RB Leipzig vor der Hinrunde in der Bundesliga 2016/2017

Ja, schon klar. Die Überschrift ist genaugenommen etwas irreführend, weil vor der Bundesliga noch der DFB-Pokal liegt. Aber erstens gehört auch dieses Pflichtspiel schon zur Saison und zweitens dürfte das Spiel vom Schwierigkeitsgrad her in mancher Hinsicht auf Bundesliganiveau liegen.

Bundesliga. Die erste Saison in der höchsten Spielklasse für RB Leipzig. Klar, dass da bei allen Dingen, in denen der Verein gut aufgestellt sein mag, nach drei Aufstiegen in vier Jahren auch einige Fragezeichen bleiben. Sportlicherseits sowieso, aber auch in Sachen Vereinsorganisation ist der Schritt in die Bundesliga ein anspruchsvoller und die Bundesliga für viele Beteiligte Neuland.

Fakt ist, dass RB Leipzig erstmals in einer Liga angekommen ist, in der man nicht mehr per se das wirtschaftlich überlegene U-Boot ist. In der Bundesliga gibt es schlicht locker sechs Clubs, die wirtschaftlich in anderen Dimensionen schweben und ein paar mehr, mit denen man maximal auf Augenhöhe agiert. Wenn man jetzt mal nur die Aufwendungen nimmt, die in der Profimannschaft im Tagesbetrieb drinstecken. Wenn man das Komplettprogramm eines Vereins inklusive Nachwuchs und Ablösesummen mitrechnen würde, sähe die Rechnung vermutlich etwas anders aus.

Trotzdem bleibt, dass man definitiv nicht als Favorit auf irgendwas in die Saison geht und dass man im Vergleich mit der Konkurrenz auch kein großer Fisch ist, weder sportlich noch wirtschaftlich. Was man schon daran sieht, dass man bisher in Sachen Neuzugänge auch gelegentlich das Nachsehen hatte. Breel Embolo wechselte (nachvollziehbarerweise) lieber zu Schalke 04, die nicht nur ein paar Euro mehr Ablöse zahlen wollten, sondern auch international Fußball spielen. Ein Torwart mit Meriten kam zudem auch nicht, auch wenn Ralf Rangnick selbst im April noch auf eine große Lösung geschielt hatte.

Dabei spielt sicherlich eine Rolle, dass man sich in Sachen Gehalt (nicht unbedingt zuerst aus rein wirtschaftlichen Erwägungen, sondern aus Gründen des Mannschaftsgefüges) eine Selbstbeschränkung auf 3 Millionen Euro Maximalgehalt auferlegt hat. Was halt im Segment junger Spieler bis 23, die schon Bundesliganiveau haben und sich perspektivisch auf europäisches Niveau entwickeln sollen, auch schon erst mal ein paar Kandidaten von vornherein aussortieren dürfte. Suche mal jemand unter diesen Voraussetzungen zum Beispiel einen passenden, sofort funktionierenden Innenverteidiger, der auch links hinten spielen kann. Das ist die eierlegende Wollmilchsau, die jeder Verein gern hätte.

Weil man in den vergangenen Wochen und Monaten nicht die Spieler gefunden hat, die den eigenen sportlichen Ansprüchen und dem Anforderungsprofil entsprochen hätten und man zudem zu Beginn der Vorbereitung auch wegen eines neuen Trainers noch nicht so genau wusste, wo eigentlich noch Bedarf besteht und welche Lücken sich intern ausfüllen lassen, hat man jetzt drei Tage vor dem ersten Pflichtspiel und elf Tage vor dem ersten Bundesligaspiel einen Kader zusammen, der insgesamt noch arg dünn ist.

Nach aktuellem Bild aus der Vorbereitung hat man ungefähr zwölf Feldspieler, die sich ernsthaft für einen Platz in der Startelf anbieten würden. Kommen Klostermann und Selke von Olympia zurück, dann werden daraus 14. Ein zentraler Verteidiger ist eigentlich noch Pflicht, auch damit man mit Stefan Ilsanker, der gerade in der Innenverteidigung aushilft, wieder potenziell auf der Sechs rechnen kann. Und ein Offensivspieler sollte es auch noch sein, wenn man nicht plötzlich Gottvertrauen entwickelt, dass das mit Massimo Bruno und/oder Zsolt Kalmár diese Saison eine ganz prima Sache wird.

