Fragmente zu einem Trainingslager zwischen Liveticker und Klassenfahrt

Trainingslager. Ende. Heute. Zumindest für RB Leipzig. (Endlich.)

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Manchmal weiß man gar nicht mehr, ob Trainingslager in erster Linie Kommunikationsinstrumente oder sportlich wichtige Institutionen sind. Von Sockengolf bis Nutellaersatz wurden rund um RB Leipzig in den letzten knapp zwei Wochen auf den verschiedensten Kanälen alle Dinge durchgekaut, die irgendwie vernünftig mit den Kommunikationsideen des Vereins zu vereinbaren waren.

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Gerade mal drei Medien versuchten sich mit tagesaktueller Berichterstattung über RB Leipzig aus Belek. BILD, LVZ und Mitteldeutsche Zeitung waren mit dreieinhalb Journalisten vor Ort (ein halber, weil die MZ ein Teil der Zeit mit zwei Leuten da war). Der MDR begleitete die Geschichte auf extremer Schmalspur, der Kicker fast ebenso, Sport1 ließ es diesmal gleich ganz sein. Durchaus erstaunlich, dass das mediale Interesse am Team, das in die Bundesliga strebt, eher überschaubar blieb.

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Am intensivsten betrieb die Mitteldeutsche Zeitung ihre Berichterstattung aus Belek. Dabei stößt sie erfolgreich in die Lücke der sachgerechten Sportberichterstattung, die die LVZ in ihrer Fokussierung auf vornehmlich unterhaltende Formate und ihrem Setzen auf die Persönlichkeit ihres Berichterstatters hinterläßt.

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Hach, was haben wir gelacht, als Sport1 einst eine Liveübertragung von einem Bayern-Training ins Programm nahm. Klar, prima für die Taktiknerds, aber hey, Trainingseinheiten im bundesweiten Liveprogramm? Seriously? Die Mitteldeutsche Zeitung nahm für die Begleitung des RB-Trainingslagers in Belek die schriftliche Variante dessen und einen täglichen Online-Liveticker. Ganz rational sicherlich eine prima Variante, um die täglichen Inhalte und kleineren Bemerkungen übersichtlich und informativ zu sortieren und für die heimischen Nerds ein gutes Angebot. Aber hey, ein Liveticker von einem Ort, wo Fußballer zu Übungszwecken gegen einen Ball treten (oder im Kraftraum schwitzen oder sonstigen Kram machen)? Seriously? Wenn man einen Schritt zurückmacht, ist das durchaus eine merkwürdige neue Fußballwelt.

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Es ist halt wie es ist in diesem Land. Zuerst kommt Fußball, dann Fußball, dann noch mal Fußball und bevor man an etwas anderes denken kann noch ein bisschen Fußball. Und dazwischen eben auch Berichte aus dem Trainingslager der Fußballer inklusive Liveticker. Während die Topliga der Basketballer mit der dritten Liga der Fußballer um Reichweite kämpft. Die Sportlandschaft in diesem Land ist schon eine ziemlich krasse Monokultur. Dazu tragen rund um den Fußball natürlich auch verrückte Blogger und Trainingslagerliveticker bei, die die Beschäftigung mit dem Fußball noch mal um ein vielfaches in die Länge ziehen und anderen Sportarten die Aufmerksamkeit rauben. Dazu tragen aber auch öffentlich-rechtliche Anstalten bei, die lieber die Quote eines Tests zwischen RB Leipzig und dem Bischofswerdaer FV via Stream nehmen, als dauerhaft in eine Randsportart und deren Begleitung (und auch Stärkung und Aufbau) zu investieren.

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„Ein Journalist muss (…) dabei sein. Auch und gerade in einem Trainingslager.“ (Ralf Rangnick in der LVZ) Es ist halt wie es ist in diesem Land. Zuerst kommt Fußball, dann Fußball, dann noch mal Fußball und bevor man an etwas anderes denken kann noch ein bisschen Fußball. Und irgendwo dazwischen ist jemand auf die Idee gekommen, dass es extrem wichtig ist, in die Türkei zu fliegen, um dort Fußballern beim Trainieren zuzugucken. Irgendwo gibt es vielleicht ein Kind, das sich darüber noch ganz kaiserlich amüsiert.

