Bilanzen vom Rande des Spielfelds 2015/2016

Zuschauerzahlen. Ein ständiger Quell der Freude im Universum von Fußballanhängern, Online-Fanseiten und Foren, um Beliebheit oder Unbeliebtheit, Tradition oder Kommerz nachzuweisen. Nicht zuletzt rekurrierte ja auch das Team Marktwert u.a. auf Zuschauerzahlen als Indikator für Clubs, die mehr zum Produkt Bundesliga und dessen Popularität beitragen.

Bei RB Leipzig zeigte sich in dieser Saison das erwartbare Phänomen, sich zuschauerzahlentechnisch im zweiten Zweitligajahr zu konsolidieren. Allerdings trat die Prognose von vor einem Jahr, dass die „30.000er-Grenze recht locker fallen“ wird, wenn man auf Kurs ist, die sportlichen Aufstiegsziele zu erreichen und es der Spannungsbogen hergibt, dann doch nicht ein.

Stadionbesitzer Michael Kölmel zeigte sich zuletzt im Interview bei der LVZ nicht ganz zu Unrecht ein wenig enttäuscht darüber, dass wichtige Spiele wie die gegen Sandhausen und Bielefeld dann doch nicht (und nicht mal ansatzweise) ausverkauft waren. Könnte auch ein guter Fingerzeig sein, wie sich die ordentlich teurer gewordenen Tagestickets nächste Saison gegen Ingolstadt, Augsburg, Darmstadt und Co verkaufen werden.

Zuschauerschnitt RB Leipzig seit Vereinsgründung

  • 2009/2010: 2.150
  • 2010/2011: 4.206
  • 2011/2012: 7.396
  • 2012/2013: 7.557 (ohne Relegation)
  • 2013/2014: 16.735
  • 2014/2015: 25.026
  • 2015/2016: 29.440

Nur noch ein Team aus der zweiten Liga schaffte es in dieser Saison auf einen Zuschauerschnitt von über 30.000. Nürnberg begrüßte zwar trotz größerem sportlichen Erfolg im Schnitt ein paar Zuschauer weniger als im Vorjahr, übernahm aber damit trotzdem die Spitze, dicht gefolgt von RB Leipzig und dem FC St. Pauli.

So richtig abgestürzt sind Düsseldorf und Kaiserslautern. Mit mehr als 7.000 Zuschauern pro Spiel weniger als in der erfolgreichen Vorsaison sind gerade die Pfälzer extrem gebeutelt worden. Schlechte Stimmung schon zu Saisonbeginn, nur wenige begeisternde Heimhiglights und schon wurde der einstige Zuschauerkrösus zu einem bessere Zweiligamittelklasseteam. Was auch finanziell eine ordentliche Lücke im unteren siebenstelligen Bereich in den Etat gerissen haben dürfte.

Düsseldorf hat es da mit reichlich 4.000 Zuschauern im Schnitt weniger vergleichsweise fast schon moderat erwischt. Angesichts der sportlichen Lage und dauerhaftem Spielen im unteren Tabellendrittel keine ganz überraschende Enwicklung.

Gewinner der Saison ist neben den Aufsteigern, deren Zuschauerschnitt naturgemäß deutlich nach oben ging, der FC St. Pauli, bei dem der Zuwachs sich vor allem dadurch erklärt, dass der Umbau des Stadions abgeschlossen wurde und sich dadurch die Kapazität dauerhauft auf knapp 30.000 erhöhte. Dahinter folgt dann schon RB Leipzig, die auch pro Spiel über 4.000 Anhänger mehr begrüßen konnten.

Insgesamt stieg der Zuschauerschnitt in der zweiten Liga um etwa 1.500 Fans pro Spiel. Wobei der Effekt komplett aus der veränderten Zusammensetzung der Liga resultierte. Mit Aalen, Aue, Ingolstadt und Darmstadt verließen Teams mit einem geringen Zuschauerschnitt die Liga. Vor allem mit Freiburg, Bielefeld und Duisburg kamen Teams mit deutlich größerem Zuschauerinteresse nach oben.

Vergleicht man nur die Zahlen der Teams miteinander, die auch letzte Saison schon Zweitligisten waren, dann sank die Besucherzahl gegenüber 2014/2015 sogar leicht um reichlich 100. Rechnet man auch noch den FC St. Pauli raus, dessen Zahlen sich mit dem Vorjahr aufgrund des Stadionumbaus nicht so recht vergleichen lassen, dann bleibt für die anderen 13 Teams gar ein Minus von  ungefähr 600 Zuschauern pro Spiel übrig.

