Zwischen Zufriedenheit und leichtem Zweifeln

Fußballerisch ist RB Leipzig inzwischen auf einem guten Weg und hat in den letzten Wochen einiges richtig gemacht. Das spiegelt sich in vielen Dingen optisch und statistisch wider. Es beginnt zusammenzuwachsen, was von der individuellen Qualität her hervorragend ist, auch wenn sich das in den letzten fünf Spielen nicht in dazu passender Punkteausbeute niederschlug. Insgesamt fehlt es dem Team noch bei allen spielerischen Qualitäten an Abgeklärtheit und Stabilität. Sowohl im Defensivverhalten, als auch im Verwalten von Führungen und im konsequenten Ausspielen von Offensivsituationen. Im Gegensatz zu spieltaktischen Abläufen ist Abgeklärtheit schwierig zu trainieren (wobei spieltaktische Abläufe sicherlich eine wichtige Stütze für abgeklärtes Auftreten sind) und Teil einer Entwicklung, die schlicht Zeit braucht. Die aktuellen Probleme hinsichtlich der Stabilität verdeutlichten sich beim Spiel gegen Nürnberg in einem 60 bis 75 Minuten lang souveränen Auftreten und einem anschließenden Fast-Zusammenbruch. Man wird nach der Länderspielpause sehen, ob das Pendel künftig stärker Richtung Souveränität oder weiterhin oft Richtung fehlender Abgeklärtheit ausschlägt. (Auf gutem Wege, Bilanz nach 10 Spieltagen)

Fünf weitere Pflichtspiele hat es mit Beteiligung von RB Leipzig seit der letzten Länderspielpause gegeben. Neun Punkte hat man in vier Ligaspielen gesammelt. Nur Karlsruhe kommt mit zehn Zählern auf einen höheren Wert. Klingt erst mal ganz gut, so richtig weiß man aber immer noch nicht, in welche Richtung das Pendel ausschlägt. Denn 5:7  Tore in vier Ligaspielen plus einem Pokalspiel in den letzten Wochen verweisen auch darauf, dass man von Souveränität doch ein ganzes Stück entfernt ist.

Selbst wenn man von den 5:7 Toren die 0:3-Niederlage im Pokal in Unterhaching als Ausrutscher und Freakspiel mit einer auf zu vielen Positionen umgebauten Mannschaft (die aber trotzdem nicht auf diese Art verlieren darf) abzieht, bleiben 5:4 Tore in vier Ligaspielen, die auf eine gewisse offensive Ineffektivität und defensive Instabilität verweisen. Dies gilt vor allem, wenn man betrachtet, auf welchen Torschussbilanzen die Torstatistik beruht.


74 : 40 Torschüsse verbuchte RB Leipzgi in den letzten vier Ligaspielen, also im Schnitt 18,5 : 10. Davon wurden 41 : 23 im Strafraum abgegeben (10,25 :  5,75 im Schnitt). Und 26:7 gingen auf das Tor (6,5 : 1,75). Heißt auch, dass vier von sieben Schüssen (also deutlich über 50%) auf den Kasten von Fabio Coltorti in den letzten vier Spielen ins Tor gingen. Nachdem man drei Spiele lang ohne Gegentreffer aus dem Spiel geblieben war, setzte es in den letzten zwei Spielen gleich drei solche Treffer. Jeweils durch eigene Fehler (zweimal unter direkter Beteiligung von Marvin Compper) eingeleitet.

Auf der anderen Seite führten nur fünf der eigenen 26 Schüsse, die auf das gegnerische Tor gingen, auch zu einem Torerfolg. Nicht einmal 20%. Was den Eindruck bestätigt, dass man sich im letzten Spieldrittel ein wenig schwer tut, tatsächlich effektiv zu sein. Davie Selke ist nach seinem Zwischenhoch zumindest toremäßig wieder abgetaucht. Der Stürmer arbeitet viel, aber als Verwerter ist er meist abgemeldet bzw. wird er beim Torschuss in Positionen abgedrängt, aus denen heraus der Torerfolg nicht mehr ganz so wahrscheinlich wird.

