Kein Aufmerksamkeitsdefizit

Eine der Fragen, die mit dem Neuling RB Leipzig oft verbunden werden, ist die nach der Attraktivität für die Bundesliga. Bzw. der möglicherweise fehlenden, wenn Beobachter der Liga sie in eine Reihe mit Hoffenheim, Ingolstadt oder Wolfsburg stellen und Witze über mögliche Negativquoten bei Sky reißen.

Der erste Spieltag der Bundesliga hielt dann durchaus eine kleine Überraschung bereit, als bekannt wurde, dass ausgerechnet die Partie zwischen Hoffenheim und Leipzig bei Sky die besten Einschaltquoten eines Einzelspiels hatte (mal beiseite gelassen, wie fehleranfällig Quotenmessung und Quotenranking gerade in diesem Zahlenbereich sind). 460.000 Zuschauer und damit mehr als bspw. das Aufeinandertreffen von Mönchengladbach und Leverkusen, also zwei Champions-League-Aspiranten, soll das Spiel live gehabt haben.

Im Hinterkopf sollte man dabei allerdings behalten, dass der Vergleich der Quoten von Einzelspielen dadurch erschwert wird, dass Spiele miteinander verglichen werden, die einerseits wie Hoffenheim gegen Leipzig keine Konkurrenz haben oder andererseits wie Dortmund gegen Mainz parallel zu anderen Spielen laufen. Zur Anstoßzeit 15.30 Uhr am Samstag saßen am ersten Spieltag reichlich 1.000.000 Menschen vor den Sky-Empfängern, entschieden sich aber zu über der Hälfte für die Konferenz und den Rest teilten sich dann erst die fünf Einzelspiele.

Aussagekräftiger vielleicht schon die Zugriffe auf die Spielschnipsel, die BILD nach den Partien bei Youtube online stellen darf. Denn auch dort verzeichnet das Spiel zwischen Hoffenheim und Leipzig Stand heute die meisten Zugriffe von allen neun Bundesliga-Partien des ersten Spieltags. Rund 90.000 Zugriffe sind bisher verbucht.

Die Zahlen und vor allem ihr Vergleich mit den anderen Spielen dürften etwas überraschend sein. Aber sie erklären sich natürlich auch dadurch, dass RB Leipzig dann eben doch kein ganz normaler Aufsteiger, sondern mit einem enormen medialen Grundrauschen in die Bundesliga eingezogen ist. So ein Grundrauschen und auch die Polarisierung, die mit dem Verein verbunden ist, führt fast schon logisch zu erhöhter Aufmerksamkeit.

Inwieweit das nachhaltig ist oder nicht einfach nur ein Phänomen der Anfangszeit bleibt, wird man sehen. Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht, dass in Hoffenheim selbst nur reichlich 24.000 von 30.000 Plätzen belegt waren und es einige sehr luftig besetzte Ecken im Stadion gab. Dass RB Leipzig am ersten Spieltag also vor Ort zum Straßenfeger wurde, lässt sich nun wirklich nicht behaupten.

Und auch bei den Heimspielen von RB (geschweige denn bei den Auswärtsblöcken) ist es nun lange noch nicht so, dass Spiele schon Wochen im voraus ausverkauft wären. Sieht man mal vom Dortmund-Spiel ab, das als erstes RB-Heimspiel und mit den vielen BVB-Fans im Osten verkaufstechnisch quasi ein Selbstläufer ist. Denn für das zweite Heimspiel gegen Mönchengladbach gibt es auch lange nach Beginn des freien Verkaufs noch Tickets. Nicht viele und ja es ist ein Spiel unter der Woche, aber es gibt sie noch.

Die Frage danach, inwieweit RB Leipzig zur Attraktivität der Liga beiträgt, weil man Aufmerksamkeit generieren kann, ist also noch schwierig zu beantworten. Auch wenn die Aufmerksamkeit zu Saisonbeginn vergleichsweise hoch ist. Die Frage ist ja auch für die Fraktion Team Marktwert, die Fernsehgelder zu Teilen danach verteilen will, ob Vereine überdurchschnittliches Interesse hervorrufen, interessant.

Ein Verein RB Leipzig, dessen Auftritte viel geklickt und gesehen werden, bedeutet natürlich auch, dass er von einer Verteilung über Marktwert-Effekte profitieren würde. Zumindest solange Marktwert quasi über Aufmerksamkeit definiert wird und solange RB Leipzig als Hype, an dem man sich reibt und abarbeitet, funktioniert.

