Große und kleine Entwicklungsschritte

Ist RB Leipzig schon automatisch für die Champions League gesetzt oder muss man die letzten 32 Spiele noch spielen? Man weiß es nach der Welle von Lob für die Leistung im Spiel gegen Dortmund und den vielerorts gestellten Fragen, ob der Klub mit den großen Ambitionen jetzt schon die Großen angreifen kann (Wer Dortmund schlagen kann, kann doch bestimmt jeden schlagen!!), noch nicht so recht, wohin das Pendel der öffentlichen Wahrnehmung in den nächsten Wochen und Monaten ausschlagen wird.

Mit Geld schießt Tore (in der kulturpessimistischen ‚alles geht den Bach runter‘ oder in der hoffnungsvollen ‚endlich wird der Wettbewerb gerettet‘-Variante) oder Geld schießt eben doch keine Tore (in der hämischen Variante) gibt es ja zwei komplementäre Argumentationsstränge, die man wahlweise am Ende gut anbringen kann.

Sehen wir mal von den Übertreibungen ab, die seit jeher (bzw. seit langem) gewohnter Teil des Berichterstattungsspiels sind und brechen die samstäglichen Ereignisse des Spiels von RB Leipzig gegen Borussia Dortmund runter auf ihren rein sportlichen Wert jenseits der Emotionalität von Spielverlauf und jenseits der Eigendynamik des besonderen Abends, dann bleiben zwei Dinge.

Zum einen kann man festhalten, dass RB Leipzig spieltaktisch und individuell in der Bundesliga mithalten kann. Man hat einen Verbund, der (aktuell meist im 4-2-2-2) gut organisiert und eingespielt ist. Und man hat bis ungefähr zur Nummer 18 einen sehr gut besetzten Kader, in dem man jederzeit Qualität gegen Qualität tauschen kann.

Zum zweiten bleibt aber auch festzuhalten, dass der Sieg gegen Dortmund ein klassischer Underdog-Sieg war. Es hat sich nicht das dominantere Team durchgesetzt, sondern wie in einem Pokalspiel das Team, das kompakter verteidigt, mehr investiert und mehr Glück gehabt hat. Aus diesem Sieg nicht herauslesen kann man dagegen, dass RB Leipzig bereits auf Augenhöhe mit Borussia Dortmund spielt. Dafür hat man dann doch gesehen, dass das fußballerische Potenzial beim BVB (natürlich) deutlich höher ist. Nur dass sie das Pech hatten am zweiten Spieltag beim ersten Heimspiel des Aufsteigers anzutreten, der mit viel Umfeldeuphorie im Rücken in der Lage war, den Gast im Spiel gegen den Ball zu zermürben und ihn sich auf Augenhöhe zurechtzulegen.

Interessant wird sein, was daraus für die Saison folgt. Das Auftaktprogramm war für RB Leipzig zumindest dahingehend dankbar, dass man am Anfang mit Hoffenheim und Dortmund zwei Teams bespielen durfte, die sich über Ballbesitz definieren und vom Passspiel auch dann nicht absehen, wenn sie auf einen Gegner treffen, der nur darauf wartet, dass das Gegenüber beginnt, sich die Bälle hin- und herzuschieben.

Ralph Hasenhüttl erklärte nach dem ersten Bundesligasieg, dass er denke, dass der geringe Ballbesitz von RB Leipzig im Spiel gegen Dortmund von unter 40% „charakteristisch“ für die Saison werden könnte. Die Frage wird sein, ob er damit Recht hat oder ob sich die Gegner nicht irgendwann auf diese Taktik einstellen und anfangen, gegen RB eher Zweitligafußball zu spielen. Also wenig Pässe im Spielaufbau, sondern die Kugel möglichst direkt aus gefährlichen Pressingzonen herausschlagen. Tief verteidigen, um die Geschwindigkeit der offensiven RasenBallsportler aus dem Spiel zu nehmen. Und RB in Ballbesitz bringen.

Das wird natürlich nicht das Spiel von Teams wie den Bayern sein, die aber auch genug Qualität mitbringen, um sich gegen das Pressing von RB Leipzig auch ohne ganz große Anpassungen durchzusetzen. Andere Teams, denen der lange Ball oder ein eher reaktives, tiefes 4-4-2 nicht fremd sind, werden dagegen von den RasenBallsportlern andere Lösungen abverlangen als den Gegner müde zu laufen und dann zuzuschlagen.

