Was von Spieltag 32 bleibt

Von Formel 1 zu Schneckenrennen in nur ein paar Wochen. Der Aufstiegskampf war zwischenzeitlich eine echte Hatz. RB Leipzig mit 16 Siegen in 20 Spielen. Der 1.FC Nürnberg mit 18 Spielen ohne Niederlage. Zuletzt ging es dagegen tempomäßig steil bergab. Zwei Punkte aus drei Spielen für Leipzig, drei Punkte aus vier Spielen für Nürnberg.

Da versuchen zwei Mannschaften offenbar eindrucksvoll zu demonstrieren, dass es eine nicht unwesentliche, psychologische Dimension jenseits von Taktik, Kader und sportlicher Spieltagsvorbereitung gibt. Sag Hallo zum Wackelfuß im Aufstiegskampf.

65 bis 66 Punkte, so hatte Leipzigs Innenverteidiger Marvin Compper Mitte März vorgerechnet, würden diese Saison für den Direktaufstieg reichen. Und war dafür leicht belächelt worden, weil im aufgehitzten Hochgeschwindigkeitsrennen das Szenario denkbar schien, dass alle drei Topteams mit 70 Punkten plus x aus der Saison gehen würden. Am Ende hat Compper Recht behalten und man braucht aktuell tatsächlich nicht mehr als 66 Punkte, um sicher aufzusteigen.

Profitiert hat vom aktuellen Schneckenrennen zwischen Leipzig und Nürnberg der SC Freiburg, der vor vier Spielen noch punktgleich mit RB und nur drei Punkte vor Nürnberg mitten im engen Rennen lag und dank zehn Punkten seitdem nun bereits zwei Spiele vor Schluss als erster Aufsteiger feststeht.

Coach Christian Streich lobpreiste nach dem 2:1 in Paderborn sein Team, verwies aber auch auf den Faktor Glück. Tatsächlich war Freiburg in den letzten Wochen sicherlich nicht vom Pech verfolgt und der Sieg in Paderborn bei drei Alutreffern und einem nicht gegebenen Elfmeter für den SCP sehr glücklich. Aber erstens kam es darauf sowieso nicht mehr an, da der SCF auch mit einer Niederlage aufgestiegen wäre und zweitens wäre es etwas einfach, den Aufstiegserfolg generell am Glück festzumachen.

Denn seit der Winterpause ist Freiburg das mit Abstand beste Team der Liga. Fünf bzw. acht Punkte liegen für die 13 Spiele seitdem zwischen ihnen und Nürnberg bzw. Leipzig.

Besonders imposant das Auftreten nach den zwei Niederlagen direkt nach der Winterpause. In Bochum und gegen Düsseldorf wurde noch verloren, danach folgten elf Spiele ohne Niederlage bei zehn Siegen. Eine Folge dessen, dass man aus den Niederlagen die Schlussfolgerung zog, dass man die Gegner in der Folge nicht nur mit spielerischen Mitteln bezwingen, sondern immer wieder auch lange Bälle einstreuen will. Kopfballverlängerungen, Jagd nach dem zweiten Ball als Stichwort.

Der SC Freiburg hat sich im Saisonverlauf als das anpassungsfähigste Team der zweiten Liga erwiesen. Dass sie einen Gegner mit spielerischen Mitteln überrennen können, hatten sie schon zu Saisonbeginn bewiesen. Dazu kamen die einfachen Dinge des Fußballs. Sprich, Tore nach Standards. Sowohl nach Ecken und Freistoßflanken, als auch nach direkten Freistößen, die Vincenzo Grifo mit einer traumwandlerischen Sicherheit versenkte, dass nur Staunen blieb.

Das Gesamtpaket aus Konstanz, spielerischen Qualitäten, individueller Klasse gerade im Offensivbereich inclusive des perfekt passenden Wintertransfers Niederlechner, den Fähigkeiten bei ruhenden Bällen und der Anpassungsfähigkeit im taktischen Auftreten, mit der man unter anderem RB Leipzig im direkten Duell den Zahn zog, war einfach das Nonplusultra der zweiten Liga. Und macht den Aufstieg des SC Freiburg zum logischen Endergebnis. Und macht den Verein zudem nicht zum ersten Abstiegsanwärter in der kommenden Bundesligasaison.

Das Gegenstück zu Freiburg ist im Jahr 2016 der FSV Frankfurt, der nach nur einem Sieg aus den letzten 15 Spielen und drei Punkten aus den letzten zehn Spielen nun erstmals seit dem dritten Spieltag wieder auf einem der letzten drei Plätze angekommen ist. Man bräuchte schon viel Phantasie, sich den FSV Frankfurt bei einer Klassenerhaltsparty vorzustellen.

Zumal die berühmte letzte Patrone eines Trainerwechsels kurz vor Schluss schon verschossen wurde. Drei Niederlagen, 1:7 Tore so die Bilanz von Neu-Coach Falko Götz, der sich naturgemäß in Durchhalteparolen übt und sein Team in den ersten Auftritten gegen Paderborn und in Sandhausen als ein gutes gesehen haben wollte. So richtig viele Beobachter wollten diese Ansicht nicht teilen, aber im Kampf gegen den Abstieg müssen ja auch rhetorische Aufbautricks erlaubt sein.