Bei der TSG Hoffenheim funktionierte die Geschichte bundesweit nach dem Aufstieg ja auch ganz gut. Als Bedrohung für die Liga diskutiert und polarisierend, pflügten sie in der Hinrunde sportlich so beeindruckend durch die Liga, dass sie im Winter plötzlich in der der Öffentlichkeit jenseits von Fanszenen-Kernkreisen absolut positiv und bereichernd empfunden und zu einem der angesagtesten Teams der Liga wurden (wobei jetzt nicht anzunehmen ist, dass RB Leipzig bundesweit binnen eines halben Jahrs zum Liebling der Masse der Fußballgucker wird).

Doch in Hoffenheim war dieser Hype halt nicht nachhaltig. Das Abarbeiten an der TSG und Hopp wurde nach und nach immer ruhiger und existiert inzwischen in der Öffentlichkeit kaum noch. Und die sportliche Entwicklung machte aus den Überfliegern eher eine graue Maus, die Aufmerksamkeit kurzfristig nur durch Inkonstanz und einiges Entscheidungschaos erregen konnte.

Kann bei RB Leipzig natürlich genauso passieren, dass man nach zwei, drei möglichen Jahren in der Bundesliga im wenig wahrgenommenen Berichterstattungsmittelfeld ankommt. Wobei Leipzig als Großstadt und Metropolregion ohne Bundesligisten drumherum andere Möglichkeiten hat, Aufmerksamkeit auch unabhängig von bundesweiter Berichterstattung zu generieren, als dies das kleine Sinsheim mit aufgeteilter regionaler Fußballlandschaft hat.

Zudem sind die Ziele des Geldgebers Red Bull noch mal ganz andere als es jene in Hoffenheim waren und sind. Hopp drängte früh (wenn auch erstmal erfolglos) darauf, dass der Verein sich selbst tragen und auch über Verkäufe definieren müsse. In Leipzig hofft Rangnick nun, dass Verkäufe künftig die Ausnahme bleiben (auch wenn Spieler wie Naby Keita den Schritt zu einem europäischen Großklub schon im mittelfristigen Hinterkopf haben) und man sich auch durch wirtschaftliches Wachstum auf geradem Weg Richtung Europa entwickelt.

Großstädtisches Umfeld und europäische Perspektive dürften Dinge sein, die auch auf Dauer für eine vergleichsweise hohe Aufmerksamkeit sorgen, selbst wenn die Polarisierung, die der Verein hervorruft im Laufe der Zeit zumindest für die Masse an Fußballguckern schwächer werden sollte bzw. dürfte. Letztlich ist das aber alles Zukunftsmusik. Bis man diese Dinge mit besserer Faktenbasis bewerten kann, bleibt erst mal der skurrile Fakt stehen, dass Hoffenheim gegen Leipzig zum TV-Knüller des ersten Spieltags der Bundesliga wurde. Moderner Fußball, ey

Hoffenheim gegen Leipzig. Ein paar freie Plätze im Stadion, viele Zuschauer vor dem TV. Simon Hofmann/Bongarts/Getty Images
Simon Hofmann/Bongarts/Getty Images

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5 Gedanken zu „Kein Aufmerksamkeitsdefizit“

  1. Für mich sind es gerade diese Aspekte, die das „Projekt“ RB so einzigartig und hochspannend machen. Bei aller Begeisterung für schönen Fußball (den RB ja durchaus auch hin und wieder zeigt) ist da immer noch das „soziale Experiment“ mit der Fragestellung, wie der Klub mit all dem bekannten Für und Wider in einer vormals streng geteilten Fußballstadt angenommen wird. Und da bin ich nach 7 Jahren absolut positiv überrascht. Ich glaube, viel mehr ist unter den genannten Voraussetzungen nicht möglich. Und bei den Auswärtsfahrern darf man nicht vergessen, dass die, die fahren, wirklich fast alle aus L und Umgebung stammen. Wenn bspw. DD im Westen spielt, sind da immer auch viele „Exilanten“ dabei.

  2. Den Blog zu schreiben, ohne die heutigen Ansetzungen nicht zu kennen, verdient Respekt!!!
    Sky und die DFL wollen es wohl wissen und den Bullen, äh die Kuh melken.
    Bis auf DA alles Einzelspiele.
    Leider Fanunfreundlich, aber das sind wir ja von Liga 2 gewohnt.

    @Laddä:
    Was ich so höre und lese bei Twitter, TM und Co, gibt es auch viele Leipziger im Exil, die sich auf Rasenballsport freuen.
    Bei Hoffenheim waren Schwaben und Schweiz im Gästeblock vertreten. 😉

  3. Für mich sind die Heimspiele im Schnitt auch deutlich weiter weg, als die Auswärtsspiele. Ich denke die Exil Leipziger sind eine größere Gruppe als man denkt. Gerade im schwäbisch hessischen Raum. Ich freu mich auf das Auswärts Spiel in Darmstadt. Mein Heimspiel der Saison!

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