Kaderschmiede RB Leipzig 2016 – Update 1

Stell dir vor, das Transferfenster schließt und RB Leipzig hat keinen einzigen Spieler verpflichtet. War bis vor ein paar Wochen schwer vorstellbar, ist aber nun Realität geworden. Mit intensiven Umbaumaßnahmen am Kader war sowieso nicht zu rechnen, dass es am Ende gar kein Neuzugang wurde, ist dann doch ein wenig überraschend.

Nicht nur wurde kein neuer Spieler geholt, es wurden sogar noch zwei abgegeben. Mit Tim Sebastian verließ ein verlässlicher Spieler den Verein, der in der zweiten Reihe und als Teamplayer durchaus eine Lücke hinterlässt. Mit Zsolt Kalmár ist zudem einer leihweise gegangen, der Spielpraxis braucht (u.a. weil er im Sommer mit Ungarn zur EM fahren will), in Leipzig zumindest in der zweiten Liga eher keine gekriegt hätte und entsprechend aus reiner Kaderplanungsperspektive kein ganz so großer Verlust ist.

Übrig geblieben sind 21 Feldspieler und 3 Torhüter. Wenn man davon noch Terrence Boyd abzieht, der nunmehr seit 15 Monaten verletzt ausfällt und wohl auch für den Rest dieser Saison keine Rolle spielen wird, ist man bei 20 Feldspielern, also ungefähr bei Optimalkadergröße. Allerdings plant man mit Stefan Hierländer nur noch sehr peripher. Und auch Strauß und Gipson wird man eher bei der U23 als bei den Profis sehen. Was am Ende 17 Feldspieler macht, die im engeren Sinne Chancen auf einen Platz in der Startelf haben. Wobei darunter auch noch zwei, drei sind (Khedira, Quaschner und Jung oder Teigl zum Beispiel), die angesichts der Konkurrenz auch erstmal kaum über Jokerrollen oder erste Wahl bei Verletzungen oder Ausfällen von Konkurrenten hinauskommen dürften.

17 Spieler im Kernkader, das klingt nicht unbedingt üppig. Hat aber sicherlich den Vorteil auf eine kleine, gut eingespielte Gruppe zurückgreifen zu können, in der alle relativ regelmäßig Einsatzzeiten bekommen (wenn auch sicherlich nicht alle regelmäßig von Beginn an). Das könnte in Sachen Eigendynamik und Teamstimmung Richtung Aufstieg durchaus ein positiver Faktor sein.

Auf der anderen Seite führt der kleine Kernkader auch zu relativ festen Hierarchien. Im Gegensatz zur öffentlichen Rhetorik sind mindestens fünf Positionen vergeben, wenn sich die jeweiligen Spieler nicht ganz dumme Dinge leisten (Orban, Ilsanker, Halstenberg, Sabitzer, Forsberg). Wenn man dann noch an Coltorti, Klostermann und Kaiser denkt, die in der Hinrunde dauergesetzt waren und für die dies auch in der Rückrunde gelten könnte, bleiben nicht mehr viele Positionen zur Vergabe übrig. Der ganz große Wettbewerb findet also in sehr kleinem Rahmen statt.

Einzig aus diesem Grund, dass die Hierarchien und Kräfteverhältnisse im Team ziemlich klar scheinen, wäre vielleicht ein kleiner Transferreiz im Winter recht positiv gewesen. Auch um einen möglichen Bundesligaaufstieg schon jetzt personell vorzubereiten und anzugehen (wie es Freiburg mit klugen Verstärkungen getan hat). Aktuell scheint man ein wenig im eigenen Saft zu schmoren. Ob das Pendel dahin ausschlägt, dass man in dieser Konstellation enger zusammenrückt und leistungsstärker wird oder dass man aufgrund nicht ganz so großer interner Reibung eher Leistungsverluste hat, werden die nächsten Wochen zeigen. Da die Fokussierung auf einen Kernkader aber durchaus Argumente für sich hat, sollte man bei Nichtgelingen hinterher auch nicht so tun, als wäre es schon von vornherein klar und absehbar gewesen.