Ob man das jetzt schon als ein generell abflauendes Interesse an Zweitligafußball interpretieren kann, bleibt jedem selbst überlassen. Fakt ist, dass gerade das Potenzial in Kaiserslautern, Düsseldorf und 1860, wo man im Umfeld eher unzufrieden darüber ist, dass man es sich in der zweiten Liga gemütlich oder eben ungemütlich macht, deutlich höher ist, als die im Schnitt rund um die 25.000 Zuschauer, die man dort jeweils begrüßt.

Eine kleine Spielerei am Rande die Zuschauerzahl pro 100.000 Einwohner. Die Zweitteams aus Berlin, Frankfurt, München und Hamburg hier mit niedrigen Zahlen, die ihrem Status als Nischenclubs und der Größe der Stadt geschuldet sind. In Berlin kommen bspw. pro 100.000 Einwohner nur 571 Zuschauer zu den Spielen. Eine Art städtische Randsportart sozusagen.

Die breite Masse an Vereinen begrüßt irgendwas zwischen knapp 4.000 und reichlich 10.000 Zuschauern pro 100.000 Einwohnern. Die kleinen Städte, die bei ihrem Zuspruch vor allem auch auf die Regionen drumherum setzen (Sandhausen, Heidenheim, Kaiserslautern) oder sich sogar Region nennen, zählen irgendwas ab 26.000 Zuschauern aufwärts pro 100.000 Einwohnern bei ihren Heimspiel. Wie gesagt, nur eine Spielerei, weil sich das Publikum natürlich fast nirgendwo nur aus der Stadt rekurriert, in der der Verein beheimatet ist.

[Heim = Zuschauerschnitt bei den Heimspielen; +/- Vorjahr = Veränderung beim Zuschauerschnitt bei den Heimspielen im Vergleich zur Vorsaison 2014/2015; Heim/100.000 = Anzahl der Zuschauer pro 100.000 Einwohner der jeweiligen Stadt – Sandhausen hat bei 15.000 Einwohner 6229,4 Zuschauer, 15.000 *6,67 sind 100.000 Einwohne, 6229*6,67 sind 41.529 Zuschauer auf 100.000 Einwohner]

Team Heim+/- VorjahrHeim/100000
Freiburg123318-53210551
Leipzig22944144155534
Nürnberg330724-606157
St. Pauli42935547401667
Bochum51800611194974
Union619785656571
Karlsruhe716019-13625340
Braunschweig821193-5178546
Fürth910268-15098557
Kaiserslautern1025870-712626398
Heidenheim111280822627251
Bielefeld121753429975330
Sandhausen13622932641529
Düsseldorf1425897-41164323
1860152335914411659
Duisburg161789044043681
Frankfurt176554-77934
Paderborn1810929-39307589

Das bestbesuchte Spiel der Saison richtete wie schon in der letzten Saison der TSV 1860 München aus. Damals war es der Abstiegskrimi gegen Nürnberg, diesmal war es der Abstiegskrimi gegen Paderborn. 15.000 Zuschauer weniger waren es diesmal aber trotzdem, sodass reichlich 54.000 Zuschauer als Topwert stehen bleiben.

Am anderen Ende des Spektrums besuchten gerade mal reichlich 4.000 Anhänger die Partie zwischen Frankfurt und Sandhausen. Jene beiden Vereine also, die auch insgesamt in der Zuschauertabelle das Ende bildeten. Und mit ihren reichlich 6.000 Zuschauern im Schnitt noch deutlich hinter den kleinen Zweitligastandorten Heidenheim, Paderborn, Fürth mit ihren zwischen 10.000 und knapp 13.000 Besuchern lagen.

Aufschlussreich auch noch, wenn man die Differenz zwischen bestbesuchtem und schlechtestbesuchtem Heimspiel betrachtet. Beim FC St. Pauli kamen selbst zum schlechtestbesuchten Heimspiel gegen Fürth 96% der Zuschauer, die kamen, wenn das Stadion ausverkauft war. Sprich, die Auslastung am Millerntor sank nie unter 96%. Ein extrem hoher Wert, der von rein wirtschaftlicher Seite her auch einen Ausbau rechtfertigen würde. Elfmal das Schild ausverkauft an den Toren ist ein weiterer Beleg für die These.

Über sehr hohe Auslastungen können sich auch Freiburg, Braunschweig und Union freuen, bei denen das Stadion auch nie zu weniger als 82% gefüllt war. Heidenheim wiederum hatte zwar nie ein ausverkauftes Stadion, aber beim schlechtestbesuchten Spiel kamen trotzdem immerhim ungefähr dreiviertel der Leute wie bei den bestbesuchten Spielen.

Am unteren Ende der Skala der TSV 1860 München, der gegen Paderborn zwar das große Potenzial sah, aber ansonsten auch oft unter 20.000 Zuschauer begrüßte. Gegen den FSV Frankfurt waren es gar nur reichlich 14.000 Besucher und damit nur ungefähr ein Viertel der Besucher vom Paderborn-Spiel.

