„Team Marktwert“

Das Thema TV-Gelder wurde schon in den letzten Monaten immer wieder mal diskutiert und wird in den kommenden Monaten immer wieder diskutiert werden. Der bevorstehende Abschluss eines neuen TV-Vertrags macht es möglich, dass sich verschiedenste Seiten hinsichtlich der Verteilung der Summen ins Zeug legen werden mit Vorschlägen.

Nach St. Paulis Vorschlag aus dem letzten Jahr, einfach Vereine, die nicht die 50+1-Regel erfüllen, künftig vom TV-Geld auszuschließen (ein Vorschlag mit merkwürdigem Timing, unabsehbaren Implikationen und falschen Freunden) sind nun Teile der Erstligisten am Drücker der Geldverteilungspistole.

Als „Team Marktwert“ konstituierte sich ein Bündnis aus Werder Bremen, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC, 1.FC Köln, HSV und VfB Stuttgart, wie man gestern lesen durfte. Die beste Selbstbezeichnung mindestens seit Erfindung von „Die Mannschaft“. Großartig, wenn Akteure die Witze, die über sie gemacht werden könnten, gleich selbst vorwegnehmen.

Abgesehen davon versteckt sich hinterm „Team Marktwert“ auch nicht mehr als in der Vergangenheit schon immer mal an Ideen durch die Fußballwelt waberte. Das TV-Geld (bzw. einen Teil davon) nämlich nicht nur nach sportlichem Erfolg zu verteilen, sondern auch weiche Faktoren hinzuzunehmen, in denen sich das Fan- oder Zuschauerinteresse an den Clubs ausdrücke. Zuschauerzahlen und TV-Quote kannte man als mögliche Faktoren schon. Social-Media-Daten oder Mitgliederzahlen kommen als neue mögliche Faktoren, die das „Team Marktwert“ evaluieren und der DFL vorstellen soll, hinzu.

Es geht also darum, den Bundesligaclubs TV-Geld entsprechend ihres Wertes im Publikumsmarkt zuzuschanzen. Was eine Idee ist, die man gut finden oder schlecht finden kann. Macht ja schließlich immer Sinn, wenn man über die Verteilung gemeinsamer Einnahmen nachdenkt und Modelle entwickelt, die einem vielleicht plausibler vorkommen.

Man sollte allerdings im Hinterkopf behalten, dass ein solcher Zuschnitt der TV-Geld-Verteilung in letzter Konsequenz auch eine Art Franchisisierung des Bundesligabetriebs ist. Denn man sagt schließlich nichts anderes, als dass man alteingesessene Player wie jene aus dem „Team Marktwert“ (also auch jene, die Angst haben, dass es sie als nächstes mit dem Abrutsch in die Zweitklassigkeit erwischen könnte) möglichst dauerhaft in der Bundesliga haben will, während auf der anderen Seite eben nicht nur Mäzen-, Werks- oder Investorenvereine, sondern vor allem eben auch kleine Clubs mit vergleichsweise wenigen Fans erwischt werden.

Sein TV-Geld nach weichen Faktoren zu verteilen, heißt zumindest bei den bisherigen Vorschlägen, dass Clubs wie Energie Cottbus früher oder auch der SC Freiburg, also kleinere Vereine in kleineren Städten in bundesdeutscher Randlage noch mal einen Wettbewerbsnachteil aufgebürdet bekommen. Also zusätztlich zu dem Wettbewerbsnachteil, den sie als kleine Clubs sowieso schon haben.

Die Logik der Zielrichtung des „Teams Marktwert“ passt damit auch relativ gut zu dem, was dieselben Clubs schon im Februar, damals allerdings noch ohne Branding, verlauten ließen. Nämlich, dass man gern den Anteil, den die zweite Liga von den TV-Geldern erhält einfrieren möchte. Sodass bei einem höher dotierten, künftigen TV-Vertrag nur die Bundesligisten von den Mehreinnahmen profitieren würden.

Auch dies läuft klar auf eine Abkopplung der ersten von der zweiten Liga und entsprechend auf eine Franchisisierung der Bundesliga hinaus. Und führt erst recht dazu, dass nur noch Clubs mit externen Geldgebern sich in die Bundesliga befördern und dort auch dauerhaft etablieren können. Hoffenheim und Augsburg sind nicht zufällig die einzigen neuen Erstligaaufsteiger der letzten zehn Jahre, die sich dort festsetzen konnten. Beides Clubs, die (in zugegeben sehr unterschiedlichem Ausmaß) gepimpt wurden.