Der ganz große Vorteil, den Kader nicht durch externe Neuzugänge zu verstärken, besteht sowieso in einem internen Signal. Nämlich dem Signal an Nachwuchsleute wie Touré, Janelt oder Fechner, die mit im Trainingslager in der Türkei waren (aber auch an die anderen Talente), dass bei Ausfällen im Profikernkader der Weg für sie zumindest auf die Zweitligabank sehr kurz ist. Und wenn man erstmal auf der Bank landet, hat man auch alle Chancen mal in einem Spiel zu landen.

Für den Nachwuchs insbesondere in der U19 sicherlich ein wichtiges Zeichen, dass man die interne Reserve ist bei Ausfällen. Hätte man in der Winterpause zentralen Mittelfeldmann, Innenverteidiger und Außenverteidiger neu geholt, hätte sich der eine oder andere Nachwuchsnationalspieler berechtigt die Frage stellen dürfen, ob er bei RB Leipzig auch im Männerbereich Raum und Möglichkeiten zur Entwicklung bekommen wird.

Der folgende Kaderüberblick ist in seiner Zuordnung zu Positionen natürlich arg schematisch. Zumal Spieler von System zu System unterschiedliche Rollen bekleiden (Stürmer vs. Zehn bspw.). Auf den einzelnen Positionen sind jeweils die Kernspieler verzeichnet und anschließend in Klammern die möglichen Backups. Dabei durfte jeder Spieler nur in einer Kategorie Kernspieler sein. Ein Marcel Sabitzer ist entsprechend hier als Stürmer verortet (was er vom Typus her am ehesten ist), auch wenn er fast genausogut im Mittelfeld stehen könnte.

Tor: Fabio Coltorti (35), Peter Gulacsi (25), Benjamin Bellot (25)

Für die zweite Liga weiterhin eine sehr gute Besetzung. Fabio Coltorti ist dank seiner Ruhe und weniger und wenn nur kleinerer Wackler bisher gesetzt. Und dürfte das auch so lange sein, wie er sich nicht verletzt oder gesperrt ausfällt oder zwei, drei Spiele mit Fehlern am Stück macht. Das ist Künstlerpech für Gulacsi, aber wohl kaum zu ändern. Außer Rangnick sieht sich in der Pflicht, Gulacsi für seinen Wechsel letzten Sommer mit Einsätzen zu ‚belohnen‘. Bellot komplettiert die Torhüterposition als U23-Stammkeeper. Man darf davon ausgehen, dass das Trio nach einem möglichen Bundesligaaufstieg ein deutlich anderes Gesicht bekommen wird.

Außenverteidiger: Marcel Halstenberg (24), Lukas Klostermann (19), Georg Teigl (24), Anthony Jung (24), Ken Gipson (19) – (Stefan Hierländer)

Links mit Halstenberg und Backup Jung  absolut top. Rechts mit dem sehr jungen Klostermann und dem in der Hinrunde manchmal wackligen Teigl nicht ganz so überragend besetzt. Gipson bleibt ein Versprechen für die Zukunft, dürfte aber kurz- bis mittelfristig bei den Profis keine bis eine nur sehr kleine Rolle spielen.

Innenverteidiger: Willi Orban (23), Atinc Nukan (22), Marvin Compper (30) – (Lukas Klostermann, Stefan Ilsanker, Anthony Jung)

Im Kern drei Innenverteidiger, wenn Klostermann (was die Testspiele nahelegen) Außenverteidiger bleibt. Das ist nicht gerade üppig besetzt. Selbst wenn da natürlich noch drei Alternativen von anderen Positionen relativ problemlos aushelfen können. Nicht gerade üppig ist es auch deswegen, weil die möglichen Backup-Spieler aus dem Nachwuchsbereich auch nicht unbedingt Innenverteidiger sind. Orban und Nukan oder Compper lautet letztlich die Besetzung. Das ganz große Besetzungskarussell ist das nicht. Vor allem vor diesem Hintergrund erstaunlich, dass man einen verlässlichen Backup wie Tim Sebastian im Winter ziehen ließ.

