Was von der englischen Woche bleibt

Die letzte englische Woche der Saison ist vorüber. Auf Ergebnisebene extrem überraschend vielleicht nur die neun Punkte für 1860 München. Gerade noch nach sieben Spielen ohne Sieg, davon fünf Niederlagen am Stück, depremierter Abstiegskandidat mit neun Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz und eine reichliche Woche später hat man den Rückstand komplett aufgeholt und den Nichtabstiegsplatz selbst belegt. Mehr als erstaunliches Comeback.

Das auch dazu führt, dass die schon so klar wirkenden Verhältnisse im Abstiegskampf komplett durchgewirbelt wurden. Denn plötzlich stecken auch Teams wie Sandhausen, Bielefeld oder Frankfurt wieder in ernsteren Schwierigkeiten bei nur noch zwischen vier und sechs Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang.

Sandhausen übt sich im Angesicht der näherrückenden Abstiegsplätze immer noch trotzig im ‚Wer hätte vor der Saison denn geglaubt, dass wir trotz drei Punkte Abzug so gut dastehen würden‘-‚Alles ist gut‘-Sprech, hat aber in acht Rückrundenspielen nur vier Punkte geholt. Also so viel wie Paderborn und Duisburg im selben Zeitraum. Dazu kommen Scharmützel zwischen Präsident Machmeier und der Schiedsrichtergilde, der er absichtliche Benachteiligung des SV Sandhausen unterstellte. Nach Aluhut kommt Abstieg. Vielleicht. Zumindest tut Sandhausen inzwischen sportlich alles dafür.

Während Bielefeld ganz gefestigt wirkt, hat man beim FSV Frankfurt immer das Gefühl, man könnte jeden Moment komplett auseinanderbrechen. Die vielen Leihspieler und nun auch noch ein Trainer Tomas Oral, der seinen Abschied zum Saisonende angekündigt hat und beim KSC unterschrieb. Das kann auch ganz schnell in eine Negativspirale führen.

Interessante Wendung auch, dass nach einem deutlichen Karriereknick bei Tomas Oral nach den Stationen RB Leipzig und FC Ingolstadt nun wieder ein Karrierehoch ansteht, obwohl die Arbeit beim FSV Frankfurt auch nicht jeden zu überzeugen vermochte. Umso überzeugender müssen die Gespräche zwischen KSC und Oral gewesen sein. Dürfte spannend werden, wie Oral in Karlsruhe, wo man sich ja perspektivisch in der 1.Liga sieht und wo Markus Kauczinski in den letzten Jahren meist eher mehr herausgeholt hatte, als im Team drinsteckte, einschlägt.

Nicht so richtig eingeschlagen beim SC Paderborn ist Stefan Effenberg. Der letzte Woche in einem beispiellosen Rundumschlag von Präsident Wilfried Finke vom Hof gejagt wurde. Man drohte zum „SC Effenberg zu degenerieren“(!), wolle die „Hollywood-Welt nicht und überhaupt sei diese ganze große Medienwelt nichts für Paderborn, so Finge.

Das darf schon alles ziemlich erstaunen. Nicht nur angesichts Finkes permanentem Schlingerkurs fragt man sich, wie es der Club trotz seines Präsidenten geschafft hat, noch vor kurzem in die Bundesliga aufzusteigen. Erstaunlich aber vor allem, dass man sich vor ein paar Monaten einen Trainer holte, der für Medienöffentlichkeit, Interesse und große Bühne stand und man sich genau darin sonnte und darüber freute, mit Paderborn mehr noch als zu Bundesligazeiten mal ganz vorn auf all den bunten Blättern und in allen Sportformaten zu sein, um den Trainer nun genau deswegen abzusägen und mit mehreren Tritten zu versehen.

Einem Trainer nach seinem Rauswurf nachzubrüllen, durch ihn drohe der Verein zu degenerieren, also zu verfallen, zu entarten und von der Norm abzuweichen, ist schon harter Tobak. Zumal man Effenberg nun wirklich nicht vorwerfen kann, dass Paderborn von ihm Glamour und Aufmerksamkeit wollte und trotzdem glaubte, dabei ohne Veränderung und in aller Ruhe weiterarbeiten zu können. Über so etwas denkt man eigentlich nach, bevor man einen Trainer verpflichtet.

