Stunde Null

Wir haben vor drei Jahren im Grunde genommen bei Null begonnen und sind mittlerweile mit allen Jugendmannschaften in den höchsten Spielklassen gelandet. Die U23 muss aber schon auch noch mal aufsteigen. Wir haben viele Spieler auf einen sehr guten Weg gebracht und mittlerweile 31 Juniorennationalspieler in unseren Reihen. Wir wollen so bald und so viele Spieler wie möglich für unsere erste Mannschaft qualifizieren. In jedem Jahr wollen wir ein, zwei, vielleicht auch mal drei Spieler für die erste Mannschaft rausbringen. (Frieder Schrof, Leiter der Nachwuchsausbildung von RB Leipzig vor dem Spiel gegen den MSV Duisburg bei Sky)

Die schon früher verwendete Rhetorik, dass die Nachwuchsarbeit in Leipzig praktisch erst mit den Herren Schrof und Rangnick angefangen habe, bleibt – das wurde hier im Blog auch früher schon erwähnt – merkwürdig bis leicht respektlos gegenüber den Vorgängern. Weil die Grundlagenarbeit im Verein schon drei Jahre früher und unter Nachwuchschef Ivo Jungbauer bei einem tatsächlichen Nullpunkt irgendwo im Nichts begann.

Klar hat sich mit den Umwälzungen nach dem Rangnick-Antritt 2012 noch mal einiges getan in Sachen Schlagzahl und Schlagrichtung und wurden vielerlei Entwicklungen angestoßen, die für den Erfolg der Nachwuchsteams einen positiven Schub gegeben haben. Aber man hat auch Teams wie die U17 schon als Bundesligateam von den Vorgängern übernommen und musste den beschwerlichen Schritt aus der Regionalliga dort nicht mehr machen, sondern nur noch bei der U19, wo es auch nach Antritt von Rangnick und Schrof noch mal zwei Spielzeiten dauerte, bis man in der Bundesliga ankam.

Dass man inzwischen noch erfolgreicher arbeitet, liegt allerdings auch zu einem guten Teil an einer Verschiebung vor allem beim Scouting und entsprechend der Kaderzusammenstellung. Während in der U23 noch fünf der elf meisteingesetzten Spieler (vor mindestens vier Jahren) aus anderen Leipziger Vereinen kamen, sind in der U17 unter den ersten Elf nur noch zwei Spieler mit direkter regionaler Vergangenheit. Man bedient sich seit 2013 bzw. 2014 zunehmend bei anderen Nachwuchsleistungszentren, was natürlich auch den Vorteil hat, schon gut ausgebildete Spieler in die Teams zu bekommen.

Daran ist gar nichts verwerfliches, es ist halt einfach eine der Vereinsentwicklung geschuldete Veränderung, man muss aber diesen Wechsel in der grundsätzlichen Herangehensweise bei der Planung der Nachwuchsteams zumindest mitdenken, wenn man manche Veränderung in der jüngeren Vergangenheit verstehen will. Und man sollte nicht so tun, als wäre vorher gar nicht gearbeitet worden, wenn Nationalspieler wie Fridolin Wagner oder Erik Majetschak schon vor Rangnick und Schrof ihren Weg zu RB Leipzig fanden.

Es ist immer schön und gut eine Erfolgsgeschichte auch mit entsprechender Rhetorik (‚Seht her, was wir aufgebaut haben.‘) zu unterlegen und in vielerlei Hinsicht ist die Erzählweise und der stolze Blick auf die Dinge, die man angeschoben hat, auch nicht falsch, aber man vergisst in der Darstellung gern mal die Grundpfeiler auf denen das jetzige Nachwuchsleistunszentrum schon rein baulich steht und die vor Rangnick und Schrof in langen Aushandlungen mit Stadt und Umweltverbänden quasi in den Erdboden gerammt wurden.

Am Ende wird sich die Nachwuchsausbildung in Sachen Erfolg an der Zielvorgabe, jedes Jahr ein bis drei Spieler für die Profis zu qualifizieren, messen lassen müssen. Die Erfolgsquoten sind diesbezüglich bisher generell eher mau. Egal ob das einen Tom Nattermann, den ersten RB-Nachwuchsspieler, der zu den Profis aufstieg, betrifft, der seinen Vertrag noch von Pacult, also vor Schrof, bekam, aber in der Männermannschaft nie eine Rolle spielte und inzwischen in Aue kickt. Oder ob es einen Patrick Strauß betrifft, den einzigen aus dem aktuellen Zweitligakader, der unter Rangick und Schrof kam und den man als bei RB Leipzig ausgebildet bezeichnen könnte, dessen Einsatzzeit bei den Profis in eineinhalb Jahren trotz Vertrag (auch wegen Verletzungen) aber bei exakt null Minuten liegt.

