Erntezeit im Aufstiegsrennen

Sieben Spieltage noch. 21 Punkte zu vergeben. Ab jetzt sind die gesammelten Rechenspielchen der letzten Woche in Bezug auf Aufstiegswahrscheinlichkeiten nur noch Makulatur. Bei drei Punkten Differenz zwischen Platz 1 und Platz 3 kann sich das Bild von Woche zu Woche verändern, spielen Kleinigkeiten und auch das Nervenkostüm eine zunehmend größere Rolle.

In Sachen Psychospielchen geht es wohl auch verstärkt darum, dass man sich in eine Rolle versetzt, in der man nichts zu verlieren, sondern vornehmlich etwas zu gewinnen hat. Im Normalfall agiert es sich aus dieser Position heraus etwas leichter und unbeschwerter.

Wobei RB Leipzig skurrilerweise im Jahr 2016 gleich drei Auswärtsspiele (St. Pauli, Freiburg, Nürnberg) verloren hat, in denen man eigentlich weniger Druck hatte als der jeweilige Gegner und nur hätte gewinnen können. Wobei es wiederum bei Spielen gegen RB Leipzig noch jedes Team hinkriegt, den Druck auf der anderen Seite zu sehen, wohl selbst dann noch, wenn man im letzten Spiel drei Punkte bräuchte, um noch den Abstieg zu verhindern.

Ein bisschen geht es RB Leipzig diese Saison weiterhin wie in der letzten Spielzeit dem FC Ingolstadt. Zwischenzeitlich mit neun Punkten Vorsprung auf den dritten Platz schon uneinholbar enteilt scheinend, blieben davon nach 27 Spielen nur noch vier und begann man leicht zu zittern. Ingolstadt setzte sich am Ende noch recht souverän durch, hatte aber auch das Glück eines überschaubar starken Aufstiegskampfs, wenn man bedenkt, dass ihnen nach 27 Spielen 52 Punkte reichten, um die Plätze 2 und 3 zu distanzieren. Diese Saison wäre man mit dieser Punktzahl aktuell nur Vierter.

Die drei Topteams der Liga spielen entsprechend aktuell eine sehr gute Saison, auch wenn es in der Zweitligavergangenheit immer mal wieder bessere Ligadominatoren gab. Aber drei Teams, die so gleichmäßig ihre Runde ziehen sind tatsächlich die Ausnahme. Auch die Rückrundentabelle, in der Nürnberg mit 26 Punkten fünf Punkte vor Freiburg und Leipzig liegt, zeugt von der Dominanz der drei Teams, auch wenn sich die letzteren beiden in den letzten zehn Spielen mit jeweils drei Niederlagen schon ihre Auszeiten genommen haben.

Das Restprogramm der drei Aufstiegskandidaten nimmt sich nicht so richtig viel. Leipzig spielt noch zweimal gegen Teams (Bochum, Karlsruhe), die in der Rückrunde zu den besten acht Mannschaften gehören und in dieser Zeit ein Stück vor dem Rest stehen. Freiburg (St. Pauli, Heidenheim, Union) und Nürnberg (Karlsruhe, Union, St. Pauli) trifft es noch je dreimal.

Aber letztlich ist es mühselig die Liga in bessere oder schlechter Teams und Gegner zu unterteilen. Wenn Leipzig nach Düsseldorf oder Kaiserslautern reist, mag das tabellarisch zu den einfachen Aufgaben gehören, de facto ist es gegen motivierte Teams, die im Abstiegskampf stecken, trotzdem keine leichte Aufgabe. Was analog zum Beispiel auch für Nürnbergs Ausflug am letzten Spieltag nach Paderborn gilt, wo die Gastgeber eventuell noch Punkte brauchen werden. Am Ende wird es wohl weniger darauf ankommen, wo die Gegner stehen und wer sie sind, sondern eher darum, wie Freiburg, Nürnberg und Leipzig selber auftreten.

Alle drei Mannschaften haben ihre eigenen Stärken. Freiburg hat mit Sicherheit die beste Offensivabteilung der Liga. Nachdem man kurz nach der Winterpause noch Probleme hatte, gleich mehrere Ausfälle verkraften zu müssen und die neuen Spieler (Niederlechner, Nielsen) noch nicht integriert zu haben, hat man inzwischen wieder zu alter Power gefunden.

Nürnberg spielt derweil den wohl physischsten und wuchtigsten Ball, etwas was in der zweiten Liga (remember Darmstadt) erfahrungsgemäß oft gefragter ist als irgendwelche technischen Kabinettstückchen. 17 Spiele in Folge ohne Niederlage und acht Siege aus zehn Rückrundenspielen sorgen für das Vertrauen, das man in jedem Spiel erfolgreich vom Platz gehen kann. Und sorgen auch für neue Euphorie im Umfeld und für viele Fans nicht nur bei Heim-, sondern vor allem auch bei Auswärtsspielen. Auch das kann Richtung Saisonfinale zum Faktor werden.

