Zwischenbilanz: RB Leipzig in der Saison 2015/2016

Fakt ist, dass man bei Transferausgaben von über 20 Millionen Euro (wenn man Sabitzer und Bruno mitzählt), einigen Neuzugängen auf Erstliganiveau (Orban, Sabitzer, Selke, Ilsanker) und ja schon in den letzten zwei Transferperioden ordentlichen Investitionen nicht umhinkommt, als klarer Staffelfavorit in die Saison zu gehen. Auch wenn man sich da vereinsseits ein wenig dagegen sträubt. Zwei entscheidende Punkte werden darüber entscheiden, ob man diese Favoritenrolle mit Leben füllen kann. Einerseits wird die Frage sein, inwieweit die sehr junge Mannschaft (Durchschnittsalter im Sturm bspw. irgendwas um die 21 Jahre) trotzdem schon abgeklärt genug ist, um auch bei hitziger Atmosphäre zu bestehen. Andererseits bleibt abzuwarten, wie sich die nach den Abgängen vieler (nicht unbedingt sportlicher) Führungsspieler in ihren Hierarchien völlig neu zusammengesetzte Mannschaft im Saisonverlauf auch als soziale Gruppe zusammenfindet. (Vor dem Zweitligastart 2015/2016 – Teil II)

Die zweite Zweitligasaison von RB Leipzig brachte diverse Änderungen in der Besetzung des Teams und auf Seiten der sportlich Verantwortlichen. Etwas, was sich nicht nur darin niederschlug, dass der Club sich in seinem spielerischen Auftreten deutlich verändert zeigte, sondern auch darin, dass man in der Anfangsphase der Saison ein paar Probleme hatte, dominant und stabil aufzutreten und man sich in der Folge wie bei einem Steigerungslauf in Richtung höhere Tempostufen entwickelte und so auch zu einem absoluten Zweitligaspitzenteam zusammenwuchs.

Ab dem sechsten Spieltag begann RB Leipzig ungefähr, individuelle Klasse und mannschaftliches Auftreten zu Dominanz zu verbinden. Man hatte dann noch für ein paar Spiele Probleme, die Dominanz auch in Siege umzumünzen bzw. klare Führungen auch sicher ins Ziel zu bringen und machte es sich durch Fehleranfälligkeiten und Unaufmerksamkeiten im Defensivverhalten selber schwer. Aber nachdem auch dieses abgestellt war, wurde man endgültig zum Ligadominator und gewann neun der zehn letzten Spiele. In dieser Zeit verbesserte man sich von Platz 6 (sechs Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Freiburg) auf Platz 1 (drei Punkte Vorsprung auf Freiburg). Glatte acht Punkte mehr als das zweitbeste Team in dieser Phase (Nürnberg) holte man.

Vom Investitionsrahmen vor der Saison und der nominellen Zusammensetzung des Kaders her kommt es nicht von ungefähr, dass RB Leipzig mit besten Chancen auf die Bundesliga als Spitzenreiter in die Winterpause geht. Man konnte trotzdem nicht davon ausgehen, dass es ein Selbstläufer wird, weil sich die Mannschaft erst mal neu finden musste. Fünf Neuzugänge gehören zu den elf meisteingesetzten RB-Spielern der ersten 19 Spieltage. Mit Orban, Ilsanker, Sabitzer, Selke hat man eine komplett neue zentrale Achse eingebaut. Wenig verwunderlich, dass es ein paar Spiele dauerte, bis man Formation und Abstimmung fand. Wobei der Zeitraum immer noch überschaubar war.

Insgesamt kann man konstatieren, dass das Konzept, gute Fußballer einzusammeln und die sportliche Entwicklung dadurch anzkurbeln, dass sie sich mit ihrem Ehrgeiz im Training und mit ihrem Bundesligaziel gegenseitig zu neuen Höchstleistungen hochpushen, aufgegangen ist. Auch weil die Spieler der Mannschaft weiterhin einen recht guten Draht zueinander haben. Es ist sicherlich nicht die sehr enge soziale Gruppe der Zorniger-Zeit, aber es ist auch keine Ansammlung von guten Individualisten, sondern eine Gruppe, die den Namen Team auch verdient. Wobei der wachsende sportliche Erfolg diesbezüglich natürlich Entwicklungen auch einfacher gemacht hat.

