Mit Abgeklärtheit in die Bundesliga-Spitze

Inzwischen weiß man bei RB Leipzig, dass man in dieser Liga mit praktisch allen Teams mithalten kann, wenn man einen guten Tag mit einem guten Plan erwischt. Man darf durchaus gespannt sein, mit welchen Anpassungen die (auch nicht auf den Kopf gefallene) Bundesliga-Konkurrenz auf den Saisonstart von RB Leipzig reagieren wird. Und man darf gespannt sein, wie die RasenBallsportler auf Misserfolg reagieren werden. Dieses Experiment darf ruhig noch ein bisschen warten, aber es wird ziemlich sicher über kurz oder lang kommen. (Erstaunlich gut und erstaunlich vielseitig)

Und erstens kommt es anders und zweitens sowieso. Von wegen Anpassungen der Bundesliga-Konkurrenz. Beziehungsweise zumindest keine Anpassungen, die den Lauf von RB Leipzig tatsächlich einbremsen konnten. Denn vier Siege aus vier Spielen und 9:2 Tore stehen seit der letzten Länderspielpause, nach der die oben stehenden Sätze formuliert wurden, auf dem RB-Konto. Vier völlig verdiente Siege wohlgemerkt. Und vier Siege, die teilweise mit einer erstaunlichen Abgeklärtheit und Souveränität auch gegen Teams errungen wurden, die sich in Defensivarbeit versuchten.

Den ersten Saisonabschnitt bis zum sechsten Spieltag konnte man sich vielleicht noch mit Euphorie eines Aufsteigers, mit Intensität und einem Lauf nach dem späten 1:0 gegen Dortmund erklären. Die folgenden vier Spiele seit der letzten Länderspielpause haben RB Leipzig dagegen als ein sehr stabiles und sehr abgeklärtes Team ausgewiesen. Das soll nicht heißen, dass man nicht mehr mit Intensität, Geschwindigkeit und Athletik spielt. Das soll nur heißen, dass Spiele gemeistert wurden, in die man nicht als Underdog hineinging und in denen man entsprechend Geduld haben und einen Gegner auch mal bespielen musste.

Das zeigt sich schon beim Thema Ballbesitz. In zwei der letzten vier Spiele hatte RB Leipzig wesentlich mehr Ballbesitz als der Gegner (Bremen, Darmstadt). In einem Spiel war der Ballbesitz ausgeglichen (Mainz). Und lediglich in Wolfsburg hatte der Gegner etwas mehr Ballbesitz. Aber auch nicht sehr viel (52 vs. 48%).

Heißt, die in den ersten Spielen immer mal vorkommende Rolle, das Team ohne Ballbesitz zu sein, das auf die entscheidenden Ballverluste lauert, ist bei weitem nicht mehr so dominant. Vielmehr muss man inzwischen auch Lösungen finden für Gegner, die selbst verteidigen und den Ball nicht haben wollen, sondern auf den Umschaltmoment warten. Die Aufgabe von RB Leipzig bestand aber nicht nur darin, selbst aktiv und offensiv zu werden (sieht man mal vom in vielerlei Hinsicht für die Saison etwas untypischen Spiel gegen Mainz ab), sondern gleichzeitig auch dem Gegner keine Umschaltmomente zu gestatten.

Gerade letzteres funktioniert auf ziemlich phänomenale Art und Weise. RB Leipzig ist nicht mit riesigem Abstand, aber doch durchaus deutlich nach zehn Spielen das beste Defensivteam der Bundesliga. Also, falls das jemand überlesen hat: das beste(!) Defensivteam der Liga. Man lässt mit Abstand die wenigsten Großchancen und Chancen zu. Im Schnitt ließ man pro Spiel gerade mal zwei Schüsse auf das Tor von Peter Gulacsi zu. Im Schnitt sind es in der Bundesliga, wenn man RB Leipzig nicht mitrechnet, 4,5 Schüsse pro Spiel.

Es ist also nicht unbedingt die (zurecht) vielgerühmte RB-Offensive, die den entscheidenden Unterschied macht, sondern de facto Mannschaftsorganisation. Mal von Bayern abgesehen, hebt sich Leipzig in Sachen Balance zwischen abgegebenen und zugelassenen Schüssen auf das Tor dadurch von Dortmund (dem offensiven Vorzeigeteam) und den anderen Teams der Liga ab, dass man extrem wenig zulässt.

