Das Chamäleon Kimmich und andere Traumwelten

„Beeindruckt“ zeigte sich RB-U19-Spieler Renat Dadashov vor ein paar Wochen in einem Spox-Interview vom Ronaldo-Film: „Man hat gesehen: Ronaldo macht immer mehr als die anderen. Er will immer besser werden, jeden Tag. Das zeichnet ihn aus wie keinen Zweiten. Deswegen ist er der Beste der Welt.“

„Bester Fußballer der Welt“ war auch das Ziel das Dadashov in einer Sky-Doku Ende letzten Jahres für seine eigene Karriere ausgab. Entsprechend drehten sich seine Aussagen im Spox-Interview auch oft um Dinge wie die eigene „Weiterentwicklung“, „bewusst geopferte Freizeit“, „Einstellungssachen“ und „Disziplin“.

Manchmal darf es durchaus beängstigen, wenn bereits 16jährige (bzw. inzwischen 17jährige) ihre Lebensträume wie hochprofessionelle Karrieremanager artikulieren. Vermutlich landet man anders aber auch nicht als herausstechenderes Talent in einem Nachwuchsleistungszentrum, in dem sich diverse Nationalspieler tummeln.

Trotzdem muss man ja noch nicht mal großer Anhänger formaler Logik sein, um festzustellen, dass es nicht arg viele „beste Fußballer der Welt“ geben kann. Sprich, die Träume und Vorstellungen, die nicht nur ein Dadashov formuliert, sondern die in Deutschland und der Welt Tausende junger Fußballer haben (und es ist ja auch wichtiger Teil beim Betreiben des Sports und beim Heranwachsen, sich in Heldenrollen zu träumen), können zu einem recht hohen Prozentsatz gar nicht aufgehen. Sprich, bei allen glitzernden Storys, die täglich über den Fußball geschrieben werden, der Normalfall dürften enttäuschte Träume sein.

Keine Ahnung, wie sinnig es in diesem Zusammenhang ist, davon zu sprechen oder jungen Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass es im Kern darum geht, „immer mehr als die anderen“ zu machen, um Bester zu werden. Denn auch das hat natürlich seine Grenzen. Sei es beim Talent oder bei der körperlichen Entwicklung oder irgendwelchen Zufällen des Fußballs (z.B. zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein).

Sprich, „immer mehr als die anderen machen“ ist zwar eine Geschichte, die man schön erzählen kann, wenn man ganz oben angekommen ist und zurückblickt auf entbehrungsreiche Zeiten, die aber auf den niederen Karrierestufen auch ein völlig falsches Bild vermittelt, jeder könne alles erreichen oder (schlimmer) diejenigen, die nicht vorwärts kommen, hätten eben nicht alles gegeben.

Oder anders gesagt, der Pathos der Geschichten der oberen 1% der Fußballwelt vermittelt schönes Traum- und gleichzeitig ein unschönes Zerrbild, an dem gerade ein junger Fußballer auf der Suche nach seiner Identität als Person auch ganz schön krass scheitern kann, weil diesem Ideal zu entsprechen, für die Masse schlicht unmöglich ist. Bleibt zu hoffen, dass die meisten heranwachsenden Kicker ein Umfeld haben, das ihnen in diesem Prozess der Entwicklung des eigenen Ichs zwischen Anspruch und Wirklichkeit auch Halt gibt.

Die Geschichte von Renat Dadashov und die sich daran anschließenden Gedanken fielen mir wieder ein, als ich gestern unter anderem zu den Karriereaussichten eines Joshua Kimmich befragt wurde und dabei auch die Frage im Raum stand, ob diese Entwicklung hin zum Nationalspieler schon bei seinen ersten Schritten im Profifußball vor knapp drei Jahren vorhersehbar gewesen wäre.

