Verdränger und Verdrängte

Die Spitze in der Bundesliga bestand in den letzten Jahren weitgehend aus den gleichen Teams, wie hier gestern an dieser Stelle im Blog gezeigt wurde. Bayern, Dortmund, Schalke und Leverkusen sind die Teams, die konstant über die Jahre vornehmlich die Plätze 1 bis 3 untereinander ausmachen.

Wenn man mal auf die Zusammensetzung der Bundesliga insgesamt seit 1992, also seit die Fußballvereinigung von Ost und West erstmal in einer 18er-Staffel ausgetragen wurde (1991/1992 wurde übergangsweise noch mit 20 Teams gespielt, was wegen schwieriger Vergleichbarkeit hier nicht mit betrachtet wurde), anschaut, dann gibt es natürlich auch hier Teams, die durchgängig und konstant dazugehörten. Andere hingegen verschwanden oder kamen hinzu.

Über die 24 Spielzeiten hinweg waren lediglich sieben Teams ständig dabei. Bayern, Dortmund, Leverkusen und Schalke waren schon genannt als konstanteste Teams und sind auch hier dabei. Dazu kommen Bremen und Hamburg, die taumelnden Nordklubs, die sich in jüngerer Vergangenheit alle Mühe gaben, in die zweite Liga runterzugehen. Und dazu kommt auch noch der VfB Stuttgart, die diese Saison erstmals im Betrachtungszeitraum in der Bundesliga fehlen.

Wobei das beim VfB sehr erstaunlich ist. Wirtschaftlich zumindest ordentlich beisammen. Lokal eine Größe. Sehr gute Infrastruktur. Eigentlich hat(te) der Klub im Gegensatz zu manch anderen eigentlich alles zusammen, was man braucht, um eben nicht aus der Bundesliga abzusteigen.

Im Gegensatz beispielsweise zu Kaiserslautern. Die gehörten in den 90ern und Teilen der 2000er noch zum Stammpersonal in der Bundesliga, bevor der Verfall begann. Auch ein einmaliger Abstieg 1997 konnte da nicht stören. Dass sie eine absolute Größe waren, zeigt sich auch darin, dass sie zwischen 1992 und 2000 in sieben Bundesligaspielzeiten mehr Punkte holten als andere Klubs in acht Spielzeiten im selben Zeitraum. Wäre Kaiserslautern nicht abgestiegen, hätten sie punktetechnisch in dieser Zeit mit Dortmund und Leverkusen mithalten können. Was auch bedeutet, dass das Meisterwunder 1998 gar nicht so extrem verwunderlich war, weil man als Topteam überraschend abstieg und als Topteam wieder aufstieg, um dann durchzumarschieren.

Interessant vielleicht, dass in den jeweils acht Spielzeiten zwischen 1992 und 2000 bzw. 2000 und 2008 jeweils neun Teams mindestens sieben der acht Spielzeiten bestritten. In den letzten acht Spielzeiten seit 2008 wuchs diese Zahl allerdings auf 13 an. Und da ist ein Team wie Augsburg, das die sechste Saison in Folge konstant in der Bundesliga spielt oder ein zukunftsfähiges Team wie Leipzig noch gar nicht dabei. Sprich, der Kern der Teams, die auf Dauer die Bundesliga bilden, scheint immer größer zu werden. Eine Art Franchise-System durch die Hintertür.

Dazu passt auch, dass es zwischen 2008 und 2016 gleich zehn Teams gibt, die nur eine Bundesligasaison auf dem Konto haben (wobei Darmstadt und Ingolstadt natürlich gerade und außerhalb des betrachteten Zeitraums ihre zweite Saison bestreiten). In den beiden Achtjahresabschnitten zuvor waren es nur jeweils vier Teams gewesen. Was dann eben dafür spricht, dass es wesentlich schwerer geworden ist, gegen die Breite an angestammten Teams in der Bundesliga anzustinken und zu Einmalerfolgen wie bei Fürth, Braunschweig, Düsseldorf, Paderborn und Co führt. Teams, die sich bei ihren Ausflügen in die Bundesliga wirtschaftlich im besten Fall nachhaltig konsolidieren, aber ansonsten kaum eine Chance haben, längerfristig dabeizubleiben.