Diese fallen bei einem Team, das mit Unmengen an Leihspielern sowieso suboptimal zusammengestellt wurde, allerdings nicht auf einen erfolgsbringenden Boden. Die einzige Hoffnung des FSV Frankfurt heißt aktuell Fortuna Düsseldorf, das zweitschlechteste Team der Liga im Jahr 2016 (was für ein Absturz..), bei denen der FSV am Sonntag antreten muss. Letzte Saison sicherte der FSV Frankfurt dort am letzten Spieltag den Klassenerhalt.

Am ersten von zwei Spieltagen, an denen alle Teams gleichzeitig antreten, wird es am kommenden Wochenende noch für sieben Teams um etwas gehen, während elf Teams für Ehre, Fernsehgeld und gute Laune im Umfeld spielen. Für Leipzig und Nürnberg geht es noch um die Frage, wer direkt aufsteigt und wer in die Relegation muss. 1860, Düsseldorf, Frankfurt, Duisburg und Paderborn spielen zwei Abstiegsplätze und einen Relegationsplatz untereinander aus. Wobei 1860 bei einem Sieg auch rechnerisch nicht mehr auf einen direkten Abstiegsplatz rutschen könnte.

Das größte Wunder könnte derweil Duisburg vollbringen. Alle Messen waren für den MSV schon gesungen und die Drittligakoffer nach einer Spielzeit schon wieder gepackt. Nicht nur die Tabelle, auch praktisch alle Leistungsdaten sprachen noch vor kurzem für einen Absteiger Duisburg. Drei Siege aus den letzten vier Spielen, nur zwei Niederlagen in den letzten neun Spielen sorgten allerdings für die Chance auf eine Wende, an die selbst im MSV-Umfeld nicht mehr viele geglaubt hatten.

Glück, besondere Umstände, Fußballgott. Falls der MSV wirklich nicht absteigt, weil er in Sandhausen dreifach punktet und dann auch RB Leipzig noch was abknöpft, dann können sich Heerscharen von Analytikern daran machen, dieses absurde Ereignis zu rationalisieren und erklären. Wobei vermutlich ein lockeres „Sie konnten nichts, glaubten aber trotzdem an sich und der Rest war Schicksal.“ der Sache im Fall der Klassenerhaltsfälle wohl am nächsten kommen würde.

Fakt ist jedenfalls, dass der MSV Duisburg nach dem 33.Spieltag noch nicht endgültig abgestiegen sein wird. Und allein das geht schon als Wunder durch. Wird ein Finale, bei dem man mit schwachen Nerven auch nicht weit kommt.

Skurril am Rande, dass am letzten Spieltag möglicherweise Aufstiegs-Abstiegs-Crossover gespielt wird. Paderborn und Duisburg, die weder abgestiegen noch gerettet sein werden und entsprechend im Existenzkampf Punkte brauchen, treffen auf Nürnberg und Leipzig, die noch beide Punkte brauchen, falls das Rennen um den direkten Aufstiegsplatz nicht nach dem 33.Spieltag schon entschieden ist. Spiele mit extremem emotionalen Potenzial.

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Kleine Tabellenspielerei. Für alle Teams in der ersten Spalte eine Art subjektives Ranking, welcher Rang den aktuellen Fähigkeiten der jeweiligen Mannschaft entspricht. In der zweiten Spalte ein Ranking nach Torschüssen (Nummer 1 hat den besten Wert, wenn man die Anzahl der eigenen Schüsse aufs Tor ins Verhältnis zu den zugelassenen Torschüssen setzt). In den anderen Spalten in der Reihenfolge: aktuelle Punktzahl (Abgezogen werden müssen beim SV Sandhausen davon noch drei Punkte resultierend aus einer DFL-Strafe wegen Lizenzverstößen.), Punktzahl aus den letzten sechs Spielen, Punktzahl 2016, Punktzahl Rückrunde.

 SubjTSGeslast 62016RR
Freiburg1269163134
Leipzig216482329
Nürnberg335992632
Berlin41546132329
Karlsruhe5846112127
Bielefeld653891418
Kaiserslautern7442111620
Braunschweig8104381418
Bochum974852024
St. Pauli1095082021
Fürth11134371818
Heidenheim12124592124
München1363171717
Sandhausen14114261313
Paderborn15162851112
Duisburg161828101617
Düsseldorf1714295910
Frankfurt181729177

Tabelle nach Länderspielblöcken: Die Saison wird regelmäßig von Länderspielen unterbrochen. Jeweils nach Spiel 5, 10, 14 und 27 ruhte der Ligabetrieb für jeweils zwei Wochen. Diese fünf Blöcke (Spieltage 1-5, 6-10, 11-14, 15-19, 20-27) und ihre Punkteausbeute werden in der folgenden Tabelle verglichen. Die nächste Länderspielpause ist über Ostern am letzten Märzwochenende.

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Freiburg12951218
Leipzig8991515
Nürnberg7741520
St. Pauli1088415
Bochum1561616
Heidenheim1064413
Fürth5124412
Berlin465813
Braunschweig710576
Karlsruhe6310610
Sandhausen108747
Kaiserslautern87375
Bielefeld65586
Frankfurt76547
Düsseldorf15687
München244411
Paderborn34827
Duisburg23257

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