Die Spiele

Man kann die bisherige Saison durchau sehr gut in ihre durch Länderspiele unterteilte Blöcke betrachten. Die erste Saisonphase brachte dabei für RB Leipzig acht Punkte aus fünf Spielen und deutliche Schwierigkeiten in beiden Richtungen des Platzes. Das beste an dieser Phase war noch die Punkteausbeute, denn genaugenommen hätten es auch ein, zwei Punkte weniger sein können, was den Druck auf das Team deutlich erhöht hätte.

Los ging es mit dem Spiel beim FSV Frankfurt. Bei Ex-Coach Tomas Oral feierte Ralf Rangnick seine Premiere auf der Bank von RB Leipzig. Und sah einen 1:0-Arbeitssieg seines Teams, der wegen der etwas besseren Chancen für den Gastgeber durchaus glücklich war. So richtig glücklich war dann das 2:2 gegen die SpVgg Greuther Fürth. Ein Spiel mit dem ganz seltenen Ereignis, dass der Gegner häufiger aufs Tor schießt als die RasenBallsportler. Und (das kennt man schon eher) auch aus deutlich gefährlicheren Positionen aufs Tor schoss. Der in allen Belangen außer dem Torabschluss überragende Veton Berisha wurde zum Inbegriff dafür, dass Fürth nur zwei statt fünf Tore schoss und Leipzig eine Viertelstunde vor dem Ende noch den Punkt retten konnte.

Trotz durchwachsenem Spiel viel Freude an der Rückkehr auf die Trainerbank gehabt - Ralf Rangnick beim 1:0 von RB Leipzig beim FSV Frankfurt | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Keine Diskussion gab es derweil über den folgenden 2:0-Auswärtssieg in Braunschweig, der in jeder Hinsicht völlig verdient war und den man in der Form zu diesem Zeitpunkt der Saison nicht erwarten konnte. Eher unerwartet kam dann deswegen auch die 0:1-Heimniederlage gegen den FC St. Pauli, als Leipzig den Gegner 25 Minuten lang an die Wand spielte, das Tor nicht machte und dem spät in der ersten Halbzeit hinzunehmenden Gegentreffer dann erfolg- und ideenlos hinterherlief. Es war im vierten Anlauf das erste Spiel, in dem man weniger Punkte mitnahm, als es das Spiel nahegelgt hätte. Im letzten Spiel vor der Länderspielpause hatte RB Leipzig dann bei Union Berlin über die kompletten 90 Minuten die Spielkontrolle, aber kaum relevante Torchancen, sodass am Ende ein ganz gut passendes 1:1 auf der Anzeigetafel stand.

Nachdem man in den ersten fünf Saisonspielen noch deutliche Probleme in der Balance zwischen Offensive und Defensive und dabei, aus Spielkontrolle Offensivgefahr zu entwickeln, hatte, wurde es in den folgenden fünf Saisonspielen schon deutlich besser, auch wenn sich das hinsichtlich der Ausbeute (neun Punkte) auch nicht wirklich niederschlug. Aber statt mehr Punkte zu holen, als es die Spiele eigentlich hergaben wie in den ersten beiden Spielen, ließ man nun Punkte leichtfertig liegen. Was zumindest dahingehend ein positives Signal war, dass die sportliche Entwicklung der Mannschaft in die richtige Richtung ging.

Gegen schwache Paderborner dominierte man am sechsten Spieltag nicht nur nach Belieben, sondern gewann die Partie auch mit 2:0. Die Ineffektivität vor dem gegnerischen Tor wurde aber nur eine Woche später in Heidenheim zum Verhängnis, als man den Gastgeber über 75 Minuten nach Belieben beherrschte. Eine schlechte Chancenverwertung, 15 nicht ganz so gute Minuten nach der Pause und ein Willi Orban, der einen Elfmeter verursachte, reichten aus, um am Ende mit nur einem Punkt eher frustriert nach Hause zu fahren.