Die Zahlen verweisen insgesamt daraus, dass RB Leipzig aus der meist vorhandenen guten Balance zwischen Offensiv- und Defensivspiel zu wenig Ertrag herausholt. Viel Aufwand, wenig Ertrag. Die drei knappen, teils auch dreckig errungenen Siege in Bochum, gegen Düsseldorf und in Sandhausen überdeckten diese Feststellung ein wenig, weil man geneigt war, Unterhaching als Ausrutscher aus der Analyse zu streichen. Die Niederlage gegen Kaiserslautern lässt den Zweifel an der Effektivität an beiden Enden des Platzes allerdings wieder wachsen. Es bleibt angesichts der herausgespielten Torschusssituationen natürlich dabei, dass man auf dem richtigen Weg ist. Es bleibt aber auch dabei, dass die Stabilität fehlt, um die Dominanz auch in Tore bzw. Torverhinderung umzusetzen.

Ralf Rangnick hatte vor ein paar Wochen angemerkt, dass es an der Zeit ist, in der Viererkette in der Verteidigung mit einer konstanten Formation aufzulaufen. Mit Klostermann, Orban, Compper und Halstenberg hatte man hier auch eine Zusammensetzung gefunden, die ganz vernünftig funktionierte. Größere Probleme tauchten erst auf, als man gegen Kaiserslautern auf zwei Positionen umbauen und Orban und Klostermann ersetzen musste (und natürlich in Unterhaching mit völlig neuer Abwehrkette). Ein überwiegend funktionendes Defensivverhalten hilft aber auch nicht weiter, wenn man sich durch eigene Fehler dann doch wieder in die Bredouille bringt.

Das gilt genauso für Fehler in der Vorwärtsbewegung oder im Vorwärtsverteidigen wie für Standards. Wobei man beim Verteidigen des ruhenden Balls durchaus schon leichte Verbesserungen beobachten kann. Kassierte man bis zum zehnten Spieltag noch vier von zehn Gegentoren nach Ecken oder Freistoßflanken, ist es seitdem in der Liga nur noch eins von vier Gegentoren. Nicht jeder hoch in den Strafraum geschlagene Ball bedeutet derzeit per se Panik.

Positiv verbleibt auf jeden Fall auch, dass RB Leipzig inzwischen auch knappe Spiele gewinnen kann. 11 von 14 Saisonspielen endeten bisher mit maximal einem Tor Unterschied. Immerhin fünfmal gewann man knapp, viermal davon in den letzten fünf Ligaspielen. Knappe Spielstände über die Runden zu bringen, darf man durchaus als Qualität empfinden. Zusammen mit St. Pauli und Fürth die meisten knappen Siege der Liga, zusammen mit einigen anderen Teams die wenigsten knappen Niederlagen. Schon jetzt hat RB Leipzig fast genauso viele knappe Siege eingefahren wie in der gesamten Vorsaison (5 vs. 6).

Wenn man wie RB Leipzig Woche für Woche auf Teams trifft, die im Pokalmodus agieren und dem finanzkräftigen Liga(mit)favoriten ein Bein stellen wollen und die Spiele knapp halten, geht nichts daran vorbei, diese engen Spiele auch zu eigenen Gunsten zu entscheiden. Letzte Saison standen den sechs knappen Siegen noch acht knappe Niederlagen gegenüber. Diese Saison ist die Bilanz mit 5 zu 1 schon wesentlich eher aufstiegswürdig.

Erstaunlich im eher negativen Sinne dagegen die Tatsache, dass von der Bank weiterhin nicht allzu viel Support kommt. Das 0:3 in Unterhaching war in Bezug auf die Breite und sofortige Einsatzbereitschaft und Leistungsfähigkeit des Kaders von der Nummer 12 an abwärts eher ernüchternd. Und auch nach Einwechslungen kommt zumindest offensiv (und viele Auswechslungen bisher betrafen Offensivspieler) recht wenig. Yussuf Poulsen verzeichnete in Sandhausen immerhin mal wieder eine Torvorlage und erhöhte die Anzahl der Torvorlagen durch Einwechsler auf drei (alle drei führten zu Punkten, zwei zu Unentschieden, eine zum Sieg).

Ein Einwechslertor ist RB Leipzig als einzigem Team der Liga neben dem SC Paderborn aber bisher nicht vergönnt. Wenn man gerade die Offensivbesetzung des Kaders nimmt, dann ist es durchaus überraschend, dass sich die Breite des Teams, die eigentlich ein Vorteil gegenüber anderen Teams sein sollte, so wenig auszahlt und nicht auch mal von der Bank aus ein entscheidendes Tor zum 3:1 bspw. beigesteuert wird.

