Spieler der Hinrunde: Marcel Sabitzer

Bleibt noch eine Rubrik in der Rückschau auf die Hinrunde übrig. Die subjektive Entscheidung, wer denn in dieser Zeit der prägende Spieler bei RB Leipzig war. Eine Wahl, die nicht ganz einfach, aber auch nicht so richtig schwer ist. Und eine Wahl, in der nur Spieler drin sind, die seit maximal einem Jahr im Verein sind. Untypisch, weil in den letzten Jahren meist Spieler im Vordergrund standen, die den Verein schon eine Weile kannten und prägten. Aber auch Ausdruck dessen, was in den letzten 12 Monaten in Sachen Umbau des Kaderkerns von RB Leipzig passiert ist.

Extrem viele Kandidaten drängen sich allerdings nicht auf, die über die 19 Zweitligaspiele vor der Winterpause konstant das Niveau bei RB Leipzig geprägt hätten. Willi Orban wäre als Abwehrchef ein Kandidat, wenn er nicht zwischendurch ein paar Probleme gehabt hätte. Marcel Halstenberg ginge genauso als Kandidat im Abwehrbereich durch, wenn er nicht erst spät zum Team gestoßen wäre.

So bleibt die naheliegende Wahl jene zwischen den (natürlich) Offensivspielern Emil Forsberg und Marcel Sabitzer. Ginge es alleinig danach, was die jeweiligen Topmomente waren, dann müsste man wohl den Schweden herausheben, der phasenweise (zumindest für Zweitligaverhältnisse) wie vom anderen Stern spielte und nicht einzufangen war. Aber Forsberg fehlte über 19 Spiele gesehen ein Stück Konstanz und vielleicht ein Stück Effizienz und hielt sein Pensum auch häufig nur über 70 statt über 90 Minuten.

Weswegen hier Marcel Sabitzer auf den Thron des herausragenden Gesicht des RasenBallsports in der bisherigen Saison 2015/2016 gehoben werden soll. Was zumindest dahingehend erstaunt, da man im Sommer öffentlich noch an der Motivation des Österreichers zweifelte, weil dieser Leipzig, wohin er laut Vertragswerk nach Leihe von Salzburg aus ‚zurück’kehren musste, als nicht wirklich den perfekten Ort für seine Weiterentwicklung bezeichnet hatte.

Doch dieses Geraune erwies sich als sportlich völlig haltlos. Die Anekdote gibt eher Auskunft über den Typen Marcel Sabitzer, der in seiner Karriere möglichst viel aus sich machen will und mit entsprechendem Ehrgeiz eben auch seine persönliche Entwicklung im Vordergrund sieht. Der Schritt in die deutsche zweite Liga war dafür sicherlich nachvollziehbarerweise auf den ersten Blick suboptimal und andererseits noch mal der Ansporn, eine Schippe drauf zu legen.

Sabitzer selbst meinte während der Hinrunde mal flapsig, dass er nicht in Leipzig, ergo nicht zweite Liga spielen würde, wenn er so gut wäre, wie alle sagen. Sätze wie dieser erschweren den Weg zum überragenden Publikumsliebling und wurden ihm negativ ausgelegt, weil sich darin die fehlende Bindung an seinen aktuellen Arbeitgeber ausdrücke. Letztlich spiegelt sich darin allerdings nur der nüchtern-realistische Blick auf den Stand der eigenen Entwicklung wider und dass diese Entwicklung eigentlich woanders hinführen soll als in Zweitligastadien.

Konstant torgefährlich, fast durchgehend im Einsatz - Marcel Sabitzer als Spieler der Hinrunde bei RB Leipzig in der Saison 2015/2016 | GEPA Pictures - Roger Petzsche

In der Hinrunde der aktuellen Saison hat Marcel Sabitzer gezeigt, dass er für diesen Schritt heraus aus dem Unterhaus in eine Topliga bereit ist. Im besten Team der zweiten Liga war er der beste Spieler. Vielleicht nicht auf die spektakuläre Art eines Emil Forsberg, aber auf eine unheimlich konstante und effiziente Art, war Sabitzer ganz vorne weg und fast komplett ohne Auszeiten Träger der RB-Offensive.

Marcel Sabitzer war der einzige RB-Spieler, der in allen 21 Pflichtspielen vor der Winterpause (also inklusive DFB-Pokal) zum Einsatz kam. Im Ligabetrieb spielte er dabei im Schnitt 88 Minuten. Viermal wurde er um die 80. Minute herum ausgewechselt, 15mal spielte er entsprechend durch.