Es gibt aber auch Teams, die in den 90ern noch nicht oder nur selten in der Bundesliga dabei waren und sich erst in der jüngeren Vergangenheit etabliert haben, sprich in den letzten acht Spielzeiten mindestens siebenmal dabeiwaren. Mit Wolfsburg und Hoffenheim sind das zwei Klubs mit klarem finanziell abgesicherten Hintergrund. Augsburg würde auch in diese Kategorie gehören, ist aber dazu noch nicht lang genug dabei.

Dazu kommt Hannover 96, die mit Martin Kind im Hintergrund eine Mischung aus Großstadtklub und finanzstarkem Hintergrund sind. Und zumindest wenn man die jüngere Vergangenheit als Maßstab nimmt, sollte der Verein eigentlich schnell wieder in der Bundesliga landen. Fehlt noch Mainz, die in all das gar nicht hineinpassen. Kleiner Verein mit einst wenigen Fans ohne sonderlichen wirtschaftlichen Hintergrund. Was ihren Weg zu einer Stammkraft in der Bundesliga noch eindrücklicher macht.

Zu nennen wäre eigentlich auch noch Hertha BSC, die aber nur sechs der letzten acht Spielzeiten in der Bundesliga bestritten. Aber erstens ist es ein Klub der in den 90ern noch nicht Stammgast in der Bundesliga war. Und zweitens sollte ein Hauptstadtverein ganz gut aufgestellt sein, sich dauerhaft in der Bundesliga zu halten. Die letzten Spielzeiten verweisen ja in diese Richtung.

Wolfsburg, Hoffenheim, Hannover, Mainz und mit Abstrichen Hertha und Augsburg. Das sind die Klubs, die in den 90ern noch nicht prägend für die Bundesliga waren, aber inzwischen bzw. in der jüngsten Vergangenheit zum Stammpersonal gehören. Was bedeutet, dass andere Klubs dafür gewichen sein müssen.

Gleich 15 Vereine spielten zwischen 1992 und 2000 mindestens sechs Spielzeiten in der Bundesliga:

  • Bayern, Leverkusen, Dortmund, Bremen, Stuttgart, Hamburg, Schalke – je acht
  • Mönchengladbach, Kaiserslautern – je 7
  • Frankfurt, Freiburg, Köln, Karlsruhe, 1860, Duisburg – je 6

Wenn man die Klubs durchgeht, dann bleiben vier Vereine übrig, die inzwischen nicht mehr zur Bundesliga gehören und in unterschiedlichem Ausmaß weit davon entfernt sind. Wobei 1860 und Kaiserslautern sich weiterhin als potenzielle Bundesligisten sehen und die Münchener sogar das Geld hätten, um sich nachhaltig im Oberhaus zu platzieren. Karlsruhe und Duisburg sind dagegen, so klar muss man das sagen, aktuell von Infrastruktur, Umfeld und Wirtschaftskraft her ordentliche Zweitligaklubs. Kaiserslautern in vielerlei Hinsicht jenseits des Selbstbilds wohl auch, wenngleich das Stadion dafür viel zu groß ist.

Hinsichtlich derVerdrängung von alteingesessenen Klubs aus den 90ern wird gern der Vorwurf in Richtung Mannschaften wie Wolfsburg, Hoffenheim und Leipzig formuliert, dass sie die Verdrängung verursachen würden. Wobei da manchmal Vereine wie Bielefeld oder Nürnberg oder Bochum oder Düsseldorf genannt werden, die durch die neureichen Klubs keine Chance hatten. Vereine, die auch ohne Hoffenheim, Leipzig oder Augsburg in der Bundesliga der 90er keine Dauerrolle spielten.

