Interessante Frage trotzt uninteressanter Debatte

Nicht fair fand Dortmund-Coach Thomas Tuchel zuletzt die 21 Fouls gegen sein Team im Spiel bei Bayer Leverkusen. Um weiter festzustellen: „Da werden Mittel angewendet, die in der Häufigkeit dazu führen müssen, dass man nicht komplett zu Ende spielt.“ Aussagen, mit denen Tuchel viel Spott erntete, weil man ihm eine nicht angemessene Opferrolle unterstellte.

„Vielleicht ist Dortmund ja eine Mannschaft, die schnell Fouls zieht“, entgegnete Leverkusen-Coach Roger Schmidt gar und schob den Schwarzen Peter des unfairen Spiels zurück und machte den BVB zu einer „cleveren“ Schauspielertruppe.

Nun, im Bundesliga-Mediengeschäft nimmt man solche Auseinandersetzungen gern, um dann das ‚der gegen den und was sagt eigentlich Lothar Matthäus dazu‘-Spiel zu spielen. Dabei ergeben sich aus den Statements Fragen, die nicht mit Schuldzuweisungen zu klären sind.

Aus eigenem Augenschein des Dortmunder Teams kann man Roger Schmidts Perspektive durchaus nachvollziehen, denn auch in Leipzig verhielt sich der BVB lange Zeit in Zweikämpfen sehr clever, indem man den gelegentlich leicht ungestümen Körperkontakt der Leiziger dankend annahm und sich darüber ein paar ganz gute Standardsituationen organisierte. Worin sich keine Schauspielerei ausdrückte, sondern eher ein besseres Vertrautsein mit den Gepflogenheiten der Spielleitung seitens der Schiedsrichter in der Bundesliga.

Mal davon abgesehen stellt sich ja tatsächlich die Frage, ob es so etwas wie eine Grenze an Mannschaftsfouls gibt, jenseits derer man so etwas wie Unsportlichkeit feststellen kann. Wobei Tuchels Aussage, bei so vielen Fouls müsse doch auch mal jemand vom Platz fliegen, eher Quatsch ist. Kein Leverkusener Spieler foulte gegen den BVB mehr als dreimal. Brutal war es nie, sodass drei der vier Spieler, die drei Fouls auf dem Konto hatten, halt entsprechend der Regeln am Ende eine gelbe Karte gesehen hatten (Naby Keita schaffte für RB gegen Augsburg fünf Fouls, ohne dafür überhaupt gelb zu sehen). Gutes Foulmanagement würde man das wohl nennen.

Letztlich ist halt die Strafe für Foulspiele eine individuelle und nur weil ein Julian Weigl fünfmal gefoult wird, kann ich nicht Kevin Kampl zwei gelbe Karten zeigen. Wenn man diesen Gedanken weiterführt, sind natürlich auch Situationen denkbar, in denen ein Team sich einen der Gegenspieler, den man als besonders zentral erachtet, herauspickt und diesen im Spielverlauf durch verschiedenste Spieler immer und immer wieder foult. Sagen wir 15mal, was absurd viel ist. Was immer noch zu keiner Strafe führen würde (also zumindest nicht nur deswegen, weil immer der selbe Spieler gefoult wird). Aber auch ein hochgradig akademisches Gedankenspiel ist, denn im modernen Teamfußball sind wohl kaum Situationen denkbar, in denen es Sinn machen würde, sich derart auf einen einzigen Spieler zu konzentrieren.

Trotzdem ist natürlich diskutabel, ob nicht das vermehrte Foulspiel gerade gegen Ballbesitzteams etwas ist, was man im Fußball gar nicht haben will. Weil man diese Art von Spiel schützenswert findet. Leverkusens Foulspiele gingen zu über 50% gegen Weigl, Rode und Schmelzer, also direkt gegen das BVB-Aufbauspiel. Wobei es diesbezüglich über die bisherige Saison gesehen kein ganz einheitliches Bild gibt.

Klarer wird das Bild schon, wenn man schaut, wo Dortmund gefoult wird. Nämlich sehr häufig schon in der eigenen Hälfte. Kleine Fouls gegen den Spielrhythmus. Nichts wofür man gelb sehen könnte, aber alle vier Minuten durchgeführt nervend genug, um den Gegner aus dem Tritt zu bringen. Die Hälfte der Fouls, die Leverkusen beging, beging man in Dortmunds Hälfte oder zumindest nahe der Mittellinie (beim Spiel von Freiburg in Dortmund waren es sogar 75%). Wenn man jetzt noch bedenkt, dass der BVB das Ballbesitzteam war und zwischen Ball bzw. Foul und Leverkusener Tor nicht nur viel Strecke, sondern auch viele Mitspieler standen, dann fällt auch die Option weg, Leverkusener Spielern wegen taktischen Fouls (im Sinne des Unterbindens einer guten Spielsituation) gelb zu geben. Denn wer würde schon freiwillig von einer vielversprechenden Spielsituation sprechen, wenn sich Weigl, Schmelzer und Rode den Ball hin- und herpassen und dabei gefoult werden. Und doch ist die Qualität des Foulspiels schon im frühen Spielaufbau ja eine neue.

