Kaderschmiede RB Leipzig 2016/2017

Sommerpause ist und damit, man merkt das schon an den täglichen Pressemeldungen, die Hochzeit der Kaderplanung. Im Gegensatz zum Vorjahr sind die Aktivitäten bei RB Leipzig allerdings überschaubarer geworden, weil die Anzahl der formal zurückkehrenden Leihspieler gering ist und nur wenige Verträge auslaufen. Mithin ist die Zukunft der meisten Spieler, die aktuell bei RB Leipzig unter Vertrag stehen oder in der abgelaufenen Spielzeit unter Vertrag standen, geklärt.

Das betrifft vor allem Georg Teigl und Stefan Hierländer, die als einzige Spieler am Rande der Aufstiegsparty offiziell verabschiedet wurden. Und es betrifft auch Patrick Strauß und Ken Gipson, die in der abgelaufenen Spielzeit noch bei den Profis trainierten und bei der U23 spielten und künftig nur noch beim Nachwuchsteam trainieren und spielen sollen.

Zwei Leihspieler hat RB Leipzig, die theoretisch nach der Sommerpause wieder zum Kader gehören. Bei Zsolt Kalmár werden schon erste Wechselgerüchte gestreut. Der KSC soll bsow, interessiert sein. Alles andere als ein Wechsel wäre wohl auch sinnlos. Dass Kalmár nach schwerer Zeit in Leipzig und nicht viel besserer Zeit beim FSV Frankfurt nun plötzlich seinen Platz in einem Bundesligateam findet, ist im Normalfall nicht anzunehmen. Falls er mit Tomas Oral tatsächlich einen Trainer gefunden hat, der auf ihn steht und ihn fördern will, sollte er diesen Weg unbedingt gehen.

Zweiter Leihspieler, der theoretisch zu RB Leipzig zurückkehren müsste, ist Omer Damari. Bei ihm ist die Sache schon schwieriger. In Salzburg konnte er sich auch, aber nicht nur wegen Verletzungen nicht weiterempfehlen, machte nur 16 Spiele, in denen er an acht Toren beteiligt war. Damari ist ein in vielerlei Hinsicht hervorragender Spieler mit guter Technik und viel Überblick im Spiel. Ein Torjäger oder herausragender Pressingspieler ist er dagegen nicht, weswegen eine Rückkehr mit Perspektive nach Leipzig schwer denkbar ist.

Damari braucht genaugenommen eine Jobperspektive außerhalb von Red Bull. Was für ein Verein nach eineinhalb schweren Jahren kommt und Damari will und vielleicht auch noch 3,50 Euro Ablöse zahlt (Damari kam vor eineinhalb Jahren für kolportierte über sechs Millionen Euro nach Leipzig), ist aktuell schwerlich absehbar.

Wenn man diese Personalien einmal abgezogen hat, dann bleibt ein Kader von 20 Spielern übrig, die über einen Vertrag bei RB Leipzig verfügen und auch bei den Profis trainieren würden, wenn denn morgen Trainingsbeginn wäre. Mit in der Liste aufgeführt ist Terrence Boyd, der nach mehr als eineinhalbjähriger Verletzungszeit von seiner Persönlichkeit und von seinem Standing her weiter zum Profiteam gehört. Dass er aber zum Beginn der Vorbereitung wieder fit sein und dann beim Bundesligateam durchstarten wird, ist schwerlich anzunehmen. Gut möglich, dass man ihn über die Regionalliga wieder aufbauen würde, wenn er denn wirklich komplett gesundet ist.

Nimmt man das alles zusammen, dann kommt man auf folgenden Kader für die Zweitligasaison 2015/2016 (in Klammern Wackelkandidaten):

  • Tor: (Peter Gulacsi), (Fabio Coltorti), (Benjamin Bellot)
  • Außenverteidiger: Lukas Klostermann, Marcel Halstenberg, Anthony Jung
  • Innenverteidiger: Marvin Compper, Atinc Nukan, Willi Orban
  • Mittelfeld: Stefan Ilsanker, Diego Demme, Dominik Kaiser, Emil Forsberg, Massimo Bruno, (Rani Khedira)
  • Sturm: Davie Selke, Yussuf Poulsen, Marcel Sabitzer, (Nils Quaschner), (Terrence Boyd)

Die Torhüterposition ist seltsam, weil dort alles oder fast gar nichts passieren kann. Sprich, es sind zumindest Konstellationen denkbar, in denen jeder der drei aktuellen Keeper (aber nicht alle drei gleichzeitig) seinen Hut nimmt. Aber es ist auch der unwahrscheinlichere Fall denkbar, dass gar nichts passiert. Das ist aber wohl nur eine theoretische Option.

