Leidenschaftslos

„Einsatz und Leidenschaft“ hätten, so analysierte Bela Rethy (nein, das wird kein spezielles Rethy-Bashing) nach dem Spiel zwischen Portugal und Island durch den Fernsehlautsprecher, gegen (sinngemäß) Qualität und individuelle Klasse einen Punkt geholt. Eine seltsame Reduktion der gespielten 90 Minuten, die vor allem dann immer gern genommen wird, wenn zuvor ein irgendwie ganz niedlicher Underdogson ein Ergebnis eingefahren hat, was man ihm nicht zutrauen wollte.

Seltsam deswegen, weil die Analyse nicht etwa darauf hinausläuft, dass ein Team, das im 4-4-2 und vor allem am eigenen Strafraum dicht und kompakt verteidigt hat, eine angemessene Taktik hatte, um dem das Spiel machenden Favoriten Probleme zu bereiten und man dazu noch eine Menge Glück mitbrachte, dass bei 20 Torschüssen weniger als der Kontrahent trotzdem noch ein Punkt raussprang. Seltsam auch, weil die Analyse nicht etwa beinhaltet, aufzuzeigen, an welcher Stelle der Favorit den Abwehrriegel vielleicht hätte besser, ruhiger und erfolgsversprechender bespielen können.

Nein, es muss irgendein mentales Defizit beim Favoriten vorgelegen haben. In Sachen Leidenschaft habe man Defizite gehabt. Ganz so, als würde sich Leidenschaft darin zeigen, dass man grätscht und die Defensivarbeit statt die Offensivbemühungen in den Mittelpunkt stellt. Nein, diesen merkwürdigen, das Bällchen bewegenden Portugiesen mit ihrem Ronaldo muss eine Sekundärtugend wie Einsatz gefehlt haben, nicht Glück oder taktische Klasse oder Mannschaftsorganisation oder individuelles Positionsspiel. Was fehlt sind entsprechend also offenbar Charaktereigenschaften und nicht etwa trainierbare Dinge.

Vielleicht hat man diese Argumentation im Zusammenhang mit dem einzig wahren RasenBallsport schon einige Male zu oft gehört und ist deswegen ein wenig (zu) sensibilisiert dafür. Denn wann auch immer RB Leipzig mal irgendwo oder gegen irgendwen verloren hat, muss es immer auch ein Sieg der Leidenschaft über die individuelle Qualität gewesen sein.

Wie auch immer sich das messen lässt. In einer diesbezüglich vielleicht am ehesten relevanten Kategorie wie dem läuferischen Einsatz jedenfalls kann sich das Analyseschema nicht begründen, wenn RB Leipzig in den letzten Spielzeiten jeweils das Team mit dem höchsten Laufaufwand der Liga war.

Letztlich gehorcht die Analyse natürlich auch keinen objektiv nachvollziehbaren Kriterien, sondern ist eher Ausdruck, wie diejenigen, die sie nutzen, auf die jeweils am Fußballspiel beteiligten Kontrahenten gucken. Bei RB Leipzig ist der Hintergrund natürlich klar. Bei diesem Club mit dem Kommerz und ohne Herz und den vielen zusammengekauften Spielern fehlt halt in den entscheidenden Situationen diese Leidenschaft, die Traditionsclubs auszeichnet. Bei den Portugiesen mag es dann vielleicht daran liegen, dass man ihre Künstler zu gegelt findet und ihnen deswegen mal eben charakterliche Nachteile in Sachen Einsatz und Leidenschaft unterstellt.

Keine Ahnung, ob sich darin so etwas wie der Wunsch nach Ursprünglichkeit Bahn bricht. Der Wunsch, dass Trutzburgen mit regionalem Flair es den globalisierten Fußballgruppen mit ihren Stars mittels mentaler Vorteile besorgen, die man nicht auf dem Transfermarkt oder der großen Fußballbühne erwerben kann. Ganz so, als wäre Einsatz und die Arbeit (und auch das Klima) im Team nicht auch bei großen Mannschaften über den Erfolg wesentlich mitentscheidende Kriterien.

Die Fokussierung nach einem glücklichen 1:1 eines Underdogs gegen den spielenden Favoriten auf Mentalitätsvorteile ist ziemlich abenteuerlich und sehr oft (aber natürlich auch nicht immer) arg spekulativ bis hin zu manchmal auch populistisch, wenn die Argumentation auf Vorurteilen oder Bescheidwissen gegenüber Teams aufbaut.

Spätestens seit Darmstadt sollte doch auch den Sonst-nur-Bundesliga-und-nie-zweite-Liga-Guckern klar geworden sein, dass eine klare Defensiv- und Mannschaftsorganisaion mit immer vielen Spielern hinter dem Ball für jede Mannschaft schwer zu bespielen ist und da Punktverluste immer drinliegen, selbst wenn der Gegner im Einzelvergleich fußballerisch unterlegen sein mag. Und das nicht, weil man weniger läuft oder weniger Einsatz einbringt oder weniger Herz hat, sondern weil es einfach unangenehm ist, immer gegen eine Wand anzulaufen. Geht halt manchmal einfach schief. Vor allem, wenn man die paar guten Chancen, die man dann doch kriegt, nicht nutzt und hinten einmal pennt.

Ist natürlich auch alles nicht so richtig wichtig. Seltsame Vereinfachungen sind ja durchaus essenzieller Teil beim Blick auf die Geschehnisse auf dem Fußballplatz. Ärgerlich sind sie halt trotzdem manchmal.

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4 Gedanken zu „Leidenschaftslos“

  1. Gibt es eigentlich überhaupt einen Fussballkommentator, der gut kommentiert? Ich glaube Du stellst zu hohe Ansprüche an etwas, dass eigentlich nur den Zweck hat zu unterhalten. Fussball ist kein Bildungsfernsehen. Der Kommentar auf einen Spiel soll eigentlich nur die Spannungskurve für 90 Minuten erzeugen von denen spielerisch meistens nur 15 Minuten wirklich spannend sind. Der Free TV Gelegenheitsfussballschauer hat im Schnitt eh keine Ahnung und all zu spezifische Taktik analysen würden den Zuschauer nur langweilen. Und beim TV geht es nunmal um Unterhaltung. Wenn man jemanden „Bashen“ sollte dann den Oli oder Memet, die Taktisch meistens wenig hinzuzufügen haben.
    Ich mag Bela… allein schon wegen seinem Namen.

  2. @Friedrich Ich hab gar nichts gegen Fußball-Kommentatoren im Allgemeinen und kann auch mit Bela Rethy sehr gut leben. Viel schwieriger kann der Job nicht sein, den man macht. Manches mag ich halt, manches nicht, bei den einen mag ich mehr, bei den anderen weniger. Aber das ist hochgradig subjektiv und deshalb auch nicht der Rede wert. Und nein, ich finde nicht, dass es den Zuschauer überfordert, wenn man statt ‚die hatten mehr Leidenschaft‘ sagt ‚die waren als Mannschaft besser organisiert und hatten auch Glück‘.

    @Wuppertaler: Unbedingt. 😉

  3. Was die köperlichen bzw spielerichen Aspekte betrifft, bin ich völlig bei Dir. Auch wenn ich den Spieler Pepe so leiden kann wie DSE, aber er steht für Einsatz und Leidenschaft wie kein anderer. Die paar Prozent Einsatz und Leidenschaft mehr, zeigt sich mMn nach im Kopf. Da waren die Isländern einen ticken besser eingestellt und die Portugal eben nicht, siehe Ausgleich.

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