Letztlich hatte man eine ähnliche Frage schon mal bei Klopp, der völlig zurecht anmerkte, dass sich die Definition vom taktischem Foul im modernen Fußball verschoben hat. Bzw. ein taktisches Foul auch in des Gegners Hälfte stattfinden kann. Früher gingen Schiedsrichter davon aus, dass für ein solches Foul und eine sich anbahnende Torchance eine gewisse Tornähe gegeben sein muss. Für moderne Umschaltteams wie es der BVB unter Klopp war oder RB unter Hasenhüttl ist, gilt dies aber nicht mehr unbedingt, weil eine Balleroberung noch in der eigenen Hälfte angesichts der Geschwindigkeit der Teams eben durchaus bei Ausspielen des Konters eine Großchance zur Folge haben kann (was aber eben bei Ballbesitzteams mit vielen Spielern zwischen Ball und gegnerischem Tor wie beim Tuchel-BVB nicht der Fall ist).

Was dann hieß, dass die Schiedsrichter sich auf die neuen Gegebenheiten einstellen mussten. Was aber auch kein Problem darstellte, weil man eben nun individuelle Strafen in Form von gelben Karten auch torferner verteilte. Das sieht bei einer extrem hohen Quote von Mannschaftsfouls, mit der eine bestimmte Spielidee besonders effektiv und jenseits des Erlaubten behindert werden soll, schon anders aus. Weswegen Michael Zorcs Aussage, dass die Schiedsrichter das BVB-Spiel nicht in angekündigtem Maße schützen würden, auch ins Leere läuft. Weil, wie sollte dieser Schutz aussehen? Plötzlich für kleine Rempler gelb zeigen, weil es gegen den BVB geht und deren Spielfluss stört? Das geben die Regeln gar nicht her.

Sprich, wenn man Zorcs Meinung und Tuchels Klage ernstnimmt (und nichts spricht dagegen, dass man ihren Punkt zumindest zu verstehen versucht), dann bräuchte man ein neues Regularium zur Einschränkung bzw. Bestrafung der Zahl der Gesamtfouls. Also irgendwas wie im Basketball, eine Art Mannschaftsfoulzähler. So weit wäre das noch einfach, wenn denn der Leidensdruck im Fußball allgemein groß genug wäre (was angesichts der Reaktionen auf Tuchel bis hin zum ‚ist doch ein Männersport, habt euch mal nicht so‘ nicht anzunehmen ist), die Frage wäre dann nur wie eine Strafe für Teamfouls aussehen sollte. Individualstrafen wie gelbe Karten fallen aus, weil ja explizit ein Mannschaftsverhalten bestraft werden soll.

Bliebe ja nur noch so etwas wie ein Elfmeter nach sagen wir 20 Fouls oder ein Freistoß in guter Position alle 5 Fouls oder alternativ eine vorübergehende Dezimierung des Gegners (wobei eine Zeitstrafe wieder ein ganz neues Modell für den Fußball wäre) oder ähnliches. Wäre eine ganz schöne Veränderung des Spiels, auch wenn es grundsätzlich nicht unsympathisch scheint, eine hohe Zahl von Teamfouls als taktisches Mittel auch angemessen bestrafen zu können. Und inidviduelle Strafen geben eine angemessene Bestrafung nun mal offensichtlich nicht her.

Dass man bei Borussia Dortmund einen besonders hohen Diskussionsbedarf hat, resultiert direkt aus der Foulstatistik. Denn bei keinem Team der Bundesliga ist die Differenz zwischen eigenen Fouls und gefoult werden so hoch wie bei Borussia Dortmund. Der Gegner beging in bisher sechs Spielen 68 Fouls (also 11 pro Spiel) mehr als der BVB, die das mit Abstand am wenigsten foulende Team der Liga sind. Was als klar auf Ballbesitz ausgelegtes Team nicht ungewöhnlich ist. Trotzdem auffällig, dass einer wie Rode beispielsweise nach sechs Spielen erst ein Foul und niemand mehr als fünf Fouls (verwiesen sei hier noch mal auf Naby Keita und seine fünf Fouls in einem Spiel) auf dem Konto hat.

