Potenzial sucht Effektivität

Letztes Jahr im Juni gab Red Bull Salzburg die Verpflichtung des damals 20jährigen Massimo Bruno bekannt. Einen Fünfjahresvertrag gab es für den Belgier. Eine mittlere einstellige Millionensumme hat Ralf Rangnick für ihn damals wohl hingeblättert. Mit der Idee, dass in den fünf Vertragsjahren Bruno einerseits sportlich zurückzahlt und sich so entwickelt, dass bei einem eventuellen Weiterverkauf wirtschaftlicher Zahltag wäre.

Ein paar Wochen nach der Verpflichtung wurde bekannt, dass Bruno eigentlich von RB Leipzig gekauft und nur an Salzburg verliehen wurde. Ralf Rangnick meinte damals zu Brunos Situation: „Sollte Leipzig tatsächlich schon diese Saison in die Bundesliga aufsteigen, ist es vorstellbar, dass er nächstes Jahr in Leipzig spielt. Wenn nicht, ist es selbstverständlich auch möglich – und das sieht der Spieler auch so – dass er dann noch ein Jahr in Salzburg bleibt.“

In diesem Sommer, also ein Jahr später war der Verbleib in Salzburg offenbar keine Option mehr. Trotz  der Tatsache, dass Leipzig weiterhin in der zweiten Liga spielt. Bruno selbst flirtete ein wenig mit der spanischen, ersten Liga, um den von ihm angestrebten Weg in eine europäische Topliga gehen zu können. Am Ende setzte sich seine Vertragslage durch und er landete in Leipzig.

Was nach seinem Jahr in Salzburg durchaus Sinn macht, denn der ganz große Durchbruch gelang ihm in der österreichischen Liga nicht. Schon vor der Winterpause kam er oft nur von der Bank, brachte aber noch einige Scorerpunkte ein. In einem sehr offensivstarken Team aber auch nicht ganz so verwunderlich. Nach der Winterpause kam dann von Bruno auch wegen Verletzungen nicht mehr allzu viel. Am Ende stand ein Jahr, von dem sich beide Seiten, also Verein und Spieler mehr erwartet hätten.

In diesem Sommer dann also der Neustart in Leipzig. Mit bisher auch noch durchwachsenem Erfolg. Im Rennen mit den Konkurrenten Forsberg, Sabitzer und Kaiser hat er aktuell etwas das Nachsehen und kommt vor allem dann zum Zuge, wenn es Ausfälle nötig machen, wobei er sich dann auch noch mit Yussuf Poulsen um Einsatzzeiten streiten muss. Immerhin kommt er aber auf 11 Einsätze in der zweiten Liga, davon acht von Beginn an. Durchgespielt hat Bruno allerdings nur einmal, bei der 0:1-Niederlage gegen St. Pauli. 64 Minuten stehen entsprechend pro Einsatz zu Buche. Im Vergleich zu jeweils (teils deutlich) über 80 Minuten bei Forsberg, Sabitzer und Kaiser.

Wenn man Massimo Bruno beim Fußballspielen beobachtet, dann hat man eine ungefähre Idee, warum Ralf Rangnick vor reichlich einem Jahr die Millionenschatulle öffnete bzw. öffnen ließ. Bruno ist ein technisch unheimlich beschlagener Spieler, dem in Sachen Ballbehandlung und Abschirmen des Balls im Dribbling ziemlich wenige etwas vormachen dürften. Zumindest in der Liga, in der er aktuell unterwegs ist. In den Bewegungsabläufen steckt eine Grazilität und Leichtigkeit, die man in der deutschen 2.Liga sonst weder suchen noch erwarten dürfte.

So richtig angekommen im Leipziger System ist Massimo Bruno trotzdem noch nicht. Was sich eben nicht nur in seiner Backup- und Ergänzungsrolle im Offensivbereich ausdrückt, sondern auch in den Zahlen. Mal runtergerechnet auf 90 Minuten kann Bruno in Sachen Zweikämpfen, Passsicherheit oder Laufwerten ungefähr auf ähnliche Werte wie Sabitzer und Forsberg verweisen (der Vergleich mit Kaiser macht wenig Sinn, da der im Verlauf der Saison auch auf der Sechs spielte und von dort positionsbedingt andere Werte ansammelte). Der Abfall gegenüber dem offensiven Rest im Team wird erst deutlich, wenn man die Effektivität Richtung gegnerischem Tor einbezieht.

In rund 700 Minuten Einsatzzeit hat Massimo Bruno noch kein einziges Tor erzielt und konnte nur eine direkte Torvorbereitung verbuchen (zum 2:0 in Braunschweig). Eine direkte Torbeteiligung in 700 Minuten. Es gibt gleich zehn Spieler im Kader von RB Leipzig, die häufiger direkt an Toren beteiligt waren als Massimo Bruno. Nimmt man auch noch jene eine Situation hinzu, bei der Bruno an der Entstehung eines weiteren Tores bei der Eröffnung des Angriffs beteiligt war, dann steht er mit zwei Toren in Verbindung. 350 Minuten also fast vier komplette Spiele pro Tor, bei dem Bruno eine Rolle spielte. Es gibt 13 Spieler im RB-Kader, die öfters mit Toren in Verbindung stehen als Massimo Bruno.