Generell bleibt die Offensive, in die man in den letzten Monaten mit Forsberg, Selke, Sabitzer und Bruno noch mal extrem an Potenzial gesteckt hat, ein wenig hinter ihren Möglichkeiten zurück. Insgesamt überhaupt nur fünf RB-Spieler trafen bisher das Tor. Davon war mit Halstenberg einer ein Linksverteidiger und Kaiser traf ‚lediglich‘ vom Punkt. Bleibt das Trio Selke, Forsberg, Sabitzer, ohne das im Moment offensiv tatsächlich nur sehr wenig geht und die zusammen 15 von 19 Toren erzielten (das 20. war ein Eigentor in Berlin) und 21 von35 Scorerpunkten versammeln. Bruno ist dahinter noch zu ineffektiv und in die Breite spielend, Poulsen kämpft weiter um seine Form, Quaschner kriegt wenn überhaupt, dann nur 10 Minuten, Boyd ist weiter verletzt und Kaiser kommt (auch in der Torvorbereitung) meist über Standards.

Fehlt es beim Erzielen von Toren ein wenig an Entlastung für das Toptrio, sieht es in der Vorbereitung von Toren komplett andersherum aus. Denn schon elf Spieler bereiteten ein Tor direkt vor. Der Spitzenreiter ist hier Lukas Klostermann mit drei Vorbereitungen. Man kann das positiv interpretieren und festhalten, dass die gesamte Mannschaft in der Lage ist, torgefährliche Situationen heraufzubeschwören.

Man kann aber auch negativ interpretieren, dass die Abläufe im vordersten Drittel noch nicht in einer Art funktionieren, dass sich aus der wünschenswerten Breite auch eine qualitativ darüberstehende Spitze von drei, vier Spielern entwickeln würde, die in überdurchschnittlichem Maße in der Lage sind, den jeweiligen Mitspieler besonders vielversprechend einzusetzen. Gerade die nur fünf Tore in den letzten vier Spielen bei dominanter Spielweise verweisen darauf, dass hier durchaus noch Probleme bestehen, gut verteidigende Mannschaften aus dem Spiel heraus in Bedrängnis zu bringen. Eine abgerutschte Flanke gegen Bochum. Elfmeter und Ecke in Sandhausen. Folge einer Ecke und ein gut ausgespielter Konter gegen Düsseldorf. Von fünf Toren aus den letzten vier Spielen entsprang eines einer klaren Aktion aus dem Spiel heraus. Viel zu wenig, wenn man sich vor Augen führt, mit welch unglaublicher Geschwindigkeit vor allem Forsberg und Sabitzer immer wieder die gegnerischen Verteidigungen schwindlig spielen können.

Kadertechnisch hat sich RB Leipzig in den letzten Spielen (da war das Spiel in Unterhaching ungewollt durchaus hilfreich) gefunden. Coltorti bleibt gesetzt, auch wenn er in den letzten Spielen wenig Torhüterglück hatte und vornehmlich Bälle aus dem Tor holte, statt sie vorher in die Hände zu kriegen. An der Abwehrkette Klostermann, Orban, Compper und Halstenberg können wohl nur Verletzungen, Sperren und vielleicht demnächst auch Atinc Nukan kratzen. Stabilität in diesem Bereich ist wichtig und wünschenswert, um den Konterversuchen der Gegner Stablität entgegensetzen zu können.

Im defensiven Mittelfeld führt an Ilsanker und Demme nicht wirklich ein Weg vorbei. Auch wenn diese Zusammensetzung bedeutet, auf eine gewisse Kreativität im Spiel verzichten zu müssen. Diego Demme als Dauerläufer versucht sich hier verstärkt einzubringen, aber sein Anteil an Offensivgefahr ist eher gering. Ilsanker auf der anderen Seite ist ein sehr guter Balleroberer, der entsprechend als Sechser im Gegenpressing und im Schließen von Lücken Qualitäten hat. Aber von allen elf Spielern, die bisher mindestens die Hälfte der möglichen Einsatzzeit absolvierten, ist Ilsanker neben Coltorti und Orban der einzige, der nicht direkt durch Vorlage oder Erzielen an einem Tor beteiligt war.