Das wohl am ausgeglichensten besetzte Team dürfte das aus Leipzig sein. Auch wenn man im Kern nur 16 Feldspieler hat, aus denen die jeweilige Startelf gebildet wird. Trotzdem steckt in jedem Kaderteil sehr viel Potenzial.

Allerdings fehlt dabei auch so ein wenig das herausragende Puzzlestück, das das Gesamtkunstwerk abrunden würde. Einem Forsberg mangelt es aktuell ein Stück an Qualitäten beim Torabschluss. Marcel Sabitzer ist bemüht wie eh und je, aber kaum noch an Toren beteiligt. Die Innenverteidigung ist trotz einer guten Rückrunde, die ein Marvin Compper spielt, nicht immer bombensicher. Im zentralen Mittelfeld hat Diego Demme angefangen, im Spiel mit dem Ball und als zentraler Verteiler sehr viel Qualität einzubringen. Daneben fehlte es in den letzten Wochen auch wegen Ausfällen allerdings an Konstanz. Ein Marcel Halstenberg spielt zudem auch nicht mehr auf dem Niveau von 2015 (was auch an Verletzungen liegen mag). Und dazu hat man auf der Torwartposition mit dem Wechsel von Coltorti auf Gulacsi noch eine zusätzliche, potenzielle Baustelle aufgemacht.

Ein Phänomen ist dagegen Dominik Kaiser. Der sich mal wieder zur zentralen Figur im RB-Spiel hinaufgearbeitet hatte, bevor er die letzten zwei Spiele ausfiel und schmerzlich vermisst wurde. Der Kapitän schießt Tore, bereitet sie vor und geht vorneweg, als hätte es den Sprung vom Regionalliga- zum Zweitligaspieler nicht gegeben. Davon wird man in den letzten sieben Spielen noch mehr brauchen, wenn man als Team erfolgreich sein will.

Insgesamt spielt RB Leipzig ein ordentliches Jahr 2016, aber auch kein überragendes. Der Trend geht derzeit eher in Richtung Konkurrenz. Auch wenn man einwenden könnte, dass Leipzig insbesondere in den Heimspielen teils sehr gute Leistungen gezeigt hat und die drei Niederlagen vor allem auch den jeweiligen Umständen geschuldet waren. Also der leicht negative Blick darauf, dass das das Team 2016 sportlich keinen wirklichen Sprung gemacht hat, ein verzerrter ist.

Wobei die Nebenkriegsschauplätze in Form von miesen Platzbedingungen, unerwarteter Witterung und Grippe auch eben nichts anderes sind als Nebenkriegsschauplätze, die man vielleicht zu sehr in den Kopf gelassen hat. Vor allem Rasen und Witterung sind Dinge, die man annehmen kann und als Widerstände annehmen muss, wenn man in einer zweiten Liga etwas gewinnen will. Und auch bei der Grippewelle kann man sich (abgesehen von Dominik Kaiser, den es über einen sehr langen Zeitraum komplett aus dem Verkehr gezogen hat) durchaus fragen, warum die körperliche Schwächung der Spieler in dem Moment kein Thema mehr ist, wenn sie in ihren Nationalmannschaften ankommen und dort ihre Einsatzzeiten bekommen.

Am Ende ist es wie es ist und wenn der Aufstieg nur zu kriegen ist, wenn du ohne drei Stammspieler auf Schnee drei Punkte holen musst, dann ist das eben die Aufgabe, die es in der Freiluftsportart Fußball zu lösen gilt. Und die im konkreten Fall Schnee von Freiburg eben schlicht besser gelöst wurde. Zumindest in Sachen Platzbedingungen kann man aber in den nächsten Wochen davon ausgehen, dass man keine Debatten mehr führen muss, denn in Düsseldorf und Kaiserslautern wurde extra für das Saisonfinale neues Grün verlegt..

Angesichts vieler dreckiger Siege vor der Winterpause mag es verwegen erscheinen, wenn man RB Leipzig als das am wenigsten dreckige Team der drei Aufstiegskandidaten bezeichnen würde. Tatsächlich beherrschen allerdings sowohl Nürnberg als auch (mit Abstrichen) Freiburg die Disziplin, auch mal mit langen Bällen und der Jagd nach dem zweiten Ball den Erfolg sicher zu stellen, wesentlich besser. Gerade im direkten Duell mit Leipzig haben beide Teams gezeigt, dass man mit einfachen Mitteln, Aggressivität und Überzeugung die drei Punkte bei sich und den Gegner im Schach behalten kann.

7:7 Tore in den letzten vier Spielen und 2:5 in den Spielen gegen Freiburg und Nürnberg verweisen auch auf die defensive Anfälligkeit von RB Leipzig in jüngerer Vergangenheit, die man offensiv nicht ausgebügelt bekam. Man ist zwar im Saisonschnitt das Team mit der besten Balance zwischen Offensive und Defensive, aber so richtig passten die Dinge zuletzt nicht immer zusammen. Auch in den Heimspielen gegen 1860 und Heidenheim brauchte es jeweils Energieleistungen in der zweiten Hälfte, um noch die Punkte mitzunehmen.

