Wenigstens ein Highlight an einem gebrauchten Tag - Der Auswärtssupport der Fans von RB Leipzig beim letzten Spiel in Ingolstadt | GEPA Pictures - Florian Ertl

Bilanz: RB Leipzig in der Saison 2015/2016

Nach den ersten 19 Saisonspielen ist RB Leipzig natürlich noch mal viel mehr als vor der Saison der klare Aufstiegsfavorit. Man hat eine junge Mannschaft, deren Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist und von der man eher erwarten darf, dass sie sich noch weiterentwickelt. Ein Selke, ein Sabitzer, ein Forsberg, ein Bruno, ein Poulsen, ein Orban, ein Halstenberg und wie sie alle heißen, sind in ihren Leistungen noch nicht ausgereizt. Was dann aber eben auch heißt, dass man das Leistungsniveau der bisherigen 19 Spiele als Basis oder Mindestzielvorgabe für die verbleibenden Spiele ansehen darf. (…) Die besonderen Auswärtsaufgaben der Rückrunde in den großen Zweitligastadien und auch der Druck der Favoritenrolle in einer ausgeglichenen Liga, in der die meisten Mannschaften gut verteidigen können, sind vielleicht die größten Hindernisse für RB Leipzig auf dem Weg Richtung Bundesliga. Bisher hat man die Hindernisse gut aus dem Weg geräumt und sich nicht beirren lassen von Rückschlägen. Macht man in der Rückrunde so weiter, dann wird man das sportliche Ziel auch erreichen. (Zwischenbilanz: RB Leipzig in der Saison 2015/2016)

Die Perspektiven von RB Leipzig waren in der Winterpause bei acht Punkten Vorsprung auf Platz 3 und zwölf auf Platz 4 klar. Bundesligaaufstieg sowieso. Meisterschaft als naheliegendes Ziel. Doch so einfach wie man dachte, wurde es dann am Ende doch nicht.

Acht Punkte weniger als Freiburg holte RB Leipzig im Jahr 2016 in 15 Zweitligaspielen. Sechs Punkte fehlten auf Nürnberg, während man mit Union Berlin punktetechnisch auf Augenhöhe spielte. 1,73 Punkte im Schnitt waren deutlich unter den zwei Punkten pro Spiel, die als Zielvorgabe für einen Aufstiegskandidaten meist genannt werden und auch von Ralf Rangnick genannt wurden.

In der Rückrunde, das legen allein schon die Zahlen nahe, war nicht alles Gold. Vielmehr schleppte man sich irgendwann mehr ins Ziel, als dass man als aufrechter Marathonläufer im Schlusssprint hindurchgeflogen wäre. Entscheidender als eigene Siege waren in der Schlussphase der Saison die Niederlagen des 1.FC Nürnberg, durch die man immer wieder neue Chancen bekam bzw. in einer selbstbestimmten Rolle blieb.

Auffällig, dass RB Leipzig im Verlauf der 15 Spiele nach der Winterpause vor allem immer dann Punkte liegen ließ, wenn man einen Big Point hätte einfahren können. Sowohl beim FC St. Pauli, als auch in Freiburg und dann später in Nürnberg war man in einer tabellarisch vernünftigen Situation, nicht zwingend gewinnen zu müssen, aber durch Siege fast schon Vorentscheidungen im Aufstiegskampf herbeiführen zu können. Auf die eine oder andere Art und Weise schlugen diese Versuche allesamt fehl.

Geredet wurde nach der Winterpause gerade im Zusammenhang mit Misserfolgen oft von den Rahmenbedingungen. Mal war es der schlechte Platz wie beim FC St. Pauli, mal die Manndeckung des SC Paderborn, mal der unerwartete (aber eigentlich vorhergesagte) Wintereinbruch in Freiburg und später die Grippewelle rund um das Nürnberg-Spiel. In jeder Geschichte, mit der man die Gründe für Misserfolg externalisiert hat, mag auch ein Fünkchen Wahrheit gesteckt haben, allerdings blieb irgendwann ein wenig das Gefühl, dass man sich auch psychologisch durch Nebenschauplätze ablenken lässt, anstatt die Gegebenheiten anzunehmen und die Widerstände so zu überwinden, wie man es vor der Winterpause noch oft gemacht hatte.

