Was von Spieltag 18 bleibt

Das Aufregerthema des Spieltags wurde wohl in Sandhausen geboren, als Salim Khelifi ein Tor erzielte, trotzdem am anderen Ende des Spielfelds Aziz Bouhaddouz am Boden gelegen hatte und alle damit rechneten, dass der Ball ins Aus gespielt werden würde. Die unfairste Szene seit Erfindung der Verletzungsunterbrechung finden die einen. Es ist wie es ist fand manch anderer.

Fakt ist, dass so eine Situation schon seit längerem mal in der Luft liegt. Zu strategisch wird das Liegenbleiben nach nicht gepfiffenen Foulspielen bzw. Körperkontakten eingesetzt, um damit den gegnerischen Gegenstoß bestenfalls zu unterbinden. Und entsprechend war in der jüngeren Vergangenheit schon öfters mal zu beobachten, dass einfach weitergespielt wurde, wenn jemand am Boden liegenblieb und die Behandlung eben bei der nächsten Spielunterbrechung erfolgte bzw. der Ball erst dann ins Aus gespielt wurde, wenn er in eine neutrale Situation ohne erfolgsversprechende Angriffsoption gelangt war.

Das Spielen des Balles ins Aus hat ja zwei Fairnesshintergründe. Einerseits die Möglichkeit zu geben, dass der entsprechende Spieler behandelt werden kann, andererseits aus einer Verletzung des Gegners keinen Vorteil im Angriff zu ziehen. Bei schweren Zusammenstößen mit klar sichtbaren Verletzungsfolgen fordern im Normal beide Parteien eine Unterbrechung oder pfeift der Schiedsrichter selbst. Das war bei Bouhaddouz, der sich nach einem eher leichten Kontakt den Kopf hielt, aber auch schon bald wieder aufstand, als er merkte, dass das Spiel weiterlaufen würde, genausowenig der Fall, wie ein besonderer Vorteil für das Braunschweiger Umkehrspiel durch Bouhaddouz‘ Verletzung vorlag.

Der Stürmer lag ganz vorn am gegnerischen Strafraum. Das Verteidigungsspiel der Sandhäuser war komplett intakt. Dass man in dieser Situation aufhört, Fußball zu spielen und den Konter zu verteidigen, ist ein bisschen arg viel Gottvertrauen. Dass Braunschweig den Angriff ausspielt, ist aufgrund des Orts und der sichtbaren (Nicht)Schwere der Verletzung und aufgrund des viel zu oft taktisch eingesetzten und theatralisch ausgeschmückten Liegenbleibens (auch bei Bouhaddouz lag es nahe, dies zu vermuten) absolut nachvollziehbar. Von daher war es etwas viel Aufregung, die sich da über die Braunschweiger ergoss.

[Am Rande vielleicht noch interessant, dass der Gott des Spielplans den Braunschweigern zwei Auswärtsspiele binnen vier Tagen, also von Montag auf Freitag in Düsseldorf und Sandhausen auferlegt hatte, während bei Sandhausen zwischen zwei Heimspielen eine komplette Woche lag. Warum eine solche Ansetzerei, bei der Braunschweig eine vernünftige Spielvorbereitung fast komplett vergessen konnte und die so deutlich zu Ungunsten des Gastes ging, ohne Not einer englischen Woche nötig ist, muss nicht einleuchten.]

Viel Aufregung auch in Paderborn, die nach einem Punkt und glatten 14 Gegentoren aus den letzten vier Spielen endgültig im reinen Abstiegskampf angekommen sind. Der Effenberg-Effekt nicht nur schon verpufft, sondern binnen acht Spielen ins Gegenteil verkehrt. Schon erstaunlich, wie schnell man in Paderborn in jüngerer Vergangenheit Phasen durchlebt hat, für die andere auch mal gut mehrere Saisons brauchen. Von Euphorie über ‚müssen kleine Schritte gehen‘ und ‚wird bald besser‘ bis hin zu Panik in nicht mal zwei Monaten. Faszinierendes Sozialexperiment.

