Propheten, eigene Länder und anderes mit und ohne Jugend

Nachwuchsarbeit im Fußball gilt in Deutschland oft auch ein wenig als hehres Ziel. Bildet man junge Spieler aus und entwickelt sie, dann gilt das per se als gut. Tut man das nicht gilt das eher als schlecht.

Wobei jenseits von Nachhaltigkeit für den Verein oder im Fall der Fälle regionaler Identität die Frage ist, was der Mehrwert sein soll (wenn man mal von der Nationalmannschaft absieht, die davon profitiert), an dem es sich bemisst, dass Nachwuchsarbeit gut ist. Am Ende ist es auch kein Frevel, mit älteren Spielern erfolgreich zu kicken und auch keinen Deut weniger ehrenwert, als eine junge Mannschaft aufs Feld zu schicken.

Gute Nachwuchsarbeit ist im besten Fall aus Vereinssicht ein strategischer Wettbewerbsvorteil, weil man so Talente vom eigenen Klub überzeugen kann, die ansonsten wohl kaum zu bekommen wären und diese perspektivisch entweder die eigene Qualität erhöhen oder vielleicht auf dem Transfermarkt Geld abwerfen. Aber Nachwuchsarbeit im Schatten eines Profiklubs mit ihrer ganzen Allürenhaftigkeit ist aus einer gesellschaftlichen Perspektive heraus eben auch nicht unbedingt ein besonders hervorhebens-, lobens- oder schützenswerter Bereich.

Kinder in der Breite zum Sport oder zu anderen, gruppenbezogenen Freizeitaktivitäten zu führen, geht auch jenseits dieser Elitenbildung ganz gut. Auch wenn natürlich die Leuchttürme und Vorbilder in vielen Bereichen der Alltagskultur auf Kinder eine besondere Strahlkraft zum selbst aktiv werden ausüben.

Das eigentlich aber nur als Randbemerkung, mit der nur von vornherein gleich klar gemacht wird, dass hier im Artikel die Arbeit mit jungen Spielern nicht als irgendeinem höheren gesellschaftlichen Zweck dienender Bereich gesehen wird, sondern lediglich Auskunft darüber gibt, wie gut zum Beispiel ein Verein perspektivisch aufgestellt ist.

Betrachtet werden in der Folge von allen Bundesligisten die jeweils elf in der Bundesliga meisteingesetzten Spieler (was eine gewisse Vergleichbarkeit garantiert). Das Durchschnittsalter quer über die Bundesliga liegt bei knapp 26 Jahren (da das Durchschnittsalter hier mit ganzen Jahren statt vollständig mit Tagen gerechnet wurde, liegt es in Wahrheit höher und jenseits der 26 Jahre).

Bei jedem Verein gehören im Schnitt 1,44 Spieler bis 21 Jahre zur Stammelf. Dabei reicht die Bandbreite von null Spielern (Köln, Augsburg, Ingolstadt, Hamburg) bis hin zu drei Spielern (Leverkusen, Bremen).

Geht man noch eine Altersstufe weiter, dann sind es pro Klub 3,28 Spieler, die in der Stammelf agieren, aber noch nicht älter als 23 sind. Die Bandbreite reicht hier von einem Spieler (Bayern, Ingolstadt) bis zu sechs bzw. sieben Spielern (Freiburg bzw. Schalke).

Interessant in dem Zusammenhang, dass Freiburg und Schalke neben Bayern auch jene Teams sind, die die meisten Spieler in ihren Stammteams haben, die einstmals für eine relevante Zeit im eigenen Nachwuchs (die U23 zählt hier mit zum Nachwuchsbereich) spielten. Jeweils vier Spieler sind es in den Teams.

Wobei die Differenz darin besteht, dass man bei Bayern gern auch alt wird, also entweder bleibt oder dorthin zurückkehrt, wenn man an Müller, Lahm und Rückkehrer Hummels denkt, während natürlich Freiburg, aber auch ein Stückweit Schalke Vereine sind, von denen man als großes Talent irgendwann weggeht und bei ordentlicher Entwicklung auch nicht zurückkehrt.