Wahrscheinlich ist, dass ein Neuzugang kommt, der die klare Nummer 1 ist oder Potenzial zur Nummer 1 hat. Die bisherigen Gerüchte von Leno über Horn bis hin zu Zieler, Schwolow und Marius Müller verdeutlichen das. Sollte das der Fall sein, ist anzunehmen, dass einer der beiden bisherigen Stammkeeper Gulacsi oder Coltorti nicht unbedingt Lust hat, die neue Nummer 3 zu sein und sich die Bundesliga von der Tribüne aus anzuschauen. Gulacsis Lust wäre diesbezüglich wohl noch geringer ausgeprägt als Coltortis.

Neben einer potenziellen neuen Nummer 1 werden auch einige jüngere Torhüter herbeigerüchtelt, die prima eine neue Nummer 2 bis 3 sein und sich entwickeln könnten. Das wäre dann auch für Benjamin Bellot der Moment, wo im Profikader nicht mehr viel Platz für ihn ist. Schon vergangene Saison kam er bei keinem Pflichtspiel mehr zum Einsatz. Und die Perspektiven werden nicht besser. Weswegen für ihn dauerhaft die RB-U23 oder der Abgang zu einem Drittligateam oder einem Regionalligateam mit Drittligaperspektive eine sinnige Variante wäre.

Wenn man sich ein neues Torwarttrio vorstellen möchte, dann könnte eine Variante mit Coltorti oder Gulacsi plus zwei neuen Keepern tatsächlich die wahrscheinlichste Variante sein. Holt man keine zwei neuen Keeper, sondern nur einen, wird es darauf ankommen, ob Coltorti oder Gulacsi auf einen Status als Nummer 3 Lust haben. Haben dies beide nicht, dann ginge auch wieder eine Tür für Bellot als Nummer 3 auf.

Einfacher die Verhältnisse auf der Außenverteidigerposition. Drei Außenverteidiger hat man. Alle drei wird man sicher behalten. Halstenberg und Backup Jung links. Und rechts braucht es zu Lukas Klostermann nach dem Teigl-Abgang eine Alternative. Wenn man bisherige Transferrunden als Maßstab nimmt, dürfte das dann jemand sein, der von seiner Leistungsstärke her sogar vor Klostermann steht oder zumindest auf Augenhöhe mit ihm agiert.

Ähnlich geht es in der Innenverteidigung zu. Drei Innenverteidiger stehen aktuell im Kader. Dass von denen noch einer den Verein verlässt, ist eher unwahrscheinlich. Auch wenn ein Atinc Nukan Spielzeiten braucht und am ehesten ein Leihkandidat wäre. Zumal er in der eigenen RB-U23 als Türke nicht spielen kann. Bei den Profis wird er es allerdings auch kommende Saison schwer haben, sodass eine Leihe irgendwo in die zweite Liga nicht ganz falsch wäre. Wahrscheinlicher allerdings, dass man Nukan noch eine zweite Chance zum Durchbruch gibt und ihn lieber selbst entwickeln will.

Drei Spieler hat man. Heißt dann folgerichtig auch, dass man noch einen braucht. Einer der mit ziemlicher Sicherheit vom Niveau her auch gleich Abwehrchef sein könnte und vor allem Willi Orban vor Herausforderungen stellen wird.

Im Mittelfeld ist die Frage, wie es für Rani Khedira weitergeht. In der aktuellen Saison war er immer mal Notnagel bei Ausfällen der Kollegen. Eine dauerhafte Stammkraftchance scheint Khedira auch auf Sicht nicht zu haben. Ein Jahr läuft sein Vertrag noch. Ist halt die Frage, ob er den Vertrag noch mitnimmt oder intensiv nach einem neuen Ziel sucht.

