelle muss. Sondern nur in Duelle, in denen er glänzen kann. Für einen Innenverteidiger ist Orban mit seinen 24 Jahren immer noch sehr jung. Verletzt er sich nicht, kann er noch lange Stützpfeiler in der Abwehr sein.

Willi Orban. GEPA Pictures - Roger Petzsche

Marcel Halstenberg (25 Jahre, 17 Spiele, 1537 Minuten): Nach vielen kleinen Verletzungspausen in der Vorsaison in dieser Spielzeit erstaunlich konstant. Lediglich gegen Hertha musste er vorzeitig vom Platz. Ansonsten verpasste er keine einzige Spielminute. Dass Halstenberg in einer bröckelnden Viererkette vom körperlichen Zustand her eine der Konstanten sein würde, hätte wohl im Sommer noch niemand gewagt vorauszusagen. Auch jenseits der puren Einsatzzeit erwies sich Halstenberg auf dem Platz als unheimlich konstant. Ausreißer nach unten gab es fast keine. Gerade defensiv und als Teil der Ballzirkulation war der 25-Jährige unverzichtbar und wichtiger Baustein für die Balance zwischen Defensive und Offensive. Keine direkte Torbeteiligung sind für seine Qualitäten selbst dann wenig, wenn man die etwas defensivere Grundpositionierung der Außenverteidiger unter Hasenhüttl bedenkt. Kam einige Male in ganz gute Schusspostion und hat auch eigentlich einen guten Schuss. Auf das Tor gingen die wenigsten seiner Abschlüsse. Ins Tor wie erwähnt keiner. Trotzdem eine gute Spielzeit bisher für Halstenberg. Man muss ja auch immer bedenken, dass er einst bei anderen Bundesligisten nicht den Durchbruch schaffte. Und nun schreibt ihn der eine oder andere (so wie bei jedem Linksverteidiger mit zehn vernünftigen Spielen am Stück) schon Richtung Nationalmannschaft. Das kommt dann aber wohl doch noch um einiges zu früh.

Marvin Compper (31 Jahre, 12 Spiele, 920 Minuten): Bildete zusammen mit Willi Orbban ein verlässliches Innenverteidiger-Duo, bevor es ihn auf die Verletztenliste spülte. Mit Compper im Team kassierte RB Leipzig nur 0,62 Gegentore auf 90 Minuten. Wie schon in der letzten Saison nimmt Compper nicht mehr jeden Zweikampf mit, sondern löst seine Aufgaben auch durch Stellungsspiel und Routine. Ist nicht mehr ganz der Antreiber und Kopf, der er in der Rückrunde der Vorsaison war, aber er spielt solide, abgeklärt und ruhig. Und mit dieser Art, keine verrückten Dinge zu tun, tat er der Innenverteidigung sehr gut. Mit seinen 31 Jahren spielt er sicherlich keine sechs, sieben Jahre mehr. Wenn er wie ein Coltorti nach und nach in eine Backup-Mentorenrolle rutschen und RB Leipzig noch eine ganze Weile erhalten bleiben könnte, wäre das für den Verein und die Entwicklung von jungen Spielern sicherlich nicht das schlechteste.

Bernardo (21 Jahre, 9 Spiele, 744 Minuten): Eine absolut positive Überraschung der bisherigen Saison. Als er im Sommer kam, hatte man ihn als Beobachter nur als Backuplösung vor allem auf der Sechs im Hinterkopf. Nach dem Ausfall von Lukas Klostermann schlug überraschend seine Stunde als Rechtsverteidiger. Dort machte er dann in der Folge sieben vor allem defensiv starke Spiele, bevor ihn eine Verletzung aus dem Verkehr zog. Spielte die Außenverteidigerposition solide und mit viel Ruhe. Hatte ordentliche Zweikampfwerte, aber auch die Hilfe seiner Nebenleute. Offensiv ist es noch sehr ausbaufähig, aber dort lag tatsächlich nicht der Fokus bei seinen Einsätzen. Die Beteiligung an Torschüssen ist allerdings fast nicht vorhanden. Was dann wiederum arg wenig ist. In der Vorbereitung durfte Bernardo gegen Amsterdam Innenverteidiger spielen. Eine Position, die man sich bei ihm auch ganz gut vorstellen kann und für die er mit Physis und fußballerischen Qualitäten einiges mitbringt. Aber vorerst dürfte er wohl weiterhin als Rechtsverteidiger eingeplant sein.

Benno Schmitz (22 Jahre, 8 Spiele, 541 Minuten):Vielleicht einer der Verlierer der bisherigen Saison. Nach der Klostermann-Verletzung wurde ihm als etatmäßigem Backup Bernardo vorgezogen. Als der sich verletzte, durfte sogar Stefan Ilsanker auf der Position ran. Schmitz bringt fußballerisch vieles mit, was ein moderner Rechtsverteidiger braucht. Defensiv hapert es allerdings manchmal doch noch. Vor allem macht er individuell zu viele Fehler, was ihn früh in der Saison (Dresden, Hoffenheim) viel Reputation und den Platz im Team kostete. Viele Verletzungen spülten ihn schließlich zwischen 11. und 15. Spieltag doch wieder ins Team. Spielte dort ordentlich und bot sich auch für künftige Einsätze an. Mal sehen, wie sehr Hasenhüttl künftig den defensiven Qualitäten von Schmitz vertraut. Bisher war die Saison diesbezüglich eher eine Misstrauenserklärung..