Generell hat jedes Team nur 1,5 Spieler in den eigenen Stammelfreihen, die im eigenen Klub über ein Jahr oder mehr ausgebildet wurden. Sieben Vereine haben keinen einzigen solchen Spieler in ihren Reihen. Was auch darauf verweist, dass Nachwuchsarbeit auf Dauer rein sportlich gar nicht so sehr dem eigenen Verein zugute kommt, wenn man nicht eine ganz große Nummer ist, von denen die Nachwuchsakteure schon immer des Nachts geträumt haben. Talente wollen irgendwann die weite Welt entdecken. Vielleicht ist auch tatsächlich was dran an der These, dass es im eigenen Hause immer schwerer ist, sich durchzusetzen, als wenn ein fremder Verein einen geholt und vielleicht sogar Geld bezahlt hat.

Dafür spricht auch die Tatsache, dass unter den 1,5 Spielern in der Stammelf aus der eigenen Jugend auch noch Spieler sind, die zwischendurch bei anderen Vereinen groß wurden, weil sie bei ihrem Jugendverein den Sprung nicht direkt schafften. Wofür vor allem Hummels, Wiedwald (der perspektivisch über die Saison wohl wieder aus der Elf der meisteingesetzten Spieler bei Werder rutschen wird) oder Kampl stehen.

Egal wie, 1,5 Spieler, die das Topniveau im Verein mitgehen und mitprägen können, aus der eigenen Jugend aus konservativ gerechnet einem Zyklus von zehn Ausbildungsjährgängen. Das ist nicht allzu viel. Und heißt im Umkehrschluss rein logisch, dass man wohl gegenseitig beeinander durch Wechsel und Spielerverpflichtungen die Früchte der Nachwuchsarbeit erntet. Bei immerhin 15 Teams mit maximal zwei im eigenen Nachwuchs mitausgebildeten Akteuren in der Stammelf kann man auch nicht unbedingt vom großen Identifikationsfaktor reden, der da aus der Nachwuchsarbeit erwächst.

Beim Blick über die Tabelle fallen ganz unten natürlich sofort die Bayern ins Auge, die im Bundesligavergleich durchaus als überaltert gelten können. Was darauf verweisen könnte, wie schwer es ist, sich dort in schon jungen Jahren durchzusetzen. Aber es ist auch ein Zeichen dafür, dass man im Jugendbereich lange nicht zu den Topteams in Deutschland gehört. Könnte noch spannend werden, was die Bayern aus dieser Situation in den nächsten Jahren machen, wie gut sie den Umbruch tatsächlich hinkriegen werden und wo sie im Nachwuchsbereich in fünf bis zehn Jahren stehen.

Am anderen Ende des Spektrums steht Bayer Leverkusen. Mit einem Bündel von jungen und sehr jungen Stammspielern haben sie eine Menge Potenzial im Team. Bei dem die Frage ist, ob man davon künftig selbst profitiert oder ob nicht die besten Talente den Verein verlassen, bevor sie auf ihrem persönlichen Topniveau ankommen. In noch stärkerem Maße gilt das für ein Team wie Freiburg, die sehr viel Jugend und sportliches Potenzial in der Mannschaft haben, aber aufgrund wirtschaftlicher Voraussetzungen eher gezwungen sind, die ausgebildeten Talente irgendwann abzugeben.

Schalke ist auch ganz interessant mit gleich sieben Spielern mit maximal 23 Jahren, die in dieser Spielzeit bisher zur Stammelf gehören. Da steckt noch ganz viel künftige Entwicklung im Team. Und bei Schalke ist es zumindest trotz Draxler und Sané nicht undenkbar, dass man den Großteil dieser entwicklungsfähigen Spieler unter Heidel und Weinzierl mit auf den nächsten Entwicklungsschritt nehmen kann. Da scheint durchaus eine positive, mittlere Zukunft herauf.

