Kaderrückblick RB Leipzig: 2.Liga 2015/2016 – Teil I

Weiter Rückblickzeit auf die Zweitligarunde in dieser langen Sommerpause. Traditionell dabei auch der subjektiv-qualitative Blick auf alle Spieler und ihre Leistungen. Auch unter Berücksichtigung ihrer möglichen Zukunftsperspektiven. Geordnet ist das ganze nach Positionen (Tor, Verteidigung, Mittelfeld, Sturm) und innerhalb dieser Positionen nach Einsatzzeit. Los geht es heute mit den Keepern und den Verteidigern. In den nächsten Tagen dann Mittelfeldspieler und Angreifer.

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Tor

Fabio Coltorti (35 Jahre, 22 Spiele, 1923 Minuten): Über die Saison gesehen weiter der Keeper mit der größten Einsatzzeit bei RB Leipzig. In der Rückrunde allerdings kaum noch eingesetzt. Zuerst war er verletzt und als er wieder gesund war, blieb Gulacsi trotzdem im Tor. Nur im entscheidenden Aufstiegsspiel gegen Karlsruhe durfte Coltorti noch mal in den Kasten zurückkehren und überzeugte dort mit seinen Qualitäten in Sachen Ausstrahlung und Präsenz. Genau in diesen Kategorien und in der Strafraumbeherrschung hatte der Schweizer im Saisonverlauf auch seine Vorteile gegenüber Gulacsi. Dass Coltorti trotzdem zwischenzeitlich seinen Status als Nummer 1 verlor, überraschte deswegen ein wenig. Als Typ ist Coltorti fürs Team weiter unheimlich wichtig. Ein Jahr hätte er auch noch Vertrag, nachdem der sich durch den Aufstieg verlängerte. Wird von den Neuverpflichtungen abhängen, wie es für Coltorti in der kommenden Saison weitergeht. Ob überhaupt bei RB Leipzig (wo er gern bleiben will) und wenn ja, dann auf welcher Position in der Torhüterrangfolge. Aktuell kann man sich ein Team ohne Coltorti noch schwer vorstellen. Es gab vieles auf und neben dem Platz, mit dem sich Coltori in nunmehr vier RB-Jahren in den Herzen der geneigten Beobachter festgesetzt hat.

Auch im vierten Jahr bei RB Leipzig ein sicherer Rückhalt - Fabio Coltorti bleibt die Nummer 1 | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Peter Gulacsi (26 Jahre, 15 Spiele, 1317 Minuten): Kam nach der Winterpause für den verletzten Coltorti in den Kasten und überzeugte als Torhüter mit starken Reflexen und gutem Verhalten in Eins-gegen-Eins-Situationen. Hat seine Schwächen in Präsenz, Ausstrahlung und bei Flanken. Fängt im Vergleich mit Coltorti relativ wenig hohe Hereingaben ab, hält dafür auf der Linie viele Bälle und auch viele Bälle fest. Guter Keeper mit unklaren Zukunftsperspektiven. Man wird auch hier abwarten müssen, welche Neuverpflichtungen RB Leipzig tätigt und wo der Ungar dann seinen Platz findet. Dauerhafte Nummer 1 in der Bundesliga dürfte nach jetzigem Stand ziemlich schwer sein. Angesichts seiner 26 Jahre hat Gulacsi aber als Torhüter auch noch Entwicklungspotenzial.

Benjamin Bellot (25 Jahre, 0 Spiele, 0 Minuten): Das dritte Rad am Torhüterroller. Bekam seine Einsätze in der U23, wo er praktisch Stammkeeper war, aber auch gelegentlich Unsicherheiten zeigte. Mehr als Regionalliga war für ihn nicht drin und mehr wäre auch künftig für ihn bei RB Leipzig nicht drin. Beim RB-Urgestein (seit 2009 dabei) stellt sich mehr noch als in den letzten Jahren die Frage, wie und wo es für ihn weitergeht. Hängt halt auch davon ab, wie sich Bellot selbst seine weitere Karriere vorstellt. Torhüterposten sind in Deutschland nicht gerade üppig vorhanden und schon ein Drittligakasten dürfte schwer zu kriegen sein.

