Defensives Duo ohne Bedarf für den Panikbutton

Kann sein, dass man in einem Jahr über die Fragezeichen hinter der Besetzung der Verteidigungskette müde lächelt, weil Spieler einen Entwicklungssprung gemacht haben und sich als passable Lösungen erwiesen haben, von denen man das derzeit noch nicht unbedingt erwartet. Stand heute überwiegen allerdings die Bedenken. Mal sehen, was ein möglicher Transfer oder mögliche Transfers daran noch ändern. (Pushing the defensive Panikbutton)

Hach, das war mal lustig. So Mitte August. Als Anthony Jung weg war. Lukas Klostermann zu Olympia fuhr. Die Innenverteidigung noch Atinc Nukan als Nummer 3 hatte. Halstenberg und Compper immer mal angeschlagen waren. Und kein Bernardo und kein Papadopoulos am Transferhorizont standen. Es konnte einem um die Besetzung der Defensive Angst und Bange werden.

Und jetzt? Nach sieben Spieltagen? Ist RB Leipzig bestes Defenisvteam der Liga. Zwar ein Tor mehr kassiert als Köln und die Bayern. Dafür ist man in allen Torschusskategorien teils das mit Abstand beste Team der Liga. Also bei Schüssen auf das Tor, bei Schüssen innerhalb des Strafraums und bei (Groß-)Chancen. Kein Team der Liga lässt weniger gefährliche Schüsse zu. Kein Torwart bekommt weniger zu tun als Peter Gulacsi.

Das darf durchaus überraschen. Genauso wie die Tatsache, dass mit Marvin Compper und Willi Orban weiterhin das Duo aus der letztjährigen Zweitligasaison den allergrößten Teil der Zeit in der Innenverteidigung verbringt. 2015/2016 hatte sich Compper über die Saison und vor allem nach der Winterpause zum Kopf in der Innenverteidigung entwickelt. In dieser Saison ist in der Tendenz eher Willi Orban derjenige, der den souveräneren Eindruck macht.

Wobei zwischen beiden eher Nuancen denn Differenzen liegen. In der Einsatzzeit hat Orban leicht die Nase vorn, weil Compper gegen Gladbach angeschlagen vom Platz musste und in Hoffenheim gelb-rot-gefährdet war.

  • Willi Orban: 630 Minuten Einsatzzeit; 90 Minuten pro Spiel
  • Marvin Compper: 574 Minuten Einsatzzeit; 82 Minuten pro Spiel

In Sachen Offensivspiel liegt auch Willi Orban leicht vorn. Was aufgrund noch sehr dünner Datenlage eher weniger aussagekräftig ist. Auffällig allerdings, dass Compper im Gegensatz zur letzten (Rangnick-)Rückrunde sich nicht mehr ganz so oft offensiv einschaltet und entsprechend auch weniger an Toren beteiligt ist. Orban kommt auf eine Torvorlage und drei Beteiligungen an einer Torentstehung. Bei Commper sind es zwei Beteiligungen.

  • Willi Orban: an 4 Toren beteiligt – alle 158 Minuten
  • Marvin Compper: an 2 Toren beteiligt – alle 287 Minuten

Sprinten, gelbe Karten, Gesamtlaufstrecke. Keine Differenzen.

  • Willi Orban: 2 gelbe Karten, 12,1 Sprints pro 90 Minuten, 9,8 km pro 90 Minuten
  • Marvin Compper: 2 gelbe Karten, 12,2 Sprints pro 90 Minuten, 9,8 km pro 90 Minuten

Interessant wird es dann schon eher in Sachen Zweikampfstatistiken und Foulspielen. Während Willi Orban 15,4 Zweikämpfe pro 90 Minuten bestreitet, sind es bei Marvin Compper nur 11,1. Was den (schon länger vorhandenen) Eindruck bestätigt, dass Marvin Compper in seinem Spiel oft auch über Erfahrung kommt und so manchem direkten Duell aus dem Weg geht, das Orban führt. Dafür spricht dann auch, dass Compper eine höhere Prozentzahl an Zweikämpfen gewinnt. Heißt ein Stückweit, dass Compper nur dann in einen Zweikampf geht, wenn er auch eine Chance hat, ihn zu gewinnen. Damit kommt er zu einer ordentlichen Zweikampfquote, während die knapp 53% von Orban im Bundesligavergleich doch eher durchschnittlich sind.