Ironischerweise hat man trotz eines nicht sonderlich tiefen Kaders auch einige Fälle in der Mannschaft, bei denen im Laufe der Saison die Unzufriedenheit groß werden könnte. Das fängt bei Atinc Nukan in der Innenverteidigung an, geht über Rani Khedira in der Mittelfeldzentrale weiter und endet erst mal bei Massimo Bruno im offensiven Mittelfeld. Alles Spieler mit dem Anspruch, sich in der Bundesliga durchsetzen zu können. Allesamt aber auch Spieler, hinter denen in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlicher Qualität Fragezeichen zu ihrem Beitrag zu einer erfolgreichen Saison stehen und die aktuell nicht zu den 14 Feldspielern mit großen Startelfchancen gehören. Konfliktpotenzial ist da durchaus vorprogrammiert.

Neben der Kaderzusammensetzung, bei der man diesen Sommer nicht immer sonderlich kreative Wege geht (‚Hallo, wer ist eigentlich gerade in Salzburg noch zu haben?‘), steht auch in Sachen Erfahrung ein kleines Fragezeichen hinter dem Team. Vereinsseits versucht man das Thema herunterzuspielen und hält Erfahrung für überbewertet. Wenn man sich die letzte Saison so anschaut, dann hatte man jedoch zwischenzeitlich schon den Eindruck (der natürlich auch falsch sein kann), dass fehlende Erfahrung in der jungen Mannschaft in manchen Situationen durchaus einen negativen Einfluss hatte. Dabei geht es gar nicht unbedingt um eine neue Führungsspielerdebatte, sondern eher darum, bestimmte Situationen schon mal erlebt zu haben und dadurch lockerer mit ihnen umgehen zu können.

Für die aktuelle Bundesligasaison steht mit Marvin Compper faktisch nur einer im Team, dem man schon umfangreiche Erfahrung mit der Bundesliga attestieren könnte. Alterstechnisch kommen dann noch Fabio Coltorti, Stefan Ilsanker und Dominik Kaiser als zentrale Stützen des Teams hinzu, wobei Coltorti seinen Teamgeist vorerst lediglich von der Bank aus einbringen darf.

Das ist in Sachen Erfahrung nicht viel und könnte vor allem dann zum Problem werden, wenn es mal enger zugeht und Druck und imposante Kulissen in manchem Stadion (gerade weil RB neu ist, werden sich die Kerngruppen der jeweiligen Fanszenen immer mal wieder auch neue Sachen gegen Red Bull ausdenken und besonders lautstark agieren wollen) vielleicht doch zu stark werden. Wenn die Mannschaft auf der anderen Seite in einen guten fußballerischen Flow kommt, wird das Thema Erfahrung aber vielleicht auch keine oder nur eine kleine Rolle spielen. Ein Fragezeichen bleibt halt trotzdem.

Das Fragezeichen hat natürlich auch damit zu tun, dass man zwar viel Spieler mit Potenzial im Team hat und gerade in der Offensive viel Zukunftsversprechen im Alter zwischen 20 und 22 herumläuft. Ob dieses Versprechen sich schon kurzfristig einlöst, ist allerdings fraglich, da alle Kandidaten auch erst einmal den Schritt in die neue, schnellere und bessere Liga hinbekommen müssen. Wie schnell der individuelle Anpassungprozess gelingt, wird auch davon abhängen, wie gut Teamprozesse auf dem Platz laufen.

Diesbezüglich ist die noch sehr dünn besetzte Defensive durchaus nicht allzu vertrauenserweckend. In den letzten Testspielen hat man gut gesehen, wie schnell das Team komplett auseinanderfallen kann, wenn man nicht auf allen Positionen kompakt und gut arbeitet. Dann sieht die Defensive, in der in der Mitte der Abwehrkette auch ein wenig die Geschwindigkeit fehlt, schnell mal überfordert aus. Was dazu führen könnte, dass man taktisch viel weniger Hurra-Stil sehen wird, als man sich vereinsseits vielleicht eigentlich vorgestellt hatte.

Positiv heraus sticht neben dem Offensivpotenzial, das in den Testspielen gelegentlich aufblitzte, auch die Besetzung des Trainerpostens. Ralph Hasenhüttl steht dafür, auf der Ebene der Ansprache und als Typ einen neuen Input ins Team zu bringen. Nach der erfolgreichen Zeit mit Ralf Rangnick, der für die Spieler eine Respekts- und wichtige Ansprechperson war, ist es wichtig, danach zu einem Trainer zu wechseln, bei dem die Spieler auch vom ersten Tag an mitziehen und nicht erstmal das Gefühl haben, dass sie bei Abwesenheit des Meisters die Grenzen neu ausloten können. Das die Fachlichkeit gut ergänzende Arbeiten und Agieren aus dem Bauch heraus von Ralph Hasenhüttl sollte die Mannschaft gut mitnehmen und vielleicht auch mögliche Problemfälle bei der wöchentlichen Aufstellung abholen können.

