Überraschendes Spitzentrio

Sechs gespielte Spieltage. Eigentlich noch nicht wirklich die Zeit, um schon Schlussfolgerungen aus dem Tun der Bundesligisten zu ziehen. Zu unterschiedlich sind die Spielpläne und zu gering ist die Spielanzahl, als dass sich schon alle Qualitäten und Nicht-Qualitäten in den Zahlen durchsetzen würden.

Kleine Hinweise liefern die Daten allerdings schon jetzt, wenn man im Hinterkopf behält, dass sie vielleicht nicht final belastbar sind oder gar Aussagen mit prognostischem Charakter hergeben. Vor allem Torschussstatistiken vermitteln durchaus ein ganz gutes Bild über Stärken und Schwächen von Teams.

Torschüsse bzw. Chancen als Datengrundlage heranzuziehen, macht deswegen Sinn, weil sich darin eigentlich ausdrücken sollte, inwiefern man es mit seiner Spielidee schafft, mehr Torgelegenheiten als sein Gegner herauszuspielen. Was im Normalfall auch die Siegwahrscheinlichkeiten erhöhen sollte. Es leuchtet vielleicht ein, dass ein Team, dass sich wesentlich mehr Chancen herausspielt als zulässt, am Ende besser dastehen sollte als ein Team, das viele Chancen zulässt und nur wenige herausspielt.

Interessant dabei, dass sich quer durch die Daten mit Bayern, BVB und RBL ein Trio herausschält, das die Bundesliga dominiert. Während man dies gerade von den Bayern und ein Stückweit auch von Dortmund erwarten durfte, kommt dies bei Leipzig ziemlich überraschend.

RB Leipzig lässt die wenigsten Schüsse auf das eigene Tor (und auch die wenigsten Großchancen) zu. Gerade mal zwei Schüsse fliegen pro Partie auf den Kasten von Peter Gulacsi. Das ist noch mal eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr als es drei Schüsse pro Spiel waren, die der Torhüter als Arbeitsauftrag bekam. Schon in der zweiten Liga hatte Leipzig damit den Bestwert inne. Was auch wiedermal zeigt, dass das kompakte Verteidigen mit allerlei Pressing- und vor allem Gegenpressingideen zuerst einmal eine gute Defensivstrategie ist, weil man sich dadurch den Gegner ein Stückweit vom Strafraum weghält.

Wobei diese Taktik dann im Fall der Fälle ihre Grenzen findet, wenn das Verteidigen mal nicht so passt. Denn dann bilden sich im und im eigenen Strafraum oft Lücken oder Gleich- oder sogar Unterzahlsituationen, in denen der Gegner viel Platz zum Torabschluss hat. Bedeutet, dass RB Leipzig nur wenige Chancen zulässt, diese aber dann meist Hochkaräter sind und häufig verwandelt werden. Entsprechend ist ein relativ hoher Anteil der Schüsse auf den eigenen Kasten dann auch im Kasten.

Das ist bei den Bayern und auch in Köln komplett anders. Beide Teams machen offenbar in der Strafraumverteidigung sehr viel richtig. Vor allem Köln lässt zwar sehr viele Torabschlüsse innerhalb des eigenen Sechszehners zu, weil man teilweise sehr tief verteidigt, allerdings ist der Anteil der Schüsse, die auch wirklich gefährlich sind, gering, weil man im eigenen Strafraum meist Überzahlsituationen hat und viel Druck auf den Ballführenden ausüben kann.

Entsprechend gehen nicht mal die Hälfte aller Torabschlüsse von innerhalb des Sechszehners überhaupt auf das Tor des 1.FC Köln. Und von diesen Bällen geht nur jeder Zehnte auch ins Tor. Zum Vergleich: Im Ligaschnitt gehen drei von zehn Bällen, die auf das Tor zielen, auch ins Tor. Wer nicht behaupten will, dass das Kölner Tor durch irgeneine Art Geheimkraft verbarrikadiert ist, wird dafür Gründe finden wollen. Ein guter Torwart wie auch in München, aber eben auch die Fähigkeit, Torabschlüsse nah am eigenen Kasten immer wieder gut zu behindern, wenn man sie denn nicht verhindern kann, dürften eine gute Erklärungsgrundlage bilden.