Gerade in der Schlussphase der Saison hatte man durchaus auch den Eindruck, dass das Alter der Mannschaft, also die Tatsache, dass man mit Abstand das jüngste Team der Liga auf den Rasen brachte, ein wenig zum Manko wurde. Wie Kaiserslautern letzte Saison, die daran scheiterteten, mit einer jungen Mannschaft, die gern den Ball hatte, zumindest vier Punkte Vorsprung auf Darmstadt über die letzten vier Spieltage zu retten, wurde es auch bei RB Leipzig in den letzten Spielen manchmal etwas verkrampft. Der Ball lief nicht mehr so gut. Die vermehrt eingestreuten langen Bälle verpufften ein wenig in einem Team, das diese Spielweise nicht mehr gewohnt war.

Wenn man am Ende einer Saison aufgestiegen ist, dann ist natürlich jeder Einwurf, der auf Dinge abhebt, die nicht so gut gelaufen sind, Jammern auf hohem Niveau. Wenn man Dinge allerdings nicht primär vom Ergebnis her denkt, sondern den Weg dahin unter die Lupe nimmt und hierbei auch nur einen letzten Teilweg von 15 Spielen betrachtet, dann kommt man aber um ein tendenziell nicht so positives Fazit wohl nicht herum.

Die Spiele

Die ersten neun Spiele des Jahres 2016 lassen sich wohl sehr gut in das Heim- und das Auswärtsgesicht teilen. War man vor der Winterpause in der Fremde noch in zehn Spielen ohne Niederlage geblieben und hatte sieben Mal gewonnen, waren die ersten vier Auswärtsspiele nach der Winterpause eher schwere Kost.

Das 0:1 beim FC St. Pauli ging noch als unglücklich durch, weil man viele Chancen ausgelassen hatte. Allerdings fiel den RasenBallsportlern je länger das Spiel dauerte auch immer weniger ein. Publikum und Spielstand schienen das Team zusätzlich zu verkrampfen, sodass man bei einigen Kontersituationen auch noch weitere Tore hätte fangen können.

Es folgte ein sehr glückliches 1:0 beim SC Paderborn, wo man u.a. davon profitierte, dass dem Gastgeber ein reguläres Tor wegen angeblichem Abseits aberkannt wurde.

Schneespiele im März - Yussuf Poulsen versucht dem Boden eine gute Ballbehandlung abzuringen | Roger Petzsche

Anschließend ging es nach Freiburg, wo man vom Schnee überrascht wurde. Rangnick wollte die Bedingungen als bestes Pressingwetter dem Team vor dem Spiel noch schmackhaft machen. Allerdings hatte er ihnen offenbar vergessen zu erklären, dass man bei diesem Wetter nicht nur gut pressen kann, sondern auch die Bälle hinten einfach rausschlagen sollte. Freiburg machte das von Beginn an konsequent und ging vorn dann auf den zweiten Ball. RB Leipzig machte das nicht, sondern versuchte zumindest eine knappe Halbzeit lang hinten Fußball zu spielen. Was zum Scheitern verurteilt war. Allein deswegen und trotz einer ordentlichen zweiten Hälfte war der SCF-Sieg in diesem Spiel durchaus verdient, weil man von der 1. und nicht erst von der 40. Minute an gut auf die Bedingungen eingestellt war.

Das letzte dieser Auswärtsspielgruppe war die Partie in Nürnberg. Unter schlechten Grippe-Voraussetzungen spielte RB Leipzig keine sehr gute, aber auch keine unvernünftige Partie, in der man mit etwas Glück in Führung ging, aber vor allem in der letzten halben Stunde gar nichts mehr entgegensetzen konnte, überrannt wurde und entsprechend eine von insgesamt nur zwei Niederlagen mit mehr als einem Tor Differenz kassierte.

Im Gegensatz zu diesen vier Auswärtsspielen ohne Dominanz standen die fünf Heimspiele in dieser Saisonphase. Braunschweig, Union, Heidenheim oder Bochum wurden mit teilweise beachtlicher Dominanz völlig verdient fast schon aus dem Stadion gefegt. Zu kämpfen hatte man lediglich mit dem TSV 1860 München, aber auch dort war RB Leipzig eigentlich über die komplette Zeit das dominante Team, hatte nur Probleme das vor dem Grippe-Hintergrund dieser Tage auch in ein Ergebnis umzusetzen.