  • Willi Orban: 15,4 Zweikämpfe pro 90 Minuten, 52,8% gewonnene Zweikämpfe
  • Marvin Compper: 11,1 Zweikämpfe pro 90 Minuten, 59,7% gewonnene Zweikämpfe

Dass Orban da ist, wo was los ist, zeigt sich auch bei den Foulspielen. Alle 35 Minuten ist er in ein Foulspiel verwickelt, Compper lediglich alle 115. Allerdings foult Orban selbst nur alle 90 Minuten, wird aber fast zweimal pro Spiel gefoult. Zusammen kommen Compper und Orban in sieben Spielen auf gerade mal elf eigene Foulspiele. Was recht wenig ist und auch zeigt, dass beide nur selten in Situationen kommen, in denen sie überhaupt und erst recht zu ahndungswürdigen Foulspielen greifen müssen.

  • Willi Orban: 7 Fouls, eins pro 90 Minuten; 11 mal gefoult, alle 57 Minuten
  • Marvin Compper: 4 Fouls, alle 144 Minuten, einmal gefoult, alle 574 Minuten

Mit seiner aktiveren oder nennen wir es involvierteren Spielweise hat Willi Orban auch bei den Balleroberungen ein Stückchen die Nase vorn. 7,3mal pro 90 Minuten holt er sich auf verschiedene Arten den Ball vom Gegner. Bei Marvin Compper ist das nur 5,5mal pro 90 Minuten der Fall.

  • Willi Orban: 51 Balleroberungen bzw. -gewinne; 7,3 pro 90 Minuten
  • Marvin Compper: 35 Balleroberungen bzw. -gewinne; 5,5 pro 90 Minuten

Richtung gegnerisches Tor ist es bei beiden eher mau. Vom Gefühl stärker als unter Rangnick sind beide zur Absicherung da und nicht dazu, Tore direkt oder indirekt mit einzuleiten oder zu erzielen. Zusammen fünf Torabschlüsse, alle im gegnerischen Strafraum, wenn sie wegen Standards sowieso vorn sind, verbucht das Duo. Lediglich eine Torschussvorbereitung (die zum 2:0 in Hamburg) kommt dazu. An 0,86 Torabschlüssen sind Compper und Orban durch Vorlage oder eigenen Versuch pro Spiel beteiligt. Knapp 14 Torschussversuche hat RB Leipzig im Schnitt pro Partie.

  • Willi Orban: 3 Torschüsse, 1 Torschussvorlage, 0,57 Torschussbeteiligungen pro 90 Minuten
  • Marvin Compper: 2 Torschüsse, 0 Torschussvorlagen, 0,31 Torschussbeteiligungen pro 90 Minuten

In Sachen Passspiel nehmen sich Marvin Compper und Willi Orban praktisch nichts. Beide spielen ungefähr genauso viele Pässe und haben die fast identische Passquote von um die 75 Prozent. Willi Orban spielt einen ganz leicht höheren Anteil an Pässen im Defensivdrittel. Compper spielt dafür einen ganz leicht höheren Anteil seiner Pässe ins Mitteldrittel des Spielfelds. Beide spielen einen nahezu identischen Anteil ihrer Bälle ins Angriffsdrittel (14 bzw. 13 Prozent). Insgesamt gibt es zwischen beiden im Spielen aus der Abwehr kaum relevante Unterschiede.

  • Willi Orban: 74,9% Passquote
  • Marvin Compper: 75,5% Passquote
  • Marvin Compper: 26,2% der Pässe im Defensivdrittel, 93,3% Passquote bei diesen Pässen
  • Willi Orban: 28,9% der Pässe im Defensivdrittel, 92,9% Passquote bei diesen Pässen
  • Willi Orban: 57,7% der Pässe im bzw. ins Mitteldrittel, 75,8% Passquote bei diesen Pässen
  • Marvin Compper: 60,8% der Pässe im bzw. ins Mitteldrittel, 77,0% Passquote bei diesen Pässen
  • Willi Orban: 14,4% der Pässe im bzw. ins Angriffsdrittel, 35,7% Passquote bei diesen Pässen
  • Marvin Compper: 12,9% der Pässe im bzw. ins Angriffsdrittel, 32,4% Passquote bei diesen Pässen

Kaum Differenzen gibt es auch, wenn man nach kurzen und langen Pässen unterscheidet. Außer man will spitzfindig Compper den besseren langen Ball unterstellen.