Ist halt alles nicht so einfach, erst recht nicht dann, wenn bei den Profis per se alle Plätze doppelt mit hoher Qualität aus externen Quellen besetzt wurde. Ist auch gar nicht schlimm, wenn es nicht einfach ist. Nicht so richtig hübsch ist lediglich der Zungenschlag, mit dem man Vorgänger unterschlägt, die unter wesentlich schlechteren Bedingungen durchaus auch wertvolle Arbeit geleistet haben und gegenüber denen die Nachfolger in Sachen Effizienz bisher noch keinen entscheidenden Vorteil haben.

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Meisteingesetzte Spieler bei RB Leipzig in der U17-Bundesliga – Zeitpunkt ihres Wechsels zu RB (Vorgängerverein)

  • Liam Shang – 2010 (Mannheim)
  • Tim Schüler – 2015 (Kiel)
  • Toni Stahl – 2015 (Cottbus)
  • Kilian Senkbeil – 2010 (Lok)
  • Emre Mert Aslan – 2014 (Hertha)
  • Felix Schimmel – 2014 (Aue)
  • Dominic Minz – 2014 (TeBe)
  • Elias Abouchabaka – 2015 (Hertha)
  • Nicolas Kühn – 2015 (Hannover)
  • Erik Majetschak – 2011 (Lok)
  • Marc Dauter – 2014 (TeBe)

Meisteingesetzte Spieler bei RB Leipzig in der U19-Bundesliga – Zeitpunkt ihres Wechsels zu RB (Vorgängerverein)

  • Florian Sowade – 2010 (Riesa)
  • Gino Fechner – 2015 (Bochum)
  • Anthony Barylla – 2010 (Schmölln)
  • Alexander Vogel – 2009 (Borna)
  • Dominik Franke – 2011 (Riesa)
  • Vitaly Janelt – 2014 (HSV)
  • Timo Mauer – 01/2015 (Jena)
  • Felix Beiersdorf – 2009 (FC Sachsen)
  • Agyemang Diawusie – 2015 (Nürnberg)
  • Idrissa Touré – 2015 (TeBe)
  • Kamil Wojtkowski – 2015 (Stettin)

Meisteingesetzte Spieler bei RB Leipzig im U23-Team in der Regionalliga – Zeitpunkt ihres Wechsels zu RB (Vorgängerverein)

  • Alexander Siebeck – 2009 (Lok)
  • Alexander Sorge – 2009 (FC Sachsen)
  • Firat Sucsuz – 2014 (Hertha)
  • Federico Palacios – 01/2014 (Wolfsburg)
  • Benjamin Bellot – 2009 (FC Sachsen)
  • Fridolin Wagner – 2011 (Lok)
  • Ken Gipson – 2015 (Stuttgart)
  • Joshua Endres – 2013 (Würzburg)
  • Stefan Hierländer – 2014 (Salzburg)
  • Sören Reddemann – 2010 (Lok)
  • Rene Legien – 03/2013 (Tündern/ vorher Hannover)

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2 Gedanken zu „Stunde Null“

  1. Ich weiss nicht. Ich habe mir ja (vor allen wegen der letzten 10 Minuten) das Spiel gegen den MSV nochmals angesehen inkl. Vorbericht und dem oben genannten Interview. So wie! Herr Schroff das in die Sky-Mikros gesagt hat, klang das überhaupt nicht überheblich gegenüber den Vorgänger. Es ging ihm um die Struktur des Ganzen und da hat er mMn Recht.
    Ich bin auch gespannt, wann die ersten Spieler aus den U-Teams in die Profimannschafften rücken. Daran wird sich auch RR und das komplette Team messen lassen (müssen). Von den obengenannten sind auf jedenfall viele Talente dabei, denen ich das zu traue.
    Mal schauen, was für Einblicke die Doku von Sky nächsten Montag so zeigen wird.

    1. Ich denke auch nicht, dass Schrof bewusst überheblich redet. Aber es ist ein Zungenschlag, der schon länger drin steckt, immer ein bisschen so zu tun, als hätte es vor Schrof-Rangnick keine Strukturen gegeben. Und das ist falsch. Weil in den drei Jahren vorher auch Strukturen gebaut und Entscheidungen angeschoben wurden, auf denen die Nachfolger aufbauen konnten. Sie haben nicht bei null angefangen, auch wenn sie mit ihren eigenen Ideen der Aufbauarbeit noch mal ein anderes Tempo und eine etwas andere Richtung gegeben haben. Und mir ist nicht klar, warum es so schwer fällt, auch zu verbalisieren, dass die RB-Nachwuchsarbeit seit sechs Jahren wächst und nicht erst seit drei.

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