Transfers: Omer Damari, Anthony Jung

Weiter geht es mit dem Transferkarussell rund um RB Leipzig. Nicht auf der Zugangsseite, da hält man sich weiter bedeckt. Vielmehr bereinigt man den Kader weiter und erklärt, dass man akut nicht nach Neuzugängen sucht, sondern zumindest noch das Trainingslager abwartet, ob und auf welchen Positionen man noch Neuzugänge holt. Inwieweit diese überraschend defensive Herangehensweise rein strategischer Natur ist, muss man abwarten. Zu vermuten ist, dass sich die Transferbedingungen noch mal verbessern, je näher es an das Ende der Transferperiode geht und je eher Vereine noch auf Einnahmen durch Abgänge schielen.

Widmen wir uns also erstmal der Abgangsseite, auf der überraschend Anthony Jung zu finden ist, womit man bis vor ein paar Wochen eigentlich überhaupt nicht rechnen konnte. Nun ging alles relativ schnell und der Linksverteidiger wechselt zum Ligakonkurrenten FC Ingolstadt, wo er zumindest für ein Jahr bleiben wird.

Anthony Jung kam 2013 nach Leipzig. Was eher Zufall war, denn der damals 21jährige war eigentlich zum MSV Duisburg gewechselt, nachdem er sich bei Eintracht Frankfurt nicht entscheidend durchsetzen konnte. Da dem MSV allerdings die Lizenz für die zweite Liga verweigert wurde, war Jung plötzlich vertragslos und konnte sich noch mal neu orientieren. Diese Chance nutzte er und verließ Duisburg, um bei RB Leipzig in der dritten Liga zu unterschreiben.

In seiner ersten Saison in Leipzig war Anthony Jung anfangs absolut gesetzt. 12 der ersten 13 Spiele stand er über die volle Distanz auf dem Feld, bevor er beim verkorksten Spiel in Chemnitz früh aus der Partie genommen wurde und den Rest der Runde nur noch in einer Handvoll Spiele von Beginn an zum Einsatz kam.

Wenn man so will, war diese erste Saison bereits stilbildend für die Zeit von Anthony Jung in Leipzig. Über lange Strecken vertraute man dem Spieler, den Zorniger mit einem „so ein Mann hat uns gefehlt“ begrüßt hatte, dann plötzlich wieder nicht mehr. Nicht immer lag dies nur an den jeweiligen Übungsleitern, auch Jung selbst trug dazu sicherlich bei. An guten Tagen war er ein hervorragender Außenverteidiger mit Dynamik und gutem Torabschluss, dann wieder spielte er nur solide mit oder blieb blass.

Generell war die Kritik an Jung aber auch immer auch eine Prise zu viel. Manchmal hatte man das Gefühl, dass man vom Linksverteidiger Wunderdinge erwartete, die er natürlich bei allen Hoffnungen an seine Entwicklung nicht erfüllen konnte. Auffällig beispielsweise, dass Ralf Rangnick Anthony Jung nach der Niederlage im DFB-Pokal gegen Wolfsburg im Frühjar 2015 explizit und recht deutlich kritisierte. Nach einer Begegnung, in der er an einem Gegentor beteiligt war, aber auch nicht unbedingt sonderlich gegenüber anderen abfiel.

Trotzdem war die Zweitligasaison 2014/2015 in Sachen Einsatzzeit die erfolgreichste von Anthony Jung bei RB Leipzig. 35mal lief er in Liga und Pokal von Beginn an auf. Nur zweimal musste er passen, weil er gesperrt war. Unumstrittener kann man nicht Stammspieler sein. Was auch daran lag, dass es mannschaftsintern kaum Konkurrenz auf seiner Position gab.

Angesichts der Einsatzzeiten nicht überraschend, angesichts dessen, dass Jung nicht überall unumstritten war schon etwas überraschender, bekam der Linksverteidiger dann am Ende der Saison 2014/2015 eine Vertragsverlängerung in die Tasche gesteckt. Bis 2019 sollte die Zusammenarbeit zwischen Verein und Spieler nun gehen. Uneingeschränktes Vertrauen in das Potenzial des Spielers schien sich darin auszudrücken. Was noch dadurch unterstrichen wurde, dass man mit Dmitri Skopintsev einen Backup für die Linksverteidigerposition verpflichtete, der kurzfristig keine echte Konkurrenz zu Jung sein konnte.