Dass man die Dinge auf dem Feld offensichtlich vor allem über eine funktionierende Mannschaftsorganisation löst, erklärt dann eben auch, warum man auf der rechten Verteidigerseite immer wieder neue Lösungen einsetzt, die funktionieren oder man immer wieder auch sonst in der Mannschaft Wechsel vornehmen kann, ohne dass dies in Form von Leistungsverlusten spürbar wäre.

Wenn man Oliver Burke und Davie Selke mitrechnet, die meist nur als späte Einwechseloptionen zum Zuge kommen, und Bernardo als Langzeitverletzten weglässt, spielt Ralph Hasenhüttl derzeit mit einem Kader von 13 Feldspielern. Da gibt es vor allem im Offensivbereich auch immer mal Wechsel, aber insgesamt ist die Mannschaftskonstruktion inklusive Wechseloptionen relativ stabil. Wobei es durchaus spannend ist, welcher Spieler künftig Verletzungen auffangen könnte, wenn denn noch welche passieren.

Schmitz, Papadopoulos, Khedira, Kalmár, Boyd oder die versammelte Jugendfraktion ab U23 abwärts haben diese Saison zusammen noch keine 200 Minuten in der Bundesliga gespielt. Und davon fällt der allergrößte Teil noch auf Benno Schmitz, der nun schon zum zweiten Mal bei der Wahl eines Rechtsverteidigervertreters gegen einen nicht originären Rechtsverteidiger (erst Bernardo, jetzt Ilsanker) verloren hat. Die Optionen hinter der Nummer 14 im Team sind nicht sehr breit. Wird halt die Frage sein, ob man sie irgendwann mal braucht, die Optionen. Und wie sie dann einschlagen oder nicht einschlagen.

Eingeschlagen hat im bisherigen Saisonverlauf neben der Defensivorganisation auch die offensive Veredelung der Aktionen. Bei klar verteilter Aufgabenlage. Im Kern läuft es in der Offensive bisher auf das Quartett Forsberg, Sabitzer, Werner, Poulsen hinaus. Dabei spielen Forsberg und Sabitzer wieder eine überragende Saison. An 13 bzw. 11 Treffern sind der Schwede und der Österreicher beteiligt. Also an jeweils über der Hälfte der Tore. In elf von 17 Fällen, in denen überhaupt ein vorletzter Pass gespielt wurde, kam dieser von Forsberg (6) oder Sabitzer (5). Gegen Mainz zuletzt war Sabitzer bei allen drei Toren der Absender des vorletzten, angriffsöffnenden Passes. Die Rollen von Sabitzer und Forsberg liegen also nicht nur nah am Tor dran, sondern etwas weiter weg. Das Erzielen oder direkte Vorebreiten von Toren können sie aber auch. Jeweils 4 und 3 Tore bzw. 4 und 3 direkte Torvorlagen beweisen das.

Näher am Tor dran agiert allerdings Timo Werner, der von allen RB-Spielern die meisten Schüsse auf das Tor abgeben hat. 23 von 24 Torabschlüssen fanden dabei von innerhalb des Strafraums statt. Entsprechend ist Werner auch nicht unbedingt ein Spieler, der in die Entstehung von Toren involviert ist. Jenseits der acht Tore, an denen er als Torschütze oder Vorlagengeber beteiligt ist, trat Werner noch bei keinem anderen Treffer in der Entstehung des Angriffs in Erscheinung.

Timo Werner spielt eine sehr spezielle, aber auch sehr wichtige Rolle. Er ist quasi derjenige, der in die Tiefe mit Geschwindigkeit die Ideen der Mannschaft veredelt. Einer, der auch sehr stark davon lebt, dass Yussuf Poulsen komplett zu einem mannschaftsdienlichen Wandstürmer geworden ist, der im Zweikampf mit den Innenverteidigern dieser Bundesliga (31 Zweikämpfe pro 90 Minuten) Bälle sichert, Gegenspieler bindet, Lücken reißt und den Kontrahenten zermürbt. Aber auch immer wieder gute Dribblings setzt und Mitspieler einsetzt.

Es sind vor allem die völlig unterschiedlichen Qualitäten der vier Offensivspieler, die es ermöglichen, dass sie sich so gut ergänzen und so gut in Rollen gesteckt werden können, durch die ein sehr stimmiges Gesamtbild entsteht.

Das stimmige Gesamtbild hat auch damit zu tun, dass RB Leipzig den eigenen Fußball mit hoher Intensität spielt. Pal Dardai formulierte letztens in einem Interview, dass RB Leipzigs „athletische Fähigkeiten der Liga Angst machen“ und noch niemand Lösungen dagegen gefunden haben. Das ist durchaus erstaunlich. Vor allem, dass noch niemand Lösungen gefunden hat. Aber auch, dass man die Bundesliga mit Athletik tatsächlich beeindrucken kann.