Das nun noch durch die Suspendierungen von drei Spielern Alters ergänzt wird. Daniel Brückner, Srdjan Lakic und Mahir Saglik hat es getroffen, was nur dahingehend nicht willkürlich wirkt, dass man drei Spieler ausgesucht hat, mit denen man auf Perspektive nicht weiterarbeiten und die man durch jüngeres Blut ersetzen will. Die drei aber de facto für die aktuelle Misere verantwortlich zu machen, wirkt dagegen ziemlich absurd. Ob es dem Rest der Mannschaft ein Aufbruchsignal vermittelt, wird man im letzten Zweitligaspiel vor Weihnachten (alias der Abstiegsknaller) zwischen Paderborn und Düsseldorf sehen. Stefan Effenberg könnte sich seinen Einstieg ins Trainergeschäft vermutlich etwas anders vorgestellt haben.

Anders vorgestellt haben es sich sicher auch Duisburg und 1860, die beide schon besorgniserregend im Keller festsitzen. Dass sich Duisburg noch direkt vor dem Nichtabstieg rettet, scheint inzwischen fast aussichtslos. Bei 1860 ist die Aussicht leicht besser, dass man allerdings die zwei Heimspiele gegen Frankfurt und Heidenheim vor zusammen nicht mal 30.000 Zuschauern verliert, ist ein echter Stimmungskiller, nachdem man unter Möhlmann zuvor ein wenig besser in Fahrt zu kommen schien. Der neue Trainer ist aber inzwischen auf dem Frustrationslevel der Lienens, von Ahlens, Funkels und Fröhlings vor ihm angekommen und vermisst Teamgeist und fähiges Personal. Schlechte Mischung im Abstiegskampf..

An der Tabellenspitze ist neben RB Leipzig der 1.FC Nürnberg das Team der Stunde, das seit der letzten Länderspielpause vier Spiele in Folge gewann. An diesem Spieltag war der SC Freiburg dran, der eine Niederlage kassierte, an der die Gäste sicht- und hörbar knabberten, weil sie mit dem destruktiven Spiel der Nürnberger unzufrieden waren. Kaum Ballbesitz, viel Defensive und lange Bälle waren die Mittel der Gastgeber-Wahl.

Das kennt man durchaus von Nürnberg und das ist durchaus eine Spielweise, die ihrem sehr robusten Kader entgegen kommt. Im konkreten Fall mag das nicht schön anzusehen gewesen sein, aber es war erfolgsversprechend, das muss als entscheidende Kategorie reichen. Klar ist es aus Sicht der Gäste und aus fußballästhetischer Sicht ätzend, wenn ein Aufstiegskandidat das aktive Fußballspielen verweigert, weil der Tabellenführer zu Besuch ist, aber es ist rational auch nachvollziehbar.

Acht Torschüsse hatte Nürnberg am Ende nur (sechs weniger als Freiburg), aber alle acht wurden innerhalb des Freiburger Strafraums abgegeben (einer mehr als Freiburg) und fünf landeten auch auf dem Tor der Gäste (zwei mehr als Freiburg). Letztlich spricht die Effizienz für die Franken. Und Relegationsplatz 3 gibt ihnen sowieso recht. Da wird ihnen auch das durchaus nachvollziehbare Grollen von Christian Streich egal gewesen sein.

Was Bochum kann, können wir schon lange, dachte man sich in Karlsruhe und wechselte an diesem Spieltag ohne Verletzungsnot den Torwart. Dirk Orlishausen musste auf die Bank, René Vollath durfte in den Kasten. Da Orlishausen bisher eine durchwachsene Saison spielte und Vollath letzte Saison vielleicht die beste Nummer 2 der Liga war, mag der Wechsel allerdings rein sportlich nicht ganz so überraschen wie der in Bochum. Damit bleiben nun noch 14 Teams übrig, die in bisher allen Spielen mit denselben Torhütern aufliefen.