Doch das war trügerisch. Wie sich später herausstellte, war RB Leipzig schon frühzeitig auf der Suche nach Linksverteidigern, die mindestens auf dem Niveau von Jung spielten. Skopintsev musste dann nach wenigen Wochen auch wegen Perspektivlosigkeit gen Liefering weiterziehen. Und so setzte man Jung, der am ersten Spieltag der Saison 2015/2016 beim FSV Frankfurt noch der beste Mann auf dem Platz war, mit Marcel Halstenberg kurz vor Ende der Sommertransferperiode 2015 jemanden vor die Nase, der nicht nur einiges Geld kostete, sondern auch erstmal gesetzt war. Erst recht, nachdem Halstenberg gleich in seinem ersten Spiel eine praktisch perfekte Vorstellung auf den Rasen gezaubert hatte.

Ab diesem Zeitpunkt ging es einsatztechnisch komplett bergab und Jung kam nur noch zum Einsatz, wenn Halstenberg verletzt oder müde war oder wenn es galt, einen Vorsprung über die Bühne zu bringen und Jung dann die offensive linke Forsberg-Position vor allem defensiv interpretieren sollte. Mit diesem Hin und Her zwischen Bank und Feld, zwischen Linksverteidiger und linkem Mittelfeld schien Jung nicht so richtig gut zurechtzukommen. So richtig überzeugende Leistungen kamen nicht mehr heraus. Solide waren die Dinge, die Jung auf den Platz bringen konnte.

Genau diese solide Rolle als Backup auf der Linksverteidigerposition hatte man nun von Jung auch für die kommende Bundesliga-Saison erwartet. Aber entweder er selbst wollte dringend weg aus Leipzig oder RB war durchaus froh, dass es für ihn eine Anfrage gab. Anders ist es nicht zu erklären, dass man in Leipzig einen mindestens soliden und immer noch entwicklungsfähigen Linksverteidiger abgegeben hat, ohne einen entsprechenden Neuzugang zu verpflichten. Zumal sich RB Leipzig sogar auf den für sie planungstechnisch eher nachteiligen Deal einer einjährigen Leihe mit Kaufoption eingelassen hat.

Man kann Jung ein wenig verstehen, dass er nach der eher überschaubaren letzten Saison eine neue Herausforderung sucht und auf mehr Spielzeit in Ingolstadt sucht. Allerdings wäre er als Backup von Halstenberg wohl auch in Leipzig zu Einsatzzeiten gekommen. Zumindest in der jetzigen Kadersituation und nicht mitgerechnet, dass RB offenbar noch einen linken Innenverteidiger, der auch außen spielen kann, holen will. Vielleicht wusste Jung auch um interne Planungen, die ihn noch überflüssiger machen, und hat deswegen seinen Abschied ein wenig beschleunigt. Ob er in Ingolstadt nun besser zum Zug kommt als in Leipzig, muss man allerdings auch erstmal abwarten.

Mit Anthony Jung verliert RB Leipzig einen Spieler, der durch seinen Siegtreffer im mitentscheidenden Drittligaspiel im Kampf um den Aufstieg gegen Darmstadt im Frühjahr 2014 wohl vielen RB-Anhängern noch lange im Kopf bleiben wird. Einer der wenigen Momente, in dem Jung mal seine Torgefahr ausspielte. Denn abgesehen von diesem Tor war die Torgefahr und auch die Torvorbereitung immer eines der Kernprobleme von Anthony Jung. Über die drei Spielzeiten bei RB Leipzig war er nur an wenigen Toren beteiligt. Gerade in der letzten Saison fiel er mit Torbeteiligungen pro Spielminute deutlich hinter den Außenverteidiger-Konkurrenten ab.

Mit Anthony Jung kriegt Ingolstadt einen sehr soliden Spieler, der links hinten, aber auch in der Innenverteidigung und im defensiven Mittelfeld spielen kann. Ein Spieler mit ordentlicher, aber nicht überragender Zweikampfquote und vernünftigem Passspiel. Ein Spieler, dem manchmal ein wenig die Dynamik zu fehlen scheint, um dann doch mal mit Geschwindigkeit am Gegenspieler vorbeizuziehen. Ein Spieler, der viel mitbringt, um ein guter Linksverteidiger zu sein, der das aber konstanter über einen langen Zeitraum beweisen muss. Vielleicht kriegt er ja in Ingolstadt, die Zeit, die er braucht, um auf sich aufmerksam zu machen. Zu wünschen wäre es ihm auf jeden Fall.