  • Willi Orban: 88,0% kurze Pässe, Passquote: 80,1%
  • Marvin Compper: 86,7% kurze Pässe, Passquote: 80,6%
  • Willi Orban: 12,0% lange Pässe, Passquote: 37,1%
  • Marvin Compper: 13,3% lange Pässe, Passquote: 42,1%

Hinsichtlich der Richtung der Pässe fällt auf, dass Compper in leichtem Maße mehr rückwärts spielt als Orban und Orban bei Rück- und Querpässen leicht fehleranfälliger ist als Compper. Aber auch hier sind die Differenzen eigentlich so klein, als dass man ihnen keine größere Bedeutung zumessen muss.

  • Willi Orban: 69,1% der Pässe sind Vorwärtspässe, Passquote: 69,2%
  • Marvin Compper: 67,5% der Pässe sind Vorwärtspässe, Passquote: 67,4%
  • Willi Orban: 30,9% der Pässe sind Rück- oder Querpässe, Passquote: 87,8%
  • Marvin Compper: 32,5% der Pässe sind Rück- oder Querpässe, Passquote: 92,5%

Interessant vielleicht noch, woher Orban und Compper ihre Bälle so kriegen und wohin sie sie weiterleiten. Willi Orban wird dabei bisher in der Reihenfolge von Gulacsi, Compper, Bernardo, Demme und Ilsanker angespielt.

Anspiele auf Orban von:

  • Gulacsi: 46
  • Compper: 28
  • Bernardo: 25
  • Demme: 23
  • Ilsanker: 21

Sieht bei Compper durchaus ähnlich aus, wobei er im Verhältnis gesehen weniger Bälle vom Torwart kriegt und vermehrt als Anspielstation von Demme zur Verfügung steht. Dass er öfter den Ball von Halstenberg kriegt, statt wie Orban von Bernardo liegt dann einfach nur daran, dass das der ihm nähere Außenverteidiger ist. Interessant vielleicht noch, dass Compper den Ball von Orban öfter bekommt, also Orban von Compper.

Anspiele auf Compper von:

  • Gulacsi: 38
  • Orban: 35
  • Demme: 27
  • Ilsanker: 24
  • Halstenberg: 16

Willi Orbans erste Anspielstation ist Diego Demme. Was auch dadurch verständlich wird, dass Demme sich oft in den rechten Halbraum zurückfallen lässt und dort eben sehr nah an Orban ist. So entsteht dann eine Achse von Gulacsi über Orban zu Demme, der im Spielaufbau bisher das wichtigste Bindeelement ist.

Anspiele von Orban auf:

  • Demme: 46
  • Compper: 35
  • Gulacsi: 26
  • Ilsanker: 20
  • Bernardo: 19
  • Keita: 15

Marvin Comppers erste Anspielstation ist im deutlichen Gegensatz zu Orban Torwart Gulacsi. Könnte damit zu tun haben, dass Halstenberg höher steht und als Anspielstation außen oft wegfällt und Demme häufiger rechts zu finden ist als links bei Compper, sodass der Weg zu Gulacsi und von dort zu Orban der naheliegendere ist. Vielleicht wird Compper auch besser angelaufen vom Gegner. In jedem Fall ist der Weg zum Torwart für Compper naheliegender als bei Orban. Interessant bei Compper seine vielen Anspiele auf Keita. Dabei stand der Mittelfeldmann noch nicht mal die Hälfte der Spielzeit von RB Leipzig auf dem Platz. Wird künftig noch interessant, wie sich Passwege verändern, wenn Keita mal zum Stammspieler geworden ist (und dass er es zwangsläufig wird, davon kann man wohl ausgehen).