Was die Stammelf angeht gar nicht so überragend jung wie man vermuten könnte, ist RB Leipzig. Man gehört sicherlich zu den vier, fünf Mannschaften der Bundesliga mit dem entwicklungsfähigsten Kader. Und man hat finanziell die Möglichkeiten, dieses Potenzial auch mittelfristig weitgehend zusammenzuhalten. Aber man läuft auch nicht Woche für Woche mit den meisten jungen Spielern oder dem jüngsten Team auf.

Eigene Nachwuchsspieler im Profiteam hat man auch nicht, was angesichts der kurzen Vereinsexistenz vielleicht auch ganz nachvollziehbar ist. Allerdings bleibt es erstaunlich, dass da in näherer Zukunft auch kein Toptalent in den Stamm der Profis nachzurücken scheint, da diejenigen, denen man es am ehesten zugetraut hätte (Touré, Janelt, Dadashov oder Beiersdorf), gerade eher mit persönlichen Entwicklungen jenseits des Fußballplatzes zu kämpfen scheinen. Ein Dominik Franke ist natürlich einer, der sich gerade als Außenverteidiger in den nächsten zwei, drei Jahren durchaus zu einem wichtigen Teil der Profimannschaft entwickeln könnte.

Im oberen Alterssegment der Spieler von 30 Jahren an aufwärts liegt in der Bundesliga die Spannbreite der Akteure, die zu den elf meisteingesetzten Spieler im Verein gehören zwischen null (Leverkusen, Hoffenheim, Mainz) und vier (Frankfurt, Ingolstadt, Augsburg).

Letztlich ist Jugend auch immer eine Frage dessen, was man sich leisten kann. Ältere Spieler mit Karriereknick oder einfach auf passableme Niveau mit guter Erfahrung zu holen, kann durchaus wirtschaftlich und sportlich sehr sinnvoll sein. Augsburg ist ein Team, das davon schon seit längerem gut lebt. Als Strategie ist es absolut legitim. Und ja letztlich auch ein bisschen eine Folge davon, dass andere Teams Positionen (vor allem in der zweiten Reihe) lieber mit jungen Spielern mit Potenzial besetzen (und dafür etwas tiefer in die Tasche greifen) als mit älteren Spielern auf ähnlichem Niveau, bei denen keine Sprünge in der Leistung und in den Marktwerten mehr zu erwarten sind. Das eröffnet halt anderen Teams die Chance, ihr Fundament auf diesen vom Hamsterrad fallenden Spieler zu errichten.

Insgesamt geht im Einbau junger Spielern jeder so seinen eigenen Weg. Künftig bekommen Klubs via TV-Vertrag noch ein paar Euro mehr, wenn sie überdurchschnittlich viele U23-Spieler, die in Deutschland ausgebildet wurden, einsetzen. Der Einsatz von Nachwuchsspielern wird dann also noch mal extra belohnt. Wobei die entsprechenden Summen nicht so hoch und anregend sind, als dass sie bei Klubs alleinig zu einer Strategieveränderung führen werden. Das entsprechende Geld ist dann wohl eher als kleine Belohnung für sowieso geleistete Arbeit zu verstehen. Eine Arbeit, die man wollen und sich leisten können muss.ganz unten

[Alter = Durchschnittsalter (Berechnung auf der Basis ganzer Jahre und nicht Tage; entsprechend sind in den Abständen zwischen den Klubs hinsichtlich des Durchschnittsalters kleinere Abweichungen denkbar); U21 = Spieler bis einschließlich 21 Jahren, die zu den elf meisteingesetzten Spielern im Team gehören; U23 = Spieler bis einschließlich 23 Jahren, die zu den elf meisteingesetzten Spielern im Team gehören; Ü30 = Spieler ab 30 Jahren aufwärts, die zu den elf meisteingesetzten Spielern im Team gehören; Eigene = Spieler, die irgendwann mal im eigenen Nachwuchs aktiv waren und zu den elf meisteingesetzten Spielern im Verein gehören]

 AlterU21U23Ü30Eigene
Leipzig24,42410
Bayern27,91134
Hertha26,71331
Hoffenheim24,62302
Frankfurt27,12340
Dortmund25,52312
Köln26,50222
Schalke24,72714
Leverkusen23,73502
Mainz24,92301
Freiburg23,82614
Augsburg27,70240
Mönchengladbach25,32311
Bremen27,23322
Wolfsburg25,41422
Darmstadt25,91320
Hamburg26,40320
Ingolstadt27,60140