Defensives Mittelfeld: Stefan Ilsanker (26), Diego Demme (24), Rani Khedira (22), Patrick Strauß (20), (Dominik Kaiser, Stefan Hierländer)

Wenn im defensiven Mittelfeld die Variante mit nur einem Spieler gewählt wird, führt nichts an Stefan Ilsanker vorbei. Sind es zwei Spieler, dann kommt Diego Demme dazu. Im Fall der Fälle vielleicht auch Dominik Kaiser, falls der weiter vorn aus der Formation fällt. Für Rani Khedira und Patrick Strauß wird es schwer, dauerhaft in diese Konstellation einzudringen. Zumal auf der Sechserposition aus dem Nachwuchs mit Janelt und Touré noch einiges Talent nachkommt. Eben wegen dieser Möglichkeiten ist die Sechserposition ganz gut besetzt, auch wenn man sich sicherlich noch akut hätte verbessern können, wenn RB Leipzig in der Winterpause einen dynamischen Sechser bis Achter mit Kreativ- und Passqualität geholt hätte. Aber auch gut, wenn man sich den aus dem eigenen Nachwuchs zusammenzimmern will.

Offensives Mittelfeld: Emil Forsberg (24), Dominik Kaiser (27), Massimo Bruno (22), Stefan Hierländer (24) – (Marcel Sabitzer, Yussuf Poulsen, Diego Demme, Patrick Strauß)

Forsberg und Kaiser sind derzeit die naheliegenden äußeren Zehner. Bruno drängt allerdings von hinten. Und Sabitzer von vorn, falls er im Sturm oder als hängende Spitze dem Duo Poulsen-Selke weichen muss und ein System ohne zentralen Zehner gespielt wird. Hierländer ist auf der Position nur Notnagel. Yussuf Poulsen kann gerade im 4-2-3-1 sicherlich auch außen spielen. Und im Jugendbereich gibt es auch noch Alternativen, um im Fall der Fälle auf Ausfallpech reagieren zu können. Passt durchaus gut zusammen.

Sturm: Marcel Sabitzer (21), Yussuf Poulsen (21), Davie Selke (21), Nils Quaschner (21), Terrence Boyd (24) – (Emil Forsberg, Massimo Bruno)

Der 21er-Sturm. Skurril ist es schon ein bisschen, dass alle vier Spieler, die den Sturm bilden, gerade mal Anfang 20 sind. Wenn man einen wie Sabitzer sieht oder sich überlegt, wie lange man schon einem Yussuf Poulsen beim Kicken zugucken kann, mag man das gar nicht glauben. Fakt ist, dass Sabitzer bisher unantastbar war und sich Poulsen und Selke abwechselnd Auszeiten genommen haben. Sabitzer hat den Vorteil auch etwas tiefer spielen zu können. Poulsen kann auch eher rechts außen spielen (im 4-2-3-1 bspw.). Selke ist ziemlich auf die Position in der Mitte festgelegt. Quaschner kann auch mehr als nur in der Mitte spielen, ist aber angesichts der Konkurrenz auch künftig wohl nur Backup. Die Sturmposition ist gut besetzt und lässt verschiedenste Varianten mit viel Entwicklungspotenzial zu. Für Quaschner könnte in der Situation allerdings perspektivisch auch viel Frustpotenzial stecken.

Insgesamt gibt es im Kader keine Lücken, die nicht irgendwie aufzufangen wären. Gerade ab dem Mittelfeld nach vorn gibt es genug interne Varianten im Nachwuchsbereich, dass man sich keine größeren Sorgen machen muss. Dass man Tim Sebastian hat ziehen und eine Lücke in der Innenverteidigung hat entstehen lassen, überrascht dagegen ein wenig, ist aber im Notfall durch Verschiebungen im Team auffangbar.