Ja, die Bilanz ist auch davon beeinflusst, dass der BVB ein Ballbesitzteam ist und bspw. mit Leverkusen, Freiburg oder Leipzig schon drei Teams bespielte, die sich über das Spiel gegen den Ball definieren und entsprechend etwas aggressiver unterwegs sind. Wobei RB Leipzig in dem Spiel gar nicht so hochstehend attackierte, sondern dort eher den Spielaufbau zustellte und die Fouls eigentlich vornehmlich in der eigenen Hälfte und nicht in der Dortmunder passierten.

Die Frage ist halt letztlich, ob das Dortmund-Phänomen mit einer extrem auseinandergehenden Zahl an begangenen und eingesteckten Fouls ein zu vernachlässigendes Einzelphänomen ist. In der Liga sind sie ein echtes Unikat. Ingolstadt als nächstes Team hinter Dortmund musste gerade mal 16 Foulspiele mehr einstecken als man selbst austeilte (Ingolstadt interessanterweise letzte Saison das Team, bei dem die Differenz zwischen Fouls und Fouls des Gegners zu ihren Ungunsten am größten war, man also mit einem völlig anderen Spielkonzept als der BVB ein Stückweit der BVB war, zumindest in Bezug auf Fouls).

Vielleicht sind die Zahlen aber eher ein Problem der grundsätzlichen Zweikampfführung des BVB und nicht der Regularien. Gefoult wird auch diese Saison der FC Ingolstadt häufiger als der BVB, nur dass man in Dortmund eben kaum Fouls begeht. Man könnte es auch so interpretieren, dass man sich zu sehr auf seine spielerischen Mittel beschränkt und zweikampfbezogene Qualitäten eher außen vor lässt. Selbst Peps Bayern des Vorjahres foulten im Schnitt wesentlich häufiger als Tuchels Dortmunder in dieser Saison. Dagegen spricht allerdings, dass der BVB zumindest eine nicht untypische, durchschnittliche Anzahl von Zweikämpfen bestreitet und aktuell die beste Zweikampfquote der Liga hat, man sich Zweikämpfen also weder verweigert, noch in ihnen etwa amateurhaft agiert.

Es bleibt insgesamt eher fraglich, worauf es mit den BVB-Aussagen (jenseits dessen, dass man die Schiedsrichter zu beeinflussen versucht) in einer Liga hinauslaufen könnte, in der sowieso schon meist recht eng gepfiffen und wenig laufengelassen wird. Die rationale Fragestellung hinter den Tuchel- und Zorc-Aussagen, inwieweit man mannschaftliches Auftreten in einer auf Individualstrafen ausgelegten Sportart bestrafen kann, ist durchaus eine interessante und führt vielleicht auch irgendwann mal irgendwo hin. Momentan scheint es allerdings relativ wenig Handlungsdruck zu geben, um die Ballzirkulation des BVB noch besser vor dem Zugriff des Fouls zu schützen als es sowieso schon möglich ist.

Das heißt nicht, Tuchel oder Zorc oder Watzke Geningel zu unterstellen, weil ihre Aussagen ja auf tatsächlich existierenden Zahlen beruhen. Aber es heißt, dass man wohl mit dem aktuellen Regelwerk ohne mannschaftsbezogene Strafen für Fouls leben und sich darauf einstellen muss. Und vermutlich kann man auch ganz gut damit leben.

[Fouls = begangene Fouls; Fouls Geg = Fouls, die die Gegner gegen das jeweilige Team begangen haben; Foulverh = Fouls Geg minus Fouls, Anzahl der Fouls, die ein Team mehr eingesteckt als ausgeteilt hat, positive Zahl bedeutet mehr Fouls eingesteckt, negative Zahl mehr Fouls ausgeteilt; Gelb = Anzahl der gelben Karten je Team.]

 FoulsFouls GegFoulverh
Dortmund4611468
Ingolstadt9911516
München597415
Hertha72819
Köln64739
Mönchengladbach80877
Hoffenheim92975
Bremen88891
Augsburg9189-2
Frankfurt8884-4
Leverkusen8984-5
Leipzig8476-8
Wolfsburg8676-10
Mainz8770-17
Schalke8365-18
Darmstadt9373-20
Freiburg8969-20
Hamburg10579-26

[Foulverh = Fouls Geg minus Fouls, Anzahl der Fouls, die ein Team mehr eingesteckt als ausgeteilt hat, positive Zahl bedeutet mehr Fouls eingesteckt, negative Zahl mehr Fouls ausgeteilt; Gelb = Anzahl der gelben Karten je Team; Gelb Geg = Anzahl der gelben Karten, die der Gegner gesehen hat.]