Diese fünf Heimspiele standen für das gute Gesicht von RB Leipzig. Für Dominanz, Geschwindigkeit, Überzeugung und Qualität sowohl im mannschaftlichen, als auch im individuellen Sinne. Man hatte das Gefühl, dass die RasenBallsportler erstmals seit sehr langem wieder dafür sorgten, dass Gegner mit einem ‚da ist eh nichts zu holen‘-Gefühl nach Leipzig reisten. Man hatte das Gefühl, dass sich in diesen Spielen der mehr als verdiente Bundesligaaufsteiger präsentierte.

Dass es hintenraus noch mal eng wurde, lag nicht nur an den überschaubar guten vier Auswärtsspielen nach der Winterpause, sondern auch am folgenden Montag-Freitag-Doppelpack, in dem man aus vier Spielen nur einen Sieg holen konnte. Und den holte man zum Auftakt der zwei Wochen nach Anlaufproblemen durchaus überzeugend mit einem 3:1 in Düsseldorf.

Es folgte das traditionelle 0:1 gegen Sandhausen zu Hause. Vermutlich das einzige Resultat des Jahres 2016, das nicht nur nicht eingeplant war, sondern auch richtig weh tat. Ohne gute Ideen, ohne gutes Gegenpressing verlor man nicht mal unverdient.

In Kaiserslautern holte man ein Spiel später nur einen Punkt, weil man eine halbe Stunde zu zehnt spielen musste und beim tiefen Verteidigen immer mehr Probleme bekam. Und gegen Bielefeld war man so im ‚Wir holen uns den Aufstiegsmatchball‘-Wahn, dass man es mit Motivationsreden und -videos komplett überdrehte und dadurch auch besonders motivierte Gäste sich sehr freuten, gegen fahrige und etwas überdrehte Gastgeber einfach einen Punkt mitzunehmen.

Trotzdem hatte RB Leipzig dann gegen den Karlsruher SC seinen Matchball im Aufstiegskampf, weil auch Nürnberg Federn ließ. Und spielte dann ein Spiel, an dem besonders beeindruckte, wie man es schaffte, jenseits des Drucks und der Erwartungshaltung mit großer Nüchternheit einen Gegner so lange zu bespielen (und defensiv nichts zuzulassen), bis irgendwann die Führung fällt. Eine reife Leistung, bei der man den Gegner nicht überdreht überrennen wollte, sondern wie im Saisonverlauf schon ab und zu zuvor einen Weg fand, in Ruhe auf Lücken und Chancen zu warten und dann zuzuschlagen.

Der Rest der Saison, also das Spiel in Duisburg sei dann nur noch der Chronistenpflicht wegen erwähnt. Den RasenBallsportlern merkte man an, dass sie sich zwar professionell auf dieses Spiel vorbereitet hatten, aber das Feuer fehlte, um den gegen den Abstieg kämpfenden Gegner mit all seiner Euphorie entscheidend zu stoppen.

Taktisches

Taktisch schoss man sich nach der Winterpause relativ fest auf ein 4-2-3-1 mit fließendem Übergang zum 4-2-2-2 ein. Je nachdem, ob Marcel Sabitzer im Spiel gegen den Ball eher neben Poulsen agierte oder dahinter, kann man das eine oder das andere notieren. Oft war das 4-2-3-1 recht deutlich zu erkennen, oft das 4-2-2-2, oft war es auch einfach flließend.

Einen Ausflug in die Welt anderer Systeme machte man eigentlich nur noch beim Heimspiel gegen den TSV 1860 München, als man wegen der Grippewelle irgendwas zwischen 4-3-3 und 4-1-4-1 aufbot und Atinc Nukan den alleinigen Sechser gab, der im Spielaufbau zwischen die Innenverteidiger rutscht und dort dann eine Dreierkette entstehen lässt. Nicht die schlechteste Rolle, die Nukan in dieser Saison spielte.

Noch drei Mal spielten Poulsen und Selke nach der Winterpause zusammen in der Startelf. Fast schon notgedrungen wegen der vielen Ausfälle beim Auswärtsspiel in Nürnberg. Mit voller Hoffnung nach einer guten zweiten Halbzeit in Düsseldorf dann noch mal gegen Sandhausen. Und natürlich zum Saisonabschluss in Duisburg. Verloren hat man alle drei Spiele, wobei die Niederlage in Nürnberg nicht unbedingt eng mit dem Zusammenspiel der beiden zu tun hatte und das Spiel in Duisburg ein wenig außer Konkurrenz lief.