Die Idee, TV-Geld nach anderen Faktoren als rein sportlichen zu verteilen (oder auch die Erstligisten finanziell besser auszustatten), mag Sinn machen. Schließlich wird sie ja in verschiedensten anderen europäischen Ligen auch in der Praxis umgesetzt. Nur muss man sich dann eben auch bewusst sein, dass man damit nicht alle Probleme löst, sondern es auch Folgen hat, die man vielleicht nicht unbedingt als Folgen haben wollte.

Letztlich ist die Frage, wo man hinwill. „Team Marktwert“ betreibt gewissermaßen auch nur Interessenspolitik zur Stärkung der eigenen Position und glaubt nebenbei vielleicht auch die Außenwirkung der Liga zu verbessern. Eine Verbesserung von Wettbewerbsbedingungen in der Liga impliziert es aber noch lange nicht. Wenn man diese verbessern wollte, müsste man auch den Vereinen mit den großen Einnahmen vors Schienbein treten. Und das traut sich dann eben doch niemand. Noch nicht mal der FC St. Pauli.

Die Probleme des Wettbewerbs werden sich künftig vermutlich sogar noch verstärken, wenn man europäisch tatsächlich damit durchkommt, die Champions League in Form einer wie auch immer genannten Superliga noch mal stärker auf die großen Clubs des Kontinents zuzuschneiden und ergo deren Einnahmen noch mal zu verbessern. Vielleicht führt das sogar dazu, dass künftig mehr deutsche Vereine von Einnahmen aus europäischen Wettbewerben profitieren können. Aber die Differenzen zwischen der Nummer 1 und der Nummer 18 der Bundesliga würden wohl eher noch größer werden als bisher. Bzw. die ersten Sechs sich noch weiter von den letzten Sechs entfernen.

Das deutsche Problem in Sachen Wettbewerb, was auf Dauer für die Liga wohl das viel größere Problem sein dürfte, als die Frage, ob Ingolstadt und Darmstadt oder Hoffenheim und Leipzig drin spielen, ist entsprechend die Tatsache, dass die Einnahmen aus der Champions League in einem Unverhältnis zu den Einnahmen aus den nationalen Wettbewerben stehen.

Am Ende liegen da dann mal locker 50 Millionen und mehr zwischen einem Bundesligaclub ohne Europa und einem Bundesligaclub mit Champions-League-Teilnahme (oben drauf auf die Differenzen bei der nationalen TV-Geld-Verteilung und anderen Vermarktungseffekten). Je nachdem wie weit der entsprechend Club kommt und wie viel an zusätzlichen Zuschauer- und Sponsoringeinnahmen man generieren kann. Das ist deutlich mehr als viele Bundesligisten überhaupt in ihren Lizenzspieleretat stecken.

Interessanterweise funktionieren die Dinge in England etwas besser. Zum einen floss das Geld von Investoren dort in den letzten Jahren meist in Clubs, die vorher schon zu den populären gehörten, weil es keine Beschränkungen des Kapitalfluss oder der Eigentümerschaft wie in Deutschland gibt. Ein plötzliches Wolfsburg ist auch in Enland nicht undenkbar, aber eher unwahrscheinlich.

Zudem führen die irren TV-Verträge, die man für die Premier League national und international abschließen konnte, dazu, dass der Einfluss der Champions-League-Einnahmen nicht so wesentlich ist wie in Deutschland. Zwar kann dort der Unterschied zwischen einem Champions-League-Club und einem nichteuropäischem Verein sich auch mal eben in einer Differenz von 50 Millionen reinem TV-Geld aufwärts ausdrücken. Was mehr ist als in Deutschland.