Unabhängig davon fehlt RB Leipzig weiter im zentralen Mittelfeld ein Spieler zwischen Sechs und Acht, der Dynamik, Pressingqualität, aber auch Offensivgefahr in sich vereint. Naby Keita ist der naheliegendste Name für die Besetzung dieser Stelle, aber Red Bull Salzburg mauert diesbezüglich öffentlich noch ganz schön.

Zusätzlich zu einem Achter mit Offensivqualitäten wäre als Kaderergänzung auch eine Alternative zu Ilsanker denkbar. Bisher war dies Khedira. Nukan spielte diese Position einmal in der Zweitlilgasaison auch ganz gut. Und auch ein eventueller Innenverteidigerneuzugang oder bspw. Nachwuchsmann Gino Fechner sind hier natürlich statt eines eigenen Neuzugangs denkbar.

Offensiv ist man mit Selke und Poulsen im zentralen Sturm eigentlich gut besetzt. Mal völlig unabhängig von den Genesungsmöglichkeiten eines Terrence Boyd. Und unabhängig von der Frage, was mit einem Nils Quaschner wird, der nach gerade mal 320 Zweitligaminuten in der abgelaufenen Spielzeit auch vor der Frage steht, ob er bleiben (und vermutlich viel U23 spielen) oder lieber woanders sein Glück versuchen soll.

Die Gerüchte um Embolo, Werner und Volland (inzwischen nach Leverkusen gewechselt) weisen darauf hin, dass RB Leipzig eher auf einen Offensivmann schielt, der innen, aber auch außen spielen kann. Also ein Stückweit ein Pendant zu Poulsen. Oder einen Mix aus Poulsen und Sabitzer. Zumindest aber weniger Forsberg und Bruno als eher Poulsen und Sabitzer.

Was dann fehlen würde, wäre ein zusätzlicher Mann für das kreative Mittelfeld. Mit Forsberg, Bruno und Kaiser stehen hier aktuell drei Spieler unter Vertrag. Zumindest bei Bruno und Kaiser ist schwer vorhersehbar, wie gut sie den Sprung in die Topliga hinkriegen. Denkbar zumindest, dass man auf dieser Position noch etwas macht. Auch wenn es sicherlich nicht ganz einfach ist, jemanden mit dem passenden Niveau zu finden.

Am Ende ist es auch eine Frage des Systems und der Vorstellungen von Ralph Hasenhüttl. Beides ist gerade schwerlich abzuschätzen. Auch für ihn selbst wahrscheinlich. Zudem ist die Frage, welche Positionen man eher nicht so dicht besetzt, damit Nachwuchsspieler wie Touré, Fechner, Janelt oder Beiersdorf dort auch mal eine Chance haben. Allesamt Spieler, die eher für zentrale Mittelfeld- bis Innenverteidigerpositionen stehen.

[Exkurs Local Player: Auch kommende Saison muss RB Leipzig wieder vier Spieler unter Vertrag haben, die im Alter zwischen 15 und 21 mindestens drei Jahre lang bei RB Leipzig ausgebildet wurden. Benjamin Bellot, so er im Verein bleibt, und Patrick Strauß würden diese Regel erfüllen. Die anderen beiden Plätze wird man wohl wieder formal mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs, die für die U23 auflaufen, besetzen. Letzte Saison waren das Sören Reddemann, Alexander Sorge und Alexander Siebeck. Zumindest Sorge wird die U23 und RB Leipzig verlassen, sodass man zur Sicherheit noch einen wie Joshua Endres zum Local Player machen könnte.]

Zum jetzigen Zeitpunkt der Kaderplanung fallen einem Lücken in fast allen Mannschaftsteilen auf. In der Innen- und Außenverteidigung fehlt auf jeden Fall ein Spieler. Genau wie im zentralen Mittelfeld ein Sechser bis Achter mit vernünftiger Offensivpower. Dazu wäre ein Sechser a la Ilsanker, eher großgewachsen und mit Defensivfokus denkbar.

Im Torhüterbereich könnte man am ganz großen Rad drehen und ein oder sogar zwei Neuzugänge einbauen. Und im Offensivbereich läuft es auch auf ein bis zwei Neuzugänge hinaus. Ein Stürmer, der auch außen spielen kann (oder ein Außen, der auch Stürmer spielen kann, je nachdem wie man es sehen will) und eventuell auch noch einen spielenden Mittelfeldmann a la Forsberg, Bruno oder Kaiser.