Man of the Match - Yussuf Poulsen in Düsseldorf schon in Bundesligaform | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Fakt ist aber, dass das Zusammenspiel zwischen beiden ausbaufähig ist. Selke bleibt der bessere Torjäger, allerdings schießt RB Leipzig mit ihm auf dem Feld deutlich weniger Tore als mit Poulsen auf dem Feld. Der Däne hat einen deutlich besseren Einfluss auf das Gesamtteam, weil er Löcher reißt, den Gegner beschäftigt und viele Wege und Sprints nimmt, von denen andere im Team profitieren.

Spielen Selke und Poulsen zusammen, bleibt das Problem, dass Poulsen auf den bei RB angelegten Zehnerpositionen ein wenig seiner Stärken beraubt wird bzw. andere dort besser sind. Und wenn er eine klarere zweite Spitze neben Selke spielt, würde Sabitzer irgendwo auf eine äußere Zehn rutschen, wo er wiederum nicht so gut besetzt ist, wie als zweite Offensivkraft rund um einen zentralen Stürmer. Das wird für die nächste Saison noch ein ordentliches Taktik-und-Personal-Puzzle. Zumal wenn man bedenkt, dass da sicher noch Offensivkräfte neu ins Team kommen.

Von Taktik bzw. Spielidee her war man natürlich auch weiterhin den Idealen einer frühen Balleroberung verpflichtet. Aber wie schon vor der Winterpause arbeitete man daran, dies nicht mit jener großen Wildheit und Intensität zu spielen, die dem in der Zorniger-Zeit innewohnte, sondern auch verstärkt auf Ballbesitzelemente zu setzen, den Ball nach Gewinn nicht immer gleich in die Tiefe zu spielen und sich den Gegner auch mal zurechtzulegen. Das klappte manchmal besser, manchmal schlechter, sprach aber zwischendurch für ein gesteigertes Maß an Variabilität im eigenen Spiel.

Richtung Saisonende wurde dann vermehrt der lange Ball eingesetzt. Geplant wie in Kaiserslautern als man im Ballbesitz mit einer Dreierkette in der Abwehr spielte und die Innenverteidiger aus flügellastigen Halbpositionen die Kugel auf Poulsen chippten, um so das dichte Spielfeld in der Mittelfeldzentrale zu umgehen. Aber auch scheinbar ungeplant in einigen der letzten Saisonspiele, als man sich nicht anders zu helfen wusste.

Lange Bälle können sicher auch ein taktisch gutes Mittel sein, wie Freiburg nach der Winterpause gelegentlich demonstrierte. Bei RB Leipzig wirkten die lange Bälle oft seltsam uneingebunden, weil die intensive Jagd nach dem zweiten Ball eigentlich nicht mehr unbedingt zur Alltags-DNA der RasenBallsportler gehört. Sprich, das was man unter Zorniger noch oft spielte (‚Ball lang nach vorn und dann alle kompakt hinterher‘), ist nicht das, was unter Rangnick avisiert wurde, sodass die RasenBallsportler dann auch nicht sofort den Schalter umlegen können.

Gegenpressing und Geschwindigkeit zeichnen RB Leipzig an guten Tagen dagegen weiterhin aus. Gegen Karlsruhe beispielsweise spielte man das (Gegen-)Pressing sehr genau und mit viel gemeinsamen Engagement. Gerade Ilsanker ist in der Zentrale ein Spieler mit einem unheimlich guten Gespür dafür, wann er nach vorne verteidigen muss und wann nicht. Insgesamt hatte man in der Nachwinterpausenzeit allerdings noch mehr als vor der Winterpause das Gefühl, dass die Synchronität des Pressings, dieser Bock von zehn Spielern, immer den Ball zu jagen, nicht immer zu 100% ausgeprägt war. Und wenn halt nicht alle mitmachen (oder klassischer: erst mitmachen, wenn der Ball schon in ihre Richtung unterwegs ist, also zu spät mitmachen), dann bleibt halt hinter den ersten, die vorn anlaufen, immer wieder Raum für Anspielstationen und potenzielle Torgefahr des Gegners und das Anlaufen verpufft.