Das Spitzenspiel gegen Freiburg endete dann mit einem nachvollziehbaren 1:1. Anfangs fehlte den RasenBallsportlern der Mut, später die Genauigkeit und Zielstrebigkeit im Offensivspiel. Es war ein ausgeglichenes Spiel zwischen zwei Topteams der zweiten Liga, die sich in jenen Tagen auf Augenhöhe begegneten. Nicht wirklich auf Augenhöhe begegneten sich 1860 und RB Leipzig kurz danach, als Leipzig in München kein sehr gutes, aber das deutlich bessere Team als der Gegner war. Zweimal schmiss man eine Führung weg. Beide Male war Willi Orban daran nicht unbeteiligt. Wie schon in Heidenheim fühlte sich auch dieses Unentschieden nach überlegenem Spiel, in dem eine schlampige Offensive und eine nachlässige Defensive zwei Punkte kosteten, depremierend an.

Zum Abschluss des zweiten Ligablocks wartete dann noch Nürnberg als Gegner. Ein früher Platzverweise für die Gäste, 3:0-Führung nach nicht mal 20 Minuten. Es schien ein entspanntes Heimspiel zu warten. Aber nachlassende Konzentration in der zweiten Halbzeit und zwei Standardgegentore ließen die Partie noch mal fast kippen. Am Ende zitterte sich RB zu einem 3:2 ins Ziel und schob sich durch den verdienten Erfolg in Schlagdistanz auf die Aufstiegsplätze.

Nachdem man an den Spieltagen 6 bis 10 spielerisch auf einem guten Weg war, aber zu wenig Punkte mitgenommen hatte, folgte ein Block mit vier Spielen, der weitere neun Punkte brachte. Eine abgerutsche Flanke von Sabitzer sorgte für den verdienten 1:0-Sieg in Bochum. Ebenso verdient das 2:1 gegen schwache Düsseldorfer, die zufrieden sein konnten, dass das konsequente Offenisvspiel weiterhin nicht zu den absoluten RB-Präferenzen gehörte. In Sandhausen dann gewann RB Leipzig auch verdient mit 2:1, auch wenn man gegen gut verteidigende Gastgeber zwei Standards brauchte.

Perfekt wurde diese Saisonphase deswegen nicht, weil man sich am Ende des dritten Ligablocks eine 0:2-Heimniederlage gegen Kaiserslautern leistete. Ein wenig unglücklich, weil man jeweils die Gegentore kassierte, als man selbst Druck machte. Aber der Sieg der Gäste war auch verdient, weil sie eine abgeklärte, defensivstarke Leistung abrufen konnten.

Mit nun 26 Punkten aus 14 Spielen war man plötzlich ganz oben mit dabei, selbst wenn bis dahin bei weitem nicht alles optimal gelaufen war. Zumindest punktetechnisch optimal ging es in den letzten fünf Spielen bis zur Winterpause weiter. Denn mehr als fünf Siege aus fünf Spielen gehen nicht. Die gute Balance zwischen Offensive und Defensive führte nun auch zu vielen Punkten. Wobei man in einigen Spielen auch das Glück des Tüchtigen auf der eigenen Seite hatte.

Schon das 1:0 in Bielefeld war eines dieser Spiele, in denen man ein Quentchen mehr Glück hatte als der Gegner. Der konnte seine Chancen nicht verwerten, während RB Leipzig einmal relativ eiskalt zuschlug und dann das Spiel über die Runden schaukelte. Noch extremer das Spiel in Karlsruhe, als man den Gastgebern teilweise deutlich hinterherrannte. Da sich der KSC vor dem Tor aber nicht belohnte und im Strafraum auch nicht die nötige Qualität besaß, fuhren die RasenBallsportler trotzdem mit drei Punkten nach Hause.

