Zeit für uns zu geh’n

In einem stellenweise eher bemühten Beitrag der Süddeutschen Zeitung direkt nach dem Aufstieg von RB Leipzig in die Bundesliga Anfang Mai (ja, zweieinhalb Monate ist das schon wieder her und langsam ist der Aufstieg gesackt und macht der deutlichen Saisonvorfreude Platz), der auf die Frage hinstrebte, ob „Geld auch Aura schaffen“ und nicht nur Tore schießen kann, wunderte sich der Autor ein wenig darüber, dass man in Leipzig „Zweite Liga war schön, Zeit für uns zu geh’n“ gesungen hatte und nicht wie anderenorts „Zweite Liga, nie mehr“.

Die semantischen Differenzen sind natürlich eher gering und ausgerechnet darin ein Indiz für die Andersartigkeit von RB Leipzig zu sehen, dass man sich schon in der Regionalliga ein eigenes Aufstiegslied zurechtgebastelt hat, das im Fanlager zum ultimativen, auch später gern genommenen Gassenhauer wurde, vielleicht eine eher mühselige Argumentationskette.

Trotzdem bleibt auch der Fakt, dass in diesem „Zeit für uns zu geh’n“ immer auch drinsteckte, dass man sich auf einer Reise befindet. Und gefühlt mengte sich nach dem Drittligaaufstieg als erstem Reiseschritt auch ein Stückweit Ruhelosigkeit in diese Phrase bzw. die Reise. Eine Ruhelosigkeit, über die Alexander Zorniger einst befand, dass man auf dem Weg zu seinen Zielen nicht den Spaß verlieren dürfe. Sprich, das Ziel nicht wichtiger werden solle als der Weg.

Interessanter vielleicht als diese analytischen Differenzierungen, dass RB Leipzig nun erstmals in der Vereinshistorie in einer Liga angekommen ist, aus der man nicht mehr „geh’n“, sondern in der man bleiben will. Ankommen gehörte bisher komplett gar nicht zum Selbstverständnis. Und wird es vereinsoffiziellerseits ja auch weiterhin nicht wirklich gehören, wenn man den Schritt nach Europa in den nächsten drei bis fünf Jahren schaffen will (so wie man Mintzlaff und Rangnick kennengelernt hat, wären sie über alles oberhalb von drei Jahren wohl schon sehr enttäuscht und dürften sogar eher zwei Jahre präferieren).

Trotzdem bleibt zumindest die Situation des ligentechnischen Ankommens. Konsolidierung und Entwicklung des Vereins bedeutete in der Vergangenheit immer nur, sich auf den nächsten Schritt vorzubereiten. Jenseits der Fragen von wirtschaftlichem Wachstum und weiterer sportlicher Vereinsentwicklung ist es für das Umfeld eine völlig neue Situation, dass es gar keine nächste Liga mehr gibt. Als Aufsteiger lebt man natürlich erst einmal mit besonderer Euphorie, die aber eben in den kommenden Jahren auch zu so etwas wie Normalität führen soll und führen wird. Eine Normalität, die auch ihre Grenzen nach oben erfahren wird, wo bisher keine waren.

Damit verbunden ist natürlich auch die Frage, welche „Aura“ um einen Verein wie RB Leipzig (zumindest lokal) auf Dauer entstehen und gelebt werden wird, wenn man auf seinem Weg auch mal ein wenig zur Ruhe kommt und nicht jedes Spiel ein wichtiges im Aufstiegskampf darstellt. Vielleicht noch keine Frage gleich für das erste Bundesligajahr, aber für die Zeit danach auf jeden Fall.

Schon rein zuschauertechnisch werden im Guten wie im Schlechten ganz neue Phänomene dazukommen. Das resultiert schon allein aus dem reinen Zuwachs an Masse und dem gesteigerten Interesse der Breite des Umlands, aber vielleicht auch seitens normaler Jugendgroßstadtkultur. Zu welchem Zustand von Vereins- und Fankultur das dann führt, ist sicherlich von vornherein nicht seriös vorherzusagen. Zumal schon jetzt gerade das Verhältnis zwischen Verein und Ultragruppen bzw. ultraaffinen Gruppen nicht unbedingt extrem belastbar ist.

Das Verhältnis zwischen Verein und aktiveren Teilen der Fanszene dürfte aber nur ein kleiner Teilaspekt der Fragen sein. Interessanter in der Breite da schon, inwieweit die gefühlte Ruhelosigkeit im Anhang in Bezug auf die sportliche Entwicklung, die oft ganz gut mit der Ruhelosigkeit von Rangnick und Mintzlaff (die als Verantwortliche natürlich auch ruhelos sein müssen) korrespondiert, in Zukunft noch eine Rolle spielt.

Transformiert sich die Ruhelosigkeit in einen Zustand relativer Glücksseeligkeit, auch zur Bundesliga zu gehören oder führt sie eher dazu, dass mit der Konsolidierung in der Bundesliga in der mittleren Zukunft zumal bei sportlichen Rückschritten eher eine deutliche Abnahme des Interesses einhergeht? So wie es mir in Hoffenheim zu sein schien, wo auf die erste Aufstiegs- und Erfolgseuphorie auch ein wenig ein Abflauen des Interesses folgte, nachdem klar wurde, dass man in der Bundesliga auf Dauer eher auf ’nur‘ durchschnittlichem Niveau mitspielen kann (erste Saison komplett ausverkauft, inzwischen nur noch bei einer Handvoll Spielen).

In Leipzig konnte man ein ähnliches Phänomen ja auch beobachten, wenn schon in Vor-Rangnick-Regionalligazeiten und zu frühen Zorniger-Tagen bis zu 1.000 Zuschauer zu Testspielen an den Cottaweg kamen und diese Zahl jetzt bei einem Bundesligisten RB Leipzig nicht wesentlich höher geworden ist. Ja, der Vergleich hinkt, weil man für die Testspiele inzwischen Eintritt nimmt (es dafür aber auch ein kleines Stadion gibt), aber darin deutet sich eben auch ein Stückweit an, dass man in Leipzig vor ein paar Jahren im Kern des Vereinsumfelds vielleicht noch ein Stück ausgehungerter war, was Fußball angeht und man inzwischen schon auch noch mal genauer auswählt, was man sich wann anschaut.

Nein, das ist gar keine Frage nach guten oder schlechten, echten oder falschen Fans, sondern einfach die offene und interessierte Frage, wie sich ein Club und vor allem sein Umfeld miteinander entwickeln, wenn statt des gewohnten „geh’n“ auch mal irgendwann steh’n dran sein könnte. Zumal ein Club, der erst sieben Jahre alt ist und zwar vor allem in der Regionalliga und in der zweiten Liga auch jeweils kürzere Phasen der (wichtigen) Konsolidierung und des Wachstums im Umfeld mitgenommen hat, aber meist dann eben doch (neutral formuliert) von Ruhelosigkeit und Vorwärtsstreben lebte.

„Zeit für uns zu geh’n“ wird man jedenfalls künftig (außer in einer ironischen Wendung bei einem Abstieg) rund um RB Leipzig erstmal nicht mehr singen können. Gekommen, um zu bleiben, ist das neue, noch nicht vertonte Motto. Mal sehen, wie viel Spaß das sich wieder mal neu zusammensetzende Umfeld am Bleiben und Gemütlichmachen nach der Gewöhnung an das vereinsseits gepflegte Erfolgsversprechen bzw. Erfolgsstreben auf Dauer haben wird.

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