Interessant vielleicht noch RB Leipzig bei denen die Spannbreite bei den Besucherzahlen auch relativ hoch ist. Beim schlechtesbesuchten Heimspiel (gegen Frankfurt) waren nicht mal halb so viele Zuschauer wie beim bestbesuchten Spiel (Aufstiegsfinale gegen Karlsruhe) im Stadion. Mehr noch, während man mit dem Zuschauerschnitt auf Platz 2 liegt haben gleich sechs Vereine höhere Minuskulissen gehabt als RB Leipzig. Auch dies ein Indiz dafür, dass es dem Club nicht ganz so leicht fällt, im Ligaalltag und jenseits von großen Namen das Stadion zu füllen.

Im Gegensatz zum FC St. Pauli, zu dem auch im schlechtesten Fall über 28.000 Fans kamen. Was mit riesigem Abstand der Bestwert beim ligaweiten Vergleich der Minuskulissen ist.

[Best = Anzahl der Zuschauer beim bestbbesuchten Heimspiel; Schlechtest = Anzahl der Zuschauer beim schlechtestbesuchten Heimspiel; Range = Wieviel Prozent des bestbesuchten Spiels besuchten auch das schlechtestbesuchte Spiel?; Ausverkauft = Anzahl der ausverkauften Heimspiele]

TeamBestSchlechtestRangeAusverkauft
Freiburg2400021900916
Leipzig4255919119452
Nürnberg5000021561431
St. Pauli29546284219611
Bochum2756111479420
Union2201218026822
Karlsruhe2529711831470
Braunschweig2305019667852
Fürth172007960461
Kaiserslautern3303619342590
Heidenheim1480011300760
Bielefeld2506413848550
Sandhausen105154427420
Düsseldorf3468821241610
18605410014100260
Duisburg2850012509441
Frankfurt125424084331
Paderborn150007832522

Über 34 Spiele gesehen ist es wieder der FC St. Pauli, der die meisten Zuschauer anlockt. Im Schnitt 26.300 Zuschauer besuchten die 34 Spiele. Fast jede Woche Bundesligaatmosphäre. Sandhäuser Spieler kicken dagegen Woche für Woche vor nicht mal 12.000 Fans.

Veranwortlich für den Schnitt der Hamburger, dass im Schnitt über 23.000 Zuschauer auch die Auswärtsspiele verfolgen. Mit Abstand Platz 1 in dieser Kategorie. Was nur wieder zeigt, dass der FC St. Pauli als bundesweite Marke über den eigenen Anhang hinaus auch bei den Gegnern zieht. Das könnte eine sofortige Zwangsmitgliedschaft beim Team Marktwert mit sich bringen.

Sieben Vereine werden im Schnitt der 34 Spiele von mehr als 20.000 Zuschauern gesehen. Neben St. Pauli sind das die fünf Clubs mit längerer Bundesligahistorie und entsprechender Selbstsicht, da auch mal wieder hin zu wollen oder eben nächste Saison hinzudürfen (Nürnberg, Kaiserslautern, Düsseldorf, 1860, Freiburg).

Dazu gesellt sich RB Leipzig, wo sich mal wieder zeigt, dass man aufgrund der besonderen Polarisierung um den Verein eben auch besonders attraktiv sind. Obwohl man die sechstschlechteste Auswärtsfahrerbilanz (bei nicht immer optimaler Terminierung) hatte und es kaum regionale Verknüpfungen mit Leipzig in der zweiten Liga gibt (also Derbycharakter oder ähnliches bei den Heimmannschaften keine Rolle spielte), wollten im Schnitt fast 20.000 Zuschauer die RB-Auswärtsspiele sehen.

[Schnitt = Gesamtzuschauerschnitt über 34 Spiele; Auswärts = Zuschauerschnitt bei 17 Auswärtsspielen; Auswärtsfans = Schnitt der mitreisenden Fans bei 17 Auswärtsspielen laut Quelle (wie vertrauenswürdig die Daten sind, bleibt unklar; die für RB Leipzig stimmen ungefähr, von daher sollte man davon ausgehen, dass dies auch für den Rest gilt)]

TeamSchnittAuswärtsAuswärtsfans
Freiburg21476196341750
Leipzig24670198991050
Nürnberg25754207853225
St. Pauli26310232662810
Bochum18207184091280
Union18856179281400
Karlsruhe17659193001610
Braunschweig19460177271230
Fürth1421618163650
Kaiserslautern23150204302160
Heidenheim1476116714430
Bielefeld18340191451680
Sandhausen1177617323190
Düsseldorf22586192751960
186021544197291670
Duisburg18703195171600
Frankfurt1208317613180
Paderborn1563620344460

Je viermal sorgten Nürnberg, St. Pauli und Karlsruhe bei ihren Auswärtsspielen für die jeweiligen Saisontopkulissen ihrer Kontrahenten. Bei Nürnberg zeigt sich darin die große Beteiligung an Auswärtsfahrern. Bei St. Pauli zeigt sich das Funktionieren der Nischenmarke. Und beim KSC ist es eine Mischung aus regionalen Gründen (Spiele in Sandhausen und Freiburg) und Zufall (Aufstiegsspiel in Leipzig erwischt).