Das Spiel gegen Duisburg wäre dann fast verloren gegangen. Trotz deutlicher Überlegenheit der Gastgeber lag man zehn Minuten vor Schluss noch mit 1:2 hinten, weil man vorn die Tore nicht machte und hinten zweimal nicht aufpasste. Ein phänomenaler Schlussspurt führte aber noch zu einem hochemotionalen und auch völlig verdienten 4:2, mit dem man allerdings nicht mehr gerechnet hatte.

Das folgende 3:1 gegen den FSV Frankfurt fiel dann in die Kategorie überlegen und völlig souverän. Ein Auftritt einer echten Topmannschaft, die ihre Überlegenheit auch in ein entsprechendes Resultat ummünzt. Was folgte war dann das emotionale I-Tüpfelchen auf sehr erfolgreiche 19 Zweitligaspiele, als man in Fürth lange wie der sichere Sieger aussah, um in der Nachspielzeit noch den Ausgleich zu kassieren und eine Minute später doch noch zu gewinnen. Man hätte sich kaum eine andere Dramaturgie ausdenken können, um den Stand der Dinge zur Winterpause angemessen zu feiern.

Wenn man über die 19 Zweitligaspiele von RB Leipzig drüberschaut, dann steht RB Leipzig am Ende mit 41 Punkten ungefähr dort, wo man sie leistungstechnisch auch verortet hätte. Vielleicht hat man ein, zwei Punkte mehr eingesammelt, als es den jeweiligen Spielverläufen nach angemessen gewesen wäre, aber insgesamt passt die Punktausbeute schon und ist nicht nur Folge von Glück. Zumal wenn man sieht, dass RB Leipzig mit Abstand das Team der zweiten Liga ist, das im Verhältnis von eigenen und zugelassenen Schüssen aufs Tor am besten dasteht.

DFB-Pokal

Das komplette Gegenteil der Zweitiligasaison ist das Abschneiden im DFB-Pokal. Zweimal trat man gegen unterklassige Gegner an. Zweimal schoss man kein Tor und war das schlechtere Team. Insgesamt vier Gegentore kassierte man. In Osnabrück profitierte RB Leipzig davon, dass ein Zuschauer mit seinem geworfenen Feuerzeug den Schiedsrichter traf und gewann am grünen Tisch. In Unterhaching zeigte sich niemand so zielsicher, sodass man nach einem 0:3 sang- und klanglos aus dem Wettbewerb ausschied.

Das Pokalabschneiden ist natürlich in der Saisonbilanz ein Wermutstropfen. Selbst wenn man bedenkt, dass man in Unterhaching mit der zweiten Elf aufgelaufen war, blieb es doch erstaunlich, dass man so heftig in die Falle eines im Umkehrspiel starken Regionalligisten getappt ist und man sich offensiv fast keine Chancen erarbeiten konnte. Das war nicht nur eine Frage von Unterschätzung und Aufstellung, sondern auch eine Frage intensiver Vorbereitung und Konzentration auf eine Partie, die für die Beteiligten offenbar nicht die ganz große Wichtigkeit hatte. Mag angesichts des Ziels in die Bundesliga aufzusteigen auch nachvollziehbar sein, aber unnötig war die Form des Ausscheidens trotzdem.

Taktisches

In der Entwicklung von der letzten zu dieser Saison ging es darum, dem Team Fähigkeiten an die Hand zu geben, nicht nur aus Pressingsituationen und hohen Ballgewinnen Torgefahr zu generieren, sondern auch aus dem Spiel mit dem Ball handlungsfähig zu sein. Es ging also darum, das Team kompletter zu machen, als es das letzte Saison war. Wichtig für diesen Schritt waren einerseits die Kaderumbauten, die gerade auf den Offensivpositionen für Qualitäten gesorgt haben, die dazu führen, dass Bälle in der gegnerischen Hälfte auch gehalten und verarbeitet werden können. In der vergangenen Saison fehlte es in diesem Bereich vor allem in der ersten Hälfte der Saison. Und im späteren Verlauf arbeitete man sich nach dem Trainerwechsel an anderen Problemen ab, sodass die Qualität eines Forsbergs in der Verbindung zwischen Defensive und Offensive nicht mehr tabellarisch zum tragen kam.