Wenn man die Frage mit einem klaren Ja beantworten würde, wäre man vermutlich schon längst dreimal in Folge Scout des Jahres geworden. Bei einem 18jährigen, der in der dritten Liga debütiert und für den man in Stuttgart zuvor wegen seines Alters und angeblich stärkerer Konkurrenten in der U23 keinen Platz finden wollte, vorherzusagen, wo es ihn hinverschlagen wird, wäre hochgradig unseriös, weil die vielen Zufälligkeiten, die über den weiteren Karriereweg bestimmen und die vielen Unwägbarkeiten, die gerade im frühen Stadium einer Karriere noch existieren, schlicht nicht vorhersehbar sind.

Oder wieder nur im Nachhinein zur Geschichte werden können, weil einer von fünfen, denen man eine große Karriere vorhergesagt hat, dann auch tatsächlich eine große Karriere bestreitet und man das ganze mit einem hübschen ‚Hat man schon damals gesehen‘ rationalisieren kann.

Tatsächlich bietet sich das auch bei Joshua Kimmich an, der in seinem ersten Profi-Spiel von Beginn an mit seinen 18 Jahren auftrat, als würde er schon seit drei Jahren in diesem Umfeld spielen und zum auffälligsten Akteur auf dem Platz wurde. Wohlgemerkt nicht in irgendeinem Drittligaspiel, sondern in einem, in dem es für RB Leipzig zum überlegenen Spitzenreiter Heidenheim ging und eine Niederlage das Abrutschen ins graue Mittelmaß der dritten Liga bedeutet hätte.

„Phänomenale Granate“, so hieß es anlässlich von Kimmichs Auftritt damals hier im Blog am Rande des entsprechenden Spielberichts. Und das völlig zurecht.  Wohlgemerkt in einem Blog, in dem euphorische Ausrufe vorher und nachher im Zusammenhang mit einzelnen Spielern fast nie bis nie (mehr) vorkamen.

Das beeindruckende an einem Joshua Kimmich jener Tage waren neben seiner fußballerischen Klasse vor allem seine Art und Weise, auf höherem Niveau als zuvor (und nachdem man ihn erst mal zwei Monate lang nach Verletzung aufgepäppelt hatte) ins kalte Wasser geworfen zu werden und sofort zu schwimmen. Sprich, die beeindruckende Qualität bestand vor allem darin, sich chamäleonhaft von einem Moment auf den nächsten, an sein neues Umfeld anzupassen. Nur dass Kimmich noch dazu ein größeres Chamäleon als die anderen war.

Letztlich kommt man bei Kimmich nicht umhin festzustellen, dass es bei ihm vor allem der Kopf ist, der den Unterschied macht. Selbstbewusst in der Sache, zurückhaltend und höflich im öffentlichen Stil, aggressiv und siegorientiert auf dem Platz. Dazu vor allem lernwillig und intelligent in Bezug auf die Dinge des Fußballs.

Es gibt in Deutschland jedes Jahr sicher locker 100 Talente, die aus den Nachwuchsleistungszentren kommen, von den Bundesligen träumen und Scouts und Betreuer haben, die ihnen diesen Schritt zutrauen. Und dann gibt es einen Joshua Kimmich, der als eines der größeren Talente seines Jahrgangs gelten durfte (wofür er 2014 hinter Niklas Stark und Max Meyer im U19-Jahrgang auch die Fritz-Walter-Medaille in Bronze bekam; ein Jahr zuvor bekam er sie im U18-Jahrgang noch in Silber), für den aber sicher auch kaum jemand einen zwangsläufig vorgezeichneten Karriereweg wie bei einem Felix Kroos gesehen hätte.

Und der Unterschied dieses Kimmichs war halt, dass er neben seiner großartigen Spielübersicht, Passqualität und Sicherheit im Spiel unter Gegnerdruck vor allem auch einen guten Kopf, ganz viel Lernfähigkeit und ganz wenig Anpassungsprobleme in neuen Situationen mitbrachte. Qualitäten, die seine Entwicklung in den letzten drei Jahren im Vergleich zu anderen Spielern in dem Alter eben deutlich beschleunigte. Ist er aber nun deswegen heute EM-Fahrer, weil er mehr gemacht hat als die anderen? Dieser Schluss ist in einer Zeit der jungen Musterprofis mit Fitnessplänen, ganz viel Fußball im Kopf und permanenter Karrierearbeit sicher ein unzulässiger, auch wenn die Geschichte vermutlich auch mal so geschrieben wird.

