15.Spieltag – 2.Bundesliga 2015/2016

Der 15. Spieltag in der zweiten Liga ist der erste nach Paris und der Länderspielabsage von Hannover. Ganz sicher ist es kein normaler Spieltag. An allen Spielorten wird die Sicherheitslage diskutiert und werden verschärfte Einlasskontrollen angekündigt. Wie das dann konkret aussieht, ob das im Fall der Fälle künftig auch mal Ganzkörperkontrollen in Zelten oder den Einsatz von Körperscannern mit sich bringt und ob das in einem Land, in dem überall immer wieder fast völlig problemlos Pyro ins Stadion gelangen kann, eine deutlich Erhöhung der Sicherheit und nicht nur der gefühlten Sicherheit bedeutet, ist noch ziemlich unabsehbar.

Gefühlte Sicherheit dürfte sowieso das Stichwort schlechthin sein, denn dass das durchschnittliche Zweitligaspiel wie jenes zwischen Bielefeld und Leipzig nun plötzlich zu einem wichtigen Anschlagsziel werden wird, ist eher unwahrscheinlich. Da es aber auch niemand genau wissen kann und die innenministerliche Aussage, dass Antworten auf die Frage nach der konkreten Gefährdungslage beim Länderspiel in Hannover „die Bevölkerung verunsichern“ würden, bleibt halt eben auch ein hintergründiges Restrisiko bzw. Risikogefühl, das man auch im Bundesligaunterhaus durch erhöhte Sicherheitsvorkehrungen gern weiter minimieren möchte.

Aus der Sicht des Besuchers von Fußballspielen fühlt sich der ganze Sicherheitsaspekt erstmal höchst irreal an. Wobei die Saat der Unsicherheit gesät und völlig unabsehbar ist, inwieweit dies tatsächlich dauerhaft ins eigene Bewusstsein einsickert und nicht planbare Zuschauerreaktionen auf welche Vorkommnisse auch immer mit sich bringt. Das fehlerhafte Auslösen einer Sicherheitsdurchsage, die die Zuschauer mehrsprachig zur Ruhe und zum Befolgen der Ordneranweisungen auffordert, wie es letzte Saison beim Gastspiel von RB Leipzig in Bochum passierte, würde wohl aktuell nicht mit derselben Mischung aus Amüsement, Überraschung und Gleichmut aufgenommen werden, wie damals noch..

Grundsätzlich ist es natürlich richtig, dass man vor einem schwierig einzuschätzenden Bedrohungspotenzial nicht einknicken sollte. Darauf zielt Terror ab, der es auf Menschenmengen abgesehen hat, die sich irgendwo als Ausdruck von Lebensfreude und gesellschaftlicher Teilhabe versammeln. Diesen Versuch des Streuens von Angst in den Alltag zurückzuweisen, ist sicherlich richtig. Und trotzdem kann man es auch kaum jemanden verübeln bzw. ist es eine recht normale Reaktion, wenn Menschenmengen nicht nur Freude, sondern auch ein diffuses Unwohlsein auslösen. Nach Anschlägen wie denen von Frankreich bleiben auch immer Wunden im individuellen und kollektiven Gedächtnis, die gerade mittelfristig und trotz aller Rhetorik, dies nicht zulassen zu wollen, natürlich einen Effekt haben. Wer zum Jahrestag der Anschläge vom 11.09. mal in New York war, wird wissen, wie schwer es den Einheimischen auch mehr als ein Jahrzehnt später noch fällt, über diese Ereignisse zu sprechen.

„War der Fußball das, was uns in der Kindheit von allen Übeln ablenkte, fällt es derzeit schwer sich auf den Fußball zu konzentrieren.“ So las ich kürzlich in meiner Twitter-Timeline und nickte unbewusst vor mich hin. Ein Gefühl, das im Verlauf des Jahres mit den sowieso schon laufenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Deutschland um Flüchtlingspolitik, Willkommenskultur und all die *gidas, die durch verschiedene Anlässe ja auch in die RB-Fanszene mit ihren politisch sehr heterogen zusammengesetzten Fangruppierungen einsickerten, stärker wurde. Und nun mit dem Anschlag von Paris, der auch einem Fußballstadion galt und der Absage von Hannover und dem möglicherweise vereitelten Sprengstoffanschlag, endgültig manifest wurde. Irgendwie ist es durchaus so, dass es aktuell andere Themen gibt, über die man täglich intensiv nachdenkt, als über Fragen von Spielphilosophie, taktischer Ausrichtung und Tabellensituation. Ja, Fußball ist weiterhin großartig, aber abseits der Spiele kann er durchaus in den gedanklichen Hintergrund rücken.