Auf und davon - Torschütze Marcel Sabitzer entwischt mal wieder seinem Gegenspieler | GEPA Pictures - Roger Petzsche

In dieser Spielzeit versuchte man es Anfangs mit einem 4-2-2-2, in dem man es oft nicht schaffte, die nötige Kompaktheit gegen den Ball herzustellen. Eine Formation auch, in der die Verbindungen zwischen Defensive und Offensive nicht ganz so gut funktionierten. Aus den Erfahrungen der ersten Spiele stellte man dann bald auf ein 4-2-3-1 oder eine Art 4-1-2-2-1 oder in der offensiven Variante zuletzt auch ein 4-1-3-2 um, das die Probleme mit den Verbindungen zwischen den Mannschaftsteilen ein wenig dezimierte. Wobei die Grenzen zwischen einem 4-2-2-2 und einem 4-2-3-1 bspw. eher fließend sind, je nachdem wie man die Rolle des zentralen Zehners interpretiert. Wenn die Rolle von Sabitzer gespielt wird, dann ist das automatisch näher am zweiten Stürmer, als wenn dort beispielsweise ein Kaiser agiert.

Insgesamt ist das Spiel der RasenBallsportler sicherlich variabler geworden. Was vielleicht zuvorderst gar keine Frage von Formationen ist, sondern eher daran hängt, dass man sich in Sachen Spielphilosophie überwiegend vom langen Ball und der Jagd nach dem zweiten Ball verabschiedet hat und Wege sucht, wie man auch mit Passspiel über die Innenverteidiger und das zentrale Mittelfeld zum Erfolg kommt. Wobei für diese Art zu spielen noch ein wenig problematisch ist, dass die Sechserposition eher mit Spielertypen besetzt ist, die ihre Stärken im Spiel gegen den Ball und nicht mit dem Ball haben. Was man bisher oft dadurch löste, dass die beiden äußeren Zehner (Kaiser und Forsberg) sich immer wieder auch in die Tiefe fallen lassen, um den Sechsern als nahe Anspielstation zu dienen.

Problematisches und Unproblematisches

Zentrales Moment der bisherigen Saison ist natürlich die phänomenale Auswärtsbilanz auf Zweitligarekordniveau. Sieben Siege bei zehn Auswärtsspielen ohne Niederlage ist ein echtes Ausrufezeichen und selbst, wenn man zwei-, dreimal das Glück auf der eigenen Seite hatte (andererseits muss man in Heidenheim und München auch noch gewinnen), sicherlich kein Zufall. Das Spiel der RasenBallsportler ist stabiler geworden und auch unter dem Druck gegnerischer Zuschauer wenig anfällig. Wobei man auch beachten muss, dass die großen Auswärtsaufgaben in den großen Zweitligastadien (St. Pauli, Kaiserslautern, Nürnberg, Freiburg, Düsseldorf) erst noch bevorstehen. Und somit die Stabilität in der Rückrunde noch mal besonders getestet wird.

Entscheidend für die bisher sehr gute Saison das Funktionieren von Emil Forsberg und Marcel Sabitzer. Sabitzer war der wohl konstanteste aller Offensivspieler, Forsberg zwischenzeitlich der spektakulärste. Tore ohne Beteiligung der zwei sind bei RB Leipzig sehr selten. Beide schaffen es auf überdurchschnittliche Art und Weise im letzten Drittel des Spielfelds Lösungen zu finden, die sich anderen verschließen. Vielleicht sind Sabitzer und Forsberg sogar die beiden besten Offensivspieler der bisherigen Zweitligasaison. Forsberg war an 13 von 31 RB-Treffern direkt oder in der Entstehung beteiligt, bei Sabitzer sind es sogar 17 Treffer.