Im aktuellen Kimmich-Hype bekommt man manchmal den Eindruck, mit dem 21jährigen wäre fast schon ein Messias auf den Rasen heruntergestiegen. Das ist natürlich genauso Quatsch wie die Gegenposition, Kimmich sei völlig überbewertet. Man darf in dem ganzen Diskurstrallala ja auch nie vergessen, dass Joshua Kimmich bisher auf höchstem Niveau vor allem Positionen gespielt hat, auf denen er vorher nicht zu Hause war.

Das gilt für den Innenverteidigerposten (der nun wirklich auf Dauer nicht Kimmichs sein kann) genauso wie für den aktuellen Rechtsverteidigerposten in der Nationalmannschaft. Dafür, dass er eigentlich aus dem zentralen Mittelfeld kommt, wo seine fußballerische Qualitäten der Ballkontrolle und der Spielübersicht eigentlich am besten aufgehoben sind, ist es schon unglaublich, dass er sowohl bei den Bayern als auch im Nationalteam gegen durchaus vorhandene Konkurrenz in der Viererkette in der Abwehr einen mindestens guten Job macht und dann eben von dort den einen oder anderen großartigen Pass durch die Ketten einstreut.

Um den Bogen nach oben zu spinnen, steht natürlich auch heute wieder die klassische Frage, wohin sich ein Joshua Kimmich in seiner Karriere noch entwickeln kann. Und eigentlich kann man heute wie vor drei Jahren angesichts des weiterhin sehr jungen Alters von Joshua Kimmich nur antworten, dass das seriös gar nicht vorhersehbar ist. Man denke nur an einen Lars Ricken, der mit 21 schon viele große Momente in Dortmund erlebt hatte und in den Folgejahren trotzdem nicht zu einem prägenden Fußballer in Deutschland wurde, wie dies alle erwartet hatten.

Man kann halt nur davon ausgehen, dass Joshua Kimmich bisher an drei Stationen (Leipzig, Bayern, Nationalmannschaft) gezeigt hat, dass man ihn auf höherem Niveau als zuvor aussetzen kann und er binnen kürzester Zeit dieses Niveau aufsaugt und sich auf ebendieses bringt. Ohne dabei abzuheben, mit Selbstbewusstsein, aber ohne Selbstüberschätzung. Wenn man das nimmt und die fußballerische Qualität danebenlegt, dann passt da schon enorm viel zusammen, was für eine Karriere sogar auf Bayern-Level spricht. Auf der anderen Seite ist Kimmich halt auch nur ein 21jähriger, der 23 Bundesligaspiele in den Beinen hat.

Aber am Ende kann das eben auch keiner vorhersagen. Gerade bei den Bayern nicht, wo ja auch keiner der Verantwortlichen sagen würde, dass der Jo doch so ein prima Junge und Talent sei und man ihm mal eben eine Position zuschanze auf der er per se gesetzt ist. Kommt jetzt eben ein neuer Trainer und plötzlich sitzt ein Kimmich vielleicht nur noch auf der Bank und schon redet keiner mehr über ihn. Dann höchstens noch im Zusammenhang mit Karriereknick und den Bayern als schlechter Vereinswahl für Talente.

Mir fehlt zwar ein wenig die Euphorie meiner Twitter-Timeline, in der jedes Auftauchen von Joshua Kimmich als großes Ereignis gefeiert wird, weil er ja schließlich in Leipzig (sozusagen) erwachsen wurde (und sich ja auch jetzt noch mit seiner ersten Profistation verbunden zeigt, wie u.a. seine Anwesenheit bei der internen RB-Aufstiegsfeier beweist), aber zu sehen, wie das einst 18jährige Jüngelchen, das auf dem Spielfeld nie ein Jüngelchen war, nun vorerst auf dem Niveau von Europas Besten mitspielt, macht durchaus Freude. Ach, sie werden so schnell groß..

