Nicht nur sportliche Klasse gefragt

In der Zwischenanalyse nach dem 10.Spieltag ging es letzte Woche neben der positiven fußballerischen Entwicklung vor allem auch um Fragen der fehlenden Stabilität aufgrund derer in den letzten Wochen einige Punkte vergeben wurden. War es nach Zornigers Amtsantritt 2012 lange Zeit eine Qualität des Teams, gerade in Spielen, in denen man unter Druck stand oder in Situationen, in denen wegen schlechter Spiele kritisch auf das Team geblickt wurde, geschlossen aufzutreten und Siege einzufahren, ist dies im Verlauf des letzten Jahres immer mehr einer Instabilität gerade dann gewichen, wenn Spiele eng waren oder der Gegner mit besonderer Intensität auftrat.

Zwischen 20 und 25 Spiele hatten die 18 Zweitligisten vergangene Saison jeweils, die mit nur einem Tor Differenz ausgingen. In diesen Spielen, die also ergebnistechnisch besonders umkämpft waren, ging RB Leipzig bei 25 Versuchen in nur 24% der Fälle mit einem Sieg vom Platz. Gleich neun Teams in der Liga schafften bessere Quoten. Ingolstadt und Darmstadt gewannen 42 bzw. 36% dieser Duelle bei ebenfalls 24 bzw. 25 Versuchen. Und während Ingolstadt und Darmstadt in diesen Partien 1,8 bzw. 1,7 Punkte im Schnitt abstaubte, waren es bei RB Leipzig lediglich 1,2.

Schon in den Nichtaufstiegsjahren in der Regionalliga verlor RB Leipzig den entscheidenden Boden gegenüber den späteren Aufsteigern vor allem in Spielen, in denen es eng zuging. 1,6 Punkte holte man zwischen 2010 und 2012 in 44 entsprechenden Spielen. Chemnitz und Halle als spätere Aufsteiger kamen auf 2,1 Punkte und verloren zusammen nur ein einziges Spiel knapp, während es bei RB Leipzig gleich neun waren. Das ist dann am Ende nicht mehr unbedingt eine Frage der fußballerischen, sondern auch der mentalen Qualität. Sei es, weil der Druck bei RB größer war oder die Mannschaft nicht so zusammengewachsen war.

Unter Zorniger verzeichnete RB Leipzig 2012/2013 gleich 19 Spiele, die mit maximal einem Tor Differenz ausgingen. Was bei nur 30 Saisonspielen in der damaligen Regionalliga eine recht hohe Quote war. Kein einziges dieser Spiele verlor man, insgesamt 10 konnte man für sich entscheiden. 2,1 Punkte in diesen Spielen im Schnitt erklärten auch ein Stückweit den Aufstieg. Denn Jena als Zweitplatzierter kam in 21 solch enger Spiele auf gerade mal 1,5 Punkte im Schnitt und verlor gleich vier.

2013/2014 kam RB Leipzig am Ende auf 25 knappe Spiele. Wovon man ordentliche 48% gewann und bei durchaus hohen sieben Niederlagen vernünftige 1,7 Punkte holte. Heidenheim kam auch auf 25 knappe Spiele, gewann ebenfalls 48% davon, holte aber reichlich 1,8 Punkte, weil man nur drei solcher Spiele verlor. Darmstadt derweil holte in 24 Versuchen 11 Siege, gewann also ungefähr 46% und holte 1,75 Punkte in diesen Spielen.

Wirft man einen kurzen Blick auf die jüngere Zweitligageschichte, dann werden es von Jahr zu Jahr für die Teams mehr Spiele mit engem Ausgang. In der bisherigen Saison hatten mehr als zwei Drittel aller Spiele einen knappen Spielausgang. In den letzten Jahren stieg der Anteil knapper Spiele immer stärker, nachdem noch vor fünf Jahren nicht einmal 60% aller 306 Spiele knapp ausgingen. Das spricht für eine immer enger werdende Liga und dafür, dass es immer wichtiger wird, auch die engen Spiele zu gewinnen.

Nimmt man die saisonübergreifenden Bilanzen, dann ist RB Leipzig, selbst wenn man die letztjährigen Aufsteiger mit dazurechnet, die Mannschaft mit den wenigsten klaren Niederlagen, also mit Niederlagen mit mindestens zwei Toren Unterschied. Lediglich zweimal hat man in 44 Zweitligaspielen entsprechend verloren (in Aue und gegen Sandhausen), während die aktuelle Konkurrenz in derselben Zeit mindestens fünf klare Niederlagen kassierte. Der letztjährige Mitaufsteiger Heidenheim erweist sich auf lange Sicht nicht ganz überraschend auch als schwer deutlich besiegbar.

