Was von Spieltag 20 bleibt

Erster Spieltag nach der Winterpause. Ein Tag, nach dem man ein wenig zur Überreaktion und Überinterpretation neigt und Siege und Niederlagen schon mit unvermeidbaren weiteren Saisonentwicklungen verknüpfen könnte. Was, wie nach dem ersten Spieltag nach der Sommerpause, ein wenig früh und zu viel des Guten wäre.

Angesichts der Lage mancher Vereine ist eine Überreaktion aber durchaus auch nachvollziehbar ist. Insbesondere die Teams im Tabellenkeller sind mit teilweise großen Hoffnungen in den 20. Spieltag gestartet und wollten dort den Bock umstoßen. Herausgekommen sind für die vier Teams ganz unten zusammen null Punkte und gerade mal ein Tor. Das ist ein ziemlicher Schlag in die Magengrube namens Hoffnung.

Insbesondere in Duisburg gehen die Zweitligalichter langsam aber sicher aus. Viele plausible Argumente, warum sie noch auf einen direkten Nichtabstiegsplatz, der immerhin schon acht Punkte weg ist, gelangen sollten, lassen sich nicht finden. Und auch Platz 16 ist vor allem angesichts der kadertechnisch gut besetzten Konkurrenten aus München, Paderborn und Düsseldorf schwer verargumentierbar. Die nächsten beiden Spiele gegen Karlsruhe und in Fürth dürften schon fast die letzte Chance sein, um noch mal in einen Modus der Hoffnung gelangen zu können.

An den anderen Standorten setzt man derweil auf das Prinzip Hoffnung. Wobei man ganz realistisch davon ausgehen muss, dass einer aus dem Trio Düsseldorf, Paderborn und München am Ende in den sauren Apfel Direktabstieg wird beißen müssen. Bei 1860 ist man zumindest schon an dem Punkt, dass der Gegner mit dem vergifteten Kompliment ‚Wenn ihr so weiter spielt, werdet ihr nicht absteigen‘ und drei Punkten im Gepäck das Stadion verlässt. Wenn man den Satz hört, kann man schon mal in Panik verfallen, genauso wie sie in Horrofilmen nach der versuchten Beruhigung, bloß nicht in Panik zu verfallen, eigentlich immer angebracht ist.

Auch in Paderborn, dem nach Punkten schlechtesten Team der zweiten Liga in den letzten Wochen, darf man schon langsam in den Panikmodus verfallen. Mit dem 0:1 in Sandhausen, die einen typischen Sandhausen-Sieg einfuhren, verpasste man es, den Kontrahenten vielleicht noch mal in einen erweiteren Abstiegskandidatenkreis hineinzuziehen. Anschließend rettete sich das einstige Glücksversprechen Effenberg trotzdem in Satzfetzen, die Hoffnung ausstrahlen sollten.

Pech habe man gehabt, gut gespielt und einen klaren Elfmeter nicht bekommen. Stimmt sicherlich alles zumindest ein wenig. Aber Fakt ist auch, dass man in 90 Minuten lediglich siebenmal aufs Tor schoss. Was nicht so richtig viel ist und eher auf tieferliegende Probleme als Pech hinweist. Ob Nick Proschwitz etwas an dieser Tatsache geändert hätte, ist eine nicht zu beantwortende Frage. Denn der lässt seine Hose schießt seine Tore jetzt lieber in der ersten belgischen Liga runter.

Lustig wird die Situation dadurch, dass mit Effenberg und Finke in Paderborn auch zwei Alphatiere aufeinandertreffen, deren Harmoniebedürfnis Grenzen haben dürfte. Nach dem Spiel in Sandhausen hatte Effenberg mit seinem Satz, dass er daran glaube, weiter Trainer in Paderborn zu sein, aber man dies den SCP-Präsident fragen müsse, der „mal so, mal so“ sei, die Lacher noch auf seiner Seite. Im Normalfall lacht in Paderborn allerdings immer der Präsident als Letzter..

Gelacht wird auch in Nürnberg wieder viel. Zusammen mit Leipzig ist man das aktuell überragende Team der zweiten Liga und hat sechs Siege am Stück eingefahren und ist seit zehn Spielen (also seit der knappen Niederlage in Leipzig) ungeschlagen. Platz drei mit deutlichem Blick nach oben ist der Lohn. Ähnlich wie RB Leipzig hat man einen kleinen, aber gut besetzten Kaderkern, in dem die Mischung aus festen Hierarchien und Wettbewerb ganz vernünftig ist. Dazu hat man viel Physis und Robustheit, was in dieser zweiten Liga immer ein echter Wettbewerbsvorteil ist.

Nürnberg muss man Richtung Direktaufstieg mehr als auf der Rechnung haben. Vielleicht sind sie aktuell diesbezüglich sogar stärker zu favorisieren als der SC Freiburg, die erst mal zeigen müssen, dass sie die gleichzeitigen Ausfälle von Petersen und vor allem Frantz und Philipp kompensieren können. Wenn man drei Spieler verliert, die allesamt in jedem anderen Zweitligateam (außer Leipzig) einen Stammplatz hätten, dann ist das selbst dann schwer aufzufangen, wenn man mit Niederlechner und Nielsen in der Winterpause noch mal ganz viel Qualität ins Team geholt hat. Mal schauen, wann und in welchem Zustand das verletzte Trio wieder zurückkehrt.

