Festes Band

Letztens bin ich in meinem Kopf irgendwie darüber gestolpert, dass ich es merkwürdig finde, dass in dieser Saison gleich beide Bundesligaaufsteiger keine wirklich relevanten Abgänge zu verzeichnen haben. Bis auf Immanuel Höhn (wechselte nach Darmstadt), der in Freiburg verzichtbar war und schon in der zweiten Liga seinen Stammplatz verloren hatte, blieben alle Spieler an Bord, die mit wesentlicher Spielzeit zum Aufstieg beitrugen.

In meiner Vorstellung gab es dagegen eine Fußballwelt, in der Aufsteiger immer damit leben müssen, dass die großen Clubs kommen und sich die besten Spieler der Aufsteiger holen, weil die sich mit ihren Leistungen in die Scoutingblöcke der Republik gespielt hatten. Wie das aber immer so ist mit Vorstellungen, sie müssen nicht wirklich stimmen. Weswegen ich mir zumindest für die letzten acht Spielzeiten seit Wiedereinführung der Relegation für die Aufsteiger angeschaut habe, welche der elf in der Liga meisteingesetzten Spieler auch im Jahr nach dem Aufstieg noch im Club waren.

Interessanterweise verloren zwölf von achtzehn Aufsteigern seit 2010 maximal einen ihrer Zweitligastammspieler. Gleich sieben Clubs verloren keinen ihrer Stammspieler. Im Schnitt sind es pro Aufsteiger 1,22 Stammspieler, die nach dem Aufstieg den Verein verlassen. Düsseldorf hatte einst das Maximum von fünf Spielern, die man ziehen ließ. Was eventuell auch mit den Wirren nach der Relegation gegen Hertha und dem sich lange ziehenden Sportgerichtsnachspiel zu tun gehabt haben mag.

Interessanterweise gingen dabei kaum Spieler gegen Ablöse, schon gar nicht zu Topclubs. Dass die Zweitligaaufsteiger in den letzten Spielzeiten konsequent leergekauft wurden, trifft also überhaupt nicht zu. Idrissou, Occean oder Schwaab sind da schon die Ausnahmen. Und mindestens zwei dieser drei Spieler hatten anschließend nicht mehr wirklich eine große Karriere.

Die meisten Spieler, die in ihren Teams zu den meisteingesetzten gehörten und nach dem Aufstieg den Verein wechselten, kosteten keine Ablöse. Weil sie entweder sowieso nur geliehen waren oder die Chance nutzten, nach dem Aufstieg einen auslaufenden Vertrag zu vergolden oder von ihren Vereinen nicht mehr gebraucht wurden.

Besonders betroffen von Abgängen sind dann tatsächlich Teams wie Darmstadt mit wenig finanziellem Background und nicht übermäßigem Vertrauen seitens der Spieler, dass nach dem Aufstieg die sportliche Zukunft rosig sein wird. Mit Bregerie, Balogun und Behrens verloren die Lilien nach ihrem Aufstieg gleich drei zentrale Stützen. Nominell ähnlich schlimm dürften die Abgänge von Lukimya, Beister und Rösler drei Jahre vorher in Düsseldorf gewesen sein.

Wenn die Aufsteiger allerdings nicht übermäßig auf Leihen setzen und es sich in der Vorgeschichte leisten konnten, ihre Spieler mit vernünftigen Verträgen über das Saisonende hinaus auszustatten, dann gab es allerdings über die Jahre tatsächlich erstaunlich wenig Wechsel und erstaunlich wenig Interesse seitens der Bundesligaclubs an den von unten kommenden Spielern.

Sprich, das Band zwischen Aufsteigern und den Spielern, die mit Spielzeit wesentlich zu diesem Aufstieg beitrugen, ist in der jüngeren Vergangenheit meist ein sehr festes. Nicht nur bei Vereinen wie RB Leipzig, die finanziell sehr gut ausgestattet sind und großes sportliches Entwicklungspotenzial haben.

Nix mit Großclubs, die nach dem Aufstieg alles mit großen Geldkoffern kaputtmachen. Das mag ein Jahr später ganz anders aussehen, wenn die Aufsteiger wieder abgestiegen sind oder sich die sportlichen Perspektiven nicht entscheidend verbessern, aber vom Aufstieg selbst profitieren die Aufstiegsspieler noch direkt.

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Aufsteiger und die Stammspieler (elf in der Liga meisteingesetzten Spieler), die sie nach dem Aufstieg verloren haben. In Klammern in der Reihenfolge: Zielverein, Zielliga, wie häufig beim Aufsteiger eingesetzt (Nummer 9 = neuntmeisteingesetzt), Ablöse ja oder nein.

2016/2017

  • SC Freiburg – 1 Spieler – Immanuel Höhn (Darmstadt – 1.Liga – Nummer 9 – Ablöse)
  • RB Leipzig – 0 Spieler

2015/2016

  • FC Ingolstadt – 0 Spieler
  • SV Darmstadt – 3 Spieler – Romain Bregerie (Ingolstadt – 1.Liga – Nummer 3 – keine Ablöse), Leon Balogun (Mainz – 1.Liga – Nummer 11 – keine Ablöse), Hanno Behrens (Nürnberg – 2.Liga – Nummer 7 – keine Ablöse)

2014/2015

  • 1.FC Köln – 0 Spieler
  • SC Paderborn – 0 Spieler

2013/2014

  • Hertha BSC – 0 Spieler
  • Eintracht Braunschweig – 1 Spieler – Steffen Bohl (vereinslos – kein neuer Vertrag – Nummer 9 – keine Ablöse)