Wenn Wolfsburg und Ingolstadt auf das defensivstarke Köln treffen kann bei beiden Teams angesichts des Gegner nur die Null stehen (und tat es bei Wolfsburg gegen Köln auch), denn der VfL und der FCI sind in der eigenen Chancenverwertung die schlechtesten Teams der Liga. Beim VfL Wolfsburg hapert es vor allem an der entsprechenden Qualität oder wahlweise am Glück im Torabschluss.

Bei Ingolstadt drückt sich nebenher wohl auch ein wenig der neue Coach aus. Kauczinskis Karlsruhe war schon letzte Saison eines der schwächeren Abschlussteams der zweiten Liga, weil ein Stürmer fehlte, der die gute Mannschaftsorganisation veredelte und weil die gute Mannschaftsorganisation zwar unangenehm zu bespielen, aber offensiv zu wenig durchschlagskräftig war. Scheint sich in ähnlicher Form diese Saison zu wiederholen, wobei man bisher eigentlich noch gar keine so großen Probleme hatte, sich Torabschlüsse in guten Positionen in zumindest akzeptabler Zahl zu erspielen. Der zentrale Knipser, den Kauczinski in Karlsruhe 2014/2015 mit Hennings hatte, fehlt trotdzem.

Wenn man im positiven auf die Chancenverwertung schaut, dann fällt einem sofort Hertha BSC auf, deren zweiter Platz sich wohl hauptsächlich daraus erklärt, dass man es auf der einen Seite des Platzes sehr gut versteht, gute Situationen im Strafraum herausragend zu nutzen, während man auf der anderen Seite weniger Tore zulässt als es die reine Torschussstatistik nahelegen würde. Das Phänomen hatte man in der vergangenen Spielzeit vor allem in der Hinrunde auch schon. Damals wurde es noch als statistische Freakigkeit abgetan. Wenn etwas auf Dauer statistisch freakig ist, dann wird daraus eine Qualität. Wie auch immer man sich die erklären mag.

Interessant vielleicht neben den Bayern und Mainz, dass auch Darmstadt eine sehr gute Chancenverwertung hat. Nur zehnmal schoss man in sechs Spielen überhaupt auf des Gegners Tor. Viermal war der Ball drin. Eine abgerutschte Flanke, die im langen Eck landet und eine Volleyabnahme von Colak, die er vermutlich auch nicht noch mal so trifft, inklusive. Mit dieser Trefferausbeute rettet man sich auf immerhin fünf Punkte und damit auf mehr als vier andere Teams haben, obwohl man eigentlich zusammen mit dem HSV (und was das Zulassen von Chancen angeht auch mit Werder Bremen) den Torschussstatistiken nach das schlechteste Team der Liga ist.

Man kann das (aus Lilien-Sicht) positiv sehen und feststellen, dass man trotz leistungsmäßig durchwachsenem Saisonstart schon fünf Punkte hat. Oder man kann es negativ sehen und feststellen, dass auf dieser Basis ein Klassenverbleib schwer bis ausgeschlossen ist. Vermutlich sollte man zu ersterem tendieren und es mit einem spät zusammengestellten Kader plus neuem Trainer eher ermutigend finden, dass man in einer schlechten Phase zum Saisonauftakt schon Punkte eingesammelt hat.

Interessant auch das Phänomen Schalke 04.  Auf den ersten Blick ist ihr schlechter Saisonstart unverständlich, hat man doch pro Spiel zwei Schüsse auf den gegnerischen Kasten mehr abgegeben als man zulässt. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, denn spätestens bei den Torchancen wandelt sich das Bild komplett, sodass die Gegner hier im Schnitt zwei Chancen mehr haben. Das und die Tatsache, dass der Gegner mehr als die Hälfte der Schüsse auf das Tor auch im Tor unterbringt, verweisen darauf, dass Schalke schlecht organisiert ist und zudem individuelle Fehler macht und entsprechend der Gegner zum Toreschießen bzw. zum Torchanceverwandeln in allerbester Lage eingeladen wird.