Nur die Bayern hatten in den ersten beiden Spielen mehr Ballbesitz als die bisherigen RB-Gegner Dortmund und Hoffenheim. Nur Darmstadt und Mainz hatten weniger Ballbesitz als RB. Mit dem HSV trifft Leipzig schon am kommenden Spieltag auf ein Team, das bisher auch nur sehr wenig Ballbesitz hat. 44,9% vs. 41,3% heißt es bisher in Sachen Ballbesitz, wenn man HSV und RBL vergleicht. Gut möglich, dass RB am Samstag in eine Situation gerät, in der man erstmals mit Ballbesitzwerten um die 50% andere Dinge machen muss, als als Underdog auf die Möglichkeit zum Zuschlagen zu warten.

Thomas Tuchel hatte nach dem Spiel in Leipzig sinngemäß erklärt, dass die kleinen Schritte nach einem großen Schritt wie dem Sieg gegen den BVB oft schwerer zu machen sind. Tatsächlich warten in dieser Saison in der Bundesliga gegen die Breite der Teams noch einige Möglichkeiten, kleine Schritte zu machen, wenn es darum geht, die eigene Spielanlage in sinnvollen Einklang zu bringen mit den Erfordernissen der jeweiligen Gegnerqualitäten.

Sprich, man wird nicht immer (und dank Sieg gegen BVB wohl sogar eher selten) als Underdog in eine Partie gehen und dann dem Gegner beim Passspiel zuschauen bzw. dies in die gewünschten Bahnen und Zonen lenken können. Das mag für Hasenhüttl in Ingolstadt auch noch ein bisschen anders gewesen sein, weil der FCI bis zum Schluss zwar unangenehm, aber auch Außenseiter blieb, den viele dachten bespielen und dominieren zu können. Bei RB Leipzig ist der Weg dahin, dass die Gegner selbst die spieltaktische Underdog-Rolle annehmen, erfahrungsgemäß etwas kürzer.

Journalist Christoph Fetzer meinte bei Twitter zur Leipziger Spielweise gegen Dortmund, dass es „emotional anstrengend bis auslaugend wird, sollte das RB Leipzig bei jedem Heimspiel so angehen wollen.“ Ich nehme mal als gesetzt, dass sich die Aussage auf die Spieler und nicht auf die (mitfiebernden) Zuschauer bezieht. Vielleicht steckt in dieser Vermutung ein Fünkchen Wahrheit, denn die Intensität und Fokussierung aus dem Sieg gegen den BVB, die an ein Pokalspiel gegen einen höherklassigen Verein erinnerten, ist nicht unbedingt jede Woche zu erwarten. Auch wenn der lockere Spielplan mit ganz sicher nur noch 32 Pflichtspielen bis zum Saisonende (oder zur Relegation) diesbezüglich immer wieder auch (geistige) Verschnaufpausen ermöglichen sollte.

Wenn man mal die Laufleistung als ein Indiz nimmt für so etwas wie Intensität eines Spiels und damit auch für physische und psychische Anstrengungen, dann fällt auf, dass RB Leipzig in dieser Saison bisher noch gar nicht so viel läuft wie in der vergangenen Spielzeit. Mehr als 300 Meter weniger Laufstrecke hat jeder RB-Spieler bisher pro 90 Minuten auf dem Konto. Reicht trotzdem, um in der Bundesliga zusammen mit Freiburg den Ton anzugeben.

Interessant in Bezug auf die Laufleistungen vor allem die Veränderungen im Sprintbereich. 4,2 km Sprintstrecke pro 90 Minuten sammelte RB Leipzig bisher als Team. Das ist nicht nur Bestwert in der Bundesliga, sondern auch der läuferische Wert, in dem RB Leipzig (wohlgemerkt nach nur zwei Spieltagen, von daher ist dies nur ein allererster Hinweis) im Vergleich zur Vorsaion besser geworden ist. Damals war man in der zweiten Liga ein Team mit eher durchschnittlichen Sprintwerten. Jetzt ist man in der ersten Liga das Team mit den besten Sprintwerten.

Gut vorstellbar, dass diese Intensität, die sich gerade in den Hochgeschwindigkeitsläufen demonstriert, nicht über einen längeren Zeitraum konstant durchzuhalten ist. Zumal die ersten beiden Partien in ihren Konstellationen von erster Spieltag und erstes Heimspiel recht speziell und intensitätsfördernd waren.

