Worst-Case-Szenario

Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde hier im Blog diskutiert, inwieweit man angesichts einer überschaubar besetzten Defensive schon den Panikbutton drücken sollte. Sowohl hinter der Innenverteidigung als auch hinter der Außenverteidigung standen diverse Fragezeichen hinsichtlich Form, Klasse und Verletzungsanfälligkeit.

Getan hatte sich kadertechnisch danach gar nicht mehr viel. Atinc Nukan wurde noch durch Kyriakos Papadopoulos ersetzt, sodass die Innenverteidigung mit drei Spielern auf Augenhöhe besetzt ist. Dazu drei Außenverteidiger und das zu Null gegen den BVB und man war so ein bisschen beruhigt. Vorerst.

Bis sich dann Lukas Klostermann gestern das Knie verdrehte und am Nachmittag die niederschmetternde Diagnose eines Kreuzbandrisses ins Haus flatterte. Selbst positive Heilungsverläufe annehmend wird Klostermann damit große Teile der Saison verpassen und bestenfalls in der Endphase der Spielzeit noch mal zurückkehren. Und da weiß man noch nicht mal, in welcher Spielstärke Klostermann dann zurückkehren würde.

Das ist natürlich erstmal und vor allem für Lukas Klostermann selbst extrem bitter. Seit seinem Wechsel nach Leipzig vor zwei Jahren hat er sich zum absoluten Stammspieler auf der defensiven Außenbahn entwickelt. Bei Olympia beeindruckte er als jüngster der eingesetzten Stammspieler mit starken Leistungen, sodass es für viele nur eine Frage der Zeit schien, bis er an die Tür der (auf der Außenverteidigerposition nicht gerade stark besetzten) Nationalmannschaft klopft.

Manchmal schien es, als müsse man sich und ihn mal ein bisschen kneifen, angesichts der Entwicklung, die er in der jüngeren Vergangenheit gemacht hat. Im Zweikampf sicherlich noch mit ein paar Schwächen löst er viele Dinge über seine Geschwindigkeit, spielt die Position mit viel Ruhe und für einen 20jährigen erstaunlicher Gelassenheit. Wenn man in diesem Alter bei RB Leipzig seit eineinhalb Jahren unumstrittener Stammspieler ist, dann kann man nicht allzu viel falsch gemacht haben.

Nun also ein Kreuzbandriss, der erste richtige Tiefschlag in einer steil nach oben strebenden Karriere. Bleibt für ihn zu hoffen, dass er dieses Negativerlebnis verwinden und irgendwann wieder dort anknüpfen kann, wo er jetzt vorerst aufhören muss. Vor allem ist bei solchen Verletzungen ja auch immer die Frage, was davon psychisch und physisch für Nachwirkungen bleiben und wie verlässlich die Beine als Arbeitsgeräte des Fußballers auch in der Zukunft funktionieren.

Für die Defensivabteilung bei RB Leipzig ist die Verletzung und die lange Ausfallzeit auch ein ordentlicher Schlag und so etwas wie das Worst-Case-Szenario . Mit sechs Kernspielern für vier Positionen war man schon vorher nicht so richtig dicht besetzt. Nun steht man bei fünf Spielern, davon zwei Außenverteidigern.

  • Marcel Halstenberg, Benno Schmitz

Im Kern sind es für die defensiven Außenpositionen Marcel Halstenberg und Benno Schmitz. Ersterer spielt vornehmlich links und hatte in der letzten Saison die eine oder andere Verletzungsgeschichte. Man kann hoffen, dass er verletzungsfrei durch die aktuelle Saison kommt, man muss aber auch damit rechnen, dass da zwischendurch immer mal ein Spiel fehlen wird.

Rechts hinten und links hinten verteidigen kann Benno Schmitz. Wobei er nach Klostermanns Ausfall natürlich erstmal rechts eingeplant sein dürfte. In Hoffenheim machte er dort seine Sache ganz gut. Sowohl in Dresden, als auch in Hoffenheim unterliefen ihm allerdings entscheidende Fehler auf der Position. Schmitz ist sicherlich keine fertige Außenverteidigerlösung, aber eine mit solidem Auftreten und Entwicklungspotenzial.

Mit Halstenberg und Schmitz ist man qualitativ nicht überragend und quantitativ gar nicht gut besetzt. Jedenfalls nicht gut genug, um nicht den Verein nach den weiteren Optionen auf der Position abzugrasen.

Prinzipiell kann natürlich jederzeit auch einer der Innenverteidiger außen spielen. Marvin Compper hat dort bei RB Leipzig in der Vergangenheit auch schon Erfahrungen gesammelt. Angesichts von im Kern nur drei Innenverteidigern, wovon mit Compper und Papadopoulos zwei in der Vergangenheit auch gern mal verletzungsanfällig waren, wäre es vermutlich aber auch nicht das Optimum, die eine Baustelle auf Kosten einer neuen zu schließen.