Andersherum schießt man sogar relativ häufig auf das gegnerische Tor, aber hier gilt das umgedrehte Phänomen der Defensive. Dass man vornehmlich Torabschlüsse hat, die keine klaren Chancen sind und entsprechend der Anteil der eigenen Abschlüsse auf das Tor, die auch ins Tor gehen, sehr gering ist. So kommt es dann, dass ein Team, das eigentlich öfters den gegnerischen Torwart fordert, als dass der eigene eingreifen muss, dann eben doch nicht ganz zu Unrecht tief im Tabellenkeller steht.

Über alle Daten hinweg ist es erstaunlich, dass RB Leipzig schon wieder ganz oben mitspielt. In der zweiten Liga war das angesichts einer Menge Ballbesitz relativ gut nachvollziehbar, dass man automatisch auch viele Torabschlüsse hat. Wobei daraus auch resultierte, dass viele Torabschlüsse in ungefährlichen Zonen stattfanden. 59% aller Torschüsse wurde letzte Saison von innerhalb des Strafraums abgegeben. 33% der Torschüsse waren so genau, dass sie auch das Tor trafen.

In dieser Saison sind die Werte bisher auf 72% bzw. 43% hochgeschnellt. Lediglich Mönchengladbach schließt einen höheren Anteil seiner Torversuche von innerhalb des Strafraums ab. Sprich, RB Leipzig schafft es bisher sehr gut, Angriffe so auszuspielen, dass man in Tornähe zum Abschluss kommt. Was natürlich Genauigkeit und Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich erhöht. Macht es den Offensivspielern im Torabschluss wesentlich einfacher, auch zu treffen.

Die interessante Frage wird sein, wie schnell sich die Gegner darauf einstellen und ob es ihnen gelingt, gleichzeitig die Geschwindigkeit in die Tiefe und die Qualität von RB Leipzig beim Anlaufen der Viererkette des Gegners zu verteidigen. Sprich, die Frage ist auch, wie viel Aufsteigereffekt in der Statistik der tornahen Abschlüsse steckt oder ob sich dahinter tatsächlich schon ein verkapptes Spitzenteam der Bundesliga verbirgt. Darauf wird man in den kommenden Wochen sicherlich Antworten finden.

[Platz = Tabellenplatz nach dem 6. Spieltag; Torschüsse = Verhältnis aus abgegebenen und zugelassenen Schüssen, die auf das Tor gingen (z.B. Bayern hat 39 Schüsse auf das Tor abgegeben und 14 zugelassen = 25); innerhalb = Verhältnis aus abgegebenen und zugelassenen Schüssen von innerhalb des Strafraums; Chancen = Verhältnis aus eigenen und zugelassenen Chancen (Basis: kumulierte Kicker-Werte)]

 PlatzTorschüsseInnerhalbChancen
München1255639
Leipzig5233518
Dortmund3121615
Frankfurt81099
Leverkusen62118
Köln41-235
Mönchengladbach9-535
Wolfsburg133115
Hertha2-1-161
Freiburg1011-5-1
Hoffenheim7-7-13-2
Mainz11-5-18-2
Ingolstadt17-615-6
Augsburg12-7-13-7
Schalke16110-11
Bremen15-11-20-24
Darmstadt14-11-29-26
HSV18-24-19-26

[Torsch = eigene Schüsse auf das Tor; Torsch Geg = Schüsse des Gegners auf das Tor; Chvwer = Anteil der Schüsse auf das Tor, die zum Torerfolg führten; Chv Gegn = Anteil der Schüsse des Gegners auf das Tor, die zum Torerfolg führten]