 FoulverhGelbGelb Geg
Dortmund68520
Ingolstadt16119
München15109
Hertha9618
Köln91111
Mönchengladbach7913
Hoffenheim51110
Bremen11010
Augsburg-21210
Frankfurt-4159
Leverkusen-51213
Leipzig-81015
Wolfsburg-10107
Mainz-17118
Schalke-18810
Darmstadt-20169
Freiburg-20148
Hamburg-261611

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Datenbasis: BILD-Datencenter

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Zählt die Foulspiele, die an seiner Mannschaft begangen werden: Thomas Tuchel. | Photo by Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images
Photo by Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

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8 Gedanken zu „Interessante Frage trotzt uninteressanter Debatte“

  1. Da ist er wieder der Kaiser der Statistiken. Quasi back to the roots ;).

    Ich finde nicht das Tuchel ein Übertrainer ist und seine Verlierermentalität ist, sagen wir mal, ausbaufähig.

    Aber weg von Statistik, war seine Reaktion wohl eher dem offensichtlichen Missverhältnis an Fouls geschuldet, verbunden mit einer anderen Erwartungshaltung an Bayer 04. Er war wohl eher enttäuscht, dass die Spielkultur dieser Spitzenmannschaft eher einem Darmstädter Hit and Run ähnelte, als hochklassigem Ballspiel!

    Fouls kann nur 1 auf dem Platz ahnden, mitfühlen tun aber alle Fans gleichermaßen wenn situationsbedingt antagonistisch, ja nach Fanlager. Das trifft auch auf die Trainer zu.

    In einem Pkt widerspreche ich Dir aber was Härte (gefühlte vs. gesehene) einiger Fouls betraf. Und diese hielt ich tatsächlich eines Spitzenclubs für unwürdig!

    Grätzschen im Vollsprint ohne Chance auf den Ball, mit langem Bein an der Aussenlinie umlegen, mit Ellenbogen in Rücken und Kopfbereich?

    Das ist Darmstadt und DFB Pokal Niveau. Wenn Bayer 04 auch das Spiel gegen uns so bestreitet, möchte ich Deine Aufarbeitung dann nochmal genauer lesen 😉

    Ich denke Tuchels Beschwerde viel auch unter den Nimbus „Heulsusentuchel“ , obwohl diese doch berechtigt war anzumerken, zumindest subjektiv und kurz nach Spielende…

    Zur Ehrenrettung von Tuchel aus unserer Sicht, möchte ich Ihn zitieren, da er doch eine, zumindest unterschwellige, Respektsbekundung an RB schickte…

    „Allein in 3 Spielen arbeiteten die Gegner mit mehr als 20 Fouls im Spiel gegen uns“ (6.Spieltag)

    Wir lagen inkl. den 3Pkt bei 16 Fouls und waren nicht angesprochen…
    Liebes Bayer 04 Team, es geht auch ohne Darmstadt…

  2. Ein ellenlanger Artikel über das was es im Fifa Fußball längst gibt, erprobt ist und für viel Fairness sorgt: Teamfoulwertung. Da muss man aber mal die Scheuklappen runter nehmen und zum Futsal schauen. Mehr als 5 Fouls pro Halbzeit und es gibt einen 10m…

  3. Die Idee mit den Teamfoul ist in der Tat interessant, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie dies umgesetzt werden soll. Auch weil diese Fouls, die weit vorne passieren, nicht immer gepfiffen werden. Die Frage nach einer angemessenen Strafe ist dabei ja auch noch zu berücksichtigen.

    Sonst, sehr gute Zusammenfassung von (zu viel) Foul und nicht Foul!

  4. Aus der Beobachtung in Leipzig möchte ich schlussfolgern, dass BVB sich gern theatralisch fallen lässt. Besonders 30 Mio Fehlkauf Schürrle war extrem am Karten fordern.
    Und der Schiri kam dem gern nach …

  5. Ich – da im Herzen Berliner – hatte nicht zuletzt den Eindruck, daß Herr Tuchel neben reinem Klagen über die Ungerechtigkeiten dieser Welt vor allem auch die Schiedsrichter für das folgende, schwere Heimspiel gegen Hertha ausreichend „sensibilisieren“ wollte.
    Schnelles Umschaltspiel läßt sich eben auch über Schiedsrichterpfiffe unterbinden.
    Ein Schelm, wer böses dabei denkt…
    Das war wohl das, was Pal Dardai im Hinterkopf hatte, als er vom „Männersport“ sprach.

  6. Ich finde es auffällig, dass die Bayern relativ wenig gefoult werden.

    Trauen sich hier die Gegner nicht, weil gegen Bayern-Gegner doch eher gepfiffen wird?

  7. Die niedrige Foulstatistik vom BVB hat nichts mit den langen Ballbesitzzeiten zu tun. Seht euch mal die Statistiken unter Klopp an. Da waren sie auch stets eins der fairsten Teams

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