Problematisches und Unproblematisches

Nimmt man das obige Eingangszitat zum Ausgangspunkt, dann bleibt festzuhalten, dass gerade die Entwicklung als Team, aber auch die Entwicklung der Einzelspieler nach der Winterpause ein Stück hinter den Erwartungen zurückblieb. Es mag etwas mechanistisch gedacht sein, wenn man bei einem jungen Team wie dem von RB Leipzig davon ausgeht, dass Lerneffekte auch in kürzeren Abständen zu beobachten sind. Davon ist man zumindest guten Gewissens ausgegangen.

Dass die Entwicklung nach der Winterpause allerdings eher rückläufig ist und man gerade Richtung Saisonende im fußballerischen Bereich wenige Lösungen für die Aufgaben hatte und einige der jüngeren Spieler eher schwächer auftraten als vor dem Winter oder stagnierten, machte schon nachdenklich. Forsberg und Sabitzer waren weiter bemüht, aber bei weitem nicht mehr so torgefährlich wie vor der Winterpause. Halstenbergs Auffälligkeit ließ auch nach. Bruno und Selke waren selten Startelfoptionen. Um mal einige anzusprechen.

Klar, der Druck wurde größer auf das Team und gerade auf die jungen Spieler. Und ja, man kann natürlich noch an die diversen Nebenschauplätze und Ablenkungen erinnern, wenn man denn unbedingt will. Trotzdem erstaunlich, dass das gemeinsame Üben im Endeffekt nicht zu stärkeren und verlässlicheren Routinen führte und die Spieler und das Team dauerhaft stärker machte.

"Und wir sind nur zum Feiern hier" - RB-Fans im letzten Spiel der zweiten Liga beim MSV Duisburg | Roger Petzsche

Vielleicht machte es sich da doch etwas bemerkbar, dass RB Leipzig in der Winterpause auf externe Neuzugänge komplett verzichtet hatte und mit Kalmár und Sebastian nur zwei Abgänge verzeichnete, die den Kader verschlankten. Vielleicht fehlte trotz nachrückender Nachwuchskräfte wie Fechner, Touré oder Janelt da ein wenig der frische Wind im Team, an dem man auch wächst und die nächste Entwicklungsstufe angreift. Die Idee, dass man mit schlankerem Kader den Zusammenhalt im Team erhält und aufgrund kürzerem Weg in die Startelf die Stimmung besser ist, klang plausibel, ging aber nicht über die gesamte Spielzeit 2016 auf.

Auffällig auch, dass man 2016 im Gegensatz zu den 19 Spielen 2015 besonders in engen Spielen deutlich nachließ. Hatte man vor der Winterpause in Spielen mit maximal einem Tor Differenz noch eine Bilanz von acht Siegen, fünf Unentschieden und einer Niederlage und im Ligenvergleich den weit überragenden Wert von 2,07 Punkten pro solchem Spiel, fiel man nach der Winterpause auf zwei Siege, zwei Unentschieden und vier Niederlage. Über die Saison gesehen hatte nur der SC Paderborn in engen Spielen eine schlechtere Bilanz als RB Leipzig mit seinen 1,0 Punkten in acht engen Spielen nach der Winterpause.

Sprich, diese Qualität, die Spitzenteams meist zugeschrieben wird, in engen Spielen da zu sein, auch mal dreckig zu gewinnen, die ging nach der Winterpause fast komplett verloren. Man gewann vor allem Spiele, die Spaß machten. Wenn man am Spiel keinen großen Spaß hatte, verlor man im Normalfall auch oder verlor Punkte. Das könnte man wahlweise wieder als Folge des höheren Drucks, des Alters der Mannschaft, aber auch fehlender Routinen und einer fußballerischen Rückentwicklung interpretieren. Der Interpretationsmöglichkeiten gibt es viele. Fest steht aber lediglich, dass es zu erklärende Zahlen gibt. Und dass gerade das Verhalten in engen Spielen und Situationen nicht so optimal war wie noch vor der Winterpause.