Letztlich fehlt der Doppelsechs ein wenig von jener Spielübersicht und spielerischen Qualität, die ein Joshua Kimmich letzte Saison noch hatte (und erstaunlicherweise in der Rückrunde oft unzureichend wertgeschätzt wurde). Dominik Kaiser könnte als etwas anderer Spielertyp von diesen Qualitäten etwas einbringen, wird aber aktuell auf der offensiveren Zehner-Position gebraucht, weil sich Massimo Bruno oder Yussuf Poulsen noch nicht nachhaltig ins Team spielen konnten. Neben Kaiser auf den Offensivpositionen gesetzt sind Sabitzer und Forsberg, die an guten Tagen auf phänomenalem Niveau agieren und aktuell schwer bis nicht ersetzbar sind und mit Selke eigentlich einen dankbaren Abnehmer haben. RB Leipzig hat bisher erst ein Tor aus dem Spiel heraus erzielt, an dem keiner aus diesem Trio in Entstehung, direkter Vorbereitung oder Abschluss beteiligt war.

Ziemlich klare Verhältnisse im Kader also. Das hat einerseits den Vorteil, dass das Team auch eine Struktur bekommt, die sich im fußballerischen Miteinander finden kann. Was sowohl für die Offensivabläufe als auch für die Defensivorganisation und die Arbeit gegen den Ball auf Dauer positiv sein sollte. Andererseits wäre es gut, wenn die Breite des Kaders entscheidender zum Erfolg beitragen könnte.

Bemerkenswert auch noch, dass RB Leipzig nach 14 Spieltagen die drittschlechteste Zweikampfbilanz aller Zweitligisten hat. Wobei die Zahl auch aus der Spielidee des Gegenpressings resultiert und viele verlorene Zweikämpfe Pressingsituationen in der gegnerischen Hälfte zuzuschreiben sein dürften. Mehr Bedenken bereitet da schon, dass mit Willi Orban der zweikampfstärkste RB-Spieler (59,7% gewonnene Zweikämpfe im Schnitt) im Ligavergleich hinter diversesten Innenverteidiger- und anderen Defensivkollegen nur 38. ist (letzte Saison noch fünftbester Zweikämpfer der Liga, wenn auch natürlich nicht in einem so hoch verteidigenden Team). Marvin Compper reiht sich gar erst auf Rang 72 ein. Gegenüber dem Vorjahr bedeuten die Daten keinerlei Verbesserung für die RB-Innenverteidigung.

Fazit: Zwischen dem 11. und 14. Spieltag hat RB Leipzig den besten Punkteschnitt der bisherigen drei, von Länderspielpausen abgesteckten Saisonphasen geholt und liegt deswegen punktgleich mit dem Ersten und dem Zweiten auf dem Relegationsrang, nachdem man nach zehn Spielen noch vier Punkte hinter der Spitze Platz 5 belegte. Man müsste zum jetzigen Zeitpunkt der Saison eigentlich ziemlich vollumfänglich zufrieden mit der Entwicklung sein, wenn man zudem die Dominanz und Kontrolle sieht, mit denen RB Leipzig teilweise die Spiele bestreitet und die auch zu den oben beschriebenen Torschussstatistiken als Folge der Spielanlage führen. Alles gut scheinbar und der Weg in vielerlei Hinsicht sicherlich auch weiterhin der richtige. Aber das Debakel von Unterhaching, die Niederlage gegen Kaiserslautern, die defensiven Fehler, die zu drei Gegentoren in den letzten zwei Spielen führten und die fehlende Effektivität in der Offensive lassen doch einige Fragezeichen in Bezug auf den weiteren Saisonverlauf und die Belastbarkeit der aktuellen Teamkonstruktion mit ein wenig fehlender Kreativität in der Mittelfeldzentrale und leichten Zweikampfnachteilen in der Verteidigung aufscheinen. Die kommenden Auswärtsspiele in Bielefeld und Karlsruhe, die gleichermaßen defensivstark (drei bzw. vier Spiele in Folge ohne Gegentor) wie konterorientiert agieren, werden erste Auskunft darüber geben, ob Zweifel am Status quo angebracht sind oder zerstreut werden können.

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