Nimmt man das zusammen, läuft es auf fünf bis acht externe Neuzugänge hinaus. Zieht man dann noch mögliche Abgänge ab, dann kommt man wie schon in der vergangenen Rückrunde wohl auf einen Kader von 24 bis 25 Spielern, also 21 bis 22 Feldspielern plus drei, vier Nachwuchsspieler, die regelmäßig mittrainieren und sich zeigen und für erste Einsätze und Verträge empfehlen können. Alles recht überschaubar in der Planung. Was nicht heißt, dass sich das Kaderpuzzle entgegen der Sportdirektorenwünsche nicht trotzdem bis tief in den August zieht.

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Annex: Der akuell vertraglich gebundene Kader für die Bundesligasaison 2016/2017 ohne möglicherweise zurückkehrende Leihspieler. Die Liste wird bei Abgängen und Zugängen permanent aktualisiert werden (kursiv = Neuzugang, durchgestrichen = Abgang).

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2 Gedanken zu „Kaderschmiede RB Leipzig 2016/2017“

  1. Kaderschmiede ist online, jetzt kann es los gehen.

    Bei der TW-Position bin ich hin und hergerissen. Auf der eine Seite sind sehr gute und junge Leute auf dem Markt, auf der anderen Seite traue ich Coltorti und Gulacsi die 1. Liga zu.

    Wenn Klostermann auch nach Rio fahren darf ist hier der größte Engpass nach dem Abgang von Teigl. Kann man Nukan nicht einbürgern? Es darf doch nicht wahr sein, daß er sich keine Spielpraxis wenigstens in der U23 holen darf. Ich denke schon, daß er ein „Rohdiamant“ ist, aber er eben noch geschliffen werden muss, siehe anfangs Poulsen/Kimmich. Und dafür braucht es Spiele.

    Im MF gebe ich Dir Recht, dass Khedira leider nicht den nächsten Schritt geschafft hat und es für ihn nun sehr schwer werden wird, da mit Sicherheit dort qualitativ nachgebessert werden wird. Kaiser+Demme werden dagegen genug Spielzeiten bekommen. Bei Bruno muss man abwarten, entweder er geht ab, wie das ja der Großteil hofft, oder er bleibt der „Problembär“

    Im Sturm muss man auch schauen, ob Selke nach Rio fährt. Da Poulsen schon grünes Licht (EDIT: lt. RR nun doch noch nicht 100% sicher) hat, steht man ggf vor ein größeren Problem. (Was bei den jungen Leuten eher Auswirkung auf den Herbst hat, wenn dann ein Einbruch erfolgt wegen Überlastung bzw fehlender Regeneration) Bin gespannt, wie es mit Boyd weiter geht. Er kommt mir mit seiner Art für das Team sehr wichtig vor.

    Ebenso bin ich gespannt, wer von den Nachwuchskickern es in Profiteam schafft bzw nah dran ist, um einige oder mehrere Minuten zu bekommen. Vielleicht ist es noch ein Jahr zu früh, aber Dadashov traue ich dies zu, wie auch die aufgezählten im Blog.

    Dann lassen wir uns mal überraschen.

  2. Bin im großen und ganzen d’acord mit dem Beitrag. Bei den Torhütern sehe ich ein offenes Rennen zwischen Gulasci und Coltorti. Wenn man einen Keeper holt, dann wohl (aus Gehaltsgründen) eher einen junger Spieler mit Potenzial (Müller), der nicht sofort die Nummer 1 sein muss. Auch hier bleibe das Rennen offen.

    In der Abwehr sehe Orban vor Compper, sodass der Routinier für mich eher in das dritte Glied zurückrutscht, wenn ein neuer Spieler kommt. Nukan hat für mich (stand jetzt) keine Chance. Aus der Ferne betrachtet fehlt es ihm an Grundsätzlichem (Stellungsspiel, Cleverness im Zweikampf), was er nicht in der Vorbereitung einfach so aufholen kann.

    Zum Mittelfeld und Sturm habe ich nichts hinzuzufügen.

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