Potenzielle Lerneffekte

Kaum ein Begriff ist ein so konstanter Begleiter des RasenBallsports wie der vom Druck. In sämtlichen Variationen hat man in den letzten Jahren versucht, ihn von sich wegzuschieben oder ihn den Konkurrenten zuzuschanzen. Oft mit überschaubarem Erfolg, wenn man an die Regionalliga-Jahre (aber nicht nur an die) und das Mantra denkt, dass die Konkurrenten bald auch Druck verspüren werden, wenn es auf die Zielgerade der Saison geht und man den Aufstieg vor Augen hat. Komischerweise hat das damals weder Chemnitz noch Halle viel ausgemacht, die Druck Druck sein ließen und einfach aufstiegen.

Bei Darmstadt hat man das Spiel letzte Saison auch versucht, als man denen vor ihrem Spiel in Leipzig im April den Druck zuschieben wollte, weil sie „etwas zu verlieren haben“. Nun ja, wenn jemand in den letzten zwei Jahren komplett druckresistent war, dann Darmstadt, wie sie in einigen Situationen nachwiesen. Auch im letztjährigen Saisonendspurt, in dem ihnen selbst die bittere Pleite in Leipzig in letzter Minuten durch ein Torwart-Tor nichts anhaben konnte.

Aktuell versucht man sich bei RB Leipzig darin, Druck auf sich und das Team nicht nur wegzuschieben, sondern einfach mal zu negieren, wie man zuletzt auch dem Kicker mit Verweis auf Vorstandschef Oliver Mintzlaff entnehmen konnte. Auch Ralf Rangnick versuchte sich in den letzten Wochen und Monaten darin, einen Aufstieg nicht als Pflicht verstanden wissen zu wollen. Was zumindest dahingehend überraschen durfte, dass es Rangnick letzte Saison noch selbst war, der sich über Zornigers Aussage, dass ein weiteres Zweitligajahr für die Vereinsentwicklung vielleicht gut sei, mit der Bemerkung wunderte, dass der Aufstiegsdruck doch in der kommenden (also der aktuellen) Saison noch mal sehr viel größer sein wird.

Dass der Sportdirektor in dem Moment, wo er selbst der Trainer ist, den Aufstiegsdruck etwas differenzierter anzugehen und von der Mannschaft fernzuhalten versucht, mag kommunkativ im Vergleich mit der letzten Saison ein wenig schräg erscheinen, macht aber natürlich aus neuer Perspektive durchaus Sinn und ist vor allem auch logisch im Sinne dessen, wie man sich in dieser Saison aufzustellen versucht. Nämlich als Mannschaft, die sich durch individuell starke Fußballer als lernendes System gegenseitig beflügelt und zu Hochleistungen treibt, weil man Spaß am Spiel an sich hat. Sprich, im Kern soll ein Team enstehen, für das fußballerische Qualität an sich im Mittelpunkt steht und sportlicher Erfolg ein Abfallprodukt dessen ist, dass man sich auf dem Trainingsplatz und daraus resultierend auch auf den Fußballplätzen der Zweitligarepublik an sich selbst berauscht. Zugespitzt gesagt.

Die Idee, sich vom Druck der Tabelle und von außen zu befreien und nur den inneren Druck, fußballerisch an die Grenzen zu gelangen, als leistungsbefördernden zu akzeptieren, mag nett sein, ist aber natürlich ein Modell, das in der Praxis doch einigermaßen arg auf die Probe gestellt wird. Nicht nur dadurch, dass der Blick auf die Tabelle sehr wohl auch für das Binnenklima Relevanz hat und dadurch, dass der Aufstieg am Ende der Saison im Hinblick auf die Wünsche des Finanziers, die Suche nach einem neuen Trainer, die Jobzufriedenheit der Richtung Bundesliga schielenden Spieler und die Argumente gegenüber möglichen Neuzugängen sehr wohl ganz oben auf der Agenda steht. Und ein Nichtaufstieg eben nicht nur außerhalb von Leipzig als Scheitern empfunden werden würde.

Man kann den äußeren Druck rhetorisch intern sicherlich ein wenig vom Kessel nehmen. Ihn wegzudiskutieren hätte allerdings was von früheren Versuchen, ihn anderen Teams zuzuschieben (die in einem Duell mit RB Leipzig selbst dann keinen Druck empfinden würden, wenn sie einen Spieltag vor dem Ende einen Punkt Vorsprung verteidigen müssten, weil sie sich auch dann noch als Underdog empfinden und als solche in das Spiel gehen). Letztlich muss man mit dem Druck leben und sehen, wer damit umgehen kann und wer nicht.