Mein Geburtstag, mein Ball, mein Spiel - Emil Forsberg trotz Zahnweh mit einigen überragenden Szenen gegen Düsseldorf | GEPA Pictures - Kerstin Kummer

Wichtig für die sehr gute Saison auch, dass RB Leipzig inzwischen in der Lage ist, dreckige Siege mitzunehmen. Nur selten (viermal) hat man ein Spiel mit mehr als einem Tor Differenz gewonnen, einmal mit mehr als einem Tor Differenz verloren. 14mal dagegen war der Spielausgang im Rahmen von plus-minus einem Tor. Dass man von diesen Spielen acht gewonnen und nur eins verloren hat, ist der entscheidende Unterschied zur Konkurrenz und auch zur vergangenen Saison.

Der Spielweise, die sich immer noch über ein intensives Spiel gegen den Ball definiert (wenn es auch lange nicht die Balljagd ist, die man noch unter Zorniger pflegte), schlägt sich auch in den Laufleistungen nieder. RB Leizpig ist das Zweitligateam, das mit Abstand am meisten läuft. Das geht manchmal ein wenig zulasten der Sprintwerte, führt aber zumeist dazu, dass man den Gegner ein Stückweit auch zerläuft.

Nicht so richtig gut war RB Leipzig lange in Sachen Effektivität von der Bank. Erst am 17.Spieltag traf erstmals ein eingewechselter Spieler ins Tor. Mit zwei Einwechslertoren (Quaschner, Nukan) liegt man im breiten Mittelfeld der Liga, während Kaiserslautern und Duisburg diesbezüglich mit sechs bzw. fünf Jokertoren führend sind. Erstaunlich angesichts der Breite des Kaders und vieler offensiver Wechsel, dass von der Bank von RB Leipzig so wenig direkte Torgefahr kommt, auch wenn man bedenken muss, dass bei den Einwechslern auch schon fünf Torvorbereitungen zu Buche stehen und die Einwechsler bei RB Leipzig im Schnitt nur knapp 19 Spielminuten kriegen (nur in Freiburg, Sandhausen und knapp auch Fürth bekommen die Wechselspieler noch weniger Spielzeit).

Gut im Sinne der Spieldisziplin, dass die zweikampforientierte Spielweise der RasenBallsportler klar die Grenzen kennt. Man führt zwar in der zweiten Liga mit Abstand die meisten Zweikämpfe und hat die neuntmeisten gelben Karten kassiert. Allerdings ist noch kein RB-Spieler bisher vorzeitig vom Platz geflogen. Nur St. Pauli und Fürth kamen bisher ebenfalls ohne Platzverweis aus.

Das ist vielleicht umso erstaunlicher, als dass RB Leipzig die mit Abstand jüngsten Formationen der Liga auf den Platz schickte, also auch viele Spieler die Saison prägten, die noch nicht über große Erfahrungen im Fußball und schon gar nicht im höherklassigen Fußball verfügen. Dass diese junge Mannschaft unter Erfolgsdruck, angesichts der eigenen Ansprüche und der (nachlassenden, aber immer noch deutlich spürbaren) Antipathie in fremden Stadion so gut funktioniert, die Nerven im Zaum hat und auch in engen Situationen die Ruhe behält, war sicherlich vor der Saison nicht unbedingt zu erwarten.

Sonstso

Im Verein und dessen Umfeld herrscht seit dem Sommer eine fast schon idylische Ruhe. Große Aufregerthemen gibt es seit den Lizenzproblemen vor der letzten Saison, vielen Debatten um die Konstruktion RB im ersten Zweitligajahr 2014/2015 und den Trainergeschichten inklusive des Zorniger-Abgangs im ersten Halbjahr 2015 nicht mehr. Es geht fast ausschließlich um den Sport, wozu auch beiträgt, dass sich Ralf Rangnick ein sehr homogenes, auf ihn zugeschnittenes Funktionsteam gebaut hat. Was solange gut ist, solange Rangnick im Verein ist. Erst wenn er irgendwann einmal nicht mehr da ist, könnte das den Nachfolgern auf die Füße fallen.