Wenn in Deutschland dann die Bayern aber ungefähr das dreifache des miesesten TV-Geld-Einstreichers kassieren, ist es in England noch lange nicht mal das Doppelte. Sprich, während es in Deutschland auf irgendwas von 70 : 20 Millionen hinausläuft, dürften es in England irgendwas Richtung 150 :90 Millionen sein. Wobei der Grundsockel der national verteilten TV-Gelder in England noch deutlich steigen wird. Sprich, selbst dem durchschnittlichen englischen Club ist auch ohne Europa ein TV-Geld garantiert, das ihn nicht komplett jenseits aller Konkurrenz erscheinen lässt. Oder anders gesagt: die hohen Einnahmen der Premier League fangen die Einnahmedifferenzen durch die Champions League ein wenig ab und machen auch Clubs wie Leicester und Co eher konkurrenzfähig als bspw. den 1.FC Köln.

Das alles hilft für Deutschland natürlich noch nichts, weil man bei allen Versuchen, noch den letzten Euro aus den TV-Ausschreibungen zu pressen, nicht in einen Einnahmebereich kommen wird, mit dem man die Differenzen durch die europäischen Wettbewerbe bzw. vor allem durch die Champions League nivelliert bekommt. Weil man nicht nur national das Problem hat, kein Pay-TV-Land zu sein, sondern man international gesehen eben auch schlicht eine zweitklassige Liga ist. Was eher historische Gründe hat als die Teilnahme von Hoffenheim und Ingolstadt am Spielbetrieb oder die Auswahl von Frankfurt gegen Hannover als Topspiel. Auch wenn gern anderes behauptet wird.

Am Ende hat das „Team Marktwert“ auf einen Kampf dafür, dass die Bundesliga nicht nur ein Qualifikationswettbewerb für die Champions League und eine Trainingsstätte für die Bayern oder Dortmund ist, schon von vornherein verzichtet. Es geht dem Zusammenschluss letztlich nur um das Verteidigen der eigenen Teilnahme am Wettbewerb Bundesliga gegen neue Mitbewerber in welcher Form eines Werks- oder Investorenvereins oder eines Zweitligisten auch immer. Dabei wären weiterhin die Wettbewerbsgrundlagen an sich diskutierenswert.

Wobei die Diskussion vermutlich auch nicht weit führen würde. Denn auflösbar ist die Situation nicht, solange man nicht entweder eine europäische Lösung zur Etatdeckelung in Form von Salary Caps oder ähnlichem finden würde (hahaha) oder man einfach die 20, 30 Topteams in eine eigene Superduperliga ausgliedert, wo Einnahmen, sportliches Topniveau und Wettbewerb einträchtig Hand in Hand gehen könnten.

Aber ausschließlich eine eigene Liga nach amerikanischem Vorbild wird man wohl bei den Topvereinen Europas nicht wollen. Denn die Grundlage für das emotionale Funktionieren der Vereine bleibt dann vermutlich doch das Duell vor Ort und die Begegnung nicht nur mit Real, Barca, Arsenal, Chelsea, Juventus, Dortmund oder Schalke in einer möglichen europäischen Liga, sondern auch mit Hamburg, Stuttgart, Nürnberg und Co. Und auch „Team Marktwert“ würde wohl nur ungern auf den jährlichen Besuch der Bayern und entsprechende Aufmerksamkeit, Topzuschläge und garantiert volle Stadien verzichten wollen.

Lustig wäre ja, wenn sich neben dem „Team Marktwert“ noch andere Gruppen bilden würden. „Team ‚Wir haben Geld, na und'“,“Team Provinzclubs“, „Team Punkrock“. Es gäbe unendlichen Gestaltungsraum für das verbale Gefecht mit Tiefschlägen und halbgaren Argumenten. Wenn die Möglichkeit eines vernünftig, tatsächlich mit gleichen Mitteln organisierten Wettbewerbs egal ob auf europäischer oder nationaler Ebene schon Utopie bleiben wird, dann könnte man doch immerhin ein bisschen Unterhaltungswert in die Sache bringen.

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5 Gedanken zu „„Team Marktwert““

  1. Team ‚Wir haben Geld, na und – an dieser Lesestelle wäre beinah der Kaffee auf der Tastatur gelandet.
    Klasse Blog mal wieder und gut analysiert.