Verteidigung

Willi Orban (23 Jahre, 33 Spiele, 2934 Minuten): Der Dauerbrenner mit guten Zweikampfwerten in der Innenverteidigung. Kam vor der Saison aus Kaiserslautern und nahm seinen Platz bei RB Leipzig wie selbstverständlich ein. Hat seine Probleme in der Sprintschnelligkeit, wo er desöfteren mal gegen seine Gegenspieler bei Bällen in die Tiefe das Nachsehen hatte. Das aus Kaiserslautern bekannt gute Aufbauspiel sieht man inzwischen wieder immer öfter von Orban. Aber auch da ist noch Luft nach oben. Mit seinen 23 Jahren ein Spieler mit guter Bundesligaperspektive. Dafür muss aber auch noch ein Leistungssprung kommen und selbst dann stellt sich die Frage, wie er auf Dauer Geschwindigkeitsnachteile ausgleichen kann. Das nächste Jahr und wie er sich gegen mögliche neue Konkurrenz durchsetzen kann, wird spannend für Orban, der selbst für die Zukunft noch mit dem Nationalteam liebäugelt.

Innenverteidiger mit fußballerischen Qualitäten - Willi Orban startet als Neuzugang voll durch | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Lukas Klostermann (19 Jahre, 31 Spiele, 2531 Minuten): Das Nesthäkchen im Team. Durchaus beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit Klostermann mit gerade mal 19 Jahren seine Rolle als Rechtsverteidiger konstant bekleidete. Ein junges Talent ohne Flausen im Kopf. Hohe Grundschnelligkeit, gute Technik. Hat alle Voraussetzungen für eine gute Karriere auch in der Bundesliga. Dafür wird er aber weiter an seinem Zweikampfverhalten arbeiten müssen, wo er manchmal noch Nachteile gegenüber seinen Defensivkollegen hat. Offensiv ist schon vieles mindestens ordentlich, auch wenn es vor dem Tor etwas abgeklärter sein darf. War im Kader auf seiner Position bisher konkurrenzlos. Schwer vorstellbar, dass das nach dem Transfersommer immer noch so sein wird. Auch diesbezüglich wird es spannend, wie es für Klostermann weitergeht.

Marcel Halstenberg (24 Jahre, 25 Spiele, 2053 Minuten): Kam kurz vor Ablauf der Sommertransferperiode vom FC St. Pauli und beeindruckte sofort mit herausragenden Leistungen. Wirkte unmittelbar, als wäre er schon lange Spieler bei RB Leipzig. Ließ im Saisonverlauf etwas nach, ohne dass er tatsächlich längere Schwächphasen gehabt hätte. Probleme mit der Nasenscheidewand führten zu gelegentlichen krankheitsbedingten Ausfällen. Auch wegen dieser Ausfälle war die Rückrunde nicht mehr ganz so auffällig. Trotzdem in beide Richtungen des Feldes ein aktiver und präsenter Linksverteidiger von einer Qualität wie es sie in Deutschland und gerade in der zweiten Liga nicht viele gibt. Auch an vielen Toren direkt oder in der Vorbereitung beteiligt. Könnte noch öfter als Torschütze in Erscheinung treten, aber das ist dann Meckern auf hohem Niveau. Mit Halstenberg ist RB Leipzig Richtung Bundesliga links hinten jedenfalls schon mal sehr gut besetzt.

Marvin Compper (30 Jahre, 23 Spiele, 1996 Minuten): Im Defensivbereich vielleicht die beeindruckenste Entwicklung nach der Winterpause. War defensiv stabil und löste viel über Erfahrung und gutes Stellungsspiel, mit dem er auch immer wieder den Kollegen helfend zur Seite sprang. War darüber hinaus aber auch im Offensivspiel enorm wichtig. Traf dreimal selbst und bereitete sieben weitere Tore direkt oder durch Zweikampfgewinne in der Defensive oder gutes Agieren als zusätzlicher Mann in der Vorwärtsbewegung vor. Der mit Abstand älteste Feldspieler im Team von RB Leipzig wurde so zum Kopf der Verteidigung und auch zu einer der zentralen Stützen im Team. In der Form der Zeit nach der Winterpause unverzichtbarer Teil im RB-Mannschaftsgefüge.

Anthony Jung (24 Jahre, 24 Spiele, 1221 Minuten): Rutschte durch Marcel Halstenbergs Verpflichtung in die Rolle eines Ergänzungsspielers, der links hinten aushalf, wenn Halstenberg fehlte oder links vorn eingewechselt wurde, wenn Forsberg konditionell durch war oder man nochmal mehr Einfluss im Pressing oder mehr defensive Stabilität brauchte. Blieb bei seinen Spielen bei allem Einsatz meist eher unauffällig bzw. mit wenig Einfluss auf das Spiel. Solide, aber ohne große Glanzpunkte. Gerade in der Offenisvdynamik bleibt Jung oft weit hinter Halstenberg zurück. Hat einige Anlagen und noch Vertrag bis 2019. Dass er aus seiner Rolle als Ergänzungsspieler in der Bundesliga plötzlich herauswachsen kann, scheint nach heutigem Stand aber eher unwahrscheinlich.