Euphorisch geht es rund um RB Leipzig trotzdem noch nicht wirklich zu. Zwar hat man die Anzahl der Dauerkarten Richtung Rückrunde auf weit über 11.000 erhöht und im Schnitt kommen aktuell 3.000 Besucher mehr als letzte Saison (wenn man nur die sechs Heimspielgegner nimmt, gegen die man letzte Saison auch schon zu Hause spielte, sind es in diesen sechs Spielen 2.000 Zuschauer mehr im Schnitt als in den sechs entsprechenden Spielen der Vorsaison). Aber die nicht mal 19.000 Zuschauer im letzten Heimspiel gegen Frankfurt haben auch darauf verwiesen, dass man in Leipzig aktuell noch nicht vor wahnsinniger Vorfreude durchdreht, beim Gedanken, dass man am Ende dieser Saison vielleicht den Bundesligaaufstieg feiern könnte.

Das manifestiert sich ähnlich auch in der Zahl der Auswärtsfahrer. Irgendwas knapp über 900 sind zu den ersten zehn Spielen im Schnitt mitgefahren. Von 150 beim Montagsspiel in Karlsruhe bis hin zu 2.000 beim Spiel in München reicht die Bandbreite. Beim Vergleich mit dem Vorjahr in Bezug auf die neun Städte, in die man diese Saison bereits fuhr und letzte Saison auch schon gefahren ist, stellt man fest, dass sich die Zahl der Auswärtsfahrer im Schnitt um etwa 170 erhöht hat. Wobei dies fast komplett aus dem riesigen Anstieg der Anzahl der nach Fürth fahrenden Anhänger resultiert. Abgesehen davon waren die Zahlen bei den anderen acht Fahrten mit geringen Abweichungen ähnlich den Zahlen der letzten Saison.

Fazit

Die Saison 2015/2016 geht bisher aus Sicht von RB Leipzig sportlich als absolute Erfolgsgeschichte durch. Gestartet mit einem nominell sehr guten Kader hat man es geschafft, aus den Einzelspielern ein funktionierendes Team zu bauen und ihm eine Idee für das Spiel mit dem Ball mitzugeben. Dabei gab es Phasen des Lobs für das Team genauso, wie eine Erhöhung der Anspruchshaltung und eine deutliche Kritik am Auftreten der Mannschaft. Lob und Tadel, individuelles Arbeiten mit den Spielern und eine recht hohe Eigenmotivation zumindest des Großteils des Kaders erklären, dass man sich als Mannschaft recht schnell zu einem Punkt entwickelt hat, dass man in der Zweitligaspitze mitschwimmen konnte und inzwischen sogar das beste Team der Liga ist.

Party on - Die ganze Freude über den 2:1-Sieg in Fürth und eine gelungene Hinrunde 2015/1016 muss raus | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Problematisch bleibt weiterhin oft, dass man offensiv nicht immer effektiv und zielstrebig genug ist. Für das Team, das die meisten Torschüssen der Liga auf dem Konto hat, hat man relativ wenig Tore erzielt, auch wenn man in den letzten Wochen diesbezüglich schon deutlich zulegen konnte. Trotzdem fehlt manchmal der entscheidende Pass im Umkehrspiel und wird manchmal nicht tief gespielt, wenn Offensivspieler tief einlaufen, also zu wenig der schnelle Pass in die Tiefe gesucht, wo er vor einem Jahr vielleicht noch zu oft gesucht wurde.

Luft nach oben besteht auch noch in der Defensivorganisation, auch wenn das dann schon Kritik auf hohem Niveau ist. Manchmal gibt es sie noch, die Aussetzer im defensiven Umkehrspiel, wenn der erste Versuch, im Gegenpressing den Ball zurückzuerobern, schief gegangen ist. Vor allem in der ersten Hälfte der bisherigen Spielzeit hatte man auch noch größere Probleme mit gegnerischen Standards, ein Problem das man durch Training ein gutes Stück in den Griff bekommen hat.

Nach den ersten 19 Saisonspielen ist RB Leipzig natürlich noch mal viel mehr als vor der Saison der klare Aufstiegsfavorit. Man hat eine junge Mannschaft, deren Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist und von der man eher erwarten darf, dass sie sich noch weiterentwickelt. Ein Selke, ein Sabitzer, ein Forsberg, ein Bruno, ein Poulsen, ein Orban, ein Halstenberg und wie sie alle heißen, sind in ihren Leistungen noch nicht ausgereizt. Was dann aber eben auch heißt, dass man das Leistungsniveau der bisherigen 19 Spiele als Basis oder Mindestzielvorgabe für die verbleibenden Spiele ansehen darf.