Bleiben Optionen aus dem Nachwuchsbereich. Als erster Nachrücker ist natürlich Ken Gipson die eigentlich logische Wahl. Nach seiner Degradierung zur U23 vor der Sommerpause wurde er im Zuge der Vorbereitung und der dünnen Kaderdecke ja sowieso schon wieder in das Profitraining integriert. Gipson ist ein Spieler, der sein Herz gern in beide Hände nimmt, wenn er denn spielen darf. Einer, der sich was traut und einer, der im Spiel schon mal sehr emotional und auch mit ordentlicher Härte aufzutreten weiß. Dem 20jährigen fehlt allerdings noch ein wenig die Ruhe, das zur Position passende Positionsspiel und das defensive Zweikampfverhalten. Bundesliga wäre ein ordentlich kaltes Wasser, auf das sich Gipson aber sicher freuen würde.

Links hinten verteidigt in der U23 Dominik Franke. Einer, der in zwei, drei Jahren ganz sicherer Kandidat für einen Platz im Profiteam wäre. Dem frisch gebackenen U19-Nationalspieler stehen für die Zukunft sämtliche Türen offen auf einer Position, auf der es in Deutschland nicht die ganz große Konkurrenz, sondern einen großen Markt gibt. Hier und heute dürften dem demnächst 18jährigen noch ein, zwei Entwicklungsschritte fehlen, um eine gute Option für die Bundesliga zu sein. Wäre das Bundesliga-Wasser für Gipson kalt, wäre es für Franke fast schon das Springen in einen Eisblock. Sehr unwahrscheinlich, dass das in naher Zukunft eine vernünftige Option ist. Eher die Notnotoption.

Ähnlich sieht die Sache bei U19-Spieler Paul Grauschopf aus, der den Vorteil hat, schon mit den Profis im Trainingslager gewesen zu sein, wo er links hinten zum Einsatz kam. Allerdings auch mit den natürlichen Entwicklungsnachteilen, die ein 18jähriger im Normalfall eben mitbringt.

Vielleicht noch interessant aus dem Nachwuchsbereich Patrick Strauß, der auch vor der Saison dauerhaft von den Profis zur U23 geschickte wurde. Mit seinen 20 Jahren hat er zwar noch kein Pflichtspiel bei RB Leipzig gemacht, aber in der Vergangenheit in Testspielen schon auf so ziemlich allen Positionen gespielt, die es jenseits des Stürmers und des Torwarts gibt. Mit einer ordentlichen Mischung aus Dynamik und Passspiel könnte er auch rechts hinten verteidigen. Die Erfahrungen, die er seit Anfang des Jahres konstant in der Regionalliga gesammelt hat, könnten ihm zumindest in Sachen Umgang mit Robustheit weitergeholfen haben. In der U23 geht er schon als so etwas wie ein Führungsspieler durch. Eine Transformation zum Bundesliga-Rechtsverteidiger, also auf eine Position, die er auch schon eine Weile nicht mehr gespielt hat, wäre allerdings auch ein ordentlicher und gewagter Sprung.

Blieben noch die internen Lösungen. Bernardo wurde ja im Zugang seiner Verpflichtung als Neuzugang vorgestellt, der auch links hinten spielen kann. Ob er das selbst auch weiß, ist noch offen. In der Selbstbeschreibung kamen bei ihm vor allem die Positionen auf der Sechs und in der Innenverteidigung vor. Ihn zu einem Linksverteidiger zu machen und so die Position allgemein zu stärken, könnte vor allem dahingehend Sinn machen, dass der Brasilianer bisher noch auf keiner Position bei RB Leipzig festgespielt war und entsprechend ein dauerhaftes Einsetzen von ihm außen auch keine Lücke woanders reißen würde.

Speziell für rechts hinten könnte man Diego Demme als Option sehen. Unter Beierlorzer wurde er dort in der zweiten Liga mal eingesetzt. Ist sicherlich nicht Demmes Optimalposition, weil er als dauerlaufender Lückenschließer und Verbinder von Defensive und Offensive im Mittelfeld definitiv mehr Qualität mitbringt. Allerdings kann die Position in der Mittelfeldzentrale auch von Kaiser oder Keita besetzt werden, sodass Demme für die Rechtsverteidigerposition frei wäre.

Bliebe als Letzter, der einem im Kader von RB Leipzig noch realistisch über den Weg laufen würde, Gino Fechner. Der U19-Nationalspieler ist gerade 19 Jahre alt geworden und bringt schon einiges an Ruhe auch in Drucksituationen mit, was ihm einen Vorteil gegenüber anderen Nachwuchsakteuren verschafft. Rechtsverteidiger ist jetzt allerdings auch nicht die allerperfekteste Position für einen Fechner, der eher über Ruhe im Passspiel und Übersicht und nicht unbedingt über Dynamik die Linie entlang kommt.

Eine weitere Option, die auch Ralph Hasenhüttl schon kennt, bliebe noch. Nämlich sich einen vertragslosen Spieler neu ins Team zu holen. Im November 2014 hatte sich Hasenhüttl mit Tobias Levels einen erfahrenen Spieler geholt, der drei Wochen später gleich seine Feurtaufe beim Auswärtsspiel in Leipzig bestehen musste (und auch bestand) und seitdem fester Bestandteil des FC Ingolstadt ist. Gut möglich angesichts der guten Erfahrungen, dass Hasenhüttl zur Lösung des Themas bis zum Saisonende die Verpflichtung eines erfahrenen, vertragslosen Profis vorschwebt. Das wäre sicherlich von allen Lösungen auch jene, die am wenigsten Unruhe in den Kader bringen (weil dann keine Verschiebungen von Spielern nötig wären) und eine gewisses Maß an Solidität versprechen würde.