Als absoluter Joker-König hat sich derweil Maurice Deville etabliert, der für Kaiserslautern im Spiel gegen Duisburg zum vierten Mal nach Einwechslung traf. In Berlin traf er zum 2:2-Endstand. In Leipzig traf er zum 2:0-Enstand. In Fürth traf er zum 4:2-Endstand (nach 0:2). Nun durfte er also auch mal im Heimspiel treffen und erzielte zur Abwechslung mal nicht den Endstand, sondern die 1:0-Führung, die Sekunden vor dem Abpiff noch zu einem 2:0 ausgebaut wurde. Zehn Punkte aus vier Spielen mit Deville-Toren, bei denen er zweimal bei Rückstand, einmal bei Unentschieden und einmal bei knapper Führung eingewechselt wurde (also der FCK bei seiner Einwechslung erst vier Punkte hatte). Keine schlechte Bilanz.

Ob Maurice dabei von den Diensten einer FCK-Beraterfirma mit Spezialgebit Feng Shui profitierte, die wie auf der samstäglichen Mitgliederversammlung bekannt wurde, für 50.000 Euro Dienstleistungen erfüllte, ist nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass die Zahlung ironischerweise nicht zu mehr interner Harmonie führte, sondern die Geldausgabe die Mitglieder eher ganz schön auf die Palme brachte. Da wurde die Mitgliederversammlung wohl nicht nach den Maßgaben von Feng Shui konzipiert..

Ein bisschen feng-shuisiert sollte der eine oder andere vielleicht auch in Bochum werden, wo im nächsten Schritt des Machtkampfes zwischen BILD und Verein dem Blatt nun das Fragerecht auf den Pressekonferenzen entzogen wurde (Youtube-Video). Mit dem Konflikt Verbeek-BILD könnten sich künftig ganze Heerscharen von PR-Studenten in entsprechenden Haus- oder Abschlussarbeiten beschäftigen.

„Die Erfindung des ‚Mir doch egal‘ in der Kommunikationsstrategie“ oder „Wie uns künftigen Kommunkationsexperten einst die Karrierechancen verbaut wurden“, könnten die Bestseller heißen. Aber vermutlich geht im Zeitalter der Vereinseigenkommunikation über Online-Kanäle an klassischen Kanälen vorbei auch die Verbeeksche Authentitzität als Kommunikationsstrategie durch.

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Kleine Tabellenspielerei. Für alle Teams in der ersten Spalte eine Art subjektives Ranking, welcher Rang den aktuellen Fähigkeiten der jeweiligen Mannschaft entspricht. In der zweiten Spalte ein Ranking nach Torschüssen (Nummer 1 hat den besten Wert, wenn man die Anzahl der eigenen Schüsse aufs Tor mit den zugelassenen Torschüssen vergleicht). In den anderen Spalten in der Reihenfolge: aktuelle Punktzahl, Punktzahl 2015 (bei Freiburg und Paderborn mit Erstligaspielen, bei Duisburg und Bielefeld mit Drittligaspielen), Punktzahl aus den letzten sechs Spielen. Abgezogen werden müssen beim SV Sandhausen davon noch drei Punkte (bzw. für 2015 sechs) resultierend aus einer DFL-Strafe wegen Lizenzverstößen.

Subjektivnach TSGesamt2015RR1.Blockletzte 6
Leipzig11385923815
Freiburg223554281211
Nürnberg39304822714
Braunschweig41128452378
Karlsruhe5822472867
Bochum63274621156
St. Pauli75305124108
Kaiserslautern84254628810
Heidenheim913244521105
Berlin101520432649
Bielefeld11621521769
Fürth121425391655
Sandhausen1312295122107
Düsseldorf1410193216110
München15714332128
Frankfurt161722402175
Duisburg171811462325
Paderborn181616283033

Tabelle nach Länderspielblöcken: Die Saison wird regelmäßig von Länderspielen unterbrochen. Jeweils nach Spiel 5, 10 und 14 ruhte der Ligabetrieb für jeweils zwei Wochen. Diese drei Blöcke (Spieltage 1-5, 6-10, 11-14, 15-) und ihre Punkteausbeute werden in der folgenden Tabelle verglichen.

Platz1.Block2.Block3.Block4.Block
Leipzig189912
Freiburg212959
Nürnberg377412
St. Pauli410884
Braunschweig571056
Bochum615615
Sandhausen710874
Kaiserslautern88737
Fürth951244
Heidenheim1010644
Karlsruhe1163103
Frankfurt127654
Bielefeld136555
Berlin144655
Düsseldorf151567
Paderborn163481
München172444
Duisburg182324

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