Zu erwarten ist unter Ralph Hasenhüttl, dass das Mittel des langen Balls, um dann im vorderen Drittel in Pressingsituationen zu kommen, vielleicht wieder eine stärkere Rolle spielen wird, als noch unter Ralf Rangnick. Insgesamt sollten die taktischen Anpassungen aber eher gering sein, da Hasenhüttl ja auch schon festgestellt hat, dass die individuelle Qualität im Team größer ist als bei seinen letzten Stationen und entsprechend auch eine spielstärkere Art von Fußball als in Ingolstadt möglich ist.

Passend zu den geringen taktischen Anpassungen (bei vielleicht etwas höherer Spielintensität) auch, dass Ralph Hasenhüttl weiter auf das schon gewohnte 4-2-2-2 setzt. Mit zwei Sechsern, von denen Naby Keita auch die Dynamik in der gegnerischen Hälfte einbringen soll, wo er seine eigentlichen Stärken hat. Mit zwei Zehnern, die relativ flexibel Räume bespielen und belaufen, defensiv aber vor allem die Außenbahnen abdecken. Und mit zwei Stürmern, die relativ flexibel sind, bei denen einer aber eher zentraler agiert (Poulsen/ Selke/ Boyd) und einer eher freier drumherumspielt (Werner/ Sabitzer/ Poulsen).

Probiert wurde zwischenzeitlich (aber nur sehr kurz) in den Tests auch ein 4-1-2-2-1, das prinzipiell seine Vorteile in mehr Variabilität hätte. Mit einem Ilsanker auf der Sechs, Keita und Kaiser/ Demme als agilen Achtern und Sabitzer, Werner, Poulsen, Selke, Forsberg für die drei Offensivpositionen würde man eventuell die individuellen Stärken der Spieler noch besser einbinden können. Ralph Hasenhüttl setzt aber darauf, dass sich die Spieler in den taktischen Abläufen der letzten Saison wohler und vertrauter fühlen. Mal sehen, wie lange das in Stein gemeißelt ist und inwieweit man da auch auf bestimmte Gegner reagiert und Anpassungen vornimmt.

Ein Fragezeichen für den Verlauf der Saison steht auch hinter dem Spielplan in Form des Saisonstarts. In den ersten fünf Bundesliga-Spielen spielt man dreimal auswärts bei Teams (Hoffenheim, Köln, HSV), bei denen man sich Punkte erhofft, bei denen es aber sehr schwer wird zu punkten, weil sie selbst große Hoffnungen in die Saison setzen und sich gut aufgestellt haben (Hoffenheim, HSV) oder sowieso sehr stabil sind (Köln). Zu Hause hat man derweil mit Dortmund und Gladbach zwei der Topteams der Liga zu Gast, gegen die man auch ganz schnell mal mit leeren Händen dastehen kann.

Man muss keine alter Miesepeter sein, um einen Start mit eher wenigen Punkten für nicht unrealistisch zu halten. Wie das Umfeld von RB Leipzig und wie die Mannschaft darauf reagieren würde, wenn man nach fünf Spielen mit drei Punkten ganz hinten drin steht, ist schwierig vorherzusagen, würde aber den Druck für den weiteren Saisonverlauf deutlich erhöhen und gleichzeitig (Stichwort Erfahrung) vielleicht auch die Lockerheit bei der eher erfolgsgewohnten Mannschaft kosten. Wobei da wiederum der Faktor Hasenhüttl als menschlicher Faktor neben dem Trainer Hasenhüttl die Probleme etwas abfedern könnte.

Interessant wird auch wieder mal das Zuschauerthema. Gar nicht wegen des potenziellen Schwanzvergleichs mit anderen Vereinen, sondern lediglich als Frage zur Entwicklung des Umfelds von RB Leipzig selbst, als Frage zum Funktionieren der neuen Ticketpreise und als Frage zur Notwendigkeit höherer Stadionkapazitäten. Im Verlauf der Bundesligasaison kann man ganz sicher davon ausgehen, dass zu dem ausverkauften Spiel gegen den BVB noch die Spiele gegen Bayern, Schalke und Hertha dazukommen. Potenzial besteht auch gegen Teams wie den HSV, Köln, Frankfurt oder Mönchengladbach. Dass für letzteres Spiel (das zweite Heimspiel) gerade im oberen Preissegment ab 50 Euro im Oberrang selbst deutlich nach Beginn des freien Verkaufs noch diverse Tickets zu haben sind, ist allerdings auch vielleicht schon mal ein kleines Zeichen, dass ein ausverkauftes Stadion kein Selbstläufer sein wird. Schon gar nicht wenn dann irgendwann die Vereine mit den nicht ganz so großen Namen anreisen.