——————————————————————————

Nachwuchsspieler aus den Top11 der Vereine, die schon in der Jugend (irgendwann bis zur U23) mal im entsprechenden Klub spielten:

  • Bayern: Hummels, Lahm, Müller, Alaba
  • Schalke: Fährmann, Höwedes, Meyer, Kolasinac
  • Freiburg: Schwolow, Höfler, Günter, Philipp
  • Hoffenheim: Süle, Amiri
  • BVB: Schmelzer, Götze
  • Köln: Horn, Hector
  • Leverkusen: Kampl, Henrichs
  • Werder: Grillitsch, Wiedwald
  • Wolfsburg: Arnold, Seguin
  • Hertha: Brooks
  • Mainz: Bell
  • Mönchengladbach: Jantschke
  • Leipzig, Frankfurt, Augsburg, Darmstadt, Hamburg, Ingolstadt: keine

——————————————————————————

Auch bei RB Leipzig geht nicht jede Idee mit einem jungen Spieler auf. Federico Palacios steht dafür beispielhaft. Foto: GEPA Pictures - Kerstin Kummer.
Foto: GEPA Pictures – Kerstin Kummer.

——————————————————————————

Flattr this!

4 Gedanken zu „Propheten, eigene Länder und anderes mit und ohne Jugend“

  1. Vielen Dank für die wie immer durchdachten Betrachtungen!

    Wie alt war eigentlich die RB-Startelf bei den letzten Spielen mit Schmitz statt Compper? Waren wir da die jüngste Mannschaft?

    PS: Die deutsche Sprache ist schon interessant und wird von Fremdsprachlern wegen den zusammenhängenden Wortungetümen gern belächelt. Bei „Stammelfreihen“ musste ich zweimal hinsehen. Stammel- was 😉 ?

    1. Die RB-Startelf vom Schalke-Spiel wäre knapp jünger als Leverkusens Stammelf im Saisonschnitt, ja. Und bei Stammelfreihen habe ich selbst auch fünfmal hingeguckt. Aber was wann zusammengeschrieben oder durch einen Bindestrich getrennt wird, habe ich nie verstanden. 😉

  2. Ich muss dem Peter zustimmen: Das war ein sehr lesenswerter Artikel der analytischen Art. Fand ich sehr informativ. Und auch ich bin über „Stammel-was?“ gestolpert.
    An dem Artikel sieht man allerdings auch, dass der Eindruck der Kindergartengruppe „Rote Kälbchen“ gar nicht immer stimmt. Dass sie keine eigene Aufzucht von Geburt an haben, dürfte ja klar sein. Wobei: ein paar Jahre hin…
    Allerdings kann es auch hier im Dorf Leipzig so sein, dass Talentausbildung ein einträgliches Zubrot sein kann. Und wen sie geformt haben, durfte sich dann schon mal zeigen, wie Touré. Dass er nicht bei RB seit der Geburt spielt, ist der Historie geschuldet.
    Was mich interessiert: Wieso wurde der Federico hier gezeigt? Der kam ja aus Wolfsburg, als er 19 war, und konnte sich bei den Profis nicht durchsetzen. Bei der U23 schlägt er gerade richtig gut ein. Ist das der Grund? Nach dem Motto: Über Umwege zu den Profis?

    1. Palacios wurde nicht für den RB-Nachwuchs verpflichtet, das stimmt. Ihn hier zu verwenden folgte trotzdem irgendwie dem Motto, dass es Talenten in Leipzig nicht immmer leicht fällt, sich beim Übergang vom Nachwuchs zu den Profis durchzusetzen. Und Palacios, das dürfte die wahrscheinliche Variante sein, wird den Sprung über die U23 in den Leipziger Profikader nicht schaffen. Aber er wird spätestens 2018, wenn sein Vertrag ausläuft, irgendeinen Zweit- oder wohl eher Drittligisten finden, der es mit ihm versucht und vielleicht sogar glücklich wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.