Lukas Klostermann (20 Jahre, 1 Spiele, 90 Minuten): Was ein Pech. Überragendes Olympia-Turnier gespielt. Zurückgekommen und 1:0 gegen Dortmund gewonnen. Bei der Nationalmannschaft angeklopft. Und dann dieser doofe Kreuzbandriss im Training. Klostermann ist erst 20 und kann nach dieser Verletzung genauso stark zurückkommen. Ärgerlich ist es trotzdem, dass ihn der Körper so jäh bremste. Könnte im März wieder zurückkommen und Richtung Saisonende zu einer Option im Team werden. Hauptsache er überstürzt es nicht. Hauptsache, er wird erstmal wieder vollständig gesund.

Kyriakos Papadopoulos (24 Jahre, 1 Spiel, 26 Minuten): Ist es nur Pech oder steckt mehr dahinter? So richtig weiß man nicht, warum Papadopooulos in Leipzig so gar keine Rolle spielt. Hatte am vierten Spieltag seinen einzigen Einsatz für Leipzig, als er für den angeschlagenen Marvin Compper eingewechselt wurde. Sah dann beim Gegentor wie der gesamt Verbund nicht ganz glücklich aus und saß anschließend wieder auf der Bank. Auch weil Compper seine Sache gut machte. Als dann Compper verletzt ausfiel, war Papadopoulos selber verletzt. Was für alle Beteiligten höchst unglücklich war. Erstaunlich nur, dass es weder von Vereins- noch von Spielerseite nach dieser Hinrunde mit viel Pech klare Worte des Bekenntnisses zueinander gibt. Was dafür spricht, dass auch jenseits dessen, dass der Grieche eher unglücklich wenig Einsatzzeit bekam, ein Stück vom Tischtuch zerschnitten ist. Länger als bis zum Saisonende ist es kaum vorstellbar, dass der Innenverteidiger bei RB bleibt. Bis dahin ist er von Leverkusen ausgeliehen. Die recht hohe Kaufoption zieht nach jetzigem Stand in Leipzig niemand.

Ken Gipson (20 Jahre, 0 Spiele, 0 Minuten): Lange gab es im Sommer ein Hin und Her über die Zukunft von Ken Gipson. Zuerst war er in die U23 abgeschoben, was seinen Wechselwunsch stärker werden ließ. Dann nahm man ihn aus Mangel an Außenverteidigern doch wieder in den Profikader auf, was den Wechselwunsch allerdings nicht völlig zerstreute. Zumal die Aufnahme in den Profikader auch eher weniger endlosem Vertrauen, sondern Mangel an Alternativen geschuldet war. Am Ende bliebt Ken Gipson in Leipzig, spielte bei den Profis aber kaum eine Rolle, sondern bekam seine Einsätze in der U23. Wo er sich dann Ende September im Spiel gegen den FC Schönberg den Knöchel bracht und bis zum Winter ausfiel. Nach er Winterpause tauchte er nun im Trainingslager der Profis wieder auf. Die Frage nach der Zukunft des 20-Jährigen klärt das aber nicht. Er ist ein Außenverteidiger, der vor allem offensiv viel Mut und auch Dynamik in die Interpretation seiner Position legt. Etwas was im Männerteam derzeit eher nicht gefragt ist. Defensiv sieht es dagegen noch nicht immer sehr gut aus, was Stellungsspiel und auch Zweikampfverhalten angeht. Gipsons Vertrag läuft nur noch bis 2018. Was eigentlich bedeutet, dass man seinen Vertrag entweder noch mal verlängern und ihn dann für ein, zwei Jahre verleihen müsste. Oder er in der näheren Zukunft ein Abgangskandidat wäre. Regionalliga dürfte das durchaus selbstbewusste Talent genauso unbefriedigend finden wie bei der Profimannschaft hinter der Musik hinterherzulaufen.

Insgesamt wurde bisher in der Defensive viel gezaubert. Willi Orban und Marcel Halstenberg waren die Konstanten in der Viererkette. Drumherum gab es viel Durcheinander, viele Verletzungen und viele Wechsel, sodass es eigentlich schon erstaunlich war, dass RB Leipzig lange so wenig Tore zuließ und bis zum Schluss eines der defensivstärksten Teams der Liga blieb. Trotzdem wird man kurz- und mittelfristig in diesem Bereich noch Verstärkungen brauchen. Auch auf der Torwartposition dürfte man mittelfristig, also ab Sommer, nach Veränderungen streben.

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Bisherige Kaderrückblicke:

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Bilder: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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