 TorschTorsch GegChvwerChv Gegn
Dortmund412939,020,7
München391441,014,3
Leipzig361330,638,5
Wolfsburg343111,822,6
Leverkusen323031,323,3
Hoffenheim303736,724,3
Schalke301920,052,6
Mainz293441,432,4
Köln292834,510,7
Freiburg291824,150,0
Mönchengladbach283335,730,3
Frankfurt271729,635,3
Bremen263726,945,9
Ingolstadt253112,038,7
Hertha242545,828,0
Augsburg222922,727,6
Darmstadt104240,028,6
HSV93322,236,4

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Datenbasis: bundesliga.de, fourfourtwo.com, Kicker

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Viel Grund zum Jubeln bisher.. | GEPA Pictures - Sven Sonntag.
GEPA Pictures – Sven Sonntag.

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5 Gedanken zu „Überraschendes Spitzentrio“

  1. Das sind in der Tat zwei interessante Tabellen.
    Hatte gestern bei Twitter noch andere ähnliche dazu gelesen 🙂

    Köln und die Hertha mit einem wirklichen guten Plan! Und Darmstadt sehr effizient und das ohne Sandro W.

    Bei Leipzig macht es schon viel aus, wenn man eingespielt ist. Ohne die Verletzung von Klostermann spielt ja das 2.Liga-Team mit punktuellen Wechseln bzw Einsätzen von Keita, Werner und Burke. Und diese Werte kamen gegen Mannschafften mit guten Taktik-Trainern (Bruno L. mal ausgenommen) zu Stande.

    In der LSP ist ja genug Zeit für solche Zahlenspiele. Wäre es möglich, dass Du dies auch für die Laufwerte bzw Foulspiele / Karten (Hallo Herr Tuchel!) online bringen kannst??

    1. Laufdaten sind relativ unspannend und sagen eher was über die Spielidee aus als über irgendwas anderes. Sprich, Ballbesitzteams laufen per se etwas weniger als dies RB Leipzig bspw. tut. Fouls habe ich auch auf dem Zettel..

  2. Na da freue ich mich schon drauf!
    Ich weiß, wir hatten zu den 6 Spielen auch viele ehemalige 2.Liga-Schiris, aber vor allen bei den Spielen im Stadion (LE+Köln) dachte ich mir: „Das hätte der Schiri in der 2.Liga nicht oder gerade gepfiffen!“ Bestes Beispiel Poulsen.

    Bei den Laufdaten hast Du mit dem Argument schon Recht, aber bei Deinen Analysen schaue ich immer genau hin, wer wieviele km gelaufen ist oder auch die Sprintstatistik.

  3. Natürlich sind hierbei viele Erkenntnisse richtig, doch kommen sie aus meiner Sicht ein paar Monate zu früh! Es wird sich Einiges noch verändern. Das bisherige Abschneiden der „RaBa“- Fußballer ist nicht nur überraschend, sondern auch anzuerkennen! Es gilt aber leider immer wieder besonders auswärts festzustellen, dass die negativen Begleiterscheinungen kaum weniger werden.

    Die Laufdaten der einzelnen Spieler sollten wirklich von weniger Interesse sein, wie auch die wieder etwas schon vergessenen „Packing“- Geschichten, bei denen man mit weiten Abschlägen oder vielen Eckbällen bzw. Freistößen die halbe Miete einfahren würde, ohne aber in der Realität in irgend einer Art belohnt zu werden.

    Wer wirklich Interesse hat, die zurückgelegten km pro Spieler zu erfahren, der sollte sich auch darum bemühen, ob derjenige nur dem jeweiligen Gegenspieler hinterherhetzt, um evtl. wieder an den gerade verlorenen Ball zu kommen oder ober er mit großen Schritten und dem runden Gerät davonbrauste, um diesen Verdutzten abzuschütteln! Allein die Qualität eines Akteurs mit den gelaufenen Kilometern zu begründen, dürfte somit kein wahres Bild erhalten!

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