Gut vorstellbar aber auch, dass die Laufwerte eher stilbildend für das RB-Spiel werden. Also nicht mehr ganz so viel Laufstrecke, weil man als Verbund kompakter und ruhiger steht und die Offensivreihe den Gegner etwas tiefer anläuft als noch letzte Saison. Dafür aber mehr Sprints, weil man noch schärfer als Verbund in die Pressingsituationen sprintet, wenn der Ball in gewünschten Zonen ist, um den Druck auf den Gegner zu erhöhen.

BVB-Kapitän Marcel Schmelzer hatte nach der Niederlage in Leipzig erklärt, dass die RasenBallsportler „wie die Hasen gerannt sind“. Das erstaunte zunächst angesichts dessen, dass letzte Saison elf Zweitligisten über 34 Spieltage im Schnitt mehr gelaufen sind als RB Leipzig im Schnitt in den ersten beiden Bundesliga-Spielen. Diese Form von Druck durch Physis, die in der zweiten Liga zum Alltag gehört, ist in der Bundesliga offenbar immer noch ein wenig ungewohnt. Auf der anderen Seite könnte Schmelzer auf den Bereich der Laufleistungen im schnelleren Bereich angespielt haben, mit denen RBL zu den besseren Teams des Spieltags gehörte (der BVB allerdings auch).

Am Ende bleibt die alte Frage, ob die physische Spielweise des Sprintens und Pressens bei wenig Ballbesitz tatsächlich überhaupt eine Spielweise ist, die Jahre nach den Klopp-Meisterschaften mit dem BVB immer noch höheren Ansprüchen genügt. Mal abgesehen davon, inwieweit die Gegner das überaupt zulassen, wenn sie sich selbst in der Underdog-Rolle sehen. Dass man drumherum kommt, sich Lösungsmöglichkeiten für Spiele auszudenken, in denen man zu längeren Ballbesitz-Phasen gezwungen ist, ist eher unwahrscheinlich. Gut funktionierende Phasen beim Spiel in Hoffenheim zählen dabei nicht als sonderlich aussagekräftig. Zu wenig Druck auf Ball und Gegner war im Spiel der TSG, um es als stilbildend für die Saison zu empfinden.

Der Stil, der durch die ersten beiden RB-Spieltage geprägt wurde, liegt relativ klar auf der Hand. Wenig Ballbesitz, weil viel Fokus auf das Spiel gegen den Ball. Schnelles Bewegen des Balles in das vordere Drittel unter Inkaufnahme von Ballverlusten (aktuell hat RB sogar eine schlechtere Passquote als Darmstadt, die es diese Saison offenbar ein wenig fußballerischer versuchen wollen). Relativ geringe Zweikampfquote, weil beim Agieren im Pressingverbund beim Anlaufen auch einfach oft Zweikämpfe verloren gehen. Was nicht so schlimm ist, weil dann eben der zweite oder dritte Spieler in der Pressingabsicherung den Zweikampf gewinnen soll.

Die Umsetzung der Spielidee ist unter Ralph Hasenhüttl, das kommt nicht sonderlich überraschend, trotz relativ geringer Anpassungen in der Grundanlage, wieder intensiver geworden als noch in der Vorsaison. Es wird spannend zu beobachten sein, ob man auf dieser Art die nächsten kleinen Entwicklungsschritte in der Bundesliga gehen kann oder ob man in den nächsten Monaten mit der Art des Fußballs an Grenzen kommt.

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Dirigiert das Spiel gegen den Ball: Ralph Hasenhüttl. Foto: GEPA Pictures - Sven Sonntag
Foto: GEPA Pictures – Sven Sonntag

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5 Gedanken zu „Große und kleine Entwicklungsschritte“

  1. Ja, das wird interessant, wobei Hoffenheim und der BVB wirklich nur bedingt der Ligamaßstab sind (was bei RBL dann auch zu weiteren Verschiebungen Richtung Extremwerte führt, weil Hoffenheim und der BVB auch selbst diese Mttel einsätzen bzw. RBL laufen lassen).
    Grundsätzlich hat RBL Spieler, die auch aus dem Ballbesitz heraus kontrolliert das Spiel gestalten können und gegen Teams wie Augsburg und Darmstadt wird dies wohl auch eher vonnöten sein und Hamburg wird in dieser Richtung ein echter Gradmesser sein. Mit Bayer hatten sie ein Team mit ähnlichem Stil vor der Nase und unterlagen am Ende zurecht und auch gegen den FCI konnten sie schon keine Überlegenheit erspielen. Wenn Hasenhüttl also Mittel findet, um auch so ein Team zu schlagen oder es dennoch schafft seinen Stil durchzubringen, dann lässt dies jedenfalls bessere Rückschlüsse zu als die Begegnungen gegen BVB und TSG.
    Insgesamt, das ist richtig, alles so in etwa erwartbar. Was die Intensität anbelangt, so zweifle ich im DM eher nicht, die Physis für eine Saison ist bei den Akteuern da, bleiben die AV, da ist man wahrlich nicht breit aufgestellt und vorne kann man schon relativ stark rotieren, da haben die Zukäufe schon für neue Möglichkeiten gesorgt, so dass man Laufwunder wie Werner gerade in Spielen gegen Mannschaften die den Ballbesitz verweigern auch für kreativere Köpfe wie Forsberg draußen lassen kann, die in der Lage sind Situationen anders und aus dem Ballbesitz heraus zu lösen.