Denn alle internen Lösungen sind doch in gewisser Hinsicht mit allerlei Problemen behaftet. Einerseits sind da Nachwuchsspieler, für die der Sprung in die Bundeslig aktuell noch ganz schön groß ist. Oder es geht um Spieler, die eigentlich auf anderen Positionen zu Hause sind und entsprechend dort dann Lücken hinterlassen, wenn man sie plötzlich zum Außenverteidiger macht. Bzw. die natürlich bei einer plötzlichen Umschulung zum Außenverteidiger auch sportliche Probleme haben dürften.

Lösungen für die rechte, defensive Außenbahn:

  • Schmitz, Gipson, Demme, Fechner, Strauß

Lösungen für die linke, defensive Außenbahn:

  • Halstenberg, Schmitz, Bernardo, Franke, Grauschopf, (Compper)

Ja nun, wenn man sich vor der Saison die Besetzung der Außenverteidigerposition hätte malen können, wäre die aktuelle Situation mit positionsfremden Spielern und ein paar Nachwuchstalenten sicherlich nicht unbedingt herausgekommen. Nun ist die Situation allerdings wie sie ist. Und man hat bei allen Problemen und Qualitätsverlusten, die ein Klostermann-Ausfall mit sich bringt, mit Demme hinter Schmitz eine solide-vertrauenswürde, aber positionsfremde Option und mit Gipson eine etwas wacklig-unerfahrene, dafür aber positionsbezogene Option.

In dieser Konstellation dürfte halt verletzungstechnisch fast gar nichts mehr passieren. Was eventuell intern das entscheidende Argument sein könnte, dann doch noch auf Nummer sicher zu gehen und auf dem Markt der vereinslosen Spieler zuzuschlagen. Sind halt allerdings auch Spieler, die (mal abgesehen von der Qualität) nicht voll im Trainingsstoff stehen und entsprechend auch erst mal bräuchten, um bereit zu sein. Als Option, um sich gegen mögliche weitere Verletzungen im Saisonverlauf zu wappnen, wäre das allerdings die sicherste Variante.
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Gerade noch Bundesliga gegen André Schürrle, schon eine bittere Verletzung: Lukas Klostermann. Foto: GEPA Pictures - Sven Sonntag.
Foto: GEPA Pictures – Sven Sonntag.

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4 Gedanken zu „Worst-Case-Szenario“

  1. Schöne Auflistung, zeigt sie doch, dass das ehemalige Prunkstück der Mannschaft zur Dauer-Baustelle geworden ist.

    Es gibt allerdings noch eine weitere Option, die mir da spontan einfällt: Die Dreier-Kette. Mit Compper, Orban und Halstenberg mit diversen Backup-Personen und einer dreifachen Sechs mit Demme, Ilsanker und Keita nebst diversen Backups.

    Aber ich bin halt nicht so der Experte.

  2. So unschön das für Lukas Klostermann und die Mannschaft ist, so bin ich mir doch sicher, dass die Verantwortlichen eine gute Lösung finden werden. Wobei für mich Tobias Levels jetzt überhaupt keine Option wäre, aber das ist Ansichtssache.
    Und am liebsten würde ich Lukas Klostermann sagen, dass sich Phlipp Lahm zu Anfang seiner Karriere auch einen Kreuzbandriss zugezogen hat. Er hat daraus gelernt, und es hat ihn nicht daran gehindert, über mehrere Jahre auf Weltklasse-Niveau zu spielen.

  3. @Henning Uhle: Kann mich nicht erinnern, dass Hasenhüttl schon mal mit der Dreierkette gearbeitet hat. Von daher villeicht nicht ganz naheliegend. Zumal Halstenberg als linker Innenverteidiger vielleicht auch nicht optimal ist. Aber ich bin Gottseidank auch kein Trainer. 😉

    @FABull: Ging mir gar nicht konkret um Levels, der ja in Ingolstadt Vertrag hat, sondern um das Beispiel, dass Hasenhüttl schon mal gute Erfahrungen mit so jemanden gemacht hat. In Frankfurt wird bspw. gerade gerüchtelt, dass sie auch einen vertraglosen Außenverteidiger holen wollen. Da fällt u.a. der Name des ehemaligen Leverkuseners Sebastian Boenisch. Das würde ich jetzt als Option bis zum Saisonende auch bei RB nicht für völlig abwegig halten.

  4. an 3er-Kette habe ich auch schon gedacht, aber dafür ist mMn keine Zeit mehr, um zu experimentieren. Es wird für die englische Woche auf Schmitz hinauslaufen, der seine Sache (außer dem 1-Fehler-pro-Spiel) gut machte. Mal schauen, wie uns RH überraschen wird.

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