Fakt ist, dass Klubs, die Misserfolge durch finanzielle Ressourcen gut ausgleichen können (und da gehört das Seinsch-Augsburg in der Phase des Wachstums in der zweiten Liga bis zum Bundesliga-Aufstieg eben dazu), natürlich in den letzten 20 Jahren Bundesligaplätze besetzt haben. Wolfsburg, Hoffenheim (und auch Augsburg) sind seit ihren Aufstiegen nicht mehr abgestiegen. Das ist all den anderen Klubs aus Mainz, Hannover und Berlin nicht gelungen. Der Wettbewerbsvorteil scheint sich also durchaus in Zahlen ausdrücken zu lassen.

In Leipzig kennt man das ja zumindest aus den letzten Jahren. In keine Saison ist man mit einer realistischen Chance auf den Abstieg gegangen. Von dieser Sorte Teams gibt es in der Bundesliga inzwischen acht bis neun. Darunter mit Leverkusen, (eigentlich) Wolfsburg und auch (mit Abstrichen) Hoffenheim und Leipzig vier Teams mit spezieller Finanzunterstützung bzw. Anschubfinanzierung. Was die Abstiegswahrscheinlichkeiten für den Rest dann eben entsprechend erhöht, wenn das Spiel nur noch zwei bzw. drei aus neun statt zwei aus potenziell elf oder zwölf heißt.

Wenn man die Gesamtzeit seit 1992 im Blick hat, dann haben 13 Mannschaften mindestens zwei Drittel (also 17) der 25 Spielzeiten bestritten. Lediglich der VfB Stuttgart ist von diesen 13 Teams aktuell nicht in der Bundesliga vertreten.

  • Bayern, Leverkusen, Dortmund, Bremen, Hamburg, Schalke – je 25
  • Stuttgart – 24
  • Möchengladbach – 22
  • Wolfsburg – 20
  • Frankfurt – 19
  • Hertha – 18
  • Freiburg, Köln – 17

Interessant vielleicht noch, dass die Punktezahl des FC Bayern über die Jahre kontinuierlich angewachsen ist. Holte man in den Jahren von 1992 bis 2000 ’nur‘ 534 und pro Saison 15 Zähler mehr als Platz 4 über diesen Zeitraum (Bremen) sind es zwischen 2008 und 2016 schon 623 Punkte und pro Saison 23 Punkte mehr als Platz 4 (Schalke). Über einer immer größer werdenden Traube an Teams, die die Bundesliga nicht mehr oder nur für einen Kurzausflug nach unten verlassen wollen, thront also noch mal ein Team, das im Schnitt immer dominanter wird. Wobei es bis in die jüngere Vergangenheit und bis zu Guardiola immer wieder Phasen gab, in denen die Bayern auch mal nicht Meister wurden.

Interessant, dass es seit 1992 nur drei Städte gibt, die mehr als einen Bundesligisten haben bzw. hatten. Hamburg und München mit HSV/ St. Pauli und Bayern/ 1860. Und dazu dann eben Leipzig. Der VfB Leipzig aka Lok Leipzig war 1993/1994 mal für eine Saison in der Bundesliga dabei. 20 Punkte und hinter Wattenscheid abgeschlagener Tabellenletzter hieß das Resultat. Seit neuestem ist dann RB Leipzig dabei.

RB ist das 42. Team, das seit 1992 in der Bundesliga spielt. 33 Punkte hat man schon gesammelt und mit Paderborn, Saarbrücken, Braunschweig, Fürth und eben VfB Leipzig bereits fünf Teams in der 25-Jahres-Tabelle hinter sich gelassen. Und Aachen und Ulm sind als letzte Teams mit nur einem Bundesligajahr nur noch ein bzw. zwei Punkte entfernt..