Transfermissverständnisse gab es unter Ralf Rangnick vergleichsweise wenige. Omer Damari gehört definitiv dazu. Mit irgendwas um die sechs Millionen Euros gehörte er nicht gerade zu den billigen Neuverpflichtungen. Gerade mal elf Einsätze mit im Schnitt nicht mal 60 Minuten Einsatzzeit und keinem Torerfolg verbuchte Omer Damari in einem halben Jahr RB Leipzig in der Rückrunde 2014/2015, bevor man ihn per Leihe zu Red Bull Salzburg abschob.

Woran es lag, dass Damari zu einem Missverständnis wurde, lässt sich gar nicht mal genau sagen. Vermutlich sind es wie immer verschiedene Faktoren, die den feinen Fußballer, der zumindest mit Vorlagen durchaus auch in Leipzig auf sich aufmerksam machte, krachend scheitern ließ.

Am wichtigsten sicherlich, dass Damari nicht fit war, als er nach Leipzig kam. Vor seinem Wechsel hatte ihn das Pfeiffersche Drüsenfieber zurückgeworfen, sodass er gegen den Rest des Teams deutlich abfiel. Und das in einer Mannschaft, die intensives Gegenpressing spielen sollte, wollte, durfte. Ungünstige Voraussetzungen. Zumal Damari seinen Rückstand in Sachen Physis nie wirklich aufholen konnte, sondern sich mit manchem Wehwehchen weiter durch die Saison schleppte.

Zu den körperlichen Problemen kam die Unruhe im Verein. Damari sollte plötzlich eine Mannschaft, die nach dem Zorniger-Abgang nach Identität und Halt suchte, mit seinen Toren tragen und hätte doch selbst alle Hilfe beim Ankommen und Integrieren gebraucht. Damari stand im Team immer ein wenig Abseits, was sicherlich auch ihm selbst, aber auch dem Zustand des Teams in jenen Tagen zuzuschreiben war.

So richtig wusste man zudem nicht, was man sich vereinsseits bei der Verpflichtung von Damari gedacht hatte. Das intensive Spiel gegen den Ball und ohne Ball war Damaris Sache auch ohne physische Probleme nicht. Sich gegen tief stehende, robuste Gegner im Strafraum durchzusetzen, lag ihm auch nicht wirklich, war aber das, worum es zumeist ging. Nicht ganz überraschend, dass Damari gerade im DFB-Pokal gegen den VfL Wolfsburg, der nicht so tief verteidigte wie die Zweitligisten, zu den auffälligeren Spielern gehörte.

Omer Damari ist ein prima Fußballer mit sehr guter Spielübersicht und wenn er als Konterstürmer agieren kann auch gutem Zug zum Tor. Das was RB Leipzig in der Rückrunde 2014/2015 von ihm wollte, konnte er allerdings nicht leisten. Weder als Typ Fußballer, noch von seinem Fitnessstand her. Vielleicht war die Transferenttäuschung nicht vorprogrammiert, aber sie war im Nachhinein absolut nachvollziehbar.

Hausgemacht war sie insofern, dass RB Leipzig in diesem Winter 2014/2015 zu sehr auf Krawall auf dem Transfermarkt die Aufstiegshoffnung am Leben erhalten wollte und neben Forsberg auch noch Rodnei und Reyna holte, die auch eher zu Transferenttäuschungen wurden und deren Verpflichtung eher dem Motto ‚irgendwas müssen wir doch schließlich machen‘ zu gehorchen schien.

In dieser einen Transferperiode verlor man bei RB Leipzig etwas die Ruhe und den Blick für Talente. Eigenschaften, die Ralf Rangnick in sonstigen Transferperioden überwiegend auszeichneten. Klappt halt nicht immer alles. Vielleicht war das ja auch schon direkte Folge dessen, dass sich Alexander Zorniger und Ralf Rangnick eher dickköpfig gegenüberstanden.

Omer Damari jedenfalls zieht es nun, so berichtet man in den USA, per Leihe zu den New York Red Bulls, womit er nach Leipzig und Salzburg auch den dritten Red-Bull-Verein mitnimmt. Was vor ihm auch noch keinem Spieler gelang. Ob er es damit in die RB-Geschichstsbücher schafft, dürfte eher zweifelhaft sein.