Ralf Rangnick erklärte die Schwierigkeiten im späten Verlauf der Saison auch damit, dass die Gegner gegen RB Leipzig mehr investieren würden. Mal abgesehen davon, dass seine Rechnung, dass die Gegner gegen RB vier Kilometer mehr rennen als sonst, ein wenig schief ist, weil sich Laufleistungen immer am Gegner orientieren und Leipzig als Team, das zumindest in der Gesamtlaufleistung deutlich über dem Rest steht, natürlich die Herausforderung mit sich bringt, dass man als Gegner besonders viel rennen muss, um eine Chance zu haben, bleibt, dass gegen RB Leipzig viele Teams im Pokalspielmodus auftreten. Diese Widerstände zu brechen, gerade wenn du auswärts bei guten Teams wie St. Pauli, Freiburg oder Nürnberg und gegen volle Stadien spielst, ist nicht immer einfach. Gegen Sandhausen darf man dagegen trotzdem gern gewinnen, auch wenn sie vier oder fünf Kilometer mehr rennen als sonst.

Über die Saison gesehen sowieso, aber auch in der Zeit nach der Winterpause passte bei RB Leipzig die Balance zwischen Defensive und Offensive von der Grundanlage her ganz gut. Am Saisonende ist man das Team der zweiten Liga, das die wenigsten Schüsse auf das eigene Tor zulässt und die meisten auf das gegnerische abgibt.

Problematisch lediglich, dass sich das nicht im Torverhältnis widerspiegelt. +22 Tore bleiben deutlich hinter Freiburg und ein bisschen hinter Nürnberg zurück. Was vor allem daran lag, dass Freiburg und Nürnberg in Sachen Chancenverwertung außer Konkurrenz spielten. 15,5 bzw. 13,7 von 100 Torschüssen landeten bei den beiden Teams auch im Tor. Damit kann kein Team der Liga mithalten. RB Leipzig liegt mit seinen 9,5 Toren pro 100 Torschussversuchen irgendwo im Mittelfeld der Tabelle. Worin sich einerseit ausdrückt, dass man Probleme hatte, in Strafraumnähe in freie Schussposition zu kommen, sondern man immer wieder nur unter Druck abschließen konnte. Aber auch die Abschlussschwäche einzelner Spieler und die kleine Poulsen-Selke-Baustelle im Sturmzentrum trugen ihren Teil bei.

Sonstso

Im Gegensatz zur Zeit vor der Winterpause wurde es nach der Winterpause etwas unruhiger. Dass das Trainersuchthema immer wieder aufkochen würde, damit konnte man rechnen. Dass man sich öffentliche Kleinkriege mit dem Weinzierl-Management liefert, war nicht abzusehen. Zusätzlich wurde das mediale Grundrauschen je näher es Richtung Saisonende ging sowieso größer. Jeder wollte noch mal seinen ‚RB vor dem letzten Schritt in die Bundesliga; bald auch Champions League?; wir müssen alle sterben; Bayern wird fallen‘-Artikel schreiben. Transfergerüchte kamen automatisch dazu. Das führte sicherlich zumindest nicht zu einem unbeschwerteren Arbeiten bei RB Leipzig, auch wenn man betonte, dass man das alles nicht an sich heranlasse.

Zuschauertechnisch brauchte es mit der Aufstiegseuphorie in Leipzig ein bisschen. Bis auf das Ostduell gegen Union bewegte sich die Zuschauerzahl nach der Winterpause erst mal rund um die 25.000. Erst danach wurden es für drei Spiele stabil über 30.000, bevor das Stadion dann gegen Karlsruhe ausverkauft war.

Auswärts setzte sich ein wenig das Higlightpicken fort. St. Pauli, das nahe Nürnberg (gleichzeitig Topduell) und das letzte Spiel in Duisburg funktionierten prima. Paderborn, Freiburg, Düsseldorf und Kaiserslautern funktionierten sehr schlecht. Wobei man das Pech hatte, mit Freiburg, Düsseldorf und Kaiserslautern drei ganz unangenehm weit entfernte Montagsspiele abgegriffen zu haben. Womit man immerhin montäglicher Reisemeister wurde.

Irgendwas knapp unter 1.100 Fans fuhren im Schnitt mit zu den 17 Auswärtsspielen der Saison. Knapp 1.300 im Schnitt waren es bei sieben Spielen nach der Winterpause. Wenn man mal Nürnberg außer acht lässt, was aufgrund seiner Konstellation Dritter gegen Zweiter und aufgrund geographischer Nähe sehr gut bereist wurde, dann bleibt im Vergleich mit der Vorsaison allerdings auch die Tatsache, dass sich die reine Zahl der Auswärtsfahrer eher unwesentlich erhöht hat. Sprich, wenn es nach Kaiserslautern geht, sind es auch weiterhin mit irgendwas um die 350 nur unwesentlich mehr Leute gewesen als letzte Saison (250), während der Auswärtsblock beim FC St. Pauli auch an einem Freitag Abend gefüllt wird. Auch diesbezüglich darf man gespannt sein, wie es Richtung Bundesliga weitergeht.