Auch darin drückt sich der Typus Marcel Sabitzer aus. Er will immer spielen und er will dabei auch immer gewinnen. Das hat positive und negative Effekte. Positiv ist, dass er sich immer und überall in die Spiele reinschmeißt und hinter Diego Demme von den regelmäßig auflaufenden Akteuren der Spieler im Team ist, der die meisten Kilometer pro 90 Minuten abreißt. Negativ äußert es sich darin, dass sein durchaus positiver Ärger über misslungene Aktionen auch via Gesten sichtbar die Mitspieler trifft. Was vielleicht auf Dauer nicht unbedingt eine perfekte Arbeitsgrundlage im Teamsport ist. Sich darin ausdrückende hohe Eigenmotivation hin oder her.

Herausragend ist vor allem Marcel Sabitzers Torbeteiligungsquote. Bei 17 von 31 RB-Toren in der bisherigen Saison 2015/2016 (mit Abstand Bestwert im Team) war Sabitzer im Spiel. Sieben schoss er selbst (teilweise auch mit etwas Glück wie beim abgefälschten Schuss in Karlsruhe oder bei der abgerutschten Flanke in Bochum). Zusammen mit Davie Selke der Topwert bei RB Leipzig. Wobei vor allem bemerkenswert war, dass fünf der sieben Sabitzer-Treffer das 1:0 und entsprechend wichtig waren. Drei der vier 1:0 Siege von RB Leipzig basierten auf Sabitzer-Treffern. Und wenn Sabitzer ein Tor schoss, hat RB immer gewonnen.

Zu den Toren kamen noch zwei direkte Torvorlagen (ein im Teamvergleich durchschnittlicher Wert) und acht Beteiligungen an der Entstehung von Toren (zusammen mit Dominik Kaiser Bestwert im Team). Spricht, wenn ein RB-Tor fiel, hatte Sabitzer meist Kopf, Fuß oder irgendwas mit im Spiel. Eine Beteiligung an einem Tor pro 98 Zweitligaminuten, das wird (wenn man von den Jokern Kalmár und Quaschner absieht) von niemand anderem in Leipzig erreicht.

Vorteil für Sabitzer ist, dass er offensiv vergleichsweise flexibel eingesetzt werden kann. Die rechte Zehn im 4-2-2-2 bzw. 4-2-3-1 geht genauso wie eine Position im Sturm, zentral oder hängend (bis hin zu einer Art zentralen Zehn). Wobei der Österreicher wohl idealerweise den zweiten Stürmer, also eine Rolle relativ nah am gegnerischen Tor spielt, ohne Stoßstürmer zu sein, wo er seine Stärken als Kombinationsspieler, Torschütze und Torvorbereiter am besten im Mix ausspielen kann.

Wenn man über Marcel Sabitzer spricht, dann darf man auf keinen Fall vergessen, dass er erst 21 ist. Entsprechend ist er in einem Stadium der Karriere, wo er noch sehr viel lernen und sich entwickeln kann. Schon jetzt österreichischer Nationalspieler und Träger eines heißen Bundesligaaspiranten zu sein, ist sicherlich nicht das schlechteste Zeichen in Bezug auf eine erfolgreiche Karrierezukunft.

In Bezug auf seine Karriere wird ihm auch helfen, dass es eigentlich keine Situationen in Spielen gibt, vor denen sich ein Marcel Sabitzer scheut. Ob Gegenwind von außen (Publikum) oder innen (Gegenspieler), beeindrucken lässt er sich von den Gegebenheiten nicht, sondern nimmt sie als zusätzliche Motivation für sein Spiel an. Eindrücklich das Bild beim Spiel gegen den FSV Frankfurt, als Sabitzer sein Führungstor nicht nur einfach als Führungstor, sondern als Statement gegen den Gäste-Kapitän Manuel Konrad, mit dem es zuvor eine verbale Auseinandersetzung gab, feierte und um diesen mit breiter Brust herumtanzte. ‚Ich habe das letzte Wort und ich habe es sportlich‘, schien Sabitzer neben Dingen, die vielleicht besser nicht verbalisiert werden, mit jeder Pore sagen zu wollen.

Marcel Sabitzer mag für den Fußballfan, der sich nach Identifikation und Vereinsverbundheit seitens der Spieler sehnt, nicht der Optimaltypus sein (wobei das auch Quatsch ist, denn die Wappen-auf-dem-Trikot-Küsser dieser Welt, zu denen Sabitzer ganz definitiv nicht gehört, gehen wie Stefan Kutschke einst auch nur ihrer Karrierewege und küssen vielleicht irgendwann das nächste Trikot). Für eine Fußballmannschaft ist er dagegen ein Glücksfall, weil er persönlichen Ehrgeiz, Selbstvertrauen und fußballerische Qualität als ein Komplettpaket einbringt, das das jeweilige Team nur weiterbringen kann.