Das sagt natürlich nichts über Glück oder Pech oder die Unberechenbarkeiten des Fußballs aus, die es ja in Bezug auf Spielverläufe, Schiedsrichterentscheidungen und Verletzungen auch gibt und die einen Saisonverlauf selbst dann negativ beeinflussen können, wenn man eigentlich gut drauf ist und gute Leistungen abliefert. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mannschaft noch einbricht, die 19 Spiele lang nicht mal am Optimum gespielt hat und noch (altersbedingt) Entwicklungspotenzial hat, ist sehr deutlich geringer als bei einer Mannschaft, die 19 Spiele lang bei 120% gespielt hat und dieses Pensum über die Saison tragen müsste.

Mit Ralf Rangnick als Trainer hat man einen Übungsleiter, der ein recht genaues Auge für Probleme fußballerischer Natur hat und diese dann entsprechend angeht. Auch diesbezüglich kann man davon ausgehen, dass RB Leipzig mindestens bis zur Sommerpause gut aufgestellt ist und die Entwicklung der Mannschaft zumindest nicht rückläufig sein wird.

Interessant wird, ob man es bei RB Leipzig in der Rückrunde tatsächlich schafft, Nachwuchstalenten Anschlussmöglichkeiten an den Profikader aufzuzeigen. Falls man wirklich den geneigten Beobachter überrascht und in der Winterpause keine externen Neuzugänge tätigt, wäre diesbezüglich für einen dynamischen Sechser wie Idrissa Touré bspw. durchaus Luft, um sich mal etwas intensiver beim Zweitligateam zu zeigen. Auf den Verteidigerpositionen rechts und innen fallen diesbezüglich vielleicht nicht unbedingt Kandidaten ein. Und im Offensivbereich ist die Konkurrenz bei RB zu groß, als dass man sich vorstellen kann, dass da kurzfristig ein Nachwuchsspieler nah an Einsatzzeiten heranschnuppert.

Die Saison 2015/2016 war für RB Leipzig bisher eine Geschichte wachsenden Erfolgs mit dem Wermutstropfen DFB-Pokal. Mannschaftlich und individuell ist man auf einem sehr guten Weg und hat sich deutlich in die Favoritenrolle Richtung Aufstieg geschossen. Die besonderen Auswärtsaufgaben der Rückrunde in den großen Zweitligastadien und auch der Druck der Favoritenrolle in einer ausgeglichenen Liga, in der die meisten Mannschaften gut verteidigen können, sind vielleicht die größten Hindernisse für RB Leipzig auf dem Weg Richtung Bundesliga. Bisher hat man die Hindernisse gut aus dem Weg geräumt und sich nicht beirren lassen von Rückschlägen. Macht man in der Rückrunde so weiter, dann wird man das sportliche Ziel auch erreichen.

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Bisherige Bilanzen:

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Bilder: © GEPA pictures/ 3 x Roger Petzsche, 1 x Kerstin Kummer

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3 Gedanken zu „Zwischenbilanz: RB Leipzig in der Saison 2015/2016“

  1. Sehr schönes vorweihnachtliches Zwischenfazit!!!
    Da versucht man beim Lesen, irgendwelche Schwachstellen oder Ergänzungen zu finden, aber die gibt es nicht!!
    Klar gibt es die, der Blog ist nur perfekt!! 🙂

    In dem Sinne, danke nochmals für das Erstellen der Blögge und die Vielzahl von Informationen rund um RBL und der 2. Liga!

    Frohe Weihnachten, geniesse die Festtage mit Familie und komme gut, gesund und schreibgelaunt in das neue Jahr!
    Ggf. mit Hot Bull 😉

  2. Ich wünsche Deiner Familie und Dir ein besinnliches Weihnachtsfest und ein gesundes Jahr 2016. Danke für Deine Arbeit!

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