Fazit

Die einen werden sagen, dass man mit den finanziellen Möglichkeiten natürlich aufsteigen musste. Die anderen werden sagen, dass man unter diesem Druck und mit dieser jungen Mannschaft es erst mal schaffen muss, aufzusteigen.

Die Wahrheit liegt vermutlich wieder mal in der Mitte. Wenn Ralf Rangnick schon letzte Saison gern aufgestiegen wäre und offensichtlich davon ausging, dass der Kader dafür gut genug war, dann haben die Bedingungen und Transfers RB Leipzig vor der Saison natürlich erst recht zum großen Aufstiegsfavoriten gemacht. Auch wenn Ralf Rangnick diese Saison plötzlich (und in neuer Rolle nachvollziehbarerweise) lange den Fuß vom rhetorischen Pedal genommen hat.

Die Situation in der Winterpause, mit deutlichem Vorsprung auf den Relegationsplatz Spitzenreiter zu sein, heizte die Favoritenrolle natürlich noch ein Stückweit an. Ein verpasster Aufstieg wäre am Ende der Spielzeit aus der winterlichen Perspektive tatsächlich als Scheitern zu interpretieren gewesen.

Trotzdem kann man natürlich auch gegenargumentieren. Schon allein erst mal mit dem banalsten Argument, dass kein Aufstieg von selbst kommt. Aber tatsächlich vor allem mit dem Verweis auf das Alter, das in Situationen, in denen es um Druck und um Widerstände geht, sich eben auch negativ auswirken kann. Für die beteiligten Spieler war das in ihren jungen Jahren sicherlich ein phänomenales Erlebnis, von dem sie extrem viel lernen konnten, dass sie aus der Position des sicheren Spitzenreiters heraus vor der Ziellinie noch mal ins Straucheln kamen und es trotzdem aus eigener Kraft geschafft haben.

Wichtig auch festzuhalten, dass es für RB Leipzig ganz generell schwierig ist, sich jede Woche auf jenem Topniveau zu präsentieren, das nötig ist, um den Widerstand all der Teams zu brechen, die gegen den Finanzkrösus und den Favoriten der Liga besonders gut aussehen wollen. Da geht es noch nicht mal immer um Red Bull oder Vereinskonstruktionen, sondern tatsächlich eher um das Gefühl, es dieser mit tollen Einzelspielern gespickten Mannschaft mal richtig zeigen zu wollen.

Nein, dieser Aufstieg war nicht selbstverständlich, so wie kein sportlicher Erfolg für ein Team mit viel sportlichem Gegenwind und  auch gut motivierten Fans der Gegner bei Auswärtsspielen selbstverständlich ist. Vor allem in der Hinrunde hat RB Leipzig die Herausforderungen beim Zusammenwachsen des Teams und beim Entwickeln einer Spielidee und -linie sehr gut angenommen und sich aus den Problemen in den ersten Spielen hervorragend herausgearbeitet.

In der Rückrunde bzw. in der Zeit nach der Winterpause war es manchmal ein bisschen zu viel Lamentieren über die Umstände, über die man zuvor selten ein Wort verloren hat, ein bisschen Pech in manchen Spielen und ein bisschen zu wenig Weiterentwicklung von Spielidee und Mannschaftsautomatismen. Dass es zum Aufstieg reichte, verdankte man einer starken Punktevorarbeit in den ersten zwei Saisondritteln und ganz viel Nervenstärke im entscheidenden Spiel gegen den Karlsruher SC. Über die Saison gesehen war der Aufstieg absolut verdient. In der Rückrunde gab es trotzdem zwei, drei Dinge, die man für die kommende Saison und deren Vorbereitung im Kopf behalten sollte.