Ziemlich sicher wird es für Marcel Sabitzer nach RB Leipzig weitere Karrierestufen geben, wenn seine Entwicklung so weitergeht wie bisher. In England würde man sich nach einem torgefährlichen Dauerläufer jedenfalls alle zehn Finger lecken. Dass er momentan diesbezüglich noch etwas unter dem Radar fliegt und sich die Späher und Scouts eher auf spektakulärere Spielertypen wie einen Forsberg stürzen, kann für den nüchternen, aber umso wertvolleren Fußballer Sabitzer (und für RB Leipzig) nur von Vorteil sein, weil man in dieser Ruhe besser an sich arbeiten und entsprechend Leistung zeigen kann. Wobei man sich bei einem Sabitzer auch vorstellen könnte, dass selbst Transfergerüchtekram ihm vom Kopf her und darauf folgend seiner Leistung nichts anhaben können.

Marcel Sabitzer erinnert in macherlei Hinsicht an Christiano Ronaldo. Was manch einer als Dissen missverstehen könnte, was aber tatsächlich ausschließlich wertschätzend gemeint ist. Sabitzer erscheint als deutlich ichbezogener Spielertyp, der aus der Idee, etwas aus sich machen zu wollen, eine hohe Motivation zur eigenen Entwicklung zieht und damit sein Umfeld sportlich besser macht. Das mag nach außen manchmal etwas kühl wirken, ist halt im Endeffekt aber auch nur eine von vielen Persönlichkeitsfacetten, die es im Fußball und im Leben allgemein gibt. Zumal man bei all dem auch nicht vergessen darf, dass das Sabitzer-Bild, das man in der Öffentlichkeit zeichnet, auch immer nur das Bild des Fußballers Sabitzer ist.

Mit der Hinrunde hat Marcel Sabitzer die Messlatte für seine Leistungen sehr hoch gelegt. Auf eine Höhe zumindest, die man in der Rückrunde auch schnell mal wieder reißen kann. Falls Sabitzer allerdings mit der selben Konstanz durch die verbleibenden 15 Saisonspiele pflügt, hat RB Leipzig die halbe Miete dafür, den direkten Aufstieg nicht mehr zu verspielen, schon im Sack. Zu wünschen wäre dem Österreicher, dass dann die allgemeine Anerkennung für sein Tun, langsam aufgeschlossen hat zu seinen sportlichen Leistungen.

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Wer wollte, konnte will, kann hier seinen Spieler der Hinrunde ankreuzen. Maximal drei Kreuze (falls man sich nicht entscheiden konnte kann). Es standen stehen nur Spieler zur Wahl, die mindestens 50% der Einsatzzeit mitgemacht haben.

  • Marcel Sabitzer – 28%
  • Emil Forsberg – 23%
  • Marcel Halstenberg – 21%
  • Fabio Coltorti – 7%
  • Diego Demme – 6%
  • Willi Orban – 4%
  • Lukas Klostermann – 4%
  • Dominik Kaiser – 3%
  • Stefan Ilsanker – 2%
  • Davie Selke – 2%

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Bisher so:

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Bild: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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2 Gedanken zu „Spieler der Hinrunde: Marcel Sabitzer“

  1. Sehr gute Wahl und die zutreffende Analyse dazu!!
    Ich habe mein Kreuz noch bei Emil und Ilse gemacht.

    Der Vergleich mit CR7 ist gar nicht mal so schlecht. Mich erinnert er wegen den (Dusel)Toren eher an Thomas Müller. Dieses Glück muss Du Dir erzwingen und dafür steht er wie kein Anderer.
    Auch hat Sabitzer mit RR genau den richtigen als Trainer. Die Vater-Sohn-Sache hatten wir ja schon an anderer Stelle. (Falls seine Leistungen nächste Saison nicht mehr stimmen, haben wir schon einen Grund gefunden 😉 )

  2. Es kann oder konnte sich nur zwischen Forsberg und Sabitzer drehen… beide haben mörderlichstes Potential.
    Forsberg ist ein extremst ballsicherer Wusel, der nicht zu stoppen ist.
    Sabitzer immer mit dem Kopf durch die Wand, jedoch immer mit den Blick für seine Mitspieler. Die Duseltore kommen noch hinzu… Also echt zwei klasse Spieler. Allgemein freut man sich mit so einem Kader eventuell bald 1. Bundesliga zu spielen.

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