2012/2013

  • Greuther Fürth – 2 Spieler – Olivier Occean (Frankfurt – 1.Liga – Nummer 3 – Ablöse), Stephan Schröck (Hoffenheim – 1.Liga – Nummer 10 – keine Ablöse)
  • Eintracht Frankfurt – 2 Spieler – Gordon Schildenfeld (Dynamo Moskau – 1.Liga – Nummer 2 – Ablöse), Mohamadou Idrissou (Kaiserslautern – 1.Liga – Nummer 10 – Ablöse)
  • Fortuna Düsseldorf – 5 Spieler – Assani Lukimya (Bremen – 1.Liga – Nummer 1 – keine Ablöse), Maximlian Beister (HSV – 1.Liga – Nummer 5 – keine Ablöse (Leihende)), Sascha Rösler (Aachen – 3.Liga – Nummer 8 – keine Ablöse), Thomas Bröker (Köln – 2.Liga – Nummer 10 – keine Ablöse), Michael Ratajczak (vereinslos – kein Vertrag mehr – Nummer 11 – keine Ablöse)

2011/2012

  • Hertha BSC – 0 Spieler
  • FC Augsburg – 1 Spieler – Kees Kwakman (FC Groningen – 1.Liga – Nummer 11 – Ablöse)

2010/2011

  • 1.FC Kaiserslautern – 3 Spieler – Sidney Sam (HSV – 1.Liga- Nummer 6 – keine Ablöse (Leihende)), Georges Mandjeck (Stuttgart – 1.Liga – Nummer 7 – keine Ablöse (Leihende)), Erik Jendrisek (Schalke – 1.Liga- Nummer 9 – keine Ablöse)
  • FC St. Pauli – 0 Spieler

2009/2010

  • SC Freiburg – 1 Spieler – Daniel Schwaab (Leverkusen – 1.Liga – Nummer 2 – Ablöse)
  • FSV Mainz – 1 Spieler – Markus Feulner (Dortmund – 1.Liga – Nummer 8 – keine Ablöse)
  • 1.FC Nürnberg – 2 Spieler – Stefan Reinartz (Leverkusen – 1.Liga – Nummer 9 – keine Ablöse (Leihende)), Dominik Reinhardt (Augsburg – 2.Liga – Nummer 10 – Ablöse (Leihe))

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8 Gedanken zu „Festes Band“

  1. Nein, weder gehörte er zu den prägenden Figuren der Saison, noch erfüllte er das formale Kriterium, zu den elf meisteingesetzten Spielern des Teams zu gehören.

  2. warum wundert dich das mathias?

    als bundesligaaufsteigerstammspieler (yeah geiles wort!) bist du 1. in der höchsten Klasse in D angelangt und weisst 2. was du an deinem Verein (und vice versa) hast.

    Das Risiko zu einem Bankdrücker zu werden, werte ich pers. größer als die gleiche Gefahr beim bisherigen Verein.

    Dazu kommt, dass wenn du halbwegs gut spielst wirst du spätestens beim (evtl.) Abstieg deines Vereins von einem BL Verein gekauft.

    Sprich: alles in allem ist es das kleinste Risiko beim bisherigen Verein zu bleiben. (soft facts wie „nicht umziehen wollen“, „persönliches umfeld“ etc nicht mal eingerechnet) während du im falle des „wieder“abstiegs mit anständiger leistung halbwegs „safe“ bist.

  3. Was heißt wundern. Deine Begründung ist ja plausibel, von daher wundert es mich nicht wirklich, sondern ist durchaus nachvollziehbar. Hatte halt nur irgendein anderes Bild im Kopf. Eines, bei dem Spieler, die in der zweiten Liga auf höchstem Niveau auf sich aufmerksam machen, eben auch in der Bundesliga auf hohem Niveau Interesse wecken und die Geldschatulle weit öffnen. Aber klar, für die Aufstiegsstammspieler ist das Bleiben wahrscheinlich immer die beste Möglichkeit.

  4. Mein Gefühl sagt mir eher, dass die 2.Liga-Vereine, die zwar eine gute Runde gespielt haben, aber den Aufstieg eben nicht geschafft haben, dann etliches neu aufbauen müssen (KSC voriges Jahr, Bochum dieses, Fürth in 2014). Eben weil dort – im Gegensatz zu den Aufsteigern – eben nicht das sportliche Prestige und die finanzielle Verbesserung, die mit dem Aufstieg einhergeht, vorliegt.

  5. Das denke ich auch, dass sich bei Zweitligavereinen, die den Aufstieg verpasst haben, das Bild deutlich ändern würde. Zumindest wäre das die plausibelste Variante.

    1. das würde sogar wunderbar zu meiner theorie passen, da ja bei den nicht-aufsteigern der faktor „bundesliga“ wegfällt und hier die entscheidung des spielers lauten würde: stammelf 2. liga oder auf verdacht in 1. liga.
      da würde der schritt richtung liga 1 auch mehr sinn machen, da die backup möglichkeit (2. liga) deutlich weniger interessant ist.

      abgesehen davon sehe ich jetzt einen sehr guten 2. liga spieler noch nicht unbedingt leistungstechnisch als möglichen guten 1. liga spieler (stammspieler in einer >10 Mannschaft). das kann funktionieren (kimmich) muss es aber nicht und liegt halt an vielem (für den spieler wenig einsehbaren bzw beeinflussbaren faktoren)

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