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Amüsement scheint sowieso ein ganz wichtiges Element so eines Trainingslagers zu sein. Und nein, damit ist nicht unbedingt die Proschwitz-Exhibitionisten-Nummer gemeint. Eher so die Klassenfahrt-Atmosphäre, die offenbar transportiert werden muss, sobald alle in Leipzig in einen Flieger steigen. Und zwar sowohl auf Vereins-, als auch auf Medienseite. Da wird gekabbelt und geneckt, dass selbst die Kommentarspalten bzw. der Liveticker der Tageszeitungen nicht verschont werden, wenn Schäfer gegen Kroemer ins Crossover-Duell der unterschiedlichen Berichterstattungsphilosophien gehen. Mittendrin statt nur dabei auch die Rani-Cam mit ganz authentischen, witzigen Bildern von der Gruppe. Zwischendurch interviewen Ilsanker und Kaiser ihren Coach und lassen ihn vor der Kamere Liegestütze machen. Man guckt Fußball oder Handball für die Social-Media-Accounts des Vereins. Man hat auf ganz vielen Kanälen ganz viel Spaß und macht es sich gemütlich. Nur der gegenseitige Besuch fremder Zimmer nach 23 Uhr ist verboten. Vermutlich. Leider.

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Trainingslager sind prima Orte für Verein und Medien. Zumindest bei einer Mediengrößenordung wie bei RB Leipzig. Beide Seiten kriegen elf Tage lang Zeit, auf allen Kanälen ungehemmt Personality-Geschichten aller Art zu bringen und sich miteinander intensiv zu vernetzen und zumindest ein Stückweit gegenseitig zu verstehen oder auch abhängig zu machen. Eine Win-Win-Situation, weil der Verein ziemlich genau das an Kommuniktion kriegt, was er auch selber bauen würde, wenn er in Tageszeitungen oder Sportzeitschriften mehr zu sagen hätte. Und die Medienberichterstatter haben  auf lockerem Wege täglich Zugang zu Interviews und Storys. Vielleicht nicht immer mit dem Gesprächspartner der ersten Wahl, aber zumindest mit einem hinnehmbaren Äquivalent.

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Dass diese Idylle vielleicht nicht auf ewig anhalten wird, kann man an den Bayern sehen. In einer Ausgabe des Tribünengesprächs beim Rasenfunk beschrieb Daniel Rathjen von Eurosport vor einem Jahr eine Teilnahme am Trainingslager der Bayern und die schwierige Aufgabe, gegen zwei Dutzend Kollegen exklusive Geschichten zu schreiben, während man aufgrund der Größe des Trainingslagers und der Menge an Medienbegleitung gar keine exklusiven Gesprächsmöglichkeiten mehr bekommt. Das alles vor dem Hintergrund, dass es keine Option ist, mal einen Tag einfach nichts aus dem Trainingslager zu bringen. Bei RB Leipzig egeben sich bis jetzt zwischen den Kommunikationsabsichten des Vereins und den Veröffentlichungserfordernissen der Presse noch ganz gute Synergieeffekte. Das muss auf Dauer nicht so bleiben, wenn die Medienseite größer und fordernder und vielleicht in ihrer Berichterstattung auch ungenauer-boulevardesker wird. Bisher ist das ja alles recht harmlos und jenseits der Form der Krause-golft-mit-Rangnick-, Schäfer-läuft-mit-Rangnick-, Kroemer-stellt-Rangnick-MZ-Leserfragen-Geschichten bleibt man inhaltlich nah an der Realität der Dinge, über die man berichtet und verzerrt sie nicht (oder selten) durch Überinterpretationen oder Zuspitzungen von Details. Das wird, wenn man die Funktionsweise moderner oder auch älterer (Online-)Medien und auch den Medienalltag jenseits der Türkei-Klassenfahrt kennt, nicht auf ewig so bleiben.

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Würde RB Leipzig Autos produzieren und die Berichterstattung davon wäre wie vom Trainingslager der Fußballer, dann würde man wohl eine Art Musical kriegen, bei dem alle lächelnd Türen verschrauben, in der Pause glücklich Butterbrote mampfen, sich über die extragrüne Wiese auf dem Hof rollen und nebenbei ihren Chef in die Mitte nehmen und durch die Szenen tragen.

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Wenigstens kein Qatar dies Jahr.

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Trainingslager. Ende. Heute. Zumindest für RB Leipzig. (Endlich.) Keine zwei Wochen mehr bis zum ersten Pflichtspiel nach der Winterpause.

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3 Gedanken zu „Fragmente zu einem Trainingslager zwischen Liveticker und Klassenfahrt“

  1. Wer sich über andere Sportarten informieren möchte, kann dies doch u.a. auch über die öffentlichen Kanäle tun (z.b. jedes Wochenende 12 Stunden z.B. Live Wintersport am Tag).
    Der Livestream oder ein Liveticker ist doch eh nur für jene, die ich als waschechte Fans bezeichnen würde.

  2. So lange es auf der nächsten Klassenfahrt wieder einen Live-Stream gibt, wenn man einen Testspiel bestreitet, ist doch alles im grünen Bereich.
    Ich denke, wir können es alle nicht abwarten, daß der Ball endlich wieder rollt 🙂

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