Vielleicht ist ja auch einem Renat Dadashov eine solche Karriere vergönnt. Vielleicht aber auch nicht. Während man in eine große Karriere hineinwachsen kann, ist das schrittweise Zurechtstutzen eigener Ziele und Träume oder bei vielen auch das komplette Herausfallen aus der Leistungssportpyramide nur sicherlich der schmerzhaftere Prozess.

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3 Gedanken zu „Das Chamäleon Kimmich und andere Traumwelten“

  1. Also ich sehe in Kimmich schon seit einer Weile den möglichen Nachfolger von Philip Lahm – in der Nationalelf und mittelfristig auch bei den Bayern. Nicht unbedingt von der Spielanlage her, aber vom Typ, von der Lernfähigkeit, von der Eignung für fast jede Position, und vielleicht auch mal als Kapitän der Bayern und der Nationalmannschaft.

  2. Schön, dass Du Deine Ausagen aus dem Interview nochmals verbloggt hast.
    Der Vergleich mit Dadshov ist sehr gut bzw. ich denke in der Akademie sind sie alle so drauf und wollen auch dorthin, wo Kimmich und Co jetzt ist (was in dem Alter ja völlig normal ist) Da muss soviel passen und man braucht mehr als nur etwas Glück.

  3. Zugegeben, auch mich fasziniert in der derzeitig relativ fußballarmen Urlaubszeit, wie schnell sich die Blicke auf diesen unscheinbar wirkenden „Dauerjuniorenspieler“, Jo Kimmich werfen, der aus Stuttgart kommend, nach seinen ersten Auftritten bei „RaBa“, überraschend gleich auch nach dem Verkauf an den Primus Bayern München unter der fürsorglichen Aufsicht des Zapplers an der Außenlinie, Guardiola, auf das „Trapez“ kam, der scheinbar ein besonderes Auge für Ausnahmetalente hat. Unvergessen wird deshalb die Szene nach einem seiner ersten Einsätze bleiben, als er nach dem Schlusspfiff, für jedermann sichtbar, mit großen theatralischen Gesten des sportlichen Chefs„zusammengefaltet“ wurde, doch am Ende der Aufführung mit einem Klapps von ihm freudestrahlend plötzlich in die Kabine verabschiedet worden ist…… War es nur ein Aussetzer?

    Auf der Suche nach einer anderen Variante entschloss sich nun bei der EM der deutsche National-Teamchef Löw, den kleinen „Mitfahrer“ gegen die Nordiren in einen „Mitspieler“ umzuwandeln und hatte damit zur Freude vieler einen richtig guten Griff getan! Natürlich, lieber „RBB“ hätte ich mir gewünscht, dass Deine Euphorie vielleicht erst ein paar Spiele (falls vorhanden…) später ausgebrochen wäre, um die hier von Jo gezeigte Leistung dann auch bestätigt zu bekommen. Diesen kleinen Kerl muss man einfach gern haben, weil er gegenüber einem anderem EM- Fahrer aus Leipzig, der bereits im ersten Vorrundenspiel drei Tore schießen wollte und das weitere Geschehen vom Fernseher zuhause aus verfolgen kann, eher mit Zurückhaltung glänzt!

    Falls sein medizinisches Durchhaltevermögen, dass anerkennenswert in der kurzen Leipziger Zeit sehr gepflegt wurde, noch ein paar Jahre stabil bleibt, sich auch nicht mit „rückläufigen Verletzungssorgen“ beschäftigen braucht, kann mit weiteren größeren Taten gerechnet werden, die natürlich parallel noch seinen Marktwert erheblich in die Höhe treiben wird!

    Vergessen dürfen wir aber nicht, dass die Nordiren ihn aber zu großartigen Defensivarbeiten nicht gerade herausforderten. Dafür werden andere Brocken eventuell auch von ihm noch eventuell zu beseitigen sein!

    Nur am Rande war zuletzt die etwas krotesk wirkende offizielle Auslosung des DFB- Pokals zu erwähnen, weil u.a. ausgerechnet auch die „RaBa“- Freunde aus Leipzig vom „Bestatter“ ausgewählt wurden, in Dresden auszuscheiden……..

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