Schon letzte Woche wurde hier im Blog ausgeführt, dass der Aufwand, der in der Bundesliga gerade im läuferischen Bereich betrieben wird, durchaus beachtlich geringer ist als in der zweiten Liga. Es bleibt eine offene Frage, warum das so ist und warum es Bundesligisten offenbar schwer fällt, die RB-Laufwerte, die auch nicht von einem anderen Stern, sondern höchstens von einer anderen Insel sind, zu adaptieren und sich vor allem dem Tempo anzupassen. Wenn du nicht nur zufällig gegen RB Leipzig eine Chance haben willst, wird man nicht darum herumkommen, ihnen auch physisch Paroli zu bieten. Man sollte sich diesbezüglich auch absolut nicht darauf verlassen, dass die RasenBallsportler im Verlauf dieser Saison schon irgendwann mal müde werden.

Wofür auch ein dosiertes Einsetzen der Spieler sorgen dürfte. Denn abgesehen von der Viererkette in der Abwehr haben alle anderen Spieler in dieser Saison schon ihre Auszeiten bekommen. Ein Timo Werner spielt gerade mal 70 Minuten im Schnitt, hat also faktisch gerade mal acht und nicht zehn Bundesliga-Spiele in den Knochen. Das gilt ganz ähnlich für Yussuf Poulsen. Und da hat man im Offensivbereich schon mit Abstand die größten Einsatzzeiten gesammelt. Forsberg, Sabitzer, Keita, Kaiser. Allesamt haben sie bisher keine 600 Minuten zusammengesammelt, also noch keine sieben Spiele in der Bundesliga gespielt.

Bis zur Winterpause müssen alle Beteiligten noch sechs Spiele (plus die Länderspiele, die mancher in den nächsten Tagen bestreitet) durchhalten. Vom Pensum her wird man dies ausbalanciert bekommen. Vier Spiele davon sind auswärts. Mit Leverkusen, Freiburg oder Bayern warten da ordentliche Kracher und Herausforderungen. Die bisherigen Auswärtssiege von RB Leipzig kamen gegen Hamburg, Wolfsburg und Darmstadt. Das sind die strauchelnden Teams auf Platz 12, 16 und 18 der Heimtabelle.

Auch das ist durchaus interessant an der bisherigen Saison von RB Leipzig. Dass man nicht nur Überraschungen schafft wie jene gegen Dortmund, sondern man vor allem auch die Spiele gewinnt, die man vor der Saison als jene ausgemacht hätte, durch die man in ruhigen Tabellengefilden (also neun oder zehn) unterwegs sein kann. Augsburg, Bremen, Mainz zu Hause oder Darmstadt auswärts. Letztlich steht der gesamte Block seit der letzten Länderspielpause unter diesem Motto. Dass man es vier Spiele lang geschafft hat, die tabellarische Situation auch auf dem Platz sichtbar zu machen. Meist durch Ball- und Spielkontrolle. Gegen Mainz dann durch pure Offensivpower.

Wenn man die bisherige Saison so durchgeht, dann hat man keinen Punkt mehr als man hätte haben dürfen. Eher hätten es noch zwei Pünktchen mehr sein können. Und an der Stelle wird es dann eben erstaunlich. Dass man es schafft, einerseits im klassischen Spiel gegen den Ball und im Zerstörermodus, den gegnerischen Spielaufbau komplett lahmzulegen, wenn der Gegner über Spielaufbau kommen will (diese Lösungsvariante dürfte für mindestens 15 von 17 Bundesliga-Teams keine zielführende sein). Und dass man andererseits Spiele mit dem Ball am Fuß wie gegen Bremen oder Darmstadt oder Augsburg zu dominieren und recht souverän runterzuspielen weiß.

Dabei kommt dem RasenBallsport auch entgegen, dass man nach der Pause immer wieder kleinere Anpassungen (wie den zwischen den Linien stärkeren Sabitzer für Poulsen in Darmstadt zu bringen) schafft, die noch mal den entscheidenden Vorteil gegenüber dem Gegner bringen. Klar manifestiert sich das auch in der Quote der Einwechsler (elf Torbeteiligungen bei 30 Einwechslungen sind Bundesliga-Bestwert). Aber es manifestiert sich auch in der Torverteilung (7 Tore vor der Pause, 13 nach dem Wechsel) und darin, dass man beim Pausenpfiff nur 16 Punkte, beim Schlusspiff aber 24 Punkte auf dem Konto hat.