Frankfurt und Fürth waren als Auswärtsteam nie an einer Topkulisse des jeweiligen Gastgebers beteiligt. Sandhausen und Heidenheim profitieren von ausverkauften Stadien in Hamburg und Freiburg. Leipzig zieht zwar im Schnitt gut Zuschauer, aber für häufige Topkulissen reicht die Anziehungskraft nicht. Lediglich beim FC St. Pauli spielte man wie zehn andere Teams auch vor der Topkulisse der Hamburger, nämlich einem ausverkauften Haus.

Topkulissen der 18 Zweitligateams gegen (Mehrfachnennungen, weil bei Freiburg, St. Pauli, Union und Paderborn mehr als einmal die gleiche Topkulisse zusammenkam):

  • Nürnberg, St. Pauli, Karlsruhe – je 4mal
  • Freiburg, 1860 – je 3mal
  • Kaiserslautern, Union, Bielefeld, Duisburg , Paderborn, Düsseldorf – je 2mal
  • Heidenheim, Braunschweig, Sandhausen, Leipzig, Bochum – je 1mal

Gleich neun Teams waren auf ihren Auswärtsfahrten nie an den Minuskulissen der 18 Teams in ihren Heimspielen beteiligt. St.Pauli, Leipzig, Nürnberg, Kaiserslautern, Düsseldorf, 1860, Duisburg, Karlsruhe und (weniger naheliegend) Heidenheim fanden immer mehr Interesse bei ihren Auswärtsfahrten als mindestens ein anderes Team der Liga.

Nicht ganz überraschend sind es Frankfurt, Sandhausen, Fürth und Paderborn, die bei 12 von 18 Zweiligavereinen jeweils für die Saisonminuskulisse gesorgt haben. Braunschweig, Bochum, Bielefeld, Union und auch Freiburg teilen sich die restlichen sechs Vereine.

Minuskulissen der 18 Zweitligateams gegen (Mehrfachnennungen, weil Heidenheim gleich gegen vier Teams dieselbe Minuskulisse hatte):

  • Frankfurt, Sandhausen, Fürth – 4mal
  • Paderborn – 3mal
  • Braunschweig – 2mal
  • Bochum, Bielefeld, Union, Freiburg – 1mal

Einmal quer drüber gesprochen über die Zweitligazuschauerzahlen sticht der FC St. Pauli heraus, der in der abgelaufenen Saison das Zugpferd der Liga war. Dahinter richtet sich viel nach sportlichem Abschneiden, ist aber bei den alt- oder nicht ganz so alteingesessenen Zweitligavereinen eher ein abnehmendes Interesse zu konstatieren. Teams wie Sandhausen und Frankfurt fallen gegenüber dem Rest deutlich, Fürth, Paderborn und Heidenheim nicht ganz so deutlich ab. Zwei dieser Teams verlassen die Liga nun.

Paderborn dürfte nächste Saison rein zuschauertechnisch durch Aue recht adäquat ersetzt werden. Dresden, Stuttgart und Hannover werden ihrerseits für einen recht deutlichen Anstieg des Gesamtschnitts sorgen. Interessant wird dabei allerdings die Frage, inwieweit die Teams, die in der zweiten Liga bleiben, ihren Zuschauerschnitt erhöhen können oder ob dieser weiter fallen wird.

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Datenbasis: eigene Sammlung unter Ergänzung von transfermarkt.de-Daten und den Auswärtsfahrerdaten einer Zweitliga-Fanpage.

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Ein Gedanke zu „Bilanzen vom Rande des Spielfelds 2015/2016“

  1. Sehr schöne Zahlenspielerei!
    Ich bin gespannt, wie die DFL Rasenballsport Leipzig in den Spielbetrieb ansetzen wird. Einige 2. Liga-Termine (vor allen auswärts) waren ja sehr ungünstig für so manchen Fan. In der 1. Liga wird es ja auch nicht kürzer werden oder?
    Ok, BÄRlin bleibt gleich 😉
    Da gibt es doch bestimmt schon Statistiken dafür?!

    Ich bin auch skeptisch, was die Zuschauerzahlen für die neue Saison angeht und tippe auf 76% Auslastung (Außnahme, man spielt von Beginn an um die CL-Plätze, aber das wird nicht passieren)

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