Anspiele von Compper auf:

  • Gulacsi: 43
  • Demme: 31
  • Orban: 28
  • Keita: 27
  • Halstenberg: 22
  • Ilsanker: 21

Festzustellen ist auch, dass sich die Innenverteidiger nicht selbst die nächsten sind. Endloses Ballgeschiebe zwischen den beiden, bis sich irgendwann Lücken ergeben, gibt es bei RB Leipzig im Normalfall nicht. Dafür spricht ja auch die Zahl von oben, dass sowieso nur reichlich ein Viertel aller Pässe im Defensivdrittel gespielt werden. Der Rest des Passspiels passiert im Mitteldrittel oder geht ins Angriffsdrittel. Entsprechend ist der Innenverteidiger-Partner zwar eine Anspieloption, aber nicht die Wichtigste.

Interessant über all die Daten hinweg, wie wenig Unterschiede es zwischen den beiden gibt. Könnte dahingehend noch mal interessant werden, wenn auch ein Kyriakos Papadopoulos mal ein paar Spiele gemacht hat und noch mal andere RB-Vergleichsdaten liefert.

Insgesamt ist vielleicht die einzige feststellbare Differenz zwischen Orban und Compper die, die aus dem Alter (23 vs. 31) resultiert. Sprich, der eine ist noch etwas wilder (wobei das Wort auch schwer über die Tastatur kommt, wenn man einen abgeklärt-humorlos Fußball spielenden Orban vor Augen hat), wo der andere schon viel über seine Erfahrung und seine Antizipation löst, und gerät dadurch in mehr Zweikämpfe und Foulspiele, gewinnt aber durch seine Aktivität auch mehr Bälle.

Letztlich erstaunlich, wie leicht Orban und Compper als Duo in die Bundesliga gefunden haben. Wobei sie sich dabei auch sehr bei ihren Mannschaftskameraden, angefangen bei Poulsen ganz vorn, bedanken können, die mit ihrer guten, laufaufwändigen Organisation ganz viele Dinge schon klären, bevor sie entstehen können. Gerade der Sechserblock vor der Abwehr, der den Spielaufbau des Gegners bisher immer sehr gut stilllegte, macht da einen hervorragenden Job. Aber auch Orban und Compper ergänzen dies bisher durch ihre gute Arbeit am und im Strafraum sehr gut. Völlig entgegen der leichten Panik, die man vielleicht Mitte August noch haben durfte.

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Datenbasis: Eigenaggregationen und Daten vom Sportdatencenter der BILD und von fourfourtwo.

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Willi Orban. Photo by Karina Hessland/Bongarts/Getty Images
Photo by Karina Hessland/Bongarts/Getty Images

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6 Gedanken zu „Defensives Duo ohne Bedarf für den Panikbutton“

  1. Was man alles so auswerten kann. Hätte mir das im August auch nicht so träumen können.
    Klugscheissmodus: Die einzige Torvorlage von Orban war das 0:2 in Hamburg.

    1. Stimmt, das mit dem 2:0. Hatte ich doch auch so geschrieben, oder? 😉

  2. Wenn du schreibst, dass RB das defensiv stärkste Team der Liga ist, auch wenn Köln bislang ein Tor weniger kassierte, heißt das die Bayern (auch nur 4 Gegentreffer) spielen also doch in einer anderen Liga? 🙂

    1. Redet doch keiner mehr über die Bayern. Was können die denn schon außer Reklamierarm? 😉

  3. Kann ich nur zustimmen. Demme War schon in der zweiten Liga ein Waffe. Aber dass sich Orban und vor allem Comper so gut durchsetzen. Das hätte ich nie gehofft. Für mich die Überraschung der Saison.

  4. Der Kicker liest wohl auch den Rotebrauseblog 😉
    Schönes Ding und viele starke Zahlen.
    Der Panikbutton war aber auch berechtigt und in greifbarer Nähe sollte er immer noch sein. Die Beiden werden mit 100% nicht bis zum 34. Spieltag spielen können. Aber das was sie bis dato auf den Rasen gezeigt haben, war richtig stark. Außer bei Hoffenheim, als die gelben Karten nur so flogen, da war mir etwas mulmig. Orban hat mMn wieder einen Schritt nach vorn gemacht und wenn bei Compper die Wade hält, werden wir noch viel Freude an Beiden haben.

    Bin gespannt, wer als nächstes von Dir genauer unter die Lupe genommen wird. Ich könnte mir denken, daß es Diego Demme wird 😉
    Würde mich freuen, denn für mich bisher ganz klareiner der Wichtigsten Faktoren bei den Rasenballsportlern.

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