Für die Auswärtsfahrten stellt sich die Situation ähnlich dar. Bei bisher vier Spielen im Vorverkauf wurde noch kein Auswärtsblock komplett ausverkauft. Für das Spiel in Dresden (für das der Ticketverkauf schon beendet ist) waren bei einigen Anhängern sicherlich die Sicherheitsbedenken größer als die Lust darauf, den Saisonauftakt live zu erleben. Aber auch für das erste Bundesligaspiel in Hoffenheim sind bei nicht riesigem Auswärtskontingent weiterhin Tickets für das Spiel und die Busfahrt zu kriegen. Aber die Erfahrungen der letzten Jahre hatten ja schon gezeigt, dass die Zahl der Auswärtsfahrer nach Aufstiegen zumindest für den Großteil der Spiele jenseits absoluter Highlights nicht in extremem Maße wächst (hallo Montagsspiel in Karlsruhe..).

Das erste Jahr in der Bundesliga wird ein hochgradig spannendes. Weil die Gegner plötzlich die Schwergewichte des deutschen Fubßalls sind, weil die Dimenson öffentlicher Aufmerksamkeit noch mal eine komplett andere ist und weil nach einem Aufstieg sowieso immer ein wenig die Unsicherheit mitschwingt, wo man mit seinem Leistungsvermögen eigentlich steht.

Dass man nicht so recht weiß, wo das Team steht, gilt für RB Leipzig mit einem sehr jungen und fast durchgängig bundesligaunerfahrenen Kader erst recht. Viel Potenzial ist da, nur ob sich das herauskitzeln lässt oder ob viele Spieler mit der Umstellung doch länger brauchen als gedacht, weiß man erst in ein paar Wochen bis Monaten.

Wenn die avisierten zwei Transfers noch gelingen und der Kader dann bis zur Nummer 17, 18 gut besetzt ist, sollte es drinliegen, das Saisonziel, nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben zu wollen, zu erreichen. Also irgendwas zwischen Platz 9 und Platz 14 als realistische Zielvorgabe, die einen halbwegs gelungenen Anpassungsprozess der jungen Hüpfer voraussetzt.

Wenn das Team explodiert und ein bisschen Euphorie und Laune mitnimmt, dann ist auch noch mehr zumindest denkbar. Wenn wenig gelingt oder unvorhergesehene Ausfälle dazukommen, dann kann es auch schlechter und doch Abstiegskampf werden. Wobei diesbezüglich RB Leipzig den Vorteil hat, dass man im Winter eher keinen Schmerz hätte, noch mal tief in die Ablösekiste zu greifen und Lücken auszufüllen, wenn bis dahin Lücken erkannt wurden.

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Mögliche Startteams aktuell:

  • 4-2-2-2: Gulacsi – Klostermann (Schmitz), Orban, Compper (Ilsanker), Halstenberg (Schmitz) – Keita, Demme – Kaiser, Forsberg – Sabitzer (Werner), Poulsen (Selke)
  • 4-1-2-2-1: Gulacsi – Klostermann (Schmitz), Orban, Compper, Halstenberg (Schmitz) – Ilsanker – Keita, Kaiser (Demme) – Sabitzer (Werner), Forsberg – Poulsen (Selke)

Kaderalternativen (inklusive U23- und U19-Spieler, die im Trainingslager dabei waren oder schon mal zum Profikader gehörten):

  • Tor: Coltorti, Müller, Bellot
  •  Abwehr: Nukan, Gipson, Fechner, Reddemann, Grauschopf
  • Mittelfeld: Khedira, Kalmár, Bruno, Janelt, Touré, Strauß, Beiersdorf
  • Sturm: Boyd, Dadashov, Diawusie

 

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2 Gedanken zu „RB Leipzig vor der Hinrunde in der Bundesliga 2016/2017“

  1. Wie immer sehr gut analysiert.
    Saisonverlauf dürfte sich auch wie schon angemerkt schwierig gestalten.da mit Dortmund und mit Gladbach echte Prüfsteine vor uns liegen.
    In der Defensive würde ich es auch als wichtig sehen auf Erfahrung statt Jugend zu setzten und somit mal von der Vereins Philosophie abzurücken, denn zum Spielern entwickeln haben wir da wenig Zeit .

  2. Stand heute würde ich RBl auch eher um Platz 12-15 sehen statt im einstelligen Bereich. Aus ähnlichen Gründen wie du: dünne Decke in der VT, bei der Orban und Compper in etlichen Spielen Probleme bekommen würden, Unerfahrenheit und in meinen Augen haben eure Offensiven auch zu wenig Killerpotential vor dem Tor.

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