Der anfangs leistungstechnisch und zuletzt vornehmlich nur noch punktetechnisch durchwachsene Saisonstart macht die Sache mit dem Druck nicht wirklich einfacher. Die vier Punkte Rückstand auf die beiden Spitzenplätze sind natürlich noch kein Beinbruch nach zehn Spieltagen. Sie führen allerdings trotzdem dazu, dass man so richtig viele Ausrutscher nicht mehr frei hat. Ein Wissen, das man auch in die nächsten Spiele und mit nach Bochum nimmt, wo ein ‚bloß nicht verlieren‘ im Hinterkopf vermutlich auch nicht gerade das psychologische Optimum ist.

In zwei der drei RB-Aufstiegsspielzeiten agierte man über praktisch die komplette Spielzeit hinweg aus der komfortablen Situation heraus, sich von oben herab grüßend auch mal einen Ausrutscher leisten zu können. Lediglich in der Drittligasaison stapfte man nicht von Anfang an vorneweg, sondern fand sich zwischenzeitlich in einer Situation wieder, in der man hinter den Aufstiegsplätzen hinterherhinkte und mehr oder minder stark unter Ergebnisdruck stand. Eine Situation, die man damals recht gut löste, aber in anderen Spielzeiten nicht so gut hinbekam.

Für die aktuelle Saison stellt sich weiterhin die spannende Frage, wie man als jüngste Mannschaft der Liga (wenn man nach den Spielern geht, die auch eingesetzt wurden und nicht nach denen, die im Kader stehen) auf Dauer mit den psychologischen Herausforderungen umgeht und ob dieses sehr junge Kollektiv überhaupt schon an dem Punkt ist, 34 als Ligaspiele getarnte Pokalspiele unter Ergebnisdruck bestreiten zu können. Klar, gut Fußball spielen und spielerische Automatismen helfen auf jeden Fall schon mal weiter, wenn man Spiele gewinnen will. Das Verhalten in Stresssituationen mit Tabellenlage im Hinterkopf ist allerdings nur bedingt trainierbar.

Freiburgs Coach Christian Streich hatte nach dem Gastspiel in Leipzig sinngemäß gemeint, dass die RB-Aufgabe eine sehr schwere sei, weil man immer gegen Mannschaften antreten müsste (Stichwort Pokalcharakter), die eingestellt von hochmotivierten Trainerkollegen 20, 30% auf das drauflegen, was sie normalerweise spielen würden und entsprechend die RasenBallsportler ebenso in jedem Spiel eine sehr gute Leistung abrufen müssten, um das auszugleichen und siegreich vom Platz gehen zu können. Tatsächlich wollen gegen RB Leipzig mit ihren Topspielern und wirtschaftlichen Möglichkeiten jedes Team und jeder sportliche Verantwortliche besonders gut aussehen. Und bisher 44 Zweitligaspiele mit Beteiligung von RB Leipzig vermittelten der Konkurrenz nicht wirklich den Eindruck, als wäre sportliches Aufbegehren gegen den RasenBallsport aussichtslos.

Lange Rede, kurzer Sinn. Es ist plausibel, wenn man adminstrativ ersucht, die Mannschaft ein wenig vom Druck und vom Gedanken an eine Aufstiegspflicht abzulenken, um ihre sportliche Leistungsfähigkeit nicht durch psychologische Einschränkungen zu dezimieren. Und trotzdem wird es darum gehen, dass die sehr junge Mannschaft gegen Gegner, die immer am Maximum spielen, mit Druck und Stress gerade in engen Spielen, von denen es in der zweiten Liga ziemlich viele gibt, umzugehen lernt. Das ist eine sportliche und psychologische Schulung, die im Idealfall auf den Karrierewegen der Beteiligten einen wichtigen Lerneffekt mit sich bringt und aus guten Fußballern sehr gute Profis macht. Es ist aber keinesfalls ein Automatismus, dass man die anstehenden Aufgaben der Selbstbehauptung im eigenen Team und im Ligenumfeld und die Erwartungshaltung von innen und außen positiv auflöst. Rhetorische Versuche der Verantwortlichen hin oder her.

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Ein Gedanke zu „Potenzielle Lerneffekte“

  1. Lotte – das war Druck! 2 Jahre RL und dann dieser Flaschenhals. Und auch da war die Mannschafft jung. Ung hungrig. Und auch in der 4. bzw 3. Liga haben alle Gegner 110 % gegen RBL gegeben. Ist also nix neues.
    Wie sagte der Kaiser vor dem Finale 90: „Geht’s raus und spielt Fußball“ Ist natürlich einfacher gesagt, aber genau darin besteht die Herrausforderung von Ralf R. und Co den Jungs das so rüber zu bringen. Kicken können sie und die Punkte werden schon kommen.

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