  2. Es ist ja zunächst erstmal legitim von Vereinen wie Werder Bremen oder 1.FC Köln ihre eigenen Interessen zu formulieren und zu versuchen dieses durchzubekommen. Und sie haben ja auch einige Argumente auf ihrer Seite: in den anderen Fussball-Ländern kommen diese „weichen Kriterien“ mit 25-50% zum Geltung. Es sind Fernsehgelder, die ja mittelbar von den Zuschauerzahlen im pay-TV mitbestimmt werden. Und Werder – Köln hat auf Sky ein größere Reichweite als Leverkusen – Wolfsburg. Für Vereine wie St. Pauli, Kaiserslautern, Freiburg, Nürnberg ist dies auch kein so schlechter Deal, da sie eben auch über eine große Fanbase verfügen. Meine These wäre zudem, dass das externe Pimpen von Vereinen in der 2.Liga als potentiell gefährlicher wahrgenommen wird als eine Verfestigung der Position von Vereinen wie Bremen etc. durch ggf. höhere Anteile an den Fernsehgeldern durch die Berücksichtigung weicher Faktoren.

    Da man mindestens 19 Mannschaften braucht, um die Vorschläge zur Neuverteilung durchzubekommen, könnte ich mir sogar vorstellen, dass es zu einer Allianz der Marktwert-Gruppe mit Vereinen wie Schalke, BVB etc, die ebenfalls die Faktoren: Fanbase, Sky-Reichweiten usw. positiv gegenüberstehen und eben den Tradition-Vereinen der 2.Liga, die eben auch eine relative große Fanbase haben (F95, 1860, Nürnberg, St. Pauli, Kaiserlautern, KSC, Bochum, Union) und jetzt nicht so die großen Verlierer bei den weichen Faktoren wären wie FSV, Sandhausen, Wolfsburg, Hoffenheim), wenn dafür der 20%-Anteil der 2.Liga am Gesamttopf erhalten bleibt (oder man hier der 2.Liga etwas entgegen kommt, z.b. höhere Garantiebetrag als die diskutierten 142 Mio.).

  3. @Wuppertaler: Sehe ich ganz genauso, dass es legitim ist, Eigeninteressen einzubringen. Selbst weiche Faktoren als Teil der Fernsehgeldverteilung sind völlig in Ordnung, wenn man denn eine verlässliche Basis dafür hat (Social-Media-Daten sind es eher nicht, wenn man bedenkt, dass man sowas kaufen oder durch Aktionen künstlich pimpen kann). Man muss sich halt bewusst sein, dass die Implikationen auch eine kleine Anzahl an Vereinen trifft, die man vermutlich nicht treffen will und dass man damit auch sagt, dass man gern ein wenig steuern würde, welche Vereine Bundesligisten sind und welche nicht (und man sollte so ehrlich zu sich sein, dass man mit der Umverteilung von ein paar Euro wohl die Vereine, die stabil von Konzernen oder was auch immer finanziert sind, damit eher nicht trifft). Wenn man das will, dann nur zu. Nur das Grundproblem dessen, dass es eh keine Wettbewerbsgleichheit gibt, löst man nicht. Ein paar Teams, die normalerweise hinter den Europacupplätzen landen, schieben halt Brosamen hin und her.

  4. Papyrus-Diskussion

    Uns Ulli (Hoeneß) hatte das schon vor etwa zwei Jahre angesprochen,
    die TV-Gelder gerechter zu verteilen. Wurde aber von Kalle „Rolex“
    Rummenigge zurückgepfiffen. Schade eigentlich 🙁
    Der Topf muss einfach durch 18 geteilt werden und fertig !
    Das würde bei den Bayern _> 5% _ des Etats ausmachen.
    (Anstatt ca. 250 nur 240 Millionen) … da lacht der Sepp :-).
    Bei z.B. Ingolstadt würde der Etat 33% erhöht !
    (D.h. etwa von 30 auf 40 Millionen Euro)
    Exoten wie Darmstadt od. auch Freiburg, Mainz etc.
    werten die Liga auf ! Herrliche Erlebnisse mit verdatterten
    BVB u. Bayern-Fans, wenn die „Kleinen“ gewinnen od. `n
    überraschenden Sieg einspielen. Aber leider immer seltener.
    Und isch schau mir Fussball im TV (Kneipe) immer seltener an,
    international noch seltener. Totale Verarschung … ein Ärgernis.
    Man muss nicht den anderen Ländern alles nachmachen , oder ?

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