Interessanter vielleicht auch, dass Damari mehr oder weniger direkt nach New York geschoben wird. Hauptsache weg scheint beim 27jährigen Israeli inzwischen das Motto in Leipzig zu sein. Verbunden mit der impliziten Drohung, dass man ihn auch einfach in der zweiten Mannschaft Regionalliga spielen lassen kann, wenn Damari keinen Abnehmer gefunden hätte. Und jeder andere Abnehmer, der nicht New York Red Bulls heißt, sollte schon ein wenig Geld auf den Tisch legen und nicht denken, dass er Damari umsonst kriegt.

Was die Ausgangslage für einen Verkauf diesen Sommer eher schwierig gemacht hat, denn welcher Verein legt aktuell Geld für einen Spieler auf den Tisch, der in den letzten eineinhalb Jahren wenig von seiner zuvor gezeigten Klasse auf den Platz gebracht hat. Der Plan, Damari nach New York zu schicken, wo er sich bis zur Winterpause (dann endet die Leihe) potenziellen Interessenten in Europa zeigen kann, ist nicht extrem ausgeklügelt, aber vielleicht funktioniert er ja sogar. Wenn ein Verein sich für Damari entscheidet, kriegt er einen sehr guten Fußballer. Derjenige Verein sollte sich aber vorher auch genau angucken, was für eine Art Stürmer er eigentlich braucht.

Am Rande erwähnt sei hier noch der Wechsel von Daniel Barth, der die U23 von RB Leipzig verlässt und zum Regionalliga-Konkurrenten Budissa Bautzen wechselt. Barth war im Sommer 2013 von Carl Zeiss Jena II gekommen. Sowohl in der Saison 2013/2014 in der Sachsenliga als auch in der Saison 2014/2015 in der ersten Hälfte der Oberliga gehörte Barth zu den Toptorschützen in der U23 von RB Leipzig.

In der letzten Saison in der Regionalliga wurde die Luft dann dünn, weil der Verein auf jüngere Talente aus dem eigenen Nachwuchs setzte. Nur sehr wenige Spiele von Beginn an und kein Tor waren die Bilanz am Ende. Dass Daniel Barth dann den Verein verließ, war quasi folgerichtig. Dass er wieder einen Regionalligaclub gefunden hat, ist auch folgerichtig, denn, sich bei einem Regionalligisten durchzusetzen, ist der nächste Schritt für den 22jährigen. Ob sein Talent dafür dann auch wirklich ausreicht, bleibt abzuwarten.

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2 Gedanken zu „Transfers: Omer Damari, Anthony Jung“

  1. 2 Leihen, von der mir eine auch Kopfschmerzen bereitet. Ich sah Jung auch immer als soliden Back up. Wenn in den nächsten Tagen ein neuer AV vorgestellt werden würde, dann klar, kann man es nachvollziehen. Bei Halstenberg hatte Ralf R. ein wahrlich glückliches Händchen, so wie der Spieler einschlug. Ob es am Ende des Transfermonats August wieder so funktioniert, ist fraglich. Die ersten 4 der Abwehr sind mMn fest, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit werden diese keine 34 Spiele gemeinsam bestreiten und als Back up stehen nur Nukan und Schmitz bereit. Max. noch Ilse für IV und / oder Nachwuchsleute.

    Bei Omar Damari sieht es anders aus. So richtig hat er mich nie überzeugen können (Außnahme das Nürnberg-Spiel und Pokal)
    Da kann man ihn nur viel Glück und Erfolg in NY wünschen.
    Ja, an diesen Transferwinter mit der anschliessenden Zorniger Entlassung werden wir uns ungern erinnern. Und das war erst vor 1,5 Jahren. Schon verrückt wie schnell die Zeit vergeht.
    Wenigstens hat es Emil Forsberg geschafft. Hat auch etwas gutes!

  2. Zitat: „Transfermissverständnisse gab es unter Ralf Rangnick vergleichsweise wenige.“
    Dem schließe ich mich weniger an, Jung seinen Vertrag habe ich nie verstanden (Paniktransfer?), Transferflops könnte ich ohne Ende zufügen und verzichte hier auf die Namen, Nukan seine Chancen steigen – zumindest das finde ich gut!
    Ansonsten tut mir aktuell der Yussuf leid, das ist aber ein ganz anderes Thema.
    Die Vorfreude ist groß, unsere 4 DK in der Familie sind wertvoll wie nie zuvor, der HSV lässt sich mit der Zusendung der Tickets in Block 12 viel Zeit – egal…

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