[Siege =  klare Siege mit mindenstens zwei Toren Differenz seit 2014 (Freiburg, Paderborn, Bielefeld, Duisburg nur diese Saison; Ingolstadt, Darmstadt, Aalen, Aue nur letzte Saison), Niederl = klare Niederlagen mit mindestens zwei Toren Differenzs seit 2014 (Freiburg, Paderborn, Bielefeld, Duisburg nur diese Saison; Ingolstadt, Darmstadt, Aalen, Aue nur letzte Saison), S 14/15 = klare Siege mit mindenstens zwei Toren Differenz nur 2014/2015, N 14/15 = klare Niederlagen mit mindenstens zwei Toren Differenz nur 2014/2015]

SiegeNiederlS 14/15N 14/15
Ingolstadt7373
Darmstadt6363
Karlsruhe10794
Kaiserslautern8663
Leipzig9272
Braunschweig10866
Union7666
Heidenheim9575
Nürnberg7655
Düsseldorf7968
Bochum9767
Sandhausen7846
Frankfurt81058
Fürth5947
St. Pauli7968
18604847
Aue4848
Aalen5757
Freiburg41
Paderborn13
Bielefeld01
Duisburg05

Die nur zwei klaren Niederlagen verweisen darauf, dass RB Leipzig fußballerisch klar dazu in der Lage ist und auch in der vergangenen Saison schon war, nicht nur mitzuhalten, sondern auch zu dominieren. Wenn man das aus der Tatsache, dass man egal an welchem Wochenende und egal in welcher Form/ Verfassung praktisch gegen kein Team deutlich unterlegen ist, herausinterpretieren möchte.

Wirft man ein Blick auf die engen Spiele der aktuellen Saison, dann fällt auf, dass RB Leipzig wie schon in der Vorsaison hier hinter den Spitzenteams (und nicht nur hinter denen) hinterherläuft. Man gewinnt weiterhin nur ein Viertel der Spiele, die knapp ausgehen und holt im Schnitt weniger Punkte als der Rest des Ligafeldes. Die Datenbasis ist nach 10 Spieltagen natürlich relativ gering, aber bisher geht die Tendenz eher in die Richtung der vergangenen Saison.

[Spiele = enge Spiele mit maximal einem Tor Differenz, Siege = Siege in engen Spielen, Remis = Unentschieden in engen Spielen, Niederl = Niederlagen in engen Spielen, % Siege = Anteil der Siege an der Gesamtzahl der engen Spiele, Pkt = Punkte im Schnitt pro Spiel in engen Spielen]

SpieleSiegeRemisNiederl% SiegePkt
Freiburg523040,01,80
Paderborn611416,70,67
Karlsruhe613216,71,00
Kaiserslautern523040,01,80
Leipzig825125,01,38
Braunschweig412125,01,25
Union914411,10,78
Heidenheim824225,01,25
Nürnberg722328,61,14
Düsseldorf803500,00,38
Bochum733142,91,71
Sandhausen523040,01,80
Frankfurt631250,01,67
Fürth742157,12,00
St. Pauli843150,01,88
1860906300,00,67
Bielefeld918011,11,22
Duisburg512220,01,00

Auffällig auch, dass RB Leipzig schon wieder relativ viele Spiele mit knappem Ausgang bestritten hat. Was darauf hindeutet, dass es auch diese Saison schwer wird, gegen was für einen Gegner auch immer zu gewinnen, weil alle oder fast alle in die Begegnung gegen RB wie in eine Pokalpartie gehen werden. Umso wichtiger eigentlich, dass man als Team neben sportlichen Mechanismen auch Anker in der sozialen, hierarchischen Struktur entwickelt und ein klares Gerüst hat, sodass man in diesen vielen engen Partien, die anstehen werden, cleverer und abgeklärter agieren kann als man das letzte Saison, aber auch diese Saison schon wieder (Heidenheim, 1860 München) getan hat.

Am Ende sind in den letzten vier Jahren nur Teams direkt aufgestiegen, die eine deutlich positive Bilanz in engen Spielen hatten, sprich deutlich mehr Spiele eng gewonnen als eng verloren hat. Es ist stark anzunehmen, dass dies auch für die aktuelle Spielzeit gelten wird und am Ende jene Teams oben stehen, die in Stresssituationen den Kopf oben behalten, auch mal einen dreckigen Sieg mitnehmen oder auch mal ein bisschen Glück haben.

Vielleicht muss die Bilanz bei RB Leipzig nicht ganz so gut sein, weil sie weniger klare Niederlagen einstecken und sich deshalb auch mal eine knappe Niederlage mehr leisten können. Mit einer Bilanz wie in der vergangenen Saison, als man bei elf Unentschieden achtmal knapp verlor und nur sechsmal knapp gewann, wird mann allerdings auch diese Saison nicht aufsteigen. Die Nüchternheit oder Klasse, statt knapp zu verlieren ein Unentschieden zu holen und statt mit einem Unentschieden abzuschließen auch mal den knappen Sieg zu setzen, wird man entwickeln müssen, um sich mit dem Erreichen der Saisonziele belohnen zu können.

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