Georg Teigl (25 Jahre, 12 Spiele, 788 Minuten): Nach der Hinrunde auf dem Abstellgleis, da rechts hinten Klostermann klar vor ihm stand und offensiv für ihn im RB-System kein richtiger Platz zu finden war. Kam nur noch zu wenigen Spielminuten nach der Winterpause, sodass die Nichtverlängerung seines Vertrags folgerichtig war. Wechselt nach Augsburg, was angsichts seiner Zweitligaersatzbankrolle ein großer Schritt zu sein scheint. Könnte aber mit seiner überragenden Schnelligkeit als offensiver Außenspieler gut in ein Bundesligateam mit Fokus auf dem Umkehrspiel über die Außenbahnen passen. Auch in Leipzig konnte er früher in so einer Rolle schon gute Leistungen zeigen.

Atinc Nukan (22 Jahre, 14 Spiele, 682 Minuten): Stand aufgrund seiner hohen Ablösesumme unter besonderer Beobachtung. Zeigte in einigen Phasen, warum Rangnick in ihm ein großes Talent erkannt hatte. Hat sehr gute Anlagen im Zweikampf und ist gerade in der Luft kaum zu bezwingen. Auch sein linker Fuß lässt manchmal gestochen scharfe Flachpässe quer durch des Gegners Reihen vom Stapel. Insgesamt aber zu oft ein Unsicherheitsfaktor, weil er im Zweikampf auch gern mal zur Grätsche und zur gelben Karte neigt oder im Stellungsspiel noch nicht optimal agiert. Viel Potenzial und auch eine gute Notnageloption als tiefer Sechser. Die Frage ist halt, ob das für Spielzeit in der Bundesliga reicht. Angesichts seiner stabilen Konkurrenten, die auch nicht weniger werden, darf man da skeptisch sein. Da Nukan auch nicht in der U23 agieren darf, könnte fehlende Einsatzzeit weiter das Hauptproblem für den 22jähren bleiben.

Stefan Hierländer (25 Jahre, 2 Spiele, 167 Minuten): Früh in der Saison auf dem Abstellgleis. Blieb nur bis zum Saisonende, weil es mit einem Wechsel im Winter nicht klappte. RB hätte ihm bei einem Wechsel keine Steine in den Weg gelegt. Nahm seine Situation an und wurde zu einer wichtigen Stütze der U23. Kommende Saison sieht er sich irgendwo bei einem Zweitligaclub. Wird auch nicht uninteressant, ob Hierländer sich irgendwo in der zweiten Liga auf einer Mittelfeldposition dauerhaft durchsetzen kann. In Leipzig hatte er da nur sehr wenig Glück und konnte nie konstant zeigen, dass er auf diesem Niveau unverzichtbar oder spielprägend ist.

Ken Gipson (20 Jahre, 2 Spiele, 133 Minuten): Nur in der Hinrunde mal bei den Profis im Einsatz. In der Rückrunde ausschließlich U23-Einsätze, wo er in er kommenden Saison auch dauerhaft eingegliedert werden soll. Schwer vorherzusagen, wo Gipsons Weg hingeht. Hat prinzipiell viel Dynamik und Tempo. Ist für einen Außenverteidiger allerdings in manchen Situationen auch noch zu ‚leicht‘ und braucht in seiner Zweikampfführung noch ein, zwei Entwicklungsschritte.

Insgesamt waren die Rollen im Defensivbereich bei RB Leipzig erstaunlich klar verteilt. Wenn keine Ausfälle zu beklagen waren, dann führte an der Kette Klostermann, Orban, Compper, Halstenberg kein Weg vorbei. Man braucht keine prophetischen Kräfte, um zu prognostizieren, dass der Transfersommer dafür sorgen wird, dass vor allem rechts hinten und in der Innenverteidigung der Konkurrenzkampf größer wird und die Kette in der Bundesliga vielleicht noch mal ein anderes Gesicht haben wird. Wer dann dahinter den Torhüter gibt, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht seriös prognostizieren. Das kann von einem Neuzugang über Coltorti bis hin zu Gulacsi alles sein.

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Bisherige Kaderrückblicke:

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Bilder: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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