Die Zahlen sind natürlich deutlich, gerade wenn man es mit den zehn, neun oder acht Torbeteiligungen von Sabitzer, Selke, Forsberg und Kaiser vergleicht. Und sie verweisen darauf, dass dem Belgier in vielen Situationen der Zug zum Tor fehlt, der einen Marcel Sabitzer sowieso und seit dieser Saison auch einen Emil Forsberg auszeichnet. Viele Situationen, in denen Brunos Befreiung aus Eins-gegen-Eins-Situationen raumgreifend und zeitkostend in die Breite oder sogar nach hinten geht und die Chance, offene Wege in die Tiefe zu finden, schon wieder vorbei ist. Pech natürlich ein bisschen, dass Bruno bei seinem Tor in Sandhausen, als er den Weg in die Gasse ging und dort den Ball bekam, im Abseits stand und deswegen zurückgepfiffen wurde.

Nimmt man Daten und Augenschein zusammen, dann steht Massimo Bruno aktuell völlig zurecht hinter seinen Offensivkonkurrenten zurück. Die Frage ist halt, inwieweit er künftig eine Entwicklung nimmt, die ihn näher an die Konkurrenten führt und ihn vielleicht auch mal zu Einsatzzeiten führt, die nicht vornehmlich auf Ausfälle von Mitspielern oder Einwechslungen zur Schonung des Ausgewechselten resultieren. Dazu bedarf es wohl mehr an Effektivität, die zu seinem Talent und großem „Potenzial“, das ihm ja auch weiterhin von Rangnick bescheinigt wird, dazukommt.

Im Testspiel gegen Dukla Prag zeigte Massimo Bruno in der zweiten Halbzeit ziemlich viel von dem, was man auf seiner Position von ihm so erwarten würde. Aggressiv gegen den Ball arbeitend, immer wieder mit Geschwindigkeit in Zweikämpfe und Lücken gehend und vor allem immer wieder Richtung Tor ziehend und den Abschluss suchend. In diesem Spiel, bei Abwesenheit der Nationalspieler Forsberg und Sabitzer, schwang sich Bruno zum Chef der Offensive auf. Ein seltenes Vergnügen, aber auf jeden Fall ein Vergnügen.

Möglich, dass einem Massimo Bruno eine tiefere Position als die Zehn, die er im Normalfall seitlich versetzt besetzt, besser liegen könnte, weil er dort seine Ball- und Passsicherheit mit Raum vor sich zielführender einbringen kann. Für die Sechs fehlen dem Belgier aber wohl Qualitäten im Zweikampf, selbst wenn er sich die offensiver Rolle in einer Doppelsechs schnappen könnte und die Acht gibt es als Position nur selten im RB-System (z.B. in Unterhaching in der zweiten Halbzeit). Zudem bräuchte Bruno in dieser Rolle auch Qualitäten im Spielen des Balles in die Tiefe, die er bisher auch noch nicht allzu oft gezeigt hat.

Die Frage, ob sich der inzwischen 22jährige Massimo Bruno noch den Erwartungen bei seiner Verpflichtung vor einem reichlichen Jahr entsprechend entwickeln kann, bleibt eine spannende. Im Moment fehlt ihm noch einiges, um seine überragenden Qualitäten am Ball in einer Art umgesetzt zu kriegen, die die Konkurrenz in der Offensive um die Stammplätze entscheidend unter Druck setzen und seinem Team in effektiver Art und Weise helfen kann (wobei seine Fähigkeit, auch mal ein Stück entfernt, Situationen zu lösen und das Spiel zu öffnen, nicht unter den Tisch fallen sollten, auch wenn sie sich nicht unbedingt in Statistiken widerspiegeln). Mal sehen, ob Bruno den positiven Weg eines Emil Forsbergs gehen kann oder auf welchen verschlungenen Karrierepfad ihn die Zukunft führt.

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2 Gedanken zu „Potenzial sucht Effektivität“

  1. Wunderbar.
    Es trifft genau den richtigen Spieler, von dem ich eine solch gute (Blog)-Vorstellung erhoffte. Klammere ich mal Gulacsi aus, dann haben alle „Neuankömmlinge“ ihr Sache gut bis sehr gut erledigt. Nur eben bei Bruno steht mMn eine 3 als Note.

    Aber der Vergleich mit Forsberg trifft es ganz gut. Als er in der Rückrunde kam und eine 100%ige nach der anderen versemmelte, fiel öfters das Wort Fehleinkauf bei den Medien und tlw. Fans. Und wo steht er heute? Diese paar Zentimeter zwischen Tor und Nichttor sind auch eine Kopfsache. Braunschweig – alles richtig gemacht und dann nur den Pfosten getroffen. Sein Kopfball (ich glaube gegen Nürnberg) halten nur 2 von 10 Torleuten oder eben in Sandhausen und das knappe Abseits.

    Er muss weiter an sich glauben und wie eben viele Spieler von „Gas-geben“ sprechen, im Training und in den Einsatzzeiten. Andere Spieler vorne werden mal verletzt, gesperrt sein oder eine Schaffenskrise haben. Dann muss Bruno da sein!

  2. Leider muss man sagen .das bei Forsberg voriges Jahr das Potenzial zu sehen war und nur der berühmte Knoten platzen musste,
    Spielwitz und vorallem Einsatzwille war von Anfang zu sehen,was ich bei Bruno nicht sehen kann
    Technische Beschlagenheit ersetzt nunmal nicht körperliche Präsens und Wille
    Sehr gut beobachtet sind der fehlende Zug zu Tor .das Ballsichern und nach hinten spielen,was den Eindruck auch nicht gerade verbessert.
    Perspektivisch schwer einzuschätzen.
    Kann ja nur besser werden .wobei ich finde das Poulsen seine Sache immer besser macht und sich mit den neuen Spielern und System einfindet .also vor Bruno .

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