Leistungen, die mithin wiederum für RB Leipzig und für ihre Fähigkeiten sprechen, auch nach Rückschlägen und Rückständen zurückzukommen. Schon in der Hinrunde spielte man unter Druck meist ordentlichen und erfolgreichen Fußball, was für die restlichen sieben Spiele ja ein ganz gutes Zeichen wäre.

Erfolgreich war man vor allem immer dann, wenn es nicht gegen eines der Topteams der Liga ging. Gerade gegen die Breite des Feldes holte man viele, viele Punkte. Angesichts dessen, dass mit Bochum nur noch eines der fünf besten Teams der zweiten Liga als Gegner wartet, könnte auch das als Pluspunkt für Leipzig sprechen.

Kernaufgabe für den Saisonendspurt dürfte es sein, die Heimspiele erfolgreich zu gestalten. Vier der letzten sieben Partien bestreitet RB Leipzig in der heimischen Arena. In der sich im besten Fall auch noch so etwas wie Euphorie ausbreitet. Also diese belebende Euphorie, die auf ein positives Saisonende hinfiebert, die etwas schaffen will und nicht dagegen ankämpft, etwas zu verlieren. Klar sind aus den acht Punkten Vorsprung auf Platz 3 zur Winterpause inzwischen drei geworden, aber man steigt wohl eher nicht auf, wenn man aus einer tabellarischen Verteidigungshaltung heraus agiert. Genau die scheint sich aber in den letzten Wochen etwas zu stark rund um RB Leipzig eingenistet zu haben.

Zur Winterpause wurde nicht nur vom Umfeld, sondern auch von RB-Verantwortlichen der Aufstieg als Ziel relativ klar formuliert. Was angesichts der Tabellensituation auch Sinn gemacht hat. Tatsächlich wäre es trotz der Tatsache, die jüngste Mannschaft der zweiten Liga zu sein, durchaus eine ordentliche Niederlage, wenn man im Aufstiegskampf am Ende nicht erfolgreich wäre (egal ob mit oder ohne Relegation).

Genau dieses Wissen hilft im Saisonendspurt allerdings herzlich wenig. Helfen tun Siege, Fokus auf die Spiele und Bock auf eine Feierstunde am Saisonende hinzuarbeiten. Vielleicht tat die Länderspielpause und die Abwesenheit der Länderspielreisenden bzw. die grippebedingte, komplette Auszeit in Bezug auf das gemeinsame Training für den Rest ganz gut, dass alle Spieler noch mal ein bisschen Abstand bekommen konnten und nun mit neuer, in Bezug auf den Kopf frischerer Energie angreifen können.

7 Spiele. 21 zu vergebene Punkte. Praktisch beginnt die Saison für die drei Topteams noch mal bei Null. Wer den Ausgang des Aufstiegsrennes verlässlich voraussagen kann, muss über eine sehr gute Glaskugel verfügen. Spätestens in 47 Tagen weiß man über die Belegung der ersten drei Plätze in der zweiten Liga Bescheid. Zeit, die Ernte für die Arbeit einer ganzen Saison einzufahren.

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Restprogramm

  • Leipzig
    • Bochum (H)
    • Düsseldorf (A)
    • Sandhausen (H)
    • Kaiserslautern (A)
    • Bielefeld (H)
    • Karlsruhe (H)
    • Duisburg (A)
  • Freiburg
    • Fürth (A)
    • St. Pauli (H)
    • Braunschweig (A)
    • Duisburg (H)
    • Paderborn (A)
    • Heidenheim (H)
    • Union (A)
  • Nürnberg
    • Frankfurt (A)
    • Duisburg (H)
    • Karlsruhe (A)
    • Union (H)
    • Braunschweig (A)
    • St. Pauli (H)
    • Paderborn (A)

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5 Gedanken zu „Erntezeit im Aufstiegsrennen“

  1. Ich finde den Ansatz, sich voll auf die Heimspiele zu konzentrieren, ein wenig fragwürdig. Wenn sich der Lauf der Dinge fortsetzt, gewinnen wir das Gros der Heimspiele und holen auswärts mit Mühe und Not ein paar Zähler. Das dürfte eher nicht für den direkten Aufstieg reichen, wenn Freiburg und Nürnberg so weitermachen. Davon ist momentan (leider) auszugehen.

    Wäre ich Rangnick, würde ich eher wie Gulacsi argumentieren – „Wir haben 7 Endspiele“, oder so. Es kommt jetzt in jedem Spiel auf eine Top-Leistung an, egal ob zu Hause oder auswärts.

  2. Ja, die „7 Endspiele“-Regel steht natürlich über der „Heimspiele“-Regel. Die Heimsiege sollten dabei aber das entscheidende Fundament legen.

  3. Huch – ich bemerke jetzt erst, dass alle 3 das vorletzte Spiel daheim und das letzte auswärts ran müssen. Zumindest in dem Aspekt herrscht „Waffengleichheit“ 🙂 Ansonsten ist ja Deinen Ausführungen nix hinzuzufügen – wie fast immer). Gibt es eigentlich schon neue Vorverkaufswasserstände für das Restheimprogramm?

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