Nach Lage der Dinge läuft ein 4-2-2-2 auf Coltorti – Klostermann, Orban, Nukan (Compper), Halstenberg – Demme (Kaiser), Ilsanker – Kaiser (Sabitzer), Forsberg – Sabitzer (Selke), Poulsen (Selke) hinaus.

Ein 4-2-3-1 geht in die Richtung Coltorti – Klostermann, Orban, Nukan (Compper), Halstenberg – Demme (Kaiser), Ilsanker – Kaiser (Bruno, Poulsen), Sabitzer, Forsberg – Poulsen (Selke).

Und ein 4-1-3-2 könnte so aussehen: Coltorti – Klostermann, Orban, Nukan (Compper), Halstenberg – Ilsanker – Kaiser (Bruno), Sabitzer, Forsberg – Poulsen, Selke.

Insgesamt verfügt Ralf Rangnick über allerlei Variationsmöglichkeiten und inklusive Nachwuchsbereich viele, viele Besetzungsvarianten. Der Kernkader umfasst allerdings nicht mehr als 17 Profis, die eine gewisse Verlässlichkeit haben, dass sie relativ viel Spielzeit als Stammspieler oder Joker kriegen.

Rein theoretisch hat der Kader die spielerische Qualität, am Ende der Saison den Aufstieg zu erringen und das beste Team der zweiten Liga zu sein. Zumal viele Spieler aufgrund ihres Alters noch allerlei an Entwicklungspotenzial im Vergleich zur Hinrunde haben. Auch vom Kopf her sollte das Team trotz des vergleichsweise geringen Alters in der Lage sein, den Aufstiegsdruck wegzustecken.

Es mag ein paar Fragen geben, wie die nach der Konstanz eines Lukas Klostermann oder die nach der Qualität auf der linken Innenverteidigerposition oder die nach der Dynamik und offensiven Kreativität auf der Position neben Ilsanker. Nichts von all dem kann aber schon von vornherein die Alarmglocken schlagen lassen. Wenn im Rückrundenverlauf nicht in irgendeiner Form etwas extremes passiert, sollte RB Leipzig kadertechnisch auf allerlei Eventualitäten vorbereitet sein.

Flattr this!

4 Gedanken zu „Kaderschmiede RB Leipzig 2016 – Update 1“

  1. Ich denke, daß Ken Gipson der Back-Up für Willy Orban ist, so oft wie er in den Testspielen für ihn später ran durfte. Und sein „Ausflug“ gegen Teplice hatte sogar RR begeistert.
    Ansonsten Top – der Blog und deren Wertung.

  2. Gipson als IV kann ich mir weiterhin überhaupt nicht vorstellen. Die Male, wo er da spielte, schienen eher der Tatsache geschuldet, dass halt jeder ein bisschen spielen sollte und für Gipson einfach kein anderer Platz mehr war. Oder anders gesagt, wenn Rangnick Klostermann noch nicht reif genug für die Innenverteidigung sieht, dann fehlt Gipson in Sachen Physis, Zweikampfstärke und Positionsspiel erst recht unheimlich viel, um auf dieser Position in der zweiten Liga zu bestehen. Wir werden es sehen, aber ich glaube bis jetzt nicht daran, dass Gipson auch nur eine Pflichtspielminute bei normalem Spielverlauf auf der IV-Position verbringt.

  3. Ich finde es sehr schade das Sebastian gehen musste. Der Abschied war aber toll!

    Deiner Aussage, dass es in keinem Kaderteil irgendwelche Lücken gibt, kann ich so unterschreiben. Sehe ich genauso!

  4. Da hättest du ja fast den Teufel an die Wand gemalt. „wenn nicht etwas Extremes passiert – Opa erzählte immer von General Schlamm und General Winter (Pauli, Freiburg lassen grüßen), und dann noch die schlimme Grippe. Jetzt reicht’s aber. Eine gesunde Truppe und Bochum wird vorgeführt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.