Dass die Art und Weise des Effenberg-Rauswurfs auf jeder Ebene miserabel war, heißt natürlich nicht, dass es nicht auch sportliche Gründe dafür gab. Der Effenbergsche Kurs, auch schlechte Leistungen schönzureden, war durchaus speziell. Aber gerade die letzten drei Spiel vor seinem Rauswurf waren auch ein deutliches Zeichen, dass man sich stabilisierte. Man kassierte in dieser Zeit die wenigsten Torschüsse aller Zweitligisten und lief enorm viel. Sprich, der Verbund arbeitete gut und die Mannschaft funktionierte. Was eigentlich auch immer für den Trainer spricht. Dass ein Stoppelkamp beispielsweise nach Effenbergs Rauswurf relativ deutlich seinen Unmut darüber artikulierte, verweist auf die in Bezug zum Team gesicherte Stellung des Trainers.

Es ist natürlich völlig legitim, wenn man beim SC Paderborn lieber Möbelhaus als große Bühne sein will. Muss ja jeder selbst wissen, was so seine Träume und Ideen sind. Warum man angesichts dessen überhaupt einen Stefan Effenberg holte (also nicht mehr wie Paderborn wirken, aber trotzdem weiter wie Paderborn bleiben wollte) und warum man sich den Spaß erlaubte, zum Abschied einmal kurz, aber intensiv auf ihm herumzuspringen und ihn dazu zu missbrauchen, die eigene Piefigkeit gegen die angebliche Degeneriertheit des Systems Effenberg verteidigen zu können, bleibt ein großes Rätsel.

Rätselhaft war lange auch, welche Krankheit Sascha Lewandowski ursprünglich bei Union Berlin für drei Wochen aus dem Verkehr nahm. Nicht ganz überraschend stellte es sich als Burnout heraus und zwingt den Coach zu einer längeren Pause, um sich komplett wiederherzustellen. Ist ne Arschlochkrankheit, aber immerhin ist man inzwischen gesellschaftlich nicht mehr an einem Punkt, wo man über diese Überbelastung einfach hinweggeht und sie als persönliche Schwäche eines Menschen interpretiert.

Wobei man im Umgang mit der Erklärung Unions und Lewandowskis auch ein wenig das Gefühl hat, dass wohl alle Beteiligten noch eine Weile brauchen, bis sie verstehen, was eigentlich die nächsten Schritte für Lewandowski sind. Letztlich geht es um eine Veränderung der Lebens- und Arbeitsgewohnheiten, um Situationen des Ausbrennens zu vermeiden. Bei Ralf Rangnick ging es vornehmlich um Ernährungsfragen und Alltagsritualisierungen (regelmäßige Mahlzeiten, regelmäßige Handyauszeiten). Bei anderen können die Anforderungen an die Umstellung durchaus auch radikalerer Natur sein.

Dass man bei Union das 4:0 gegen Frankfurt zu einem Zeichen an Ex-Coach Lewandowski umdeutete und Neu-Trainer Hofschneider sinngemäß meinte, dass er sicher sei, dass Lewandowski auf der Couch mitgejubelt habe und ihm das sicher gut tue, macht sicherlich Sinn, wenn man die Situation des Clubs bedenkt, der seinen (beliebten) Trainer verliert und ihm was gutes tun will. Und sei es durch an ihn denken oder Komplimente zuwerfen.

Aber ein Stückweit steckt darin auch ein Problem des Umgangs mit der Krankheit. Dass man bei einem Burnout-Patienten glaubt, dass die weitere intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, der ihn ausgebrannt hat, auch gleichzeitig zu seiner Genesung beitragen könne.