[Gesamt = Anzahl der Spielzeiten in der Bundesliga zwischen 1992/1993 und 2016/2017 (maximal 25); 08 bis 16 = Anzahl der Spielzeiten in der Bundesliga zwischen 2008/2009 und 2015/2016; 00 bis 08 = Anzahl der Spielzeiten in der Bundesliga zwischen 2000/2001 und 2007/2008; 92 bis 00 = Anzahl der Spielzeiten in der Bundesliga zwischen 1992/1993 und 1999/2000]

 Gesamt08 bis 1600 bis 0892 bis 00
Bayern25888
Dortmund25888
Leverkusen25888
Schalke25888
Bremen25888
Hamburg25888
Stuttgart24888
Mönchengladbach22867
Wolfsburg208 83
Frankfurt19756
Hertha18683
Freiburg17646
Köln17646
Kaiserslautern15267
Hannover14860
Nürnberg14563
Bochum13265
Mainz11730
Rostock11065
186010046
Hoffenheim9800
Bielefeld9153
Karlsruhe8116
Duisburg8026
Augsburg6500
Cottbus6150
St. Pauli4112
Düsseldorf3102
Dresden3003
Uerdingen3003
Unterhaching2011
Wattenscheid2002
Ingolstadt2100
Darmstadt2100
Ulm1001
Aachen1010
RB Leipzig1000
Paderborn1100
Saarbrücken1001
Braunschweig1100
Fürth1100
VfB Leipzig1001

[Gesamt = Gesamtpunktzahl in der Bundesliga zwischen 1992/1993 und 2016/2017; Schnitt = Punkte pro Saison im Schnitt zwischen 1992/1993 und 2015/2016; 08 bis 16 = Gesamtpunktzahl in der Bundesliga zwischen 2008/2009 und 2015/2016; 00 bis 08 = Gesamtpunktzahl in der Bundesliga zwischen 2000/2001 und 2007/2008; 92 bis 00 = Gesamtpunktzahl in der Bundesliga zwischen 1992/1993 und 1999/2000]

 GesamtSchnitt08 bis 1600 bis 0892 bis 00
Bayern175271,6623562534
Dortmund143758,8533426453
Leverkusen139357,2477442454
Schalke128953,0438478356
Bremen126452,1343496411
Stuttgart117348,9358434381
Hamburg112846,6345404369
Mönchengladbach94144,0389224312
Wolfsburg92548,2418354143
Hertha83047,2244404155
Frankfurt75740,6279189263
Kaiserslautern70947,369257383
Freiburg65439,7240141254
Köln63638,3234128251
Hannover58641,93302560
Nürnberg52837,7190225113
Bochum49738,260249188
Mainz46144,43291150
Rostock43839,80222216
186043543,50171264
Hoffenheim36342,133700
Karlsruhe35944,92943287
Bielefeld31935,428189102
Duisburg29236,5056236
Augsburg22442,021000
Cottbus21135,2301810
St. Pauli11629,0292265
Düsseldorf10334,330073
Dresden9832,70098
Uerdingen8929,70089
Unterhaching7939,503544
Wattenscheid6733,50067
Ingolstadt4940,04000
Darmstadt4638,03800
Ulm3535,00035
Aachen3434,00340
Leipzig33-000
Paderborn3131,03100
Saarbrücken2828,00028
Braunschweig2525,02500
Fürth2121,02100
VfB Leipzig2020,00020

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Manch einer träumt umsonst davon, sich in der Bundesliga zu etablieren und kam nie über die Regionalliga hinaus. | © GEPA pictures/ Hans Simonlehner
GEPA pictures/ Hans Simonlehner

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3 Gedanken zu „Verdränger und Verdrängte“

  1. Vereine wie Bochum oder der Kaiserslautern haben halt das Pech, dass sie gerade dann abstiegen als der Boom durch Fernsehgelder und hohe Auslastung der Stadien gerade einsetze. Und Augsburg/Mainz/Hoffenheim eben gerade in dieser Zeit den Aufstieg schafften.

    1. Pech oder Unvermögen oder beides?

      Ist eine zu ändernde Situation die ohne schlagkräftigen Sponsor/Mäzen/Investor aber nicht mehr zu ändern sein wird.

  2. Dann lieber dauerhaft 2.Liga als abhängig sein von Mäzen oder Investoren. Und das Bochum noch mal aufsteigen kann, daran glaube ich. Ob Bochum sich noch mal so dauerhaft etablieren kann wie früher: da bin ich schon deutlich skeptischer. Fahrstuhlmannschaft wäre nach 7 Jahren 2.Liga am Stück nun kein Schimpfwort mehr.

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