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Bisherige Bilanzen:

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Bilder: © GEPA pictures/ 3 x Roger Petzsche

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5 Gedanken zu „Bilanz: RB Leipzig in der Saison 2015/2016“

  1. Wie immer eine sehr gute Einschätzung , wobei eine echte Hammeraufgabe vor Herr Hasenhüttl steht.
    Ein stabiles Bundesligateam zu formen.Aber er liebt ja neue Herausvorderungen😊
    Gerade die Äußeren Umstände (Platz, Wetter, Kaderstrukturen)haben auch die Spieltagsgegner zu meistern.

  2. Deine Analyse entspricht meinem rückblickenden Gesamteindruck. Die Hinrunde, einige souveräne Heimspiele in der Rückrunde, Nürnberg’s Schwäche auf der Zielgeraden und der Matchball gegen den KSC, hat uns letztlich den Aufstieg gebracht.
    Denk ich an die kommende Erstliga-Saison, dann wird mir etwas mulmig. So schnell wie möglich 40 Punkte, dann wäre ich zufrieden. Mehr wäre Sahnehäubchen.

  3. Wie zu erwarten, eine sehr gelungene Zusammenfassung!

    Ich musste immer wieder anerkennend mit dem Kopf nicken. Aber ebenso laut lachen bei „… wir müssen alle sterben, Bayern wird fallen-Artikel“! Grandios beschrieben!

    Was absolut richtig ist, ist die Tatsache mit den vielen Nebenschauplätzen. Was eben auch daran liegt, dass Ralf Rangnick Sportdirektor und Trainer in einer Funktion ist bzw war. In der neuen Saison denke ich kann Hassenhüttl ruhiger trainieren lassen, wenn ihm sein Sportdirektor den ein oder anderen Wind aus dem Segel nimmt, wenn es irgendwo in der Republik zu Nebengeräuschen kommen sollte (Und die werden kommen)

    Das gegen Duisburg auch Poulke gespielt haben, geschenkt, wir waren eh zum Feiern nur da 😉

    1. Wir waren in Duisburg, ja? Völlig versillyt, äh verdrängt..

  4. Um ganz ehrlich zu sein, sollten die Leute, die in irgend einer Angelegenheit etwas mit „RaBa“ Leipzig zu tun haben sehr froh sein, dass der Deckel am Ende der immer etwas enger werdenden Saison „draufgemacht“ werden konnte….. Das lang ersehnte Ziel ist erreicht, wie, das dürfte jeder selbst wissen! Aus meiner Sicht ist es im Nachhinein auch völlig müßig, einzelne Schwierigkeiten auf dem Weg zum Erfolg detailliert nochmals näher zu beleuchten. Ob nun dieses oder jenes System günstig war, das relativ junge Alter für den Leistungsrückgang zum Ende hin eine Rolle spielte, wer mit wem besonders gut konnte oder andere Dinge noch manch bessere Pläne etwas durchkreuzten, ist doch Geschichte.

    Jedermann weiß, dass mit dem Neuanfang, im wahrsten Sinne des Wortes, gleichzeitig eine andere Epoche beginnt, die wie eine Wundertüte zu bewerten sein wird! Hoffentlich verschwindet bald auch der Hass, der den „RasenBallsportlern“ bei den Auswärtsspielen bisher fast ständig empfing, während man sich zuhause vor einer überwältigten und durchweg fairen Zuschauerkulisse immer wohlfühlen konnte. Die Unkorrektheit der einheitlichen Bewertung von „Traditions-“ sowie „Werksvereine“ durch die DFL sowie die ungenügende Umsetzung derer gesetzlicher Vorgaben in der Vergangenheit (Logoveränderung, stimmberechtigte Mitglieder), die zwar „durchgingen“, doch zurecht den Zorn der jeweiligen Gegnerschaft und vieler Medien hervorriefen, waren die Hauptursachen der bestehenden Disharmonie. Zu der trugen auch die ständig unterschiedlichen Vereinsbezeichnungen bei, die nicht nur bei dem eigenen Stadionnamen an das Produkt des fernen, reichen „Hauptinvestors“ hinter den hohen Bergen erinnern……In dieser Beziehung wird es besonders demnächst spannend bleiben!

    Abschließend sollte man die groß angekündigte Hymne des “Leipziger Sohnes“ schnell wieder Einstampfen und erst bei einer (hoffentlich nicht eintretenden) Abstiegsfeier wieder erklingen lassen. Dazu würde der gewählte Rhythmus perfekt passen! Die drei grandiosen Solisten und Testsänger des Formates „Champagner statt Bier 017“ können allerdings nichts dafür!

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