Interessant in dem Zusammenhang vielleicht auch Lewandowskis Aussage von der Union-Homepage: „Neben den gesundheitlichen Risiken muss ich auch akzeptieren, dass ich aktuell einfach nicht annähernd die Power habe, mit so viel Energie zu arbeiten, wie ich es als Cheftrainer gewohnt bin und wie die Mannschaft es verdient.“ Ist natürlich aus der Ferne interpretiert, aber es klingt so, als wäre die durchklingende Aufopferung für die Mannschaft eher Teil des Problems und nicht der Lösung.

Gar keine Probleme hat aktuell der 1.FC Nürnberg, der das Team der Stunde ist. Seit 15 Spielen ungeschlagen, nach der Niederlage von Leipzig in Freiburg auch bestes Team der Rückrunde (20 Punkte aus acht Spielen). Viel besser geht es nicht, auch wenn es nicht immer schön aussieht. In der Rückrunde hat man schon zwei Punkte auf Leipzig und fünf auf Freiburg aufgeholt. Punktet man bis zum Saisonende so weiter, landet man bei einer Zahl im hohen 60er-Bereich. Das reicht im Normalfall immer zum Aufstieg.

Diesmal gibt es allerdings mit Leipzig und Freiburg ordentlich punktende Konkurrenz, sodass sich die drei Teams zu einer nicht ganz normalen Punktebilanz treiben könnten. Was zum Leidwesen von Teams wie Bochum (drittbestes Team der Rückrunde) oder St. Pauli wäre, die eine famose Serie spielen, aber hinter dem Spitzentrio momentan trotzdem nicht so recht Schritt halten können bzw. vom Rückstand nichts aufholen können.

Nicht so richtig Schritt halten, kann auch Duisburg im Tabellenkeller. Man übt sich zwar noch in Durchhalteparolen, aber wenn man ehrlich ist, dann hat das Team einfach nicht die Qualität, um eine Serie zu starten, die sie neun Punkte auf Düsseldorf und fünf auf Paderborn aufholen lässt. Dafür hätte man Spiele wie in Frankfurt, als man sich über ein spätes 3:3 freute, wohl gewinnen müssen. Hat man aber nicht, weswegen man die Drittligaplanungen wohl schon intensivieren kann.

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Kleine Tabellenspielerei. Für alle Teams in der ersten Spalte eine Art subjektives Ranking, welcher Rang den aktuellen Fähigkeiten der jeweiligen Mannschaft entspricht. In der zweiten Spalte ein Ranking nach Torschüssen (Nummer 1 hat den besten Wert, wenn man die Anzahl der eigenen Schüsse aufs Tor ins Verhältnis zu den zugelassenen Torschüssen setzt). In den anderen Spalten in der Reihenfolge: aktuelle Punktzahl (Abgezogen werden müssen beim SV Sandhausen davon noch drei Punkte resultierend aus einer DFL-Strafe wegen Lizenzverstößen.), Punktzahl aus den letzten sechs Spielen, Punktzahl Rückrunde, Punktzahl englische Woche.

 SubjTSGeslast 6RREW
Leipzig115312186
Freiburg225012159
Nürnberg354714209
Bochum434012167
Heidenheim5123511146
St. Pauli664212136
Berlin7153310166
Karlsruhe89349154
Braunschweig97356102
Fürth101033884
Kaiserslautern11431590
München12112410109
Bielefeld13829591
Sandhausen141333440
Düsseldorf151424450
Paderborn161620342
Frankfurt171728662
Duisburg181815342

Tabelle nach Länderspielblöcken: Die Saison wird regelmäßig von Länderspielen unterbrochen. Jeweils nach Spiel 5, 10 und 14 ruhte der Ligabetrieb für jeweils zwei Wochen. Diese vier Blöcke (Spieltage 1-5, 6-10, 11-14, 15-19) und ihre Punkteausbeute werden in der folgenden Tabelle verglichen. Die nächste Länderspielpause ist über Ostern am letzten Märzwochenende.

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Leipzig89915
Freiburg129512
Nürnberg77415
St. Pauli10884
Braunschweig71057
Bochum15616
Sandhausen10874
Kaiserslautern8737
Karlsruhe63106
Fürth51244
Heidenheim10644
Bielefeld6558
Berlin4658
Frankfurt7654
Düsseldorf1568
Paderborn3482
München2444
Duisburg2325

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