  2. Tolle und, wie immer, sehr durchdachte Einschätzung und Prognose. Bin aber nach den 2 ersten Spielen irgendwie begeistert vom Coach. Von seinen Ideen und Umsetzungen. Und bin daher sehr zuversichtlich, dass er weiterhin beste Lösungen findet. Die individuelle Qualität und Konstanz der Spieler scheint mir da eher im Saisonverlauf das Problem sein oder werden zu können.

  3. Warum war es nach dem Spiel hier so lange so still? Auch ich musste alles erst einmal verarbeiten, es war wie im Traum. Die Euphorie ist immer noch grenzenlos, es wird der wichtigste Sieg in dieser Saison bleiben, egal was passiert.
    Der geldverbrennende BörsenVerein Borussia (=BVB) aus dem Signal-Iduna-Park mit “Rasenschach-Watzke” hat am Ende verdient verloren. Das geniale Publikum hat den Siegtreffer ja fast herbei geschrien, ich kann es mir gar nicht oft genug angucken, diese letzten 10 Minuten. Bei sky ist auch ein erster Proll gut zu hören, der den BVB “in die Tonne kloppen will”, der Beifall für ihn hält sich scheinbar noch in Grenzen, hoffentlich bleibt das noch lange so, ich glaube es ja eher nicht…
    RH im “DoPa” bei Sport1 auch euphorisch, er sollte aber auf dem Teppich bleiben, die Einwechsler werden nicht immer so glücklich sein. Verlieren wir jetzt zweimal am Stück – Hohn und Spott sind uns genau so sicher wie das Lob der ganzen jetzt heuchelnden Presse, insbesondere aus dem Westen der Republik, Namen muss ich jetzt wohl nicht nennen.
    Für Metzelder stellt RB für die anderen Bundesligisten bei der Atmosphäre (er meinte aber die Stimmung und Euphorie sowie das “Gesamtpaket” in der RBA) gar eine Bedrohung dar, so gut bei sky90 zu hören. Er meint es aber gar nicht so böse wie es klingt, ist eher ein Lob hinter vorgehaltener Hand und ruft nicht so viele Hater auf den Plan!
    Übrigens, nur durch die Niederlage in Dynamo-Stadt haben wir am Samstag das historische Spektakel erlebt, die Panik-Transfers scheinen die von mir herbeigesehnten “Kracher” zu sein. Als Aufsteiger im Transfer-Minus und das in der Marktwirtschaft – ein wirklich unglaublicher Vorgang spielt sich da ab – im “finsteren Osten”.
    Seit Samstag 20.20 Uhr ist mir Calmund sein Geldkoffer egal, mit dem u.a. er begonnen hatte, meine Traditionsvereine platt zu machen, geheult und beschimpft habe ich damals aber niemanden, der Ostfußball war dann eben mal mehr oder weniger fast tot – bis Red Bull zum 2. Mal vorbeikam, was für ein Glück!
    Der Gegenentwurf war dann der Sonntag, Lok war mal bis zum “menschlichen Hakenkreuz” mein ganzer Stolz, ich nachfolgend vereinslos, was die richtige Entscheidung war, um das auch mal wieder klarzustellen.
    Man sieht sich am Samstag in der einzigen deutschen Weltstadt neben Berlin, habe aber Block 12C mit noch 4 Leuten gebucht, wir haben keine Lust auf “menschlichen Kuhherdentrieb”. Die Kids werden es mit einem RB-Trikot versuchen, kann man ja zur Not ausziehen, die Hanseaten sind da aber eigentlich ganz entspannt, auf dem Ticket steht nichts, vor der Nordtribüne wird höflich mittels Auszug aus der Stadionordnung beim Bestellvorgang gewarnt…

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