Ralf Rangnick hatte gestern in der Pressekonferenz vor dem Spiel in Bielefeld sinngemäß erklärt, dass es darum gehe, den Menschen durch entsprechende sichtbare Maßnahmen das Gefühl von Sicherheit zu geben, sich nicht dem mulmigen Gefühl zu beugen und dafür zu sorgen, dass man sich weiter den Dingen hingeben kann, für die eine „westliche Gesellschaft“ nun mal steht. Also letztlich den Spagat hinzukriegen, Sicherheit auch durch entsprechende Maßnahmen zu organisieren und dabei weiterhin das Leben einer offenen Gesellschaft zu leben. Sebastian Schuppan schlug aus Bielefelder Sicht in eine ähnliche Kerbe, als er davon sprach, dass man „Vorbild“ sein und „ein Zeichen setzen“ wolle, indem man sich nicht von der Drohkulisse im Hintergrund beeindrucken lasse und dieselben Abläufe wie zu jedem Fußballspiel zuvor auch wählt.

Am Ende ist es natürlich nur Fußball und die Idee, dass dieser Mannschaftssport nun das entscheidende Symbol gegen was auch immer an tödlichem oder nur verbalem Tugendterror ist, mag etwas anmaßend daherkommen (formuliert so drastisch vermutlich auch kaum jemand). Aber gerade in all den Dingen, vor die man das Wörtchen „nur“ setzen könnte (ist doch nur Kino, Party, Konzert etc.), manifestiert sich eben auch die entscheidende Lebensqualität dieser Gesellschaft. Man würde sich ziemlich etwas kaputt machen, wenn ein diffuses Unsicherheitsgefühl einen nachhaltigen Effekt auf das Zusammenkommen in Gruppen, die Alltagskultur und die Möglichkeit, sich verschiedenste Ausdrucksformen zu geben, haben würde.

Der 15. Spieltag der zweiten Liga steht also an. Und so richtig wird man wohl erst in ein paar Wochen oder Monaten wissen, ob sich am Erlebnis Fußball und vor allem am Erlebnis Live-Fußball nach Paris und Hannover und realen Bedrohungsszenarien etwas entscheidendes verändert hat. Verübeln könnte man sicherlich niemandem, wenn er unter anderem von den nicht gegebenen Antworten de Maizières, die ja angeblich nur verunsichern würden, erst recht verunsichert wäre oder wenn die allgemeine Berichterstattung, in der gerade teilweise recht unverantwortlich Terrorgerüchte ungeprüft durch die Kanäle geprügelt werden, das diffuse Unsicherheitsgefühl verstärken hilft. Gut möglich aber auch, dass nach der Winterpause die moderne Facebook-Generation mit ihrer kurzen Aufmerksamkeitsspanne schon wieder alles vergessen hat und normales Tagesgeschäft angesagt ist.

Egal wie, der eine oder die andere wird vielleicht ein komisches Gefühl haben, wenn er oder sie am Wochenende ein Fußballstadion betritt. Was völlig normal ist, weil man sich sicherlich nicht auf Knopfdruck von realen und gedachten Bildern befreien kann. Vielleicht wird ja in den Stadien auch ein wenig Schuppanscher Pathos ausgeschenkt und die jeweilige Partie als gemeinsames „Zeichen setzen“ verkauft oder wie in Englands Topliga am Wochenende die Marseillaise gespielt wird. Auch das ginge völlig in Ordnung, um das komische Gefühl zu zerstreuen bzw. in etwas umzudrehen, das sich positiv anfühlt. Am Ende geht es aber wohl vor allem darum, dem entscheidenden Tor entgegenzufiebern, Siege zu bejubeln und Niederlagen zu verfluchen, also die Normalität von Fußballalltag vielleicht noch mal ein Stückweit anders als sonst als etwas ganz besonderes zu erleben und zu feiern.

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15.Spieltag

  • Fortuna Düsseldorf – MSV Duisburg – 1
  • VfL Bochum – 1. FC Union Berlin – 1
  • SV Sandhausen – Karlsruher SC – 2
  • TSV 1860 München – FC St. Pauli – 1
  • Arminia Bielefeld – RB Leipzig – 0
  • SC Freiburg – SC Paderborn 07 – 1
  • 1. FC Kaiserslautern – FSV Frankfurt – 1
  • 1. FC Heidenheim – SpVgg Greuther Fürth – 1
  • 1. FC Nürnberg – Eintracht Braunschweig – 1

Tippquote bisher: 39 von 126 (bei RB-Spielen: 5 von 14).

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