Dass Nürnberg so konstant punktet und eher nach oben durchstartet, ist für die Verfolger ab Platz 4 keine so gute Nachricht. In Bochum, Braunschweig oder Hamburg hatte man sicherlich eher auf ein wenig Schwächelei gehofft. Bochum hat es am kommenden Montag selbst in der Hand, Nürnberg zu stoppen. Gewinnen allerdings Nürnberg und Leipzig am nächsten Spieltag ihre Partien gegen Bochum und St. Pauli, dann könnte es an der Tabellenspitze ganz schnell darauf hinauslaufen, dass nur noch drei Mannschaften für den Aufstiegskampf übrig bleiben.

Bei Bielefeld weiß man derweil weiterhin nicht, was man von ihnen halten soll. Als Neunter haben sie zehn Punkte Vorsprung auf den Abstiegsrelegationsplatz und neun Punkte Rückstand auf den Aufstiegsrelegationsplatz. Die natürliche Mitte der zweiten Liga sozusagen. Die zweitwenigsten Niederlagen aller Zweitligisten verweisen allerdings darauf, dass in der defensivstarken Arminia eine ganz gute, vor allem mannschaftliche Qualität steckt. Die Transfers der Winters, die den Club noch mal breiter aufgestellt haben, lassen vermuten, dass man eher nach oben denn nach unten gucken darf.

Hinterhergeguckt hat Union im Spiel in Kaiserslautern Jean Zimmer. Es bleibt ein Phänomen, dass man eigentlich weiß, dass Zimmer der perfekte Konterspieler ist, wenn man eine Ecke in Kaiserslauterns Strafraum schlägt. Auch Union wird, das ist bei modernem Scouting eigentlich vorauszusetzen, darum gewusst haben. Aufhalten konnten sie es trotzdem nicht, dass man binnen weniger Sekunden nach eigener Ecke ein von Zimmer vorbereitetes Kontertor kassierten. Wer es nicht großartig findet, wie Jean Zimmer im Stakkato-Schritt über das Feld pflügt wie einst Marlies Göhr über die Tartanbahn, der hat den Fußball den Betze Jean Zimmer nie geliebt.

Wie groß die Liebe der Torhüter zu ihrem Beruf ist, weiß man nicht. Dürfte manchmal eine ganz schöne Hassliebe sein, wenn man Woche um Woche auf der Bank rumsitzt und anderen Leuten bei der Arbeit zuschaut. Gleich drei Keeper kamen allerdings an diesem Spieltag in den Genuss, ihre ersten Spielminuten bei ihrem Club zu absolvieren.

Bei Peter Gulacsi war die Freude sicherlich am größten, endlich mal mitspielen zu dürfen. Jakob Busk hatte vor seinem ersten Einsatz noch gar keine Chance, auf der Ersatzbank zu verzweifeln, weil er erst im Winter bei Union unterschrieb. Und Rick Wulle ist mit seinen 21 Jahren und mit seinen Einsätzen beim Oberliga-Team des SV Sandhausen vielleicht noch nicht so ungeduldig wie andere Ersatzkeeper. Die drei waren die Keeper Nummer 24 bis 26, die diese Saison bisher in der zweiten LIga eingesetzt wurden. Elf Vereine spielten bisher mit ihrer jeweiligen Nummer 1 durch.

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Kleine Tabellenspielerei. Für alle Teams in der ersten Spalte eine Art subjektives Ranking, welcher Rang den aktuellen Fähigkeiten der jeweiligen Mannschaft entspricht. In der zweiten Spalte ein Ranking nach Torschüssen (Nummer 1 hat den besten Wert, wenn man die Anzahl der eigenen Schüsse aufs Tor mit den zugelassenen Torschüssen vergleicht). In den anderen Spalten in der Reihenfolge: aktuelle Punktzahl (Abgezogen werden müssen beim SV Sandhausen davon noch drei Punkte resultierend aus einer DFL-Strafe wegen Lizenzverstößen.), Punktzahl 2016, Punktzahl aus den letzten sechs Spielen.

Subjektivnach TSGesamt2016RR1.Blockletzte 6
Leipzig1144323818
Nürnberg2736322718
Bochum3431321159
Freiburg42380281213
St. Pauli5633324107
Bielefeld6527317611
Braunschweig7102902377
Heidenheim81327321107
Sandhausen91132322107
Berlin10152412649
Karlsruhe1182612867
Kaiserslautern1232612889
München1391402124
Frankfurt14172312175
Fürth15142501654
Düsseldorf16122001618
Paderborn17161703032
Duisburg18181202325

Tabelle nach Länderspielblöcken: Die Saison wird regelmäßig von Länderspielen unterbrochen. Jeweils nach Spiel 5, 10 und 14 ruhte der Ligabetrieb für jeweils zwei Wochen. Diese vier Blöcke (Spieltage 1-5, 6-10, 11-14, 15-19) und ihre Punkteausbeute werden in der folgenden Tabelle verglichen. Die nächste Länderspielpause ist über Ostern am letzten Märzwochenende.

Platz1.Block2.Block3.Block4.Block
Leipzig189915
Freiburg2129512
Nürnberg377415
St. Pauli410884
Braunschweig571057
Bochum615616
Sandhausen710874
Kaiserslautern88737
Karlsruhe963106
Fürth1051244
Heidenheim1110644
Bielefeld126558
Berlin134658
Frankfurt147654
Düsseldorf151568
Paderborn163482
München172444
Duisburg182325

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