Spannend dürfte in den nächsten Wochen auch noch werden, was eigentlich passiert, wenn RB Leipzig in Rückstand gerät. Das war seit dem ersten Spieltag nicht mehr der Fall. Damals holte man noch einen Punkt in Hoffenheim. Seitdem kam man nie mehr in die Situation einem Rückstand hinterherzurennen (nur Hoffenheim und Bayern lagen ähnlich selten zurück, nämlich zweimal). Auch das ein Zeichen dafür, dass man meist die Spiele kontrolliert und mit dem eigenen taktischen Ansatz von Beginn wach ist.

Insgesamt muss man wohl schon Superlative erfinden, um die Saison von RB Leipzig bisher zu beschreiben. Denn die Vielseitigkeit, Spiele mit Abgeklärtheit, aber auch mit Intensität und Geschwindigkeit und mit unterschiedlichen Ausrichtungen (bei gleichbleibendem Umschaltfokus) nicht nur zu bestreiten, sondern auch zu dominieren und meist zu gewinnen, ist absolut beeindruckend. Diesbezüglich waren die vier Spiele seit der letzten Länderspielpause noch mal ein großer Schritt nach vorn. Man darf gespannt sein, wie es in den letzten sechs Spielen bis Weihnachten angesichts vieler nahmhafter und interessanter Gegnern weitergeht.

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[Gesamt = Anzahl der Gesamtpunkte nach zehn Spieltagen; 1.Block = Anzahl der Punkte in den ersten sechs Spielen; 2.Block = Anzahl der Punkte in den Spielen 7 bis 10 seit der letzten Länderspielpause]

 Gesamt1.Block2.Block
München24168
Leipzig241212
Hoffenheim201010
Berlin20137
Dortmund18126
Köln18126
Frankfurt18108
Leverkusen16106
Freiburg1596
Mainz1486
Mönchengladbach12102
Schalke1138
Augsburg1174
Wolfsburg963
Darmstadt853
Bremen743
Ingolstadt211
Hamburg211

[Schü = Verhältnis der insgesamt abgegebenen zu den insgesamt zugelassenen Torschüssen (Bsp.: RB Leipzig schießt 144mal Richtung gegnerischem Tor, Gegner schießen insgesamt 84mal Richtung RB-Tor, 144 minus 84 = 60); Straf = Verhältnis der im Strafraum abgegebenen zu den im Strafraum zugelassenen Torschüssen; aufs Tor = Verhältnis der eigenen Schüsse, die aufs Tor gingen zu den zugelassenen Schüssen, die aufs Tor gingen; Chancen = Verhältnis der eigenen zu den zugelassenen Chancen (basierend auf Kicker-Chancen); Groß = Verhältnis der eigenen zu den zugelassenen Großchancen (basierend auf FourFourTwo-Werten)]

 SchüStrafaufs TorChGroß
München11679385819
Leipzig6057363120
Hoffenheim15-91139
Berlin203813-6-6
Dortmund4432182617
Köln-24-1121814
Frankfurt301412138
Leverkusen271214-2
Freiburg2-1310-8-3
Mainz-23-24-1-60
Gladbach-126-940
Schalke201712-61
Augsburg-6-18-9-12-4
Wolfsburg-34-60-1
Darmstadt-67-32-34-28-21
Bremen-59-36-17-31-15
Ingolstadt-14-2-17-18-9
Hamburg-64-49-36-52-27

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Dirigent eines tollen Orchesters: Ralph Hasenhüttl. Foto: GEPA Pictures - Sven Sonntag
Foto: GEPA Pictures – Sven Sonntag

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2 Gedanken zu „Mit Abgeklärtheit in die Bundesliga-Spitze“

  1. Nur mal so als kleine Randbemerkung, weil es in der ganzen Euphorie untergeht:
    RB hat eine ziemlich miese Quote nach einem Rückstand, da wurde noch kein Spiel gewonnen 😉

  2. So euphorisch kennt man Deine Schreibe gar nicht! 😉
    Aber auf der anderen Seite stimmt es ja und diese Siegeswelle nimmt einen mit.

    Die nächsten Spiele sind ja eher Gegner aus dem oberen Tabellenhälfte bzw sie gehören dahin. Das wird spannend